30 Jahre Darkthrone: Die Heldensage der Donnergötter

Darkthrone

„Fenriz“. Fällt dieser Name, zieht einen Raunen durch die Landschaft: Nicht nur, dass der norwegische Musiker mit Darkthrone seit 30 Jahren jedwede Trends frondiert, auch gilt er als einer der profundesten Szenekenner. Ein Jubiläums-Gespräch.

DarkthroneIn der Komödie „Ted” verbindet John und seinen titelgebenden Plüschteddy eine innige Freundschaft – mehr noch, sie sind „Donner-Kumpel“. Immer, wenn Unwetter droht, machen sie sich mit einem “Fuck you, thunder!” heroisch Mut.
Die Literaturgeschichte beweist es seit jeher: Kein Held existiert ohne Antihelden, gesegnet mit zerstörerischen Hass und unberechenbarer Wut, auch gegen gesellschaftliche Biederkeit. So einen Antihelden haben wir in der Dualität Darkthrones vorliegen – einer hört sogar auf den Namen Ted. Und auch sie sind gewiss „Donner-Kumpel“, folgt man dem Titel ihrer 16. LP – nur eben hier als die Unheil bringenden zölestischen Vollstrecker: „Wallowing shores asunder – arctic thunder“ giftet hier Nocturno Culto.
Es wäre natürlich weit gegriffen, das norwegische Kollektiv als explizite Gegenantwort auf die Hollywood-Kaspelei zu lesen, wohl aber auf den vorherrschenden Zeitgeist. Wenn der künstlerische und seit langem auch alleinige Kern – Ted (Nocturno Culto) und Gylve (Fenriz) – etwas ist, dann der personifizierte Nonkonformismus, der sich durch die bewegte Karriere zieht – vom initiativen Death Metal über den Bruch, den reduzierten Black Metal, bis hin zum pervertierten Crust. Aber all dies ist nur eine Prelude zu dem, was mit „Arctic Thunder“, einer Symbiose irgendwo zwischen NWoBHM und Black Metal, gelang: Es ist in seiner Plumpheit, seiner harschen Direktheit die einzig wahre Replik zum polierten, gleichgeschalteten Müll, der sich Populärmusik schimpft.
Alles, was seit der Wiedergeburt auf „The Cult Is Alive“ passiert ist, wird auf seine Essenz verdichtet und geschärft, schließlich zielgerichtet über die eigene räudige, verpestete, Hochphase gejagt. In diesem inneren Zwiegespräch, das erstmals alleinig von Teds Geifer ausgekotzt wird, gebären sie – simpel, aber effektiv – einen unbarmherzigen, omnipotenten Circulus vitiosus, eine zyklonale Urgewalt, die – mal mit grollendem Ungemach, dann wieder mit preschenden Winden – mit perniziöser Frostigkeit triefende Hässlichkeit in schiere Schönheit wandelt. Und irgendwo in diesem Stürmen hört man das wütende Kampfgeheul: „We will ride the winds of the thunder god … We deny your right to live!” „Fuck you, thunder!“? Von wegen! „The thunder fucks you!“
Weniger anlässlich der neuen LP-Veröffentlichung – denn dies haben zahlreiche andere Spartenmagazine getan -, vielmehr anlässlich ihres 30-jährigen Jubiläums, haben wir uns mit Fenriz in einem opulenten Zwiegespräch über ihn als Kultfigur, die vermeintliche Szene und seinen Enthusiasmus unterhalten – die perfekte Einstimmung nicht nur auf das nahende Live Evil Festival in Berlin, das nahtlos an Radio Fenriz anschließt, sondern auch auf das Hellbotn Metalfest im Spätsommer, bei dem Fenriz erneut als DJ fungieren wird …

Interview DarkthroneListen to the interview in English by clicking the image above!

Obwohl du im Gegensatz zu anderen Black Metal-Koryphäen in den Neunzigern keine Mitmusiker erstochen oder Kirchen niedergebrannt hast, herrscht rund um Darkthrone – insbesondere um dich – ein besonderer Kult. Wie gehst du damit um?

Es ist ein menschliches Bedürfnis, zu kategorisieren. Es ist nur allzu menschlich und klarerweise enerviert es, wenn sich etwas nicht klar in dein Weltbild einfügt. Ja, das Leben ist reich und hektisch, von daher dreht sich unser Geist rund um viele Dinge, aber wenn wir uns von starren Konstrukten entfernen, dann haben wir schlussendlich wohl mehr vom Leben. Dem sei hinzugefügt, dass ich als Person, die mehr oder weniger in der Öffentlichkeit steht, natürlich einiges an Privatleben verliere. Aber am Ende weiß nur ich selber, meine enge Freunde, Familie und meine Ehefrau, wer ich wirklich bin – niemand da draußen.

Gibt es dahingehend zwischen dir und Nocturno Culto so etwas wie einen „Schwanzvergleich“, eine Rivalität?

Nein, ich denke nicht – wir kommunizieren auch nur sehr selten miteinander, seitdem er Anfang der Neunziger aus Kolbotn weggezogen ist. Ich denke, die Distanz zwischen uns ist auch der Hauptgrund dafür, warum Darkthrone nach wie vor so beständig ist. Würden wir touren, wären wir höchstwahrscheinlich einander schon müde geworden. Wir beide leben unsere Leben getrennt voneinander, und überlappen nur in den Momenten, wo es an die Albumaufnahmen geht.

Würdest du ihn demnach nur als „Arbeitskollegen“ bezeichnen, als „Bandkollegen“ – oder durchaus als „Freund“?

Ich glaube, „Bandkollege“ wäre am treffendsten, wenngleich Darkthrone seit 1992 nicht mehr wirklich eine Band ist. Nachdem Ted und ich seit 1988 gemeinsam Musik machen, ist das Kollektiv einer „Kollegschaft“ jedoch zu distanziert – das waren andere, mit denen ich – insbesondere zu Frühzeiten – gemeinsam musiziert habe. Ted ist definitiv mehr als nur ein „Mitmusiker“ – Ted ist einfach Ted und ich bin ich, auch wenn das wohl nicht wirklich eine gute Antwort auf deine Frage ist.

Seit wenigen Jahren existiert sogar ein Festival, das gewissermaßen auf dich Bezug nimmt: Das Live Evil in London, welches seit 2016 auch in Berlin vertreten ist. Siehst du deine „Band of the Week“ beziehungsweise dein „Radio Fenriz“ hierin gut vertreten?

Hierfür möchte ich keine Lorbeeren einheimsen: Die Idee der Live Evil-Reihe kam von Marek Steven und Oscar Tuttiett, die ein Spin-Off von meinem „Band of the Week“-Blog machen wollten – ihnen gebühren also die Lorbeeren, wenngleich ich sehr froh darüber bin, dass es die Konzerte gibt.

Ihr Grundgedanke war zu hinterfragen, wieso Festivals immer diese semi-coolen Headliner haben müssen, und wieso immer versucht wird, mit einem möglichst breiten Stilmix die breite Masse anzusprechen. Natürlich, es gab und gibt mit dem Keep It True-Festival auch Ausnahmen, aber sie wollten auch den jüngeren Bands eine Bühne bieten. Inspiration fanden sie hier in meinem „Band of the Week“-Blog und fragten mich, ob ich das Festival kuratieren würde – was ich im ersten Jahr 2010 auch tat. Sie kamen jedoch rasch darauf, dass es nicht wirklich wirtschaftlich war, allein dafür sogar Bands aus Australien einzufliegen.

Mein Problem hingegen ist auch oft, dass wenn ich mich in etwas hinein steigere, es auch schnell wieder müde werde – von daher begannen sie, immer mehr selbst Bands vorzuschlagen. Am Ende des Tages habe ich auch keine Zeit, ein Festival zu kuratieren – ich sehe es als Ehre an, gefragt und Teil dessen gewesen zu sein, aber mittlerweile läuft Live Evil sehr gut auch ohne mich, auch wenn Marek bis heute nach wie vor ab und an Rücksprache mit mir hält.

Live Evil BerlinMehr Infos und unser Interview zum Live Evil Berlin findet ihr unter [diesem Link].

Du hast, wenn ich das richtig recherchiert habe, unter anderem das Logo von Kolbotns Frauenfußball-Team tätowiert. Welche deiner Tattoos haben eine besondere Bedeutung für dich?

Beinahe richtig: Das Tattoo, das du meinst, ist jedoch vom Sportverein Kolbotn – nicht nur vom Frauenfußball-Team. Kolbton hat etwa 6.000 Einwohner, und etwa die Hälfte davon ist Mitglied im Sportverein, du siehst also: Sport wird bei uns großgeschrieben und viele rennen mit den blauen Mannschaftsjacken herum, ich habe selbst zwei davon. Neben Wrestling ist Frauenfußball aber tatsächlich ziemlich groß, nicht nur in Kolbotn, sondern generell in Norwegen.

Ein anderes mir wichtiges Tattoo ist mein erstes, es wurde inspiriert vom Backcover von Morbid Angel’s „Altars Of Madness“ und David Vincents geilem Tattoo – da dachte ich mir, ich müsse auch unbedingt eines haben, das sei „total satanisch“: Es ist ein Skelett, das einen abgetrennter Kopf mit roten Augen in einen Kochkessel eintaucht. Das ließ ich mir 1990 stechen. Dann habe ich noch ein Pentagramm, das noch nicht viele Menschen gesehen haben – weil es auf meinem Arsch ist … (lacht). Nein, auf der Brust. Und mein Repulsion-Tattoo ist mir auch ziemlich wichtig, weil es so scheiße gestochen ist, dass es wirklich „repulsive“, also „widerlich“ ausschaut (lacht).

Wenn man dem Internet Glauben schenken darf, dann war deine erste Platte von Uriah Heep, „Sweet Freedom“ – eine Platte, die du von deinem Onkel zu deinem Geburtstag geschenkt bekommen hast. Kannst du dich noch an deine erste selbstgekaufte Platte erinnern und warum du nach ihr griffst?

Das Internet ist ein wahrer Hort für Halbwahrheiten (lacht) – und das hier ist übrigens ein fantastisches Interview, nur so nebenbei.

Tatsächlich wird meine erste Platte wohl irgendeine mit Kinderhörspielen gewesen sein, mit anderthalb Jahren spielte mir mein Onkel dann erstmals Pink Floyd vor und sah meine Reaktion: Zuvor hatte ich eben nur diese Kinderlieder oder die Mainstream-Musik, die meine Eltern hörten, gehört, aber da blühte ich so richtig auf. Mein Onkel merkte, dass aus mir ein wahrer Musikfreak werden würde. Er schenkte mir dann zwar nicht seine Pink Floyd-Scheiben, aber „Morrison Hotel“ von The Doors – das war 1973, an meinem zweiten Geburtstag. Ich liebte die ganze Scheibe sehr, insbesondere aber „Waiting for the Sun“ – ein gewaltiger Song, den ich später dann mit Valhall covern wollte, was aber leider nie zustande kam.

An meinem dritten Geburtstag bekam ich noch einen Haufen anderer Alben von meinem Onkel geschenkt: „Grand Funk Railroad“ von Phoenix, den Soundtrack von „Easy Rider“ mit Steppenwolf, The Band, Jimi Hendrix und Roger McGuinn – die allesamt Favoriten von mir sind und von denen ich viel darüber gelernt habe, woher Heavy Metal eigentlich kommt; „Born to be Wild“ nennt ja auch erstmals „Heavy Metal“ in den Lyrics: „Heavy Metal Thunderrrrrr!“ Dann bekam ich auch noch ein Funk-Blues-Album aus den späten Sechzigern und mit sehr fuzzy Bass, von einer Band namens Scorpion – nicht den Scorpions wohlgemerkt. Und von Eric Clapton bekam ich „461 Ocean Boulevard“. Schon damals führte ich mich wie ein kleiner Musikkritiker auf, mochte es überhaupt nicht leiden. Und ja, an diesem Geburtstag bekam ich auch „Sweet Freedom“ von Uriah Heep und die war unter all denen meine liebste Scheibe, sie war richtig heavy, mit diesen massiven Gitarren und dem opernhaften Gesang, der Hammond und einer großartigen Rhythmus-Sektion. Seitdem ist das in meinem Blut, bis ich sterbe.

Als ich sechs Jahre alt war, hatte ich natürlich noch nicht viel Geld. Aber mit meinen wenigen Kronen ging ich in so einen billigen Plattenladen und stöberte mich einfach durch die Platten durch. Da stieß ich auf Elvis, fand, er schaut ganz cool aus und kaufte mir zwei Alben. Die waren aber dann doch nicht so toll, später kaufte ich mir dann noch eine andere Scheibe von ihm, die bedeutend öfter auf meinem Plattenteller rotierte, aber meine ersten beiden Käufe verstaubten eher im Regal.

Als Teaser zu eurem aktuellen Album „Arctic Thunder“ stelltest du damals die Dankesliste vor und verrietest uns, deine Lieblings-Dankesliste sei die von den US-amerikanischen Hardcore-Punkers Adrenalin O.D. auf deren zweiten Album „HumungousFungusAmongus“. Was macht eine perfekte Dankesliste aus?

Oh, ich weiß nicht. Ich habe nicht sonders viele Dankeslisten gelesen, auch wenn das früher eigentlich durchaus üblich war, weil man so oft auch auf neue Bands stieß. Mir ging es bei Adrenalin O.D. eher darum, dass sie einen besonders eigenwilligen Humor haben – da hast du die normale Liste mit Personen, denen gedankt wird, aber dann noch so witzige Extra-Punkte, warum sie sich selbst als cool erachten, das fand ich einfach einzigartig und großartig.
Im Normalfall tangieren mich Dankeslisten nicht sonders, also, eigentlich schon, aber bei über 1.000 Promos im Jahr kommst du einfach nicht dazu, dir das auch noch durchzulesen. Ich lasse die Musik für sich sprechen, ich habe oft nicht einmal das Coverartwork und lese auch nie die Pressetexte dazu, da steht ja immer nur ein Blödsinn drinnen.

https://www.youtube.com/watch?v=Lwz7gucE7x0

Als sich Bolt Thrower Mitte letzten Jahres auflösten, kommentiertest du, du zollest ihnen Respekt ob ihrer Riffs. Welche anderen Bands würdest du als unsterblich erachten?

Ich werde eigentlich der meisten Bands ziemlich rasch wieder müde. Das habe ich schon in meiner Jugend beobachtet: Du willst immer mehr des gleichen. Wenn dir ein bestimmtes Album gefällt und das nächste nicht gleich klingt wie das, das du zuvor gehört hast, enerviert dich das. Und wenn mir ein Album dann nicht mehr gefiel, habe ich mich einfach anderen Bands gewidmet – es gibt ja Unmengen an Musik da draußen. Von daher ist es mir auch egal, wenn es Menschen gibt, die nur ein bestimmtes Darkthrone-Album mögen, ich bin ja bei anderen Bands auch nicht anders. Man muss einfach seinem inneren Kritiker folgen.

Das gesagt, tue ich mir schwer, wirklich konsequent einzelne Bands als unsterblich zu bezeichnen, aber das für mich wohl unsterblichste Album ist „To Mega Therion“ von Celtic Frost, ein Album, das seit 1986 immer wieder läuft. Damals mochte ich dieses epische Zeug mit verschiedenen Kleinteilen und war ständig auf der Suche nach Alben mit überlangen Songs und habe einfach auf den Rückseiten der Alben nach Stücken Ausschau gehalten, die über sechs Minuten dauern. Da stieß mir „Dawn Of Megiddo“ mit knapp unter sechs Minuten ins Auge – ich habe mir die Platte dann gleich im Laden angehört und sie hat mich einfach nur weggeblasen. Es dauerte nicht lange und bald hatte ich schon „Emperor’s Return“ und „Morbid Tales“.

Solche unsterblichen Veröffentlichungen gibt es immens viele – aber die wichtigste Band für den Heavy Metal ist definitiv Black Sabbath.

Nachdem ich zu jung bin – war die zweite Black Metal-Welle Anfang der Neunziger tatsächlich ein Gegenentwurf zum populären Death Metal? Wie ernst zu nehmend war die Antipathie?

In Norwegen gar nicht. Wir waren richtiggehend schockiert, als der Kalte Krieg zu Ende war, die Berliner Mauer endlich gefallen war – aber zwischen den Genres in Deutschland schon eine neue aufgezogen wurde. Auf Power Metal-Konzerten waren nur Leute mit Power Metal-Shirts gern gesehen, wenn du mit einem Death Metal-Shirt bei einem Black Metal-Konzert aufkreuzte, hattest du ein Problem. In Norwegen haben wir eine weitaus geringere Bevölkerung als in Deutschland, ungefähr ein Sechzehntel davon – von daher war es schon cool, wenn du auf jemanden trafest, der ungefähr deine Musik hörte.

Erst 1994, als die ersten Black Metal-Touristen bei uns auftauchten und unser Elm Street Rock Cafe zu bevölkern anfingen, lernten wir, dass es tatsächlich Menschen gibt, die nur ein Genre hören – wir fanden das immens lächerlich. Alle von uns hörten Metal aus den unterschiedlichsten Genres und wir verstanden dieses Problem, an dem die Szene krankte, überhaupt nicht. Natürlich hatten wir unsere klaren Standpunkte – Death Metal war zum Beispiel absolut okay, so wie die erste Scheibe von Death oder die Demos von Massacre, aber dieser polierte Scheiß, der so gegen 1991 aufkam, der widerstrebte unserem Anspruch an Musik sehr wohl. Ich denke also, diese Kluft zwischen Black und Death Metal wurde in Deutschland künstlich erbaut. Für uns waren diese naturwüchsigen Stile irgendwie verwoben – du musst nur die erste Possessed aus dem Jahre 1985 hernehmen: Da fließen Thrash, Black und Death Metal-Vibes nahtlos ineinander! Für uns gab es da keine Nischen.

Und wie stand es um die vermeintliche Rivalität zwischen Bergen und Oslo?

Auch das ist lächerlich, ich hatte zum Beispiel sehr gute Beziehungen zu Abbath von Immortal. Allerdings hatten die Leute aus Bergen keinen wirklichen Bezug zur Punkattitüde, und Punk war für mich immer schon eine der Wurzeln von Thrash Metal, neben Heavy Rock aus den Siebzigern und Prog Rock. Und wenn Menschen die Punkseite negieren – ich rede jetzt weniger von Musikern, sondern von den Fans – dann geht in meinen Augen etwas ab. Aber das war jedenfalls kein offener Disput, sondern nur divergierende Sichtweisen.

Welche Bands jüngeren Datums aus Norwegen würdest du empfehlen?

Die Typen von Enter Obscurity, Filthdigger und Evoke dürften alle noch ziemlich jung – so um die 18 herum – sein, aber die Altersfrage ist mir eigentlich nicht wichtig. Insbesondere, seit es Computer gibt, kann man relativ rasch Musikexperte werden, einfach, indem man mit Leidenschaft bei der Sache ist. Früher, da gab es nichts – kein Internet, keine Informationen auf dem Serviertablett, kein Garnix. Nur der Geschmack zählt. Wenn es also auch um neuere Bands, aber mit erfahrenen Musikern gehen darf, dann muss ich definitiv Black Viper empfehlen. Die sind aktuell das Beste, das Norwegen zu bieten hat.

Bist du irgendwie auch im Hellbotn Festival involviert, das seit 2014 immer im August stattfand, 2017 erstmals im September?

Der Veranstalter Nicklas Erdal ist ein Freund von mir. Darkthrone spielte vor Jahrzehnten nur wenige hundert Meter entfernt von meinem jetzigen Haus, in der Tårnåsen skole – und er mit seiner Band auch, so erzählte er mir Jahre später. Wir waren damals 18, er und seine Bandkollegen um die 14 und sie spielten Cover von Rock’n’Roll-Songs aus den Vierzigern und Fünfzigern. Viel später lernte ich ihn dann wirklich kennen – er war inzwischen auch für das Jugendzentrum verantwortlich und alle jüngeren Musiker kannten ihn ganz gut.

Ich bin am Hellbotn Metalfest nur DJ – das ist mittlerweile für mich schon Tradition, obwohl ich fast nicht mehr als DJ tätig bin, sondern mich nur mehr um Radio Fenriz kümmere, was ich als bessere Plattform erachte, fremde Musik zu unterstützen. Dieses Jahr war großartig, auch Insane aus Schweden spielten, und nicht nur gute, junge norwegische Bands – obwohl wir genügend davon hätten, um ein ganzes Festival auszurichten. Wobei: Norwegen hat eine sehr geringe Bevölkerung – in Oslo hast du fast jeden Tag ein Konzert und schlussendlich schaut sich oft nur die eine Band die andere an. Wir haben eine gute, aber keine wirklich nachhaltige Szene hier. Selbst wenn die großen, internationalen Bands hier auftauchen, spielen sie oft vor nur 40 Leuten, weil es hier einfach ein Überangebot gibt.

Darkthrone

Darkthrone 2016: Fenriz und Nocturno Culto

Fungierst du für die Nachkommen der Szene, zum Beispiel Obliteration, auch irgendwie als „Berater“ oder als Vaterfigur?

Ja, einigen stehe ich durchaus mit Rat und Tat zur Seite – aber du glaubst gar nicht, was für Anfragen ich bekomme! Sogar für öffentliche Diskussionen – aber das delegiere ich meistens, vor allem an Sindre von Obliteration. Obliteration oder auch Nekromantheon sind sehr talentiert und beide haben sehr schnell gelernt wie der Hase läuft und ich muss sie tatsächlich nicht mehr an der Hand nehmen, aber für die norwegische Szene generell bin ich sicherlich noch einer von vielen, die für Ratschläge herangezogen werden, ja – einfach, weil ich schon lange und sehr intensiv mitmische.

Kolbotn ist ein kleines Örtchen außerhalb von Oslo. Wenn es einen Touristen irrtümlicherweise in den Bus nach Kolbotn verschlagen sollte, was würdest du ihm raten, hier anzuschauen – „wenn er schon mal da ist“?

Ha, da gibt es nichts zu erleben, außer, du bist ohnehin von da. Mein einziger Ratschlag wäre: Nimm den nächsten Bus zurück nach Oslo (lacht)! Nicht falsch verstehen, wir finden es in Kolbotn wirklich angenehm zu leben, aber „interessant“ ist doch etwas anderes.

Wie wichtig ist generell das Umfeld für dich als Musikschaffenden? Würden Darkthrone anders klingen, würdest du direkt in der Stadt, in Oslo leben – oder in Bergen, Trondheim oder irgendwo anders in Norwegen?

Das ist eine seltsame, aber gute Frage – weil ich sie selbst zweimal gestellt habe: Einmal 1999 oder 2000 den Basement Jaxx, und erst kürzlich Virus, die ich für Götz Kühnemunds Deaf Forever interviewte. Ich kenne Carl/Czral ziemlich gut und er war der einzige aus der originalen Black-Metal-Szene, der direkt aus Oslo kam – jeder andere stammte von außerhalb Oslo. Ich fragte ihn, ob seine Sichtweisen, seine Texte, seine Art, Musik zu machen, anders wäre, wenn er in der Pampa aufgewachsen wäre – aber, ich weiß nicht mehr, was er antwortete (lacht). Aber das ist ja auch egal, deine Frage war ja auch an mich gerichtet: Ich glaube nicht, dass Darkthrone anders klingen würden. Musik ist eine Sache des Geistes und ich bin immer schon mit internationalen Einflüssen aufgewachsen, wie ich dir zuvor ja schon erzählt habe. Insbesondere ab 1987 war ich sehr intensiv in der Tapetrading-Szene involviert, habe Fanzines gelesen, hatte meine eigene Band, wurde interviewt – also quasi die Vorstufe vom Internet heute, nur halt vergleichsweise unglaublich langsam, weil alles über die Post abgewickelt wurde. Ich glaube also nicht, dass ich hier oder dort andere Musik gemacht hätte, wenngleich diese Frage schon ins Philosophische abdriftet und wir die ganze Nacht darüber diskutieren könnten …

Lediglich meine Texte wären definitiv anders, ich würde wohl andere Metaphern verwenden. In Norwegen sind wir sehr nah an der Natur, mit den kalten Nordwäldern ständig um uns herum. Das ist eine Inspiration und wirkt sich natürlich auch auf meine Sprache aus. Wäre ich Mexikaner, wären meine Texte sicherlich anders angereichert.

Weil du zuvor Black Sabbath als die für den Heavy Metal prägendste Band erwähnt hast: Birmingham ist nicht nur ihre Geburtsstadt, sondern auch Umfeld für Judas Priest, Napalm Death oder auch Warwound – und wurde daher als die Heavy-Metal-Stadt der Welt bezeichnet …

Ich glaube, solche Bezeichnungen brauchen nur Journalisten. Punk ist nicht an einem bestimmten Tag, an einem bestimmten Ort geboren worden – wir alle wissen, so passiert das nicht. Progressionen und Genre-Geburten sind langsame Vorgänge, die nicht in einem Augenzwinkern an nur einem Ort vonstattengehen, alles fließt ineinander. Von dem her interessieren mich Städte- und Länderfragen nicht wirklich, mich interessiert nur die Musik – und die passiert über den ganzen Globus verteilt.

Trotzdem: Schweden und Norwegen gelten als die beiden Epizentren für Black Metal. Was unterscheidet in deinen Augen beide Länder und was eint ihren internationalen Ruhm?

Schweden hatte eine gute Folkrock-, Punk- und Heavy Metal-Szene in den Siebzigern, und auch heute noch eine fantastische Szene – ich glaube, die meisten Bands, die ich auf Radio Fenriz spiele, kommen aus Schweden oder den Staaten. Schweden hatte aber nie eine wirklich intensive oder große Black-Metal-Szene, während in Norwegen viele gleichzeitig auf die Schiene des Black Metals kamen, weil wir alle Bands wie frühe Destruction, Sodom und Kreator, Mercyful Fate, und natürlich Bathory, Venom, Hellhammer und Celtic Frost vermissten, beziehungsweise ihnen Tribut zollen wollten. Wir nahmen diesen räudigen Sound aus den Achtzigern und gaben noch die für Norwegen typischen Klanglandschaften aus Wald und Eis dazu – das festigte unseren Ruf.

Was ist oder war denn die Essenz von Black Metal – und findet man diese nach wie vor im Post-Black-Metal-Hype?

Die Essenz von Black Metal? Hör dir „The Return“ von Bathory an. Wenn dir das nicht gefällt, dann solltest du Black Metal fortan links liegen lassen. Aber zum Thema Post-Black-Metal: Der Black-Metal-Stammbaum hat schon so viele Verästelungen seit 1994 bekommen, als erstmals diese glatt polierten Produktionen aufkamen und man wusste, die „gute, alte Zeit“ ist vorbei. Davor war es der letzte Metal-Stil, der noch den organischen, rohen Sound hatte – ab 1995 wurde der Black Metal kommerziell, wie zuvor auch schon der Death oder Thrash Metal … Ich hätte es mir anders gewünscht, aber so war es nun einmal. Wer auch immer der ausschlaggebende Punkt dafür war, dass diese Wende eingeschlagen wurde, darüber kann man diskutieren – von Bands, die ihre Stile änderten bis hin zu Labels, die anfingen, „Black Metal-Starter-Kits“ anzubieten, mit den „richtigen“ CDs, den „richtigen“ Shirts und den ganzen Accessoires. Sei’s drum.

Einen Hype sehe ich beim Post-Black Metal jedoch nicht wirklich. Ich glaube, Hypes wurden immer vom Musikbusiness künstlich erschaffen – zumindest bis das Internet aufkam. Und als das Internet mit YouTube und all den anderen Plattformen dann da war, zogen alle ihre eigenen Bahnen und seitdem ist es beinahe unmöglich, kollektive Trends oder Hypes heraufzubeschwören. Jeder verlor Geld, auch die Künstler, weil sich plötzlich jeder kostenlos Musik besorgen konnte. Aber letztendlich ist es auch ein Gewinn: Jeder kann sich alles anhören und bis zu den letzten Einflüssen vorarbeiten. 20-Jährige von heute können sich weitaus mehr an Wissen aneignen als ich damals. Das Internet ist zwar schlecht für mein Konto, aber dafür gut für die Musik: Heute muss man eben einen Job haben und kann nur nebenher Musik betreiben.

Ich glaube jedenfalls, seit Nu Metal gab es keinen wirklich ernstzunehmenden Hype mehr in der extremen Musik, mit Ausnahme von Occult Rock vielleicht. 2013 oder 2014 war da wirklich ein Gipfel erreicht, da waren es schon zu viele, die sich nur mehr gegenseitig kopierten. Aus dieser Reminiszenz an die Sechziger und Siebziger wuchsen dann zaghaft wieder neue Verästelungen und Bands versuchten erneut, frisch zu klingen – wie zum Beispiel Tarot aus Australien oder Wytch Hazel aus Großbritannien.

So ist das auch bei Darkthrone: Wenn ich mich in einem Stil nicht mehr wohlfühle, weil zu viele ähnlich klingende Bands um mich herum sind, dann mutiere ich den Klang, bis ich mich wieder unikaler fühle. Und ich glaube, neben Post Black Metal gibt es noch das breite Spektrum aller anderen Black Metal-Stile der letzten 10 Jahre, von daher ist Raum und Gehör für alle da. Wenn man etwas nicht leiden kann, muss man es ja nicht hören – es gibt genügend Angebot da draußen.

Sowohl Quorthon, als auch Tom G. Warrior schätzten ihre als „klassisch“ verehrten Veröffentlichungen nicht ohne Abstriche. Gibt es auch bei Darkthrone Perioden, die du rückblickend nicht sonders magst?

Ja, bei den Songs auf „Total Death“ gibt es quasi ein Riff, das sich durchzieht und nur ab und an die Geschwindigkeit verändert – und das klingt total beschissen und ich weiß echt nicht, was mich damals geritten hat. Zwischen 1993 und 1996 waren schwierige Jahre für mich – ich veröffentliche viel unterschiedliches Zeug, so um die zwei Dutzend Alben mit unterschiedlichen Projekten. Das war zu viel, ich zu gierig und verbissen (lacht). Da waren natürlich auch ab und an Ausfälle dabei.

Bei „Goatlord“ (1990/1991) hatten wir auch ein Problem: Das Creative Studio, etwa ein Kilometer von hier, war gebucht. Aber dann änderte sich unser Stil von Death Metal zu Black Metal, wir haben einige Songs verworfen und wir hatten nur drei neue Songs, die Black Metal waren. Das war „Kathaarian Life Code“, „Where Cold Winds Blow“ – den ich nicht so mag –, und das fantastische „In the Shadow of the Horns“. Die anderen Songs waren noch aus unserer Death Metal-Phase und wir haben versucht, sie dem Black Metal anzunähern. Das Album – das dann „A Blaze in the Northern Sky“ wurde – war also ein Hybrid aus Black Metal und Death Metal, auch wenn es aussah und klang wie Black Metal. Natürlich, viele sagten, das Album sei richtungsweisend und ja, das war es auch – aber ich war nicht wirklich zufrieden damit, weil gerade das Riff des Titelstücks oder auch „The Pagan Winter“ typischer Death Metal sind. Aber da waren wir wohl wieder zurück in die Achtziger gefallen, zu Possessed, wo Death Metal und Black Metal noch ein gemeinsamer Mischmasch war – für uns war es jedoch eine Frage der Zeit, ein Hoppala, weil eben das Studio schon gebucht war. Vielleicht hätten wir damals besser nur eine EP gemacht, wer weiß …

Auch „Soulside Journey“ hätten wir besser im Creative Studio aufgenommen, aber wir hatten das Geld dafür nicht. Wir hatten nur 10.000 Kronen zur Verfügung, hätten aber 25.000 Kronen gebraucht. Vielleicht hätten wir besser unsere Eltern angeschnorrt, aber wir entschieden uns stattdessen, nach Schweden ins Sunlight Studio zu gehen. Ich glaube, im Creative Studio wäre das Album um einiges cooler geworden. Mayhem haben dort auch ihr „Deathcrush“-Album aufgenommen, und sie hatten auch den selben Produzenten wie wir bei „A Blaze in the Northern Sky“, Erik Avnskog. Mortem – mit Hellhammer am Schlagzeug – nahmen ihr „Slow Death“-Demo auch dort auf.

Arctic Thudner Darkthrone

Darkthrones 17. Album „Arctic Thunder“ wurde 2016 auf Peaceville veröffentlicht.

Nicht erst seit „Arctic Thunder“ wissen wir ob deiner Wanderslust. Hast du schon einmal daran gedacht, eine Dokumentation über die norwegische Waldlandschaft zu drehen, dich eventuell auch für Endorsements gewinnen zu lassen?

Ich habe schon einmal fürs Fernsehen Wanderschuhe getestet, und ich war auch in der Show „Ut i nærturen“ auf NRK, dem Norwegischen Rundfunk vertreten. Da ging es nicht ums Camping, sondern nur um einen Streifzug zu einem Wald-Reservoir in der Nähe von Oslo. Rund um Oslo gibt es etwa 301 Quadratkilometer Wald, da möchtest du nicht verloren gehen (lacht), es ist unüberschaubar. Jedenfalls hat mich da ein Fernsehteam begleitet und diese Sendung ist auch schon mehrfach in Wiederholungen gelaufen. Seitdem erkennen mich auch schon viele, die mit Black Metal nichts am Hut haben. Das ist manchmal ein bisschen seltsam, wenn du plötzlich mitten im Wald von jemandem angesprochen wirst.

Seitdem ich wieder nach Kolbotn zurückzog, ein Haus mit Garten hier habe, eine Frau und eine Katze, und meine Radiosendung, fühle ich mich daheim eigentlich richtig wohl – ständig in die Natur hat es mich nur getrieben, als ich noch in Oslo wohnte. Ich habe mittlerweile an 120 verschiedenen Plätzen gecampt, über 200 Campingtrips gemacht – all das habe ich in einem kleinen Büchlein festgehalten. 2009 hatte ich 40 Trips, in den Jahren davor – 2007 und 2008 – rund um die 35, und 2010, als ich dann wieder den ersten Trip unternahm, war das großartige Gefühl nicht mehr wirklich da. Es ist eine Routine geworden. Ich hätte auf meinen Vater, der 1994 starb, hören sollen, der immer sagte, zu viel der Dinge ist nicht gut! Ich habe mir die Freude daran also selbst genommen und seitdem war ich dahingehend etwas faul, 2016 war ich gar nicht unterwegs – auch wegen des Albums und der ganzen Promo, die darauf folgte. Es hat sich einfach nicht ergeben, und wie schon gesagt: Ich werde Sachen schnell müde. Ich fange dann einfach neue Sachen an – in dem Fall Radio Fenriz. Und vielleicht höre ich auch irgendwann damit auf – und dann? Keiner weiß es, nicht einmal ich selbst!

Gibt es eine kleine Chance, dass dann, irgendwann, aus Eibon wieder etwas wird?

Ich glaube nicht. Es ist ohnehin schon ein Wahnsinn, dass wir tatsächlich zumindest einen Song aufgenommen haben. Ich glaube, du wirst dich mit „Mirror Soul Jesus“ begnügen müssen.

Eibon – mit dir, Satyr, Phil Anselmo und Killjoy (sowie Maniac, der jedoch vor der Veröffentlichung des Stückes ausstieg) – ist zweifelsohne etwas, das man landläufig als „Supergroup“ bezeichnet, mit den von mir am meisten geschätzten Musikern, wenn man Cliff Burton einmal außer Acht lässt …

(lacht) Danke. Ich glaube, mein erster bewusster Trauermoment – nach dem Tod meiner Großmutter, die starb, als ich vier Jahre alt war – war der, als Cliff Burton starb. Der Tod von meiner Großmutter hat mich sehr stark mitgenommen, weil sie immer auf mich aufpasste, wenn meine Eltern beschäftigt waren. Ich bekam Magenprobleme, ich aß nur mehr wenig.

Als Cliff Burton 1986 starb, hatte ich gerade eine sehr intensive „Master of Puppets“-Phase. Zu Metallica hatte ich damals – und immer noch – einen sehr intensiven Bezug, insbesondere die langsameren Songs wie „Damage Inc.“ haben es mir angetan. Nicht, dass ich schnellen Thrash Metal nicht mögen würde, aber langsamer Thrash ist so richtig geil. Auch das Instrumental „Orion“ ist in meinen Augen einer der großartigsten Songs überhaupt. Metallica war in den Medien damals nicht wirklich präsent, erst, als Cliff Burton starb. Da war ich wirklich traurig …

Wenn du dir eine Supergroup zusammenstellen könntest, nach deinen persönlichen Vorlieben, wer wäre da dabei?

Das ist fast falsche Geschichtsschreibung, was ich eigentlich hasse – und ich habe mir auch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, ich mag auch Crossover-Geschichten nicht wirklich: Gastsänger und ähnliches finde ich bescheuert – deswegen habe ich solche Projekte auch nie sonders verfolgt oder unterstützt. Eine Band ist eine Band. Es ist wie wenn du “The Simpsons” oder “Seinfeld” schaust: Ich hasse diese „Special Episodes“, wenn sie irgendwo anders hinfahren und auf andere Charaktere treffen. Ich mag die Dinge, wie sie sind. Aber für dich versuche ich es einmal: Jimi Hendrix mit Joni Mitchell (lacht).

In den späten Achtzigern hattest du mit Isengard ein Soloprojekt, weil Darkthrone – so heißt es – in ihrem Stil verhaftet war …

Nicht wirklich.

Jedenfalls: Darkthrone hat seitdem einen Wandel durchlaufen, grob formuliert von Death Metal über Black Metal hin zu einem bunten Potpourri aus Crust, Thrash und NWoBHM. Setzt du dir für deine Hauptband stilistische Grenzen, oder könnte das nächste Album rein theoretisch auch Synth Pop mit Ethno Folk werden? Und wäre auch eine Kollaboration mit einem Chor, wie erst kürzlich von Satyricon versucht, denkbar?

Dahingehend sehe ich kein Potential, nein – Darkthrone, das sind Ted und ich, die primitive Musik rausrotzen. 2008 habe ich Satyr gesagt, er möge mich doch bitte nie wieder kontaktieren – und es waren acht wundervolle Jahre seit ehedem.

Als wir damals Darkthrone starteten, spielten wir primitive Musik, weil keiner sein Instrument besser beherrschte – aber zu unserem Zenit während „Goatlord“ beherrschten wir bereits ziemlich technische Sachen und wir opferten unser Können dem primitiven Stil, so wie Motörhead oder Black Sabbath. Das war unser Anspruch. Andere Bands, so wie Emperor, begannen primitiv, aber entwickelten sich weiter, wurden immer progressiver. Wir hingegen waren so verrückt zu sagen, wir proben einfach nicht mehr, wir wollen nicht besser werden – sondern einfach nur räudig rocken. Diese Entscheidung – für viele vielleicht sonderbar – macht Darkthrone besonders. Ich habe seit Mitte der Neunziger nicht mehr am Schlagzeug geprobt, das war der letzte Zeitpunkt, als ich versucht habe, mich zu verbessern oder neue Techniken zu lernen. Für mich ist es wichtiger, effizient zu arbeiten, effiziente Musik zu schreiben. Gerade im Death Metal übertreiben es viele Schlagzeuger, und das hat schließlich auch zu diesen enervierenden Bass-Drums geführt, die mir gewaltig auf die Eier gehen: Wenn du so schnell spielst und willst, dass es so laut ist, dass es ordentlich gehört wird, hast du nur ein Brummen – deswegen wird das immer auf dieses „Klick Klick Klick“ hingetrimmt. Bass-Drums die nicht mehr nach Bass-Drums klingen – was zur Hölle ist das denn!? Bei Darkthrone gibt es jedenfalls keine Progression, sondern nur eine Regression – und zwar stringent seit 1991.

Es heißt, dass Metal und Klassische Musik viel gemein haben. Viele Genre-Musiker teilen aber auch eine Vorliebe für Techno. Was sind die Gemeinsamkeiten hier?

Nirgends. Einige Stabs haben vielleicht Ähnlichkeiten zum klassischen Heavy Riffing – aber Techno ist Rhythmus, Metal ist mehr als das. Natürlich gibt es hier und da Ausnahmen, aber die Grundregel ist: Niemals Konservendrums mit Gitarren mischen! Ich habe bei Techno und bei Metal mein tiefes Wissen, und ich glaube, es ist beinahe unmöglich, jemanden, der keinen Bezug zu Techno hat, zu erklären was da die Grundbezüge sind – das muss jeder für sich selbst rausfinden. Hör dir auf jeden Fall nur keinen Morbid-Angel-Technoscheißdreck an! Setz dich vors Internet, finde dort die guten Quellen – so wie auch im Metal. Such nach dem ersten „Metal Church-Album“ des Technos, „Preacherman“ von Green Velvet zum Beispiel. Okay, das ist mehr House – aber ich bin auch mehr im House denn im Techno beheimatet.

Metal und Techno haben nichts gemein, und auch die Gemeinsamkeiten von Klassik und Metal sind in meinen Augen überbewertet. Speed Metal von 1982 bis 1985, also die schnelle Form des klassischen Heavy Metals, hat durchaus Parallelen zur Klassik, aber ich glaube nicht, dass du das generell über den gesamten Heavy Metal legen kannst. Metal kommt von Rock, Prog Rock und Punk, all die kommen vom Rock’n’Roll, und der wiederum vom Blues. Ich empfehle jedem immer wieder: Fang bei Black Sabbath an, und geh auch zurück in die Geschichte, in die Sechziger und Fünfziger!

https://www.youtube.com/watch?v=tUVr2xnGIEo

Metallicas „ManUNkind“-Video von Jonas Akerlund ist gewissermaßen ein Teaser auf das kommende „Lords of Chaos“-Biopic. Mehr Informationen findet man auf Blabbermouth.

Von wegen Geschichte: Aktuell wird ja an einer Verfilmung von „Lords of Chaos“ gearbeitet. Necrobutcher von Mayhem wird im Rolling Stone zitiert, dass sich „sowohl die Schweden (also Regisseur Akerlund), als auch Hollywood ins Knie ficken können“. Wie ist deine Sicht der Dinge?

Ich gehe da mit Necrobutcher d’accord. Wenn du dir „Control“, den Film über den Tod – oder den Suizid – von Ian Curtis anschaust, dann siehst du da einen Typen, der versucht, den Sänger von Joy Division zu imitieren. Das ist doch grenzdebil! Wenn du es zur Legende geschafft hast, dann willst du doch nicht von irgendwem imitiert werden – und wenn doch, dann läuft mit dir irgendetwas grundlegend falsch. Immer wenn ich mir so ein Porträt anschaue, fühle ich mich selbst irgendwie mitschuldig. Das ist wie bei einem Autounfall: Du willst es nicht sehen, musst es aber. Es ist einfach fernab jedweder Realität.

Es gibt also keine Biopics, die du tatsächlich empfehlen könntest?

Biopics? Klär mich auf! „Edjumacation ain‘t for me“, wie es am ersten The Dictators-Album von 1975 heißt … Übrigens hat dort Ross The Boss von Manowar mitgespielt – und damit eines meiner Lieblingszitate abgeliefert.

„Biographical Pictures“, also Filmbiografien.

Aaaah! Nein, keine. Das ist nicht die Realität, da spielt nur jemand vor, es sei real. Aber ein Film, der Darkthrone gezeigt hat, wie man es nicht machen soll, ist der zweite Teil von „Bad News“, „The Comic Strip presents… More Bad News“. Wir hören den Soundtrack auch immer im Studio und amüsieren uns darüber, wie kleine Kinder. Der Film und der Soundtrack sind von 1988, einige sagen, der erste Teil „Bad News Tour“ von 1982 war besser, aber ich finde den zweiten fantastisch. Da lernst du wirklich, was du als Band nicht machen solltest (lacht). Da spielen britische Comedians, die in den Achtzigern sogar ziemlich bekannt waren – und haben auch teilweise die Musik selbst gespielt, wenn mich nicht alles täuscht.

In deiner Position als Musikjournalist schreibst du keine Verrisse, du promotest nur Bands, die du magst. Ich denke, seit dem Aufkommen des Internets hat Journalismus den quantitativen Höhepunkt mittlerweile erreicht, aber viel an Qualität verloren. Jedem ist es möglich, online zu gehen und Scheiße zu verzapfen – wirklich interessieren tun tatsächliche Texte nur mehr die wenigsten, vielmehr die Bewertungen. Wo siehst du die Zukunft von Musikjournalismus?

Menschen mögen Listen, Menschen mögen Bewertungen. Und ich glaube, „Noten“, wenn du so willst, sind immer noch weniger beschissen als Listen – weil Musik sollte kein Wettbewerb sein. Ich liebe Listen – aber ich hasse sie im gleichen Moment auch. Das ist wie mit den Filmbiographien zuvor – wer wohl Lemmy übrigens spielen wird?! Das wage ich mir gar nicht auszudenken, da schaue ich mir lieber Dokus über Serienmörder an.

Jedenfalls sind wir beide da definitiv einer Meinung, und teilen selbige mit vielen anderen Musikjournalisten auch: Viele Magazine leiden darunter, dass sie niemanden finden, der gut schreiben kann. Die, die gut schreiben können, haben ihren eigenen Blog – und Geld ist ohnehin keines mehr zu holen. Aber dass der Fokus auf die Punkte gelegt wird, das war sicher früher auch schon so – und immerhin ein paar lesen dann das Review dazu auch. Aber du musst dir bewusst sein, dass wenn jemand auf deinen Artikel klickt, es auch nicht automatisch heißt, dass der ganze Text gelesen wird. Und wenn ein Facebook-Posting 1.000 Likes bekommt, heißt das nicht, dass es dem nächsten Posting auch so widerfährt. Nur zwischen 1,5 und 5 Prozent der Leute interessiert wirklich, was du tust. Sie kommentieren, sie folgen dir. Aber schau, in Norwegen ist’s auch so: Wenn im Fernsehen etwas gezeigt wird, das die Leute echauffiert und im Studio die „Telefone heiß laufen“, dann sind das bei uns 20 Anrufer. In Deutschland ist es wohl intensiver.

Wenn ein Magazin gelesen wird, heißt das ja auch nicht, dass auch dein Artikel unter den vielen anderen gelesen wird – vielleicht wird er überblättert: Wenn sich ein Magazin 80.000 Mal verkauft heißt das nicht, dass jeder Artikel auch von 80.000 Lesern wahrgenommen und gelesen wird. Manche schauen sich vielleicht überhaupt nur die Fotos an, so ist das eben. Nur 1,5 bis 5 Prozent deiner Leser verfolgen wirklich alles – und sie musst du an dich binden.
Und hinsichtlich der Zukunft glaube ich, dass es einfach weitergeht wie die letzten 15 Jahre auch – es wird sich hie und da eine Kleinigkeit ändern, aber es wird keine große Revolution passieren. Es wird später nicht heißen: „August 2018: Als alles den Bach runter ging!“ Es ist alles ein sukzessives Fortschreiten, von einem Tag auf den nächsten …

Du sprichst öfters über das Aufhören, weil du – manchmal – Journalismus verachtest. Warum machst du es nach wie vor?

Weil ich es schon immer tue – und wie alles passiert etwas nicht „plötzlich“. Ich wurde nicht plötzlich zum Journalisten, ich interessierte mich nicht plötzlich für Musik – das war alles ein langsamer Prozess. Aktuell befinde ich mich gerade am Höhepunkt, mit über 1.000 Promos im Jahr, wovon ich etwa 300 bis 400 ganz und mehrmals höre und auch bewerte. Etwa 30 Prozent schaffen es ins Radio, und ein Zwanzigstel eines Prozents kaufe ich mir tatsächlich und stelle ich mir ins Regal. Zuhause höre ich nur mehr selten Musik, meistens nur in der Arbeit – und dort kann ich mir keine Vinyls anhören. 2015 war ein gutes Jahr, da habe ich etwa 45 Platten gekauft, 2016 nur 10. Ich glaube, so wie mir geht es vielen Journalisten. Und ja, es ist Gewohnheit: Ich hörte schon immer Musik an und werde es auch weiterhin tun. Ja, ich kriege viel gratis, aber so ist für mich jeden Tag wie Weihnachten. Da ist es dann natürlich notwendig, deine Geschenke auch zu ordnen, ein System zu haben – und das frisst viel Zeit. Meistens höre ich Musik, die ich hören sollte und nicht die Musik, die ich in dem Moment gerade hören möchte: Nur jedes zehnte Album will ich tatsächlich gerade hören. Da steckt auch schon eine Verantwortung dahinter – das ist vielleicht auch eine Frage der Persönlichkeit: Ich arbeite, seitdem ich 16 bin, und davor eigentlich auch schon. Ich lebe, um etwas zu tun. Ich kann mir bis zum Tod eigentlich keinen Moment des Lebens vorstellen, wo ich nicht einen Haufen Arbeit vor mir liegen haben werde – und auch liegen haben möchte.

Würdest du sagen, dass du eine Suchtpersönlichkeit hast – und setzt dir deine Frau da Grenzen?

Ja, nur jedes zweite Wochenende darf ich Freunde einladen – wird sind beide eher ungesellig, aber hier und da passiert es schon, dass wir Lust verspüren, mit Freunden abzuhängen. Wir arbeiten sonst viel am Haus und im Garten, damit das auch was hermacht – und das zeige ich dann natürlich gern auch meinen Freunden, aber sie sieht das ein bisschen anders, sie mag es einfach nur gemütlich haben.

Ich denke, jeder ist bis zu einem gewissen Grad eine Suchtpersönlichkeit – der eine mehr, der andere weniger. Nachdem ich laufend neue Musik bekomme, bin ich gewissermaßen gezwungen, sie auch anzuhören – mein Lebensstil wurde mir gewissermaßen aufgedrängt, wenn du so möchtest. Ich könnte mir jedenfalls kein Leben ohne Musik vorstellen – ich kann es mir jedoch vorstellen, dass ich irgendwann keinen oder weniger Druck haben werde, mir neue Musik anhören zu müssen. Also vielleicht die Promos halbieren oder so – das Radio wird wohl weiterlaufen, weil das habe ich nicht eingeführt, um mich zu beweihräuchern, sondern um andere Bands zu promoten. Das dauert etwa 40 Stunden je Episode, sich durch Musik durchzuhören, eine Auswahl zu treffen, das Aufnehmen der Show selbst und all das. Ich habe mich irgendwann einmal gefragt, für wen bewerte ich all die Alben eigentlich – für mich selbst? Nein, weil das meiste höre ich mir nie wieder an, weil jeden Tag gibt es neue Musik zu entdecken – von daher war die Show naheliegend. Ich bewundere Leute, die irgendwann einmal kürzer treten – so wie Danny Lilker zum Beispiel. Er hat sich zwar nicht vollends zurückgezogen, aber zumindest etwas Last von seinen Schultern genommen. Das ist auch für mich eine Option – aber schauen wir einmal.

Stehst du der Flut, die aufgrund des Internet überhaupt erst möglich war, positiv oder ablehnend gegenüber? Glorifizierst du die „alten Zeiten“?

Um dir das zu verdeutlichen: Früher gab ich eigentlich nur Telefoninterviews. Da musstest du dir zu einem bestimmten Tageszeitpunkt Zeit nehmen, und manchmal riefen die Leute auch einfach nicht an, obwohl du dir die Zeit genommen hast. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Als ich dann endlich einen Computer bekam, war das viel einfacher – weil da machte ich sehr viele schriftliche Interviews, da konnte ich mir die Zeit selbst einteilen. Ich schrieb früher auch viel mit Schreibmaschine oder der Hand, und seit 2005 mache ich etwa 90 Prozent aller Interviews wieder schriftlich. Das läuft ganz gut, weil ich das 10-Finger-System beherrsche, das habe ich in der Schule gelernt – und gehörte damals sogar zu den Besten. Das lag daran, dass die anderen das nur in der Schule praktizierten, ich aber auch zuhause, weil ich schon damals mit der ganzen Welt kommunizierte.

Wie so vieles andere auch war das Internet ein schleichender Prozess, nicht jedes Land ist technisch gleich entwickelt – ganz gleich, ob wir jetzt von Kurznachrichten am Handy reden oder von Spotify. Außerdem sind das ja auch immer Schübe – irgendwann ebbt ein Hype ja auch wieder ab, so wie bei Myspace. Und für die Musik-Fans ist das Internet definitiv eine gute Sache, nur das Business verliert und muss umdenken. Ich als Fan finde es fantastisch, dass alles verfügbar ist, man heute auf alles mit nur einem Mausklick zugreifen kann.

Darkthrone

Fenriz: Enthusiast oder Nerd?

In deinem 22. Podcast hast du zwei Bands aus meiner Heimat präsentiert, Wildhunt und Deathstorm. Wie kamst du auf diese und welche anderen Bands aus Österreich fallen dir spontan ein?

Ah fuck, du bist aus Österreich – ich dachte aus Deutschland. Mein Fehler! Österreich – das war für mich immer Pungent Stench und Disharmonic Orchestra. In den Neunzigern habe ich beide nicht so schlecht gefunden, war aber nie ein wirklich großer Fan von ihnen. Die „Extreme Deformity“-EP von Pungent Stench war ganz gut, aber nichts im Vergleich zu beispielsweise den Peel Sessions von Extreme Noise Terror. Die musst du dir anhören!
Österreich und Portugal waren für mich immer die zwei Länder, die am wenigsten Bands zu bieten hatten – Portugal hat mit ihrer LoFi-Black Metal-Szene mittlerweile stark aufgeholt und einen immensen Reichtum zu bieten, Österreich weniger. Auf Deathstorm hat mich Jonas Bye von Mion’s Hill, Mabuse und Flight gebracht. Er ist verrückt nach Thrash- und Death/Thrash-Bands – alles in der Richtung vom  „Psycho Death Lunatics“-Demo von Mutilated aus Frankreich – die sich übrigens auflösten, weil Earache ihren Brief niemals beantworteten. Wildhunt waren, glaube ich, eine digitale Promo, die mir zugeschickt worden ist.

Aber wie vorhin schon gesagt, die Länderfrage ist mir nicht wichtig. Es geht mir nur um Musik, Musik, und nochmals Musik. Ich glaube, der Teil von meinem Hirn, der für Musik zuständig ist, war 1989 schon randvoll – es ist also beinahe ein Wunder, dass ich mir seitdem noch neue Informationen gemerkt habe. Vermutlich benutze ich Ressourcen meines Hirns, die für Nahrungsaufnahme oder so gedacht sind, noch mit.

In deinem Interview mit CLRVYNT letzten Sommer sagtest du, 2016 war ein schwaches Jahr – du hast dir selbst ja auch nur 10 Scheiben gekauft. Welches was das beste Jahr für Metal?

Für mich war das ganz klar 1986. Ich hatte damals ziemlich viel Geld zur Verfügung, weil ich mit dem Fahrrad Zeitungen und Magazine auslieferte. Vinyl war relativ günstig und so konnte ich mir ziemlich viel kaufen. Ich hatte damals natürlich nicht den Überblick den ich heute hatte – ich bekomme heute etwa 1.000 Promos von vermutlich 10.000 tatsächlichen Veröffentlichungen im Jahr.

1986, 1987 und 1989 war ich noch sehr im Untergrund verhaftet und habe mich nicht wirklich durch Plattenländen gestöbert – also wusste ich nicht wirklich, was sich in der Kategorie darüber abspielt, bei den Labelveröffentlichungen. Erst in den Neunzigern begann mein Netzwerk zu wachsen und plötzlich sagten mir viele Menschen weltweit, was ich unbedingt sofort anhören müsse und spätestens seit 2004 habe ich glaube ich einen ganz guten Überblick über die Szene. Besonders in den letzten zwei Jahren sind die Anzahl der Promos rapide auf das Doppelte angestiegen – was vielleicht auch Mitgrund dafür ist, dass ich 2015 so viele Platten kaufte (lacht). 2016 war ein eher schlechtes Jahr, ja, aber eher die erste Hälfte – ab Juli sind doch einige gute Sachen veröffentlicht worden.

Aber ja, 1986 war für mich das Highlight-Jahr. Das muss natürlich nicht für jeden gelten, um da der Wahrheit nahe zu kommen, müsstest du mindestens 1.000 Menschen befragen, die sehr lang und aktiv Metal hören. Einer einzelnen Person sollte man niemals vertrauen (lacht) – außer vielleicht Götz Kühnemund – der ist kompetent genug, das zu beantworten.

Götz Kühnemund

Wir fragten bei Götz Kühnemund, Geschäftsführer von Deaf Forever auch gleich nach: „Das ist natürlich sehr schwer zu beantworten – aber jeder Metalhead hat sicher schon oft darüber diskutiert. Also hat auch jeder eine Meinung dazu, die aber im Laufe eines Metallerlebens (das ja im Schnitt 76 Jahre dauert) bis zu 218 Mal wechseln kann. Als ich 14 war (1980), da war meine Antwort: 1980! Mit 15 war es 1981. Und mit 16 war es 1982. Heute würde ich immer noch 1982 sagen, weil alleine „The Number Of The Beast“ mein komplettes Leben umgekrempelt hat. Natürlich waren meine Kumpels und ich schon 1980 große Maiden-Fans, nachdem wir sie als Support von Kiss live gesehen hatten, und 1981 erschien ja „Killers“, eine unsterbliche Götterscheibe. Aber erst mit „Number“ (und dank Bruce Dickinson) schafften Maiden den weltweiten Durchbruch – woraufhin sich die europäische Metalszene mit ihrer kompletten Infrastruktur (Fanzines, Magazine, Plattenfirmen, Fanclubs etc.) formierte. Das gab es so vorher nicht. Priest, Motörhead, AC/DC, Kiss, Rainbow, Scorpions – alles großartige Bands, aber auch unerreichbare Götter. Die Stars oben auf der Bühne, die Fans unten. Maiden waren aber „Kumpels von nebenan“, zum Anfassen. Man konnte dabeisein und aktiv mitmachen! Ich würde behaupten: Ohne dieses Album sähe die komplette Metal-Szene heute anders aus – wenn es sie so überhaupt (noch) geben würde! Deshalb heißt meine Antwort: 1982.“

Deaf ForeverDu bist seit 2013 verheiratet – erinnerst du dich noch an das erste Mixtape, das du deiner späteren Frau gemacht hast?

Nein, aber ich habe sie einfach danach gefragt (lacht)! Darauf waren: The B-52’s – „Summer of Love“, Georgia Gibbs mit „Tweedle Dee“, einem coolen Song aus den fünfziger Jahren. Dann folgt Gene Pitney mit „24 Hours from Tulsa“ – Pitney ist ein Crooner der Sechziger mit einer gewaltig guten Band in der Hinterhand. Song 4 ist von Cheap And Nasty, „Beautiful Disaster“. Darauf folgt die norwegische Band Vazelina Bilopphøggers, mit einem Song, den ich dir jetzt nicht buchstabieren werde (lacht). Eine von den wenigen Bands, die ich verehre – ich habe all ihre Veröffentlichungen, eine andere ist übrigens The B-52’s. Nummer 6 ist von Edith Frost, „Emergency“, gefolgt von „I Don’t Want You to Go“ von Dogs D’amour, einer meiner Lieblingsbands. Das nächste Stück ist ein House-Klassiker von Global Communication, „The Way“. Die nächste Band ist aus dem Dogs D’amour-Umfeld, der Sänger singt auch bei The Quireboys: Spike and Tyla’s Hot Knives mit „Maybe Tomorrow“. Anschließend folgt Kiss mit dem einzig coolen Song von „Rock’n’Roll All Over“, „I Want You“. Dann kommt wieder ein Stück von Vazelina Bilopphøggers, gefolgt von den Norwegern Kung Fu Girls mit ihrem Song „Maria is Beautiful“ – ein Song, der hierzulande sehr viel Lob eingeheimst hat. Auf Nummer 13 folgt wieder eine norwegische Band, Ole Ivars mit „Du hadde så fine briller“ – ein Song über einen Mann, der zum ersten Mal auf seine Frau traf. Der Titel heißt übersetzt: „Du hattest so schöne Brillen“ – nicht Sonnenbrillen, sondern einfach nur Brillen. Das fand ich witzig. Dann folgen die Ramones mit „Oh Oh I Love Her So“ und wieder die Dogs D’amour, diesmal mit „Satelite Kid“. Den Abschluss macht Rickie Lee Jones mit dem sehr traurigen, aber wunderschönen Song „Bonfires“.

Du hattest es zuvor schon angesprochen: Die „alten“ norwegischen Bands haben sich damals bewusst für einen LoFi-Sound entschieden, um den verhassten, polierten Produktionen entgegen zu wirken. Dies hat sich bei einigen Wegbegleitern seither geändert. Was hältst du von deren Entwicklung?

Ja, das Thema hatten wir schon kurz angeschnitten – Darkthrone war ja gezwungen, das erste Album im Sunlight aufzunehmen, alle anderen nicht. Das heißt, wir waren mit dem ersten Album eigentlich schon nicht mehr Teil des „inneren Zirkels“. Mayhem waren 1986 und 1987 sehr aktiv, dann wieder weniger, dann kam „Live in Leipzig“ – und dann bröckelten sie wieder auseinander. Darkthrone, Cadaver, oder Xerasia, die zuerst zu Embryonic und dann zu Emperor wurden, Old Funeral beziehungsweise Amputation, die zu Immortal wurden waren hingegen immer sehr aktiv. Wir spielten auch in Schweden, wurden aber dann immer introvertierter und konzentrierten uns auf unser Zeug, spielten auch nicht mehr live. Wir entwickelten uns auch nicht weiter, wir übernahmen nicht unsere Skills aus dem Death Metal in den Black Metal, sondern wir änderten unseren Stil komplett – und das machte uns von Anfang an anders als all die anderen.

Viele spielten schneller, technischer – so wie Mayhem, Immortal oder insbesondere auch Emperor; Aber auch Varg Vikernes sprang von dieser Progression ab und kehrte zur primitiven Musik wieder zurück. Ich weiß, das ist keine wirkliche Antwort, auf die Frage – aber die einen nahmen eben den einen Weg, die anderen einen anderen.

Nach „Under a Funeral Moon“ fiel nicht nur Darkthrone, sondern auch die eng gesteckte Szene auseinander – und du dachtest, es wäre doch witzig, Neptune Towers-Aufnahmen als die neue Platte von Darkthrone zu veröffentlichen – allein, um mit der engstirnigen Szene abzurechnen. Warum denkst du, versammeln sich gerade im Black Metal die besonders elitären und dickköpfigen Menschen?

Ich weiß nicht. Ich unterhalte mich nicht viel mit „reinen“ Black Metallern, und tat es auch niemals. Eine „Elite“ hat mich nie sonderlich interessiert, das war eher Satyrs Ding. Ich sah mich nie als etwas Besonderes, ich gehe seit 1988 einem normalen, minimal bezahlten Brotberuf nach und habe demnach einen Fuß in der Künstlerwelt und einen im normalen Leben. Ich bin vielmehr ein Nerd. Black Metal allein war jedenfalls nie der Hauptgrund für meine sozialen Kontakte, weder, als ich mit etwa 15 anfing, mich intensiv mit der Musik auseinanderzusetzen, noch dann mit 18, als ich dann auch fortging, ins Elm Street zum Beispiel. Im Elm Street war nie die strenge Black Metal-Szene zugegen, manchmal schaute Euronymous vorbei oder verschiedene Leute von Darkthrone, aber meistens saß ich da mit irgendwelchen Leuten, die auf 60er-, 70er- und 80er-Jahre Scheiß abfuhren. Das war meine Sozialisation und ich bin glücklich darüber, dass man mich nicht wirklich in einer Black Metal-Schublade ablegen kann.

Aber ja, ich finde das cool, dass du Neptune Towers erwähnst. Ich war damals wirklich verzweifelt, weil keine Band mehr da war. „Transilvanian Hunger“ habe ich selbst aufgenommen, anderthalb Jahre, nachdem wir uns fast getrennt hätten – die andern zogen einfach weg, ich sah sie nach dem Sommer 1992, als wir „Under a Funeral Moon“ aufnahmen, nicht mehr. Und plötzlich, eines Tages, in der Arbeit, bekam ich die Inspiration – und hatte plötzlich alle Ideen für „Transilvanian Hunger“ zusammen. Dann kam „Panzerfaust“ – und dann plötzlich nichts mehr. Und dann dachte ich mir, es wäre witzig, einfach die Neptune Towers-Aufnahmen herzunehmen und ein Ambient-Album zu machen und damit den Leuten ordentlich auf den Sack zu gehen. Mir war das ja herzlich wurscht, was die Leute sagten – ich hatte einen Job, ich brauchte das Geld von Darkthrone nicht. Aber, da gibt es ein altes Sprichwort: „Gott lacht, wenn der Mensch einen Plan fasst“ – und so kam es dann doch anders. Das ist bei Darkthrone aber auch typisch: Was immer passiert, passiert. Planen bringt nichts.

Darkthrone haben seit Jahren bekanntlich nicht mehr live gespielt und ich denke, du wirst eher Präsident von Norwegen, als nochmals auf Tour zu gehen. Aber du besuchst hie und da immer noch Konzerte – hast du von diesem neumodischen Spleen mitbekommen, dass plötzlich eine Vielzahl an Konzerten als „Ritvs“ verkauft werden?

Nein, davon bekomme ich nichts mit. Als Darkthrone 1989 und 1990 live spielten, wollten wir nur Kerzen auf der Bühne, aber das war damals nicht möglich, weil Promoter zurecht meinten, dann könne man ja nichts sehen. Das war unser Versuch, ein „kleines Ritual“ zu veranstalten – und ich verstehe, wenn das auch Bands heute anstreben, aber ich war eigentlich immer schon ein Album-Mensch und wenn ich eine Band live sehe, will ich eigentlich genau den Sound vom Album gedoppelt haben. Und ich weiß, das geht live einfach niemals. Außerdem will ich mir die Musik alleine anhören, und nicht inmitten von zig Menschen, wie auf einem Konzert im Normalfall üblich. Konzerte erinnern mich auch irgendwie an Kirchen: Vorne steht der Priester und die braven Schäfchen hören artig zu. Das ist nicht wirklich meins. Wenn ich zu Konzerten gehe, ist das eher eine Unterstützung für die Band, und nicht, weil ich wirklich Lust darauf habe. Oder einfach, um Freunde zu treffen. Das ist auch das Problem mit Konzerten: Viele sind dort, um zu saufen und zu sozialisieren – die wahre Musikaufnahme erfolgt nüchtern, wenn du deine Headphones aufhast.

Darkthrone

Fenriz in norwegischen Wäldern

Was hasst du an Reisen generell – nicht zwangsweise mit Darkthrone, sondern gegebenenfalls auch, um irgendwo außerhalb von Norwegen wandern zu gehen?

Wandern ist jetzt, wie bereits zuvor angesprochen habe, kein Grundbedürfnis mehr, seitdem ich zurück nach Kolbotn gezogen bin. Das Problem mit dem Reisen ist, wenn ich unterwegs bin, bekomme ich immer noch jeden Tag meine Promos und meine E-Mails – und das müsste ich dann aufarbeiten, und die Zeit habe ich nicht. Aber schon als Kind wollte ich nicht reisen, ich mag den Bus oder den Zug zum Flughafen nicht, ich mag den Flughafen selbst nicht, ich mag es nicht, bei der Sicherheitskontrolle ausgegriffen zu werden, ich hasse Boarding Pässe, ich mag es nicht, in einer Schlange zu stehen, ich hasse es, wenn mir jemand sagt, ich müsse mein Telefon ausschalten. Ich mag den ganzen Ärger einfach nicht, ich will einfach nur in Ruhe mit meiner Musik gelassen zu werden – aber das wird natürlich niemals vollends eintreten, außer ich werde wiedergeboren oder so.

Ein wunderbares Schlusswort.

Danke, das war ein großartiges Interview!

 

 

Fotos: Ester Segarra, Peaceville, Fenriz, Kris Walker (Götz Kühnemund)

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