Alcest – Shelter

Als “melancholisch”, mit sinisterer Gemütslage werden die Franzosen Alcest gern beschrieben, dabei gleichzeitig in die Schublade des “Shoegaze”, einer Mixtur aus Britpop und Artrock, gepackt. Viel misanthropischer war man noch zu den Anfängen, fabrizierte Stéphane Paut damals gar bitterbösen Black Metal. Doch beides greift, wie viele Schubladen, zu kurz – wie das neue Album Shelter beweist.

 

Fangen wir einmal an bei dem vorsichtig als “Stilkorrektur” zu beschreibenden Wandel von Black Metal zu Shoegaze: Dies ist in etwa die musikalische Version von einem Führerscheinneuling, der unangeschnallt in einen Dodge Viper steigt und mit knapp 300 Sachen ungebremst in Stahlbeton donnert, weil “er es sich dann doch anders überlegt hat”. Eine Amokfahrt mit jähem Ende. Das ist ungesund, tut weh.

Warum tut man sowas? Nun, im Falle des Autofahrers: reine Dummheit. Im Falle von Alcest: ein logischer Kausalzusammenhang. Während für die breite Masse Black Metal wie tumber Lärm vorkommen muss – hier ein Beispiel –, so ruht in jenem Genre nebst der Brachialität, der Wut, der Bitterkeit und der Tristesse auch eine schier unglaubliche Filigranität. Bestes Beispiel, wie beide Welten, die Aggression und Sensibilität, verbunden werden können, zeigten Genregrößen wie Bathory, Watain oder auch Mayhem und Burzum bereits mehrmals mit großem Geschick, am klarsten und deutlichsten jedoch vollzogen die Franzosen diesen Schnitt, denn während bei genannten Kollegen (und vielen mehr) stets beide Seelen, wie bei Goethes Faust, in einer Brust beheimatet sind, verbindet Alcest heute mit dem “wahren” Black Metal von einst nur mehr eine (selten auftauchende, zumeist von Sonnenstrahlen vertriebene) frostige Kälte, eine, die aber auch Größen wie Sigur Rós anheim ist.

Jene, die Isländer, fabrizieren wie Alcest gleichermaßen meiner persönlichen Ansicht nach viel mehr als “schnödes” Shoegazing, dies ist vielmehr eine jenseitige Kopfmusik von Naturalisten – irgendwo zwischen Postrock, Dreampop und Klassik ätherisch und ästhetisch emanzipiert. Bei beiden kippen überschwängliche Oden an die Lebensfreude (und dies wird Stéphane wohl besonders freuen, ist er immerhin mit der Schubladisierung auf “trist und traurig” alles andere als einverstanden) rasant in falsettierte Introspektiven über, die immer wiederkehrenden Wechsel zwischen hypnotischen Traumzuständen und Momenten nahe des Wahnsinns machen ihren musikalischen Reiz aus. Bei Alcest anfänglich noch etwas schüchtern, aber treffend umschrieben bei Souvenirs d’un autre monde, jedoch immer elegischer werdend mit Écailles de Lune und – ebenfalls wie die Faust aufs Auge passend – Les Voyages de l’Ame.

Traumlandschaften mutieren zu Albtraumlandschaften, die dramatischen Exzesse pulsieren, schreien, schweigen – Antagonist und Protagonist verzerren sich gemeinsam zu einem filigranen, aber doch überberstenden Gesamtkunstwerk, Alcest versetzen Sirenen gleich in eine Trance, bewusstseinserweiternde Mittel werden hier obsolet. So schön kann Hässlichkeit, so wärmend die Kälte, so liebreizend die Grausamkeit sein – sollte die Welt doch schlussendlich einmal bersten, wird Stéphane wohl den lähmenden Soundtrack dazu stiften.

Alcest im Schwimmbecken

Dass die Visionen, die auf Shelter nun Neuauflage und gewissermaßen auch Perfektion finden, sich immer näher an Sigur Rós herantasten, liegt natürlich einerseits an den Schritten, die Stéphane selbst immer weiter, immer tiefer in ätherische Höhen treibt, ähnlich wie Dantes Reise durch das dreistufige Jenseits in der Divina Commedia – vom Inferno des Black Metals über die Läuterung im Purgatorium, hinauf, ganz hinauf ins Paradies. Andererseits liegt es aber auch am Produzenten von Shelter: Jener ist Birgir Jón Birgisson, Toningenieur (nebst Facility Manager und und und) im Sundlaugin-Studio (isländisch für “Schwimmbecken”), das im Südwesten von Island in Mosfellsbær gelegen im Besitz von … Sigur Rós ist.

Jenes Studio ist – neben den Arbeiten für Sigur Rós selbstverständlich – vor allem für die glasklaren, filigranen, einnehmenden, aber stets eigenständigen Produktionen von Künstlern wie amiina und Mugison bekannt. Alcest ist nun ebenso eigenständig, kein schnöder Abklatsch des Referenzprodukts, das wäre für einen großen Künstler wie Stéphane Paut selbstverständlich zu billig. Aber doch: Die “schönen” Melodien, getragen und sphärisch, sind ebenso da wie im Hintergrund herumschwirrende Töne, Flocken gleich, die durch dichte Nebelwände den Weg zaghaft nach vorn finden.

Der deutlichste Unterschied, ganz klar, zwischen Alcest und Sigur Rós: Die Isländer singen nicht, wie Alcest, (nebst englischen Sprenkeln) in ihrer Muttersprache allein, sondern drücken sich auch auf Vonlenska – hergleitet von Von, ihrem Debüt, und in der englischen Übersetzung als “Hopelandic” bekannt – aus, eine selbst kreierte Sprache, die Grammatik, Bedeutungen und gar Wörter negiert. Vonlenska ist die sprachliche Metaebene: Melodie ohne der konzeptuellen Sprachbedeutung. Eine Ebene, die aber das Französische aus dem Mund von Stéphane aber ebenfalls zu erreichen weiß.

Wie die Isländer sitzt somit auch der großartige Franzose in einer Zwischenebene, zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Wahn und Sinn und dadurch wandert er auf einem Grat, der gleichermaßen atmosphärisch dicht wie auch erhaben schön ist.

Licht und Dunkel in Wien

Begleitet von den Finnen Hexvessel, die (aus dem Umfeld von Dødheimsgard kommend) gekonnt folkloristisch in die blühende Welt der Naturmystik eintauchen (mit Vorliebe auf den Wald, nicht die Blümchenwiese jedoch), und den Engländern The Fauns, welche fragilen Lichtgestalten gleich durch das Jenseits zu schweben scheinen, präsentieren Alcest Shelter am 17. Jänner in der ((szene)) Wien. Wir empfehlen: Schweben auch Sie hin und holen Sie sich Ihre Erlösung!

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