Alf Poier: Da Da Da!

Alf Poier

„The Making of DADA“, das ist die Geschichte von einem, der auszog – nein, nicht um das Fürchten zu lernen, sondern um dem Strudel des Nihilismus zu entkommen: Alf Poier.

Alf Poier

Du feierst nun mit deinem neuen Programm „The Making of DADA“ dein 20-jähriges Bühnenjubiläum, bezeichnest dich selbst als „Dadasoph“. Wie kamst du mit dieser Geistesströmung überhaupt in Kontakt – ein Einfluss aus dem Elternhaus?

Nein, das überhaupt nicht. Ich bin in einem sehr christlichen Haushalt aufgewachsen. Erst später, während all meiner Jobwechsel, habe ich angefangen, Philosophen zu lesen – von Nietzsche über Kant bis hin zu Schopenhauer. Irgendwann bin ich in diesen Nihilismus reingekippt: kein Sinn, kein Gott, keine Erkenntnis. Ich fiel immer tiefer, aber irgendwann fand ich im Absurden einen Ausweg aus diesem Dilemma.

Letztendlich ist ja alles diskutierbar, außer das Bewusstsein selbst – so wie René Descartes auch schon sagte: „Ich denke, also bin ich.“ Das Bewusstsein ist das Sein, alles andere könnte ein Traum, eine Vision sein. Farben sind nur Oberflächenreflexionen von Farbpigmenten, man kann über die vermeintliche Wirklichkeit – nach Kant – eigentlich nichts sagen. Es gibt auch keine verbindlichen Hinweise darauf, wie wir uns verhalten sollen, und das Absurde, das Groteske, der Dadaismus sind hier für mich zu einem Ausweg geworden. Das war für mich eine große Erlösung im Kopf.

Deine letztendliche „Berufswahl“ war für dich also eigentlich eine Selbsttherapie?

Ja, durchaus. Es ist ja auch kein Job, sondern ein Beruf. Einen Job kann man kündigen – aber bei wem sollte ich schon kündigen (lacht)? Ich habe ja keinen Chef.

Hattest du dennoch einen Plan-B in deiner Schublade liegen, hätte dir zu den Anfängen deiner Kleinkunstkarriere niemand ein Ohr schenken wollen?

Da habe ich oft drüber nachgedacht, aber ich habe noch keine wirkliche Alternative zur künstlerischen Arbeit – zum Kabarett, zur Malerei, zur Musik – gefunden. Bei mir lief es schlussendlich immer auf eine künstlerische Arbeit hinaus. Wobei, ich würde gerne körperlich arbeiten – oder in Neuwaldegg draußen Erdbeeren verkaufen, neben der Straße. Das habe ich schon als Kind gemacht, da habe ich neben der Straße Teppichreste verkauft. Allerdings möchte ich niemandem etwas einreden, sondern ich möchte, dass die Leute von sich aus zu mir kommen. Profi-Schwammerlsucher wäre auch etwas, das ich mir einreden lassen könnte. Aber all das ist ja nicht im Bereich des Möglichen.

Der persönliche Kontakt mit Menschen ist in deiner alltäglichen Beschäftigung also durchaus elementar?

Absolut. Als Künstler brauche ich aber auch absolute Rückzugsphasen, wo ich dann total alleine und für mich bin. Aber ein Sozialleben ist mir schon sehr wichtig. Der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal hat ja postuliert, dass du, wenn du es ganz alleine mit dir aushältst – also heute wäre dies ohne Computer, Handy und Fernseher, alleine in einem Raum – es als Mensch wirklich erreicht hast. Ich habe es versucht, meditierend in einer Höhle, aber das ist nicht meines.

Gibt es diese Höhlenmomente bei dir noch?

Nein, ich habe mich schon so viele Jahre damit beschäftigt, dass ich mit Fug und Recht behaupten kann, ich bin nicht der Typ für sowas. Das ist wie mit dem Faultier und dem Vogel: Das Faultier, der alte Zen-Meister, hängt verkehrt am Ast mit seinem Kopf nach unten und schnappt nur hie und da nach etwas Essbarem, und der Vogel, der flattert dauernd herum, und tut und macht – wenn du den drei Tage verkehrt auf den Baum hängst, ist er hin. Und so geht es auch mir: Beim Meditieren hole ich mir eher eine Thrombose, denn die Erleuchtung.

Apropos Vogel: Man kennt ja Kurt Schwitters berühmtes Dada-Gedicht „An Anna Blume“. Welche Farbe hat der Vogel nun?

Letztendlich die, die uns unsere Sinne vorgaukeln.

Letztlich ist ja auch allein schon die Begrifflichkeit einer Farbe erst über einen gesellschaftlichen Konsens definiert, Stichwort: Ferdinand de Saussure.

Radikaler Konstruktivismus spielt da natürlich auch noch rein, ja. Welche Farbe der Baum und der Vogel darauf haben ist ja schlussendlich für den Baum und den Vogel auch egal – letztendlich müssen wir unseren Sinnen trauen und uns ein Leben lang belügen lassen.

Einer deiner wichtigsten philosophischen Eckpfeiler ist der Individualismus. Ist ein „totaler Individualismus“ überhaupt machbar – und wie kann selbiger in einer Gesellschaft exerziert werden?

Ich glaube schon, dass es einen gesellschaftlichen Konsens geben muss – der ist ja schon für mich als Kabarettist extrem wichtig. Ohne ihn hätten wir Kabarettisten nichts, gegen das wir vorgehen können (lacht). Gewisse Grundregeln muss es also schon geben, es reicht schon, wenn man Kants Kategorischem Imperativ Folge leistet und nicht blind etwas postuliert. Aber es sollten natürlich sämtliche Werte und Ansichten stets hinterfragt werden, das ist auch mit die Aufgabe des Künstlers, da für eine Entwicklung zu sorgen.

Nun ist gerade der Islam bekannt dafür, nicht so gern hinterfragt zu werden.

Da fällt mir ganz aktuell der Fall Jan Böhmermann ein: Er ist ja, größtenteils, von Medien und Künstlerkollegen verteidigt worden. Was mich nur ein bisschen gestört hat, war, dass er auf eine Ebene gegangen ist, die mit dem, was man Erdogan tatsächlich vorwerfen kann, eigentlich nichts zu tun hat.

Geht es dir da um eine Trennung zwischen Privatmensch und öffentlicher Person?

Nicht unbedingt. Aber Ziegen und Kinder ficken waren einfach nicht belegbare Dinge, die mit Medienfreiheit schlussendlich nichts mehr zu tun haben.

Du hast es zuvor bereits angesprochen – du drückst dich nicht nur im Kabarett, sondern auch in der Malerei und der Musik aus. Wie greifen die Kunstformen ineinander?

Es kommt, wie es kommt. Manchmal greife ich mir meine Gitarre und komponiere – und dann steht sie wieder im Eck. Dann wiederum bin ich einmal mit meinem Rad unterwegs und sehe eine besonders schöne Farbe oder ein Motiv, und dann beeinflusst mich das. Das passiert nicht bewusst, ich bin ja schon froh, dass überhaupt was kommt. Momentan fühle ich mich in der Malerei und der Bildenden Kunst sehr wohl. Das Showgeschäft ist da schnelllebiger, nicht so nachhaltig. Es dauert hier unter Umständen nicht so lange wie in der Kunst, bis man sich etabliert hat, aber eine DVD kann man sich aus technischen Gründen vielleicht in 15 Jahren schon nicht mehr anschauen – ein Bild von Rembrandt sehr wohl.

Ich habe sowieso zurzeit ohnehin ein metaphysisches Problem, eine Krise: Wozu das Ganze, wenn ohnehin das Universum irgendwann einmal stirbt und nichts mehr übrig bleibt? Vielleicht ist mir die Nachhaltigkeit auch jetzt wichtig, weil ich doch schon 49 bin – obwohl es mir wurscht sein könnte, was nach meinem Ableben passiert. Aber ich hab das Gefühl, mir würde es taugen, wenn nach meinem Tod Bilder von mir irgendwo herumhängen.

Von wegen Nachhaltigkeit: Haben Kabarettprogramme eigentlich eine Haltbarkeitsdauer?

Das kommt drauf an – ein Karl Valentin ist auch heute noch spielbar, ein Politkabarett aus den Dreißigern wird heute vermutlich keiner mehr verstehen. Es kommt drauf an, wie zeitbezogen man arbeitet. Das Querdenken hält glaube ich länger, als gewisse aktuelle Strömungen.

Wie hältst du die Programme für dich frisch?

Das war bei mir eigentlich nie ein Problem – egal wie oft ich ein Programm gespielt habe, wenn einmal eine kurze Pause war, war ich schon wieder draußen und habe den Text neu memorieren müssen. Jetzt spontan könnte ich dir vielleicht drei Sätze aus „Mitsubischi“ sagen, und das habe ich doch etwa fünfhundert Mal gespielt.

Man darf nur nicht zu oft hintereinander spielen – früher stand ich schon einmal jeden Tag in der Woche auf der Bühne, da war man gedanklich oft bei der Steuererklärung, und das spürt dann auch das Publikum. Deswegen spiele ich weniger, dann macht’s auch mir mehr Spaß.

Welche künstlerische Entwicklung würdest du dir attestieren?

Mein Debüt, „Himmel, Arsch & Gartenzwerg“, war auf jeden Fall ein Versuchsprogramm: so stellte ich mir Kabarett vor. Von da an sind meine Programme immer strukturierter geworden und hatten schließlich eine durchgehende Dramaturgie, eine Aussage. Von meinem Grunddenken, von meinen philosophischen Ansichten, hat sich mein Zugang jedoch nicht sonders geändert. Egal welche Bücher ich lese –  meine Grundgedanken zur Existenz an sich verändern sich kaum.

Kant hat in seiner Philosophie eh schon sehr gut aufgezeigt, wo die Grenzen, die man mit Verstand und Vernunft ergründen kann, sind – und wo dann Dogmatik und Glaube anfangen. Dogmatisch in dem Sinne wollte ich nie werden, weil Glauben für mich Zweifeln heißt und zweifeln will ich eigentlich nicht. Deshalb muss man zum Glauben aufhören und sich mit seinem Nichtwissen und dem unsicheren Weiterverbleib nach dem Tod arrangieren. Ein sicheres Nichtwissen ist mir in diesem Fall lieber als ein unsicherer Glaube. Dada ist halt meine Metaphysik geworden.

Ist dir dabei, in deiner Kunst, das Polarisieren auch eine Art berechnende, kindliche Freude – Stichwort Conchita Wurst?

In dem Fall habe ich mir keine großartigen Gedanken gemacht – ich bin angerufen worden und um ein Statement gebeten worden. Nachdem ich immerhin ein Komiker und nicht der ernste Bundespräsident bin, dachte ich nicht, dass das solche Wellen schlägt.

Aber grundsätzlich war es für mich schon immer, wie du richtig sagst, eine kindliche Freude, zu sticheln und den eingangs angesprochenen Konsens herauszufordern. Aber mittlerweile braucht es bei dem Spalt, der durch die Gesellschaft fährt, ohnehin nicht mehr viel, um eine Eskalation herauf zu beschwören – da reicht ein kleiner Funke schon aus und die Wogen gehen hoch. Man erinnere sich, dass Miriam Weichselbraun Drohungen bekam, nur weil sie über Ursula Stenzel lästere, dass nicht viel aus ihr geworden sei …

Um noch kurz beim Songcontest zu verharren: Du hast bei deinem damaligen Auftritt mit „Weil der Mensch zählt“ den Titel von der SPÖ „geborgt“. Um einen „Human Resource Manager“ zu zitieren: Wo siehst du die Sozialdemokratische Partei in fünf – nicht Jahren, sondern Monaten?

Eine schwierige Frage, die sicherlich auch mit der Flüchtlingsthematik zu tun hat. Aktuell ist der Flüchtlingsstrom an sich ja eher ruhig, aber aus meiner Sicht ist das die Ruhe vor dem Sturm, da braut sich etwas zusammen. Auf die Absprachen mit Erdogan würde ich mich jetzt auch nicht wirklich verlassen … Und gerade mit diesem unsicheren Thema hat der Abstieg der SPÖ viel zu tun – wenn das wieder Ausmaße wie voriges Jahr annimmt, wird sich die SPÖ nicht mehr fangen, glaube ich. Es ist halt nicht wirklich glaubhaft, wenn Werner Faymann plötzlich als Hardliner auftritt. Das nimmt ihm keiner ab.

Siehst du aber prinzipiell eine Zukunft für die Sozialdemokratie, auch nach Werner Faymann?

Nachdem jetzt schon die Diskussion am Tisch lag, in Punkto Ausgrenzungspolitik die Grenze zu den Blauen aufzuheben, ist die Anbiederung und der Ruf der Verzweiflung ohnehin schon passiert. Ich weiß nicht, ob das der SPÖ und ihren Stammwählern gut tut – weil wenn die FPÖ gesellschaftlich legitimiert wird, wieso soll dann jemand den Schmiedl wählen, wenn sich der Schmied auch zur Wahl aufstellt? Aus der Sicht der Parteistrategen ist das jetzt nicht wirklich klug gelöst worden.

Mit „The Making of DADA“ feierst du nun dein 20-jähriges Bühnenjubiläum nach. Wie wichtig sind dir solche Feierlichkeiten?

Eigentlich habe ich so gut wie nie meine Geburtstage gefeiert, weil dafür, dass ich geboren wurde, habe ich nicht sonderlich viel beigetragen (lacht). Aus künstlerischer Perspektive ist mir das dann aber doch wichtig, weil es war schon ein steiniger Weg, von der Kunst leben zu können – aber das kommt im Programm eh vor, wie oft ich damals schon alles hinschmeißen wollte …

Wie wichtig sind für einen Künstler Rückblicke auf sein bisheriges Schaffen – sei es, wie bei dir, in der Aufarbeitung deiner „lachhaften Tagebücher“ oder in Form eines Best-Of?

Ich finde es gut, dass sich eine Generation, die nicht mit meinen Stücken aufgewachsen ist, im Rahmen von nur einem Programm ein Bild davon machen kann, was ich in den letzten 20 Jahren so gemacht habe, für die, die damit aufgewachsen sind, ist es halt ein Rückblick. Mir persönlich gefällt sowas ja auch, vor allem bei Künstlern, die ich noch nicht kenne. Aber ein normales Best-Of wird es von mir vermutlich nie geben – weil ich finde, ein Künstler muss ständig Neues schaffen, deswegen präsentiere ich die alten Sachen in einer komplett anderen Form, eben weil ich die Idee vom „Elektrischen Stuhl“ oder der „Kamikatze“ an sich immer noch gut finde. Wenn man nur kopiert, dann hat das nicht mehr dieselbe Energie wie damals. Axl Rose hat auch nur in „seine Zeit“ gepasst

Wobei: Axl Rose überraschte nicht nur mit Guns N‘ Roses erst kürzlich am Coachella Festival beinahe sämtliche Kritiker, wie auch sehr viele des doch sehr konservativen Publikums von AC/DC in Lissabon …

Echt jetzt? Ich habe nur ganz kurz reingeschaut – aber warum ist er dabei gesessen?

Weil er das Bein gebrochen hatte. Es kursiert ja sogar der gemeine Witz: „Was muss man tun, um Axl Rose pünktlich auf die Bühne zu bewegen? Antwort: Ein Bein brechen.“

Bist du deppert. Ob er diese Doppelbelastung überlebt? Ich habe wie gesagt nur zwei, drei Textzeilen in den Nachrichten gehört, aber die waren wirklich ganz energievoll … Da war er von Brian Johnson gar nicht so weit weg. AC/DC ist für mich ohnehin die großartigste Rockband überhaupt. Ich finde jetzt auch Rammstein und vieles andere neuere super, aber AC/DC sind wirklich die Essenz des Rock’n’Roll. Die alten The Sisters Of Mercy finde ich auch super, „Vision Thing“ und so …

Dich trifft man ja auch des Öfteren auf Kleinkonzerten.

Mein Lieblingslokal in Österreich ist immer noch das Q, wenn ich einmal in Graz bin, schau ich da unbedingt hin.

Du spielst ja auch mit deiner Band, der „Obersteirischen Wolfshilfe“. Wie wichtig ist dir deine steirische Herkunft?

Die Steiermark ist mir grundsätzlich nicht so extrem wichtig, aber sehr wohl der Feistritzgraben – meine wahre Heimat.  Da war ich als Kind schon Schwammerlsuchen, da kenne ich jeden Bach, jeden Baum, jeden Berg – und das ist mein Bach, mein Baum, mein Berg. Dort zieht es mich immer wieder hin, beim Bach weiß ich genau, wo die Forellen stehen, sowas hast du nur einmal im Leben. In Hietzing fühle ich mich zuhause, das ist meine zweite Heimat geworden – da ist es gepflegt und schön grün. Aber in der Stadt kann ich nie so einen Bezug entwickeln wie zur Natur. Ich habe 10 Jahre im 17. Bezirk gewohnt, da fahre ich heute durch, als hätte ich dort nie gelebt – das ist für mich vollkommen belanglos. Beton hat keine Energie, auf den Zirbitzkogel raufgehen, das hat Energie! Wenn ich die Jörgerstraße raufgehe, bin ich froh, wenn ich das hinter mir habe. Oder die Koppstraße, vor allem im Winter! Wenn es eine Hölle gibt, dann stelle ich mir die so ähnlich vor wie die Koppstraße (lacht).

Wie schreibst du eigentlich an einem Programm?

Ich lese wahnsinnig viel und dann schreibe ich mir meine ganzen Ideen immer auf Zettel auf. Die wandern in eine Kiste rein und dann, irgendwann, formen sich Themenblöcke heraus. Um die herum baue ich die Geschichte auf.

„The Making Of DADA“ ist jedoch durch Zufall entstanden: Die Veranstalter des Österreichischen Tagebuch-Tages haben mich angerufen und angefragt, ob ich nicht meine Tagebücher lesen will. Ich wusste jedoch nicht, ob ich schon bereit für Auftritte sei – ich musste ja wegen meines Magens pausieren: Gegen Ende hin bin ich immer von der Bühne gestürmt, musste mich übergeben, und dann wieder auf die Bühne. Aber ich dachte mir, probierst du es halt einmal. Nachdem ich mich einstweilen viel mit Kunst beschäftigt und ein paar größere Ausstellungen gemacht hatte, habe ich das Programm zweigeteilt in eine Lesung und in eine dadaistische Werkschau. Das hat sich dann verselbständigt.

Wie passierte die Auswahl?

Es sind einfach meine Lieblingsobjekte, die ich teilweise auch für die Ausstellung im Bank Austria Kunstforum ausgewählt habe. Die meisten Leute glauben ja, das sei reiner Blödsinn – aber dahinter steckt ja auch ein philosophischer Hintergrund, wie ich schon erklärt habe. Es ist ja alles aus einer geistigen Verzweiflung heraus entstanden.

Es ist ja oft auch ein schmaler Grat zwischen Kunst und Blödsinn. Wie weit siehst du es für den Menschen – sowohl als Individuum, wie auch als Sozietät – ein Schubladendenken notwendig und sinnvoll?

Ich glaube, dass es oft genau umgekehrt ist: Die Kunst ist der Blödsinn, der Blödsinn die Kunst. Das sehen vielleicht nicht alle so, aber Konzeptkunst erschließt sich mir zum Beispiel nicht. Erst letztens steht da in einer Galerie ein Reisekoffer herum, weder beschriftet, noch bemalt. Natürlich kann man das hinterfragen, aber für meinen Anspruch sollte einem auch das Kunstwerk selbst schon etwas vermitteln können. Das ist mir zu wenig. Aber seit Marcel Duchamp ist es halt möglich, dass jeder Gegenstand zur Kunst erklärt werden kann – und das hat wohl eine Zeit lang auch seinen Reiz gehabt, aber ich kann das einfach nicht ernst nehmen.

Kann man dich ernst nehmen?

Ich finde, einen Witz muss man ernst nehmen! Ich erzähle einen Witz ja nicht zum Spaß, ich erzähle den ja ernsthaft. Deswegen möchte ich eigentlich schon ernst genommen werden (lacht).

Wie ist da das Verhältnis zwischen Bildungsauftrag und Unterhaltung?

Früher war ich ja schon extrem. Ich habe nur zerrissenes Gewand getragen und nur provoziert. Was ich schon an Streitigkeiten mit Türstehern hatte! Mir war das einfach wichtig, weil ich diesen Stofffetzenrassismus nicht einsehen wollte. Ich wollte einfach zeigen, dass man alles auch „anders sehen kann“ – man nicht mit dem Ferrari, sondern auch mit dem Waffenrad vorfahren kann. Aber letztendlich wird man die Gesellschaft nicht ändern, sondern man kann nur Impulse setzen. Mittlerweile ist mir das nicht mehr so wichtig, weil man ständig ohnehin nur gegen die Wand rennt.

Übrigens lese ich jetzt gerade das neue Buch von André Heller. Das ist eine super niveauvolle Unterhaltung, aber: er will mir nichts aufzwingen. Und das ist, denke ich, eine ganz gute Mischung.

Natürlich musst du mit deiner Kunst deinen Lebensunterhalt bestreiten – aber spielst du für dich oder (d)ein Publikum?

Meine Kunst ist zu meinem Lebensinhalt geworden und natürlich freut es mich, wenn es Auftritte gibt und man unterwegs sein kann. Als ich damals meine Pause hatte und auf der Terrasse herumgesessen bin, sind die Leute vorbeimarschiert und meinten, wie toll dieses mein Leben doch sei. Aber nach drei Wochen bin ich da teppert geworden! Viktor Frankl hat schon gesagt, es gibt einen Sinn im Leben und einen Sinn des Lebens. Der Sinn des Lebens ist etwas Metaphysisches, den kann man sehr schwer festnageln, ohne dabei dogmatisch zu werden, aber den Sinn im Leben kann man sich selber schaffen – und das ist für mich, Kunst zu schaffen. Wenn man den ganzen Tag nur herumvegetiert, dann kann das schnell im depressiven Hedonismus enden. Ich habe meistens weit unter dem gelebt, als ich mir leisten hätte können. Wenn ich Essen oder Gewand einkaufen ging, kam ich immer mit Büchern heim (lacht) – aber das ist ja auch eine Form von Nahrung, letztendlich. Schließlich ist es auch wichtiger, mit wem man isst, als was man isst. Lieber esse ich mit einem guten Freund eine Käsekrainer als mit einem Trottel Lachs und Hummer.

Hast du eigentlich als alter Schwammerlsucher ein Lieblingsschwammerl?

Parasol – oder Steinpilz!

Kannst du dir eigentlich diese deutschen Massenphänomene von Mario Barth bis hin zu Cindy aus Marzahn erklären, warum die so einschlagen?

Ich habe mir damals in Deutschland einen Namen erarbeitet, ich war in grob 80 Fernsehshows – von Rudi Carrell über Harald Schmidt bis hin zum Quatsch Comedy Club – und war knapp davor die großen Hallen zu bespielen. Aber irgendwann wollte ich das dann nicht mehr. Wenn man aber überall mitmischt, bei all diesen Quiz- und Rateshows, dann wird dein Name zum Selbstläufer. Heute braucht es vielleicht etwas mehr als diese knapp 100 Fernsehauftritte, aber wenn man dauernd sein Gesicht im Fernsehen hat, dann bist du für das Publikum irgendwann ein alter Bekannter und dann kommen sie auch in dein Programm – warum auch immer. Mario Barth ist weder wahnsinnig kreativ, noch wahnsinnig innovativ, vom künstlerischen Gehalt her ist das überhaupt nicht interessant – aber er ist ständig präsent, wenn du den Fernseher einschaltest. Die Massenmedien machen dich zum Massenphänomen.

Es ist hier wie bei den anderen „Promis“: Was kann eine Katzenberger? Oder die Geißens? Das ist der fadeste Schwachsinn überhaupt, ums Verrecken möchte ich nicht so ein sinnbefreites Leben führen – dass die beiden noch nicht von der Brücke gesprungen sind, grenzt beinahe an ein Wunder! Aber gut, die Wirtschaft muss schlussendlich auch wachsen – und du siehst: Du musst nichts können, du brauchst nur Präsenz – und dann wirst du interessant.

 

Alf Poiers „The Making of DADA“, die offizielle Nachreichung zum 20-jährigen Bühnenjubiläum gibt es fortlaufend bis Frühjahr 2017, u. a. im Orpheum Wien und Graz, sowie im Casineum Velden und im Wiener Rothneusiedlerhof.

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