Alles fließt

Das junge Wiener Label Panta R&E ist gleichzusetzen mit dem rebellischen gallischen Dorf aus „Asterix“: Dort werden die Römer verdroschen, hier normierte Strukturen der Rock-Musik.

Ende November stellt man in der ((szene)) Wien seine Künstler vor: Mother’s Cake legten erst kürzlich mit „Love the Filth“ ein Prog-Rock-Album von Weltformat vor, auf dem die drei famosen Tiroler mit kindlicher Begeisterung mit der Notenskala spielen, wie wir alle früher in der Sandkiste. Zudem stehen in den nächsten Wochen mit „Glass Bones“ (Lausch) und „Para Solem“ (Parasol Caravan) zwei weitere Labelhighlights ins Haus. Wir unterhielten uns mit A&R Jonathan Gabler über Gewässer, über Glühbirnen, die Heimat und die Zukunft.

 

„Panta Rhei“ ist ein Aphorismus, der auf Heraklit zurückgeführt: „Alles fließt.“ Wie lässt sich das programmatisch für den Namen deines Labels verstehen?

Gut recherchiert! Ich versuche, mich der Antwort asymptotisch zu nähern. Die metaphorische Übersetzung des Spruchs lässt sich auch mit „alles verändert sich“ interpretieren. Veränderungen (oder im Englischen „Changes“) sind bei Progressiver Gitarrenmusik essentiell, sowohl rhythmisch als auch harmonisch. Innovation ist heutzutage zwar nur mehr schwer zu erreichen, das ständige Wiederholen von bereits da gewesener Kunst wird sie aber mit Sicherheit nicht erreichen. Deswegen versuchen wir, Künstler zu fördern und zu publizieren, die sich auf rastloser Suche nach ihrem eigenständigen Sound befinden.

 

Bereits acht Künstler befinden sich bei Panta R&E unter Vertrag – was eint selbige, schreibt ihr immerhin von einer „stilistischen Konsistenz des Bandangebots“?

Es geht um moderne und progressive Gitarrenmusik. Rock mit einem gewissen “Klescha”, wie der Wiener sagen würde. Natürlich ist der bei manchen Acts stärker ausgeprägt, als bei anderen. Die Bands klingen alle sehr eigenständig und formen – einen Schritt zurück getreten – doch eine Einheit.

 

Deutlicher Schwerpunkt eurer Künstler liegt am heimischen Markt. Wie elementar ist deiner Meinung nach die Herkunft, die Sozietät, die Kultur in der Gesamtbetrachtung?

Der Schritt ins Ausland ist für österreichische Acts natürlich so gut wie unausweichlich – ganz einfach, weil der Markt hierzulande zu klein ist, um nur davon leben zu können. Ich denke trotzdem, dass es für jeden Kunstschaffenden wichtig ist, dort, wo er sich zu Hause fühlt oder herkommt, Beachtung und Anerkennung zu finden.

Ich kann nicht sagen, ob es am Land liegt, aber ich sehe in Österreich jedenfalls eine Vielzahl an starken Künstlerinnen und Künstlern im Genre, in dem wir uns bewegen. Panta R&E ist sozusagen das Dach, unter das sich diese Acts stellen können und sollen. Wir pflegen hier auch einen sehr familiären Umgang miteinander, Stichwort ist “Vertrauen”. Wir wollen beweisen, dass es hier eine Rock Szene gibt, die neue Wege geht und sich international nicht verstecken muss. Auf diese Community gilt es natürlich auch medial aufmerksam zu machen. Das alles heißt aber nicht, dass wir nicht mit internationalen Acts zusammenarbeiten wollen, sollte sich das in der Zukunft ergeben.

 

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Parasol Caravan – Rising

 

Wie international agiert Panta R&E heute, was ist das Zukunftsziel?

Wir haben mit unserem Vertrieb Rough Trade Distributions prinzipiell die Möglichkeit auf der ganzen Welt zu veröffentlichen. Dass das natürlich mit immens hohen Markteintrittskosten (Promotion, geringer Cashback, etc.) in den jeweiligen Zielmärkten verbunden ist, ist wahrscheinlich auch klar. Noch dazu ist es natürlich schwierig, vertrauenswürdige Partner im Ausland zu finden, mit denen man auch zusammenarbeiten möchte. Ich denke, dass wir gerade in Deutschland so einen Partner gefunden haben, der uns maßgeblich unterstützt. Für die UK, wo wir am 16.10. das neue Mother’s Cake Album “Love The Filth” veröffentlichen werden, sind wir jetzt ebenfalls fündig geworden. Es ist natürlich ein Prozess, der nicht innerhalb von fünf Monaten passiert, sondern auf langfristiger Zusammenarbeit fußen muss. Unser Anspruch ist schon, unsere Acts auf internationale Beine zu stellen, man muss aber auch am Boden bleiben und seine Hausaufgaben (das ist in naher Zukunft Österreich, Schweiz und Deutschland) machen.

 

Der „Gabler-Komplex“ bietet quasi Rundumbetreuung für die Künstler – vom Proberaum bis zur Albumaufnahme, von der Musikaufnahme bis zur Videoproduktion, Management und Promo. Wie steht es da um die „gablerische Note“ bei den einzelnen Künstlern – bist gerade du immerhin oft stark auch emotional involviert?

Emotional ist gut. Man brennt natürlich noch ein paar Lumen heller für eine Band, wenn man die Zusammenarbeit auf vielen Ebenen intensiviert. Das heißt aber nicht, dass ich mich überall einmische. “Hilfe zur Selbsthilfe” ist da ein treffendes Stichwort. Im Falle vom aktuellen Lausch Album “Glass Bones” habe ich sogar in der Pre-Production musikalisch mitgewirkt. Das ist für mich natürlich auch ein neues Level und war besonders spannend! Damit wiegt natürlich jedes von der Presse darüber verlorene Wort doppelt – also lieb sein, bitte!

Aber ehrlich: ich sehe das als extra Motivation für meine Arbeit und es ist natürlich auch zehnmal so schön, wenn man sich ehrlich mit den involvierten Personen über Erfolge freuen kann.

 

Was ist euer Label-USP?

360°-Betreuung. Wir können so gut wie jeden Schritt innerhalb des Musikgeschäfts aus einer Hand und zu für die Künstler_innen fairen Konditionen anbieten (im Gegensatz zu Major Labels). Das ist möglich, weil wir ein kleines aber feines Team sind, das alle Bereiche abdecken kann. Eines unserer Ziele liegt darin, im wachsenden und lukrativen Live-Markt zu fußen und eben auch in den Bereichen Booking und Veranstaltungen mit zu mischen. Wir denken, dass das nötig ist, um die Marke Panta R&E weiter aufzubauen. Die ersten Gehversuche in diese Richtung gibt es am 20.11. und 29.11. in der Szene Wien. Wir möchten zunächst Österreichweit die Marke sein, die für dynamische Rock Musik mit dem gewissen Etwas steht.

 

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Lausch – A Game of Fools

 

Erfreulich bei den bisherigen Labelveröffentlichungen war, dass sehr viel Liebe zum Detail nicht nur bei der Musik und Aufnahme, sondern auch bei der Verpackung eingesetzt wurde. Dies in einer Zeit, in der die totale Virtualisierung scheinbar vor der Tür steht und der so genannte „Vinylhype“ verglichen mit der Hochburg nicht einmal verschwindend ist …

Ich denke, dass Musik durchaus für sich genommen, also z.B. als Mp3 stehen kann. Das Portal zu tieferen Dimensionen einer musikalischen Sinneinheit und damit der Weg zu den Gedanken des Künstlers entsteht aber oft durch ein Objekt, ein Album eben zum Anschauen und angreifen. Da hast du natürlich verschiedene Möglichkeiten: Produzierst du möglichst kostengünstig um deine Profite zu maximieren und vernachlässigst das Design oder stellst du einen Gegenstand her, den du selbst gern in die Hand nehmen möchtest, der Fläche für künstlerische Gestaltung und Raum für Kreativität lässt. Musik ist Kunst, warum sie also nicht auch in Kunst verpacken? Ich glaube auch daran, dass Vinyl weiterhin aktuell bleiben wird, einfach weil die Leute gern etwas Schönes und Wertiges in der Hand halten wollen. Klar hören manche Leute nur mehr über Streams oder in iTunes, aber gerade in unserem Genre gibt es haufenweise Genießer, die sich gerne im Artwork und Universum der Band verlieren und sich alle 16 Minuten von der Couch schälen, um die Platte zu drehen. Die wird es meiner Meinung nach immer geben und das sind genau die Leute, die wir in erster Linie erreichen wollen. Nicht, dass wir irgendwen ausschließen wollen, weshalb es ja das ganze digitale Zeug selbstverständlich auch gibt.

 

Immer mehr Bands, so auch Lausch und Parasol Caravan, setzen auf Crowdfunding. Siehst du das als die Zukunft der Musikproduktion an – und wird der „Fan“ da nicht rasch zum „Kunden“?

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist jeder Fan, der einen Tonträger kauft, Kunde eines Labels. Ich denke, dass Crowdfunding Kampagnen den Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit geben, ihre Fans noch viel früher und tiefgehender zu involvieren. Es ist eine weitere Chance mit seinen Leuten darüber zu reden. Einen interessanten Ansatz hat hier vor allen anderen Amanda Palmer (ehemals Frontfrau bei The Dresden Dolls), die es als fast schon natürlich ansieht, für ihre Kunst die Hand aufzuhalten. Wo ist der Unterschied zur Straßenkunst? Es gibt keinen, außer, dass sich die Band virtuell auf die Straße stellt und ihren Content anbietet. Ich glaube auch, dass es für den Fan sehr viel hergeben kann zu sagen: dieses Album gibt es auch, weil ich mitgeholfen habe. Es ist ja immer noch ein Geben und Nehmen.

 

Heute erschien „Glass Bones“ von Lausch, in wenigen Wochen „Para Solem“ von Parasol Caravan. Wären beide Veröffentlichungen, um auf den Labelnamen zurückzukommen, Gewässer – welche wären sie dann und warum?

„Glass Bones“ wäre wohl ein aufgewühltes Meer – voller Untiefen, Gräben und Riffen und das alles bei recht rauem Seegang – Spannend und mit Tiefgang.

„Para Solem“ gleicht am ehesten einem reißenden Lavastrom. Zählt das als Gewässer? Ist ja eigentlich nur heißer Stein, aber fließen tut’s trotzdem. Brennende Leidenschaft, unerwartete Wendungen und explosive Ausbrüche, eine ganze Menge schwarzer Rauch – hier geht die Post ab.

 

Für das Frühjahr sind bereits vier weitere Veröffentlichungen geplant, heißt es. Kann man dahingehend schon etwas verraten?

Wir sind auf einem guten Weg, unser dahingehendes Ziel einzuhalten. Es bleibt auf jeden Fall zunächst Österreichisch. Jetzt folgt ein wahrscheinlich unlösbares Rätsel: Eine Produktion wird vom Frontmann einer anderen Band produziert, die ebenfalls an einer neuen Scheibe arbeitet. Eine andere fährt das Prinzip der Dualität bis zum Schluss, die vierte wird am besten mit dem Wort „Kompromisslos“ zusammengefasst. Sonst darf ich noch nicht viel verraten, außer, dass sie mit Sicherheit verdammt durchwegs geil werden.

 

Am 20. und 29. November wird in der ((szene)) Wien der Label-Rooster präsentiert. Tickets hierfür gibt es bei oeticket.com.

Freitag, 20. November: Parasol Caravan, MILK+, Palindrome, Solar Blaze
Sonntag, 29. November: Mother’s Cake, Dewolff, Lausch, She and the Junkies

 

Lausch

„Glass Bones“ von Lausch ist am 9. Oktober erschienen.

Grob geschliffen, mit natürlicher Anmut, ist dies eine quirlige „Konkrete Poesie“ – artsy, aber mit Feingefühl. (!ticket Printausgabe 10/2015)

 

 

Parasol Caravan

„Para Solem“ von Parasol Caravan erscheint am 30. Oktober.

Gekonnt wie Magier Sardu ziehen die Linzer hypnotisch in ihren Bann, locken ins fließende Licht der Gottheit. (!ticket Printausgabe 11/2015)

 

 

 

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