Alter Bridge: Düster und voller Hoffnung

Vor zehn Jahren nach der Trennung von Creed gegründet, entwickelten sich Alter Bridge zu einer der größten Rockbands aller Zeiten. Auf den Lorbeeren Ausruhen gibt’s nicht: Intensiv, düster und voller Hoffnung kommt ihr neues Werk Fortress daher. Sänger Myles Kennedy erzählt uns im Interview, warum das so ist.

Was aus den drei ehemaligen Mitgliedern von Creed, Mark Tremonti (Gitarre), Brian Marshall (Bass) und Scott Phillips (Schlagzeug), hervorging, konnten nur wenige voraussehen: In einer fast direkten Übergangsphase trennten sie sich von ihrem ehemaligen Sänger Scott Stapp und holten sich Myles Kennedy, den damaligen Sänger von The Mayfield Four, ins Boot. Sie veröffentlichten noch im Jahr 2004 das erste Album One Day Remains. Von da an sollte es steil bergauf gehen, mit zwei weiteren Veröffentlichungen und dem nun in den Löchern scharrenden Fortress.

Myles Kennedy ist mit Sicherheit einer der eindrucksvollsten Rock-Sänger der Welt und dennoch so bodenständig. Der Mann, der sogar als Lead-Sänger für Slashs Soloprojekt eingeladen wurde, erzählt uns in einem gemütlichen Telefongespräch, warum sich Alter Bridge so stark verändert hat und dass er vor zehn Jahren niemals an kommerziellen Erfolg geglaubt hätte.

Euer Sound ist im Vergleich zu One Day Remains düsterer und härter geworden.

Myles Kennedy: Ja, im Laufe der Jahre sind wir irgendwie in diese Richtung gegangen. Vor Kurzem hörte ich zufällig einen Song von One Day Remains im Shuffle-Mode. Ich dachte mir: „Mann, wir haben uns wirklich verändert, Musik und Texte sind viel düsterer geworden.“ Aber ich mag es!

Habt ihr den Sound absichtlich verändert?

Myles: Zu einem gewissen Grad, ja. Es war für uns der natürliche Weg. Ich glaube, unsere Fans haben uns zu verstehen gegeben, dass sie das düstere Zeug mögen. Aber gleichzeitig versuchen wir, gewisse Elemente von früher beizubehalten, wodurch die Songs trotzdem melodisch bleiben.

Wie hat sich euer Songwriting-Prozess seit One Day Remains verändert?

Myles: Er hat sich seit Blackbird (Zweites Album, 2007, Anm.) nicht wirklich verändert. Bei One Day Remains war es anders, da waren viele Songs schon fertig, bevor ich überhaupt in der Band war. Als wir aber die Sessions für Blackbird starteten, hatte jeder seinen Platz im kreativen Prozess gefunden.

Obwohl euer Sound hart ist, übertragt ihr immer ein Gefühl der Hoffnung, wie auch auf Fortress. Glaubst du, dass das einer der Gründe für euren Erfolg ist?

Myles: Vielleicht. Das ist ein gutes Argument. Ich glaube, die Leute hören und sehen das gerne in der Kunst. Es ist so ein universelles Thema, am Ende des Tages einen Lichtstrahl zu sehen. Vieles auf dem neuen Album ist sehr intensiv, da kommen Themen wie Verrat. Das kommt als akustisches Bündel hervor. Aber zwischen drin kommt immer wieder die Hoffnung.

Keiner der Songs auf Fortress ist kürzer als vier Minuten. Denkst du nicht, dass das ungewohnt für einen normalen Hörer sein kann?

Myles: Wir tendieren dazu, unsere Arrangements immer mehr zu erweitern. Es war wichtig für uns, vom typischen „Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Bridge-Refrain-Ende“ Zeug wegzukommen, da wir das schon genügend auf vorherigen Platten gemacht haben. Wir wollten uns wirklich selbst verändern und die Arrangements interessanter machen.

Denkst du, ihr habt eure Fans schon an ein eher progressives Hör-Erlebnis gewöhnt?

Myles: Ja, das glaube ich! Mit jeder Platte versuchen wir, weiter zu gehen. Wir wollen die Grenzen sprengen. Bei Fortress wussten wir, dass ein paar Songs mit mehr als sechs Minuten die Fans nicht ausflippen lassen. Sie sind ja nicht nur darauf vorbereitet, sondern haben uns wissen lassen, dass sie das mögen und dass es das war, das sie am Song Blackbird (Titellied des zweiten Albums, Länge: 7:58, Anm.) so gerne mochten.

Was waren eure Ziele beim Schreiben des Albums?

Myles: Bei jeder Platte ist es das Ziel, etwas Anderes auszutesten. Da gibt es eine Balance: Man will die Fans nicht verstören, die eine gewisse Art von Sound erwarten. Aber gleichzeitig will man zeigen, dass man gewachsen ist und sich nicht nur auf seinem vorangegangenen Erfolg ausruht.

Hast du dir jemals so viel Erfolg vorgestellt, bevor du zu Alter Bridge gekommen bist?

Myles: Absolut nicht! Alles, was in den letzten zehn Jahren passiert ist, ist für mich eine riesige Überraschung. Ich bin sehr dankbar dafür, aber ich hätte es niemals erwartet.

Warum?

Myles: Ich glaube, ich wurde so erzogen, dass ich immer möglichst realistische Erwartungen habe. Ein Teil davon kommt auch von dem, woher ich komme. Es ist kein wirklich kleiner Ort, aber auch nicht New York oder L.A., deshalb schienen mir Träume vom Musikmachen und von Welttourneen immer sehr weit gegriffen. Als Jugendlicher war das einzige Ziel, überhaupt Musik machen zu können, ob als Lehrer oder Bar-Musiker. Genau das habe ich Anfang 20 gemacht und ich dachte, ich hätte alles erreicht. Im Laufe der Zeit habe ich dann immer wieder neue Sachen versucht, eigene Songs geschrieben und in Städten wie Seattle oder Portland gespielt. Es war ein langsamer Prozess. Und jetzt, die Zeit 20 Jahre nach vor gedreht, sitze ich in Berlin und telefoniere mit dir. Es ist eine verrückte Reise.

 

Tickets bei oeticket.com

 

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!