Andreas Vitásek – Sekundenschlaf

Wirklich viel muss man nicht mehr erzählen über jemanden, der seit über 30 Jahren als Kabarettist bekannt ist. Neues gibt es dennoch immer, Spannendes natürlich auch! Andreas Vitásek – ein interessanter Zeitgenosse, nicht nur auf der Bühne!

Sekundenschlaf. Dass es nicht immer einfach ist, seinem neuen Programm einen Namen zu geben, erzählte uns auch Thomas Maurer – ebenda vier Seiten zuvor. Auch Andreas Vitásek findet dies mitunter schwierig, da es besagten Titel ja schon geben muss, bevor überhaupt ein Programm geschrieben wurde. „Ich hatte mal ein Programm, das hieß Kurzzugende – der Name hatte mit dem Programm gar nichts zu tun. Ich bin gerade bei der U-Bahn gestanden und bin angerufen worden und es wurde ein Titel für mein neues Programm verlangt und ich sehe dieses Schild Kurzzugende vor mir und denke mir, das ist ein lustiger Name.“

Sein aktuelles Programm heißt Sekundenschlaf – nicht im Sinne von Sekundenschlaf = Autounfall. „Ich will eigentlich nicht, dass man das sofort mit Unfall assoziiert – damit meine ich das kurze Wegnicken, das kurze Wegsein aus der Realität – diese Phase zwischen Realität und Traum, wo man nicht mehr weiß, ob etwas wirklich passiert oder nicht.“ Dieses Gefühl kennt wohl jeder von uns: Da wacht man in der Früh auf, ist noch irgendwie zwischen Traum und Wirklichkeit und möchte sich einfach noch einmal umdrehen. Dann aber, dann fängt er schon an, der hektische Alltag.

(c) Udo Leitner | Andreas Vitásek bei der Premiere im Wiener Rabenhoftheater

(c) Udo Leitner | Andreas Vitásek bei der Premiere im Wiener Rabenhoftheater

Entschleunigen. In Zeiten von Emails, Firmenhandys und Co. erkennt man immer wieder eine gewisse Tendenz zum „Coolerwerden“. Die Hektik des Alltags ist allgegenwärtig – man hirscht von Termin zu Termin, weiß nicht mehr, wann das Büroleben aufhört und wo das Privatleben anfängt und schlussendlich sollte man sich des Öfteren ein Entspannungsbad gönnen und einfach an Nichts denken. „Ich glaube, es täte allen ganz gut, ein bisschen zu bremsen. Damit der Kochtopf nicht explodiert“, so Vitásek. Ob nun der Lauf der Zeit, technologische Neuerungen oder man selbst die Ursache einer Überforderung durch Schnelllebigkeit ist, sei dahingestellt. Man muss allerdings einen Weg finden, sich selbst zu entspannen und auf das Wesentliche zu konzentrieren. Andreas Vitásek findet seine Entspannung in der Musik.

Musik. Er besitzt über 1.000 Vinyls und etliche mehr CDs. „Ich bin ein großer Musikfreund, selbst zwar ziemlich unmusikalisch, was die Reproduktion von Musik betrifft. Aber als Rezipient bin ich begeistert. Ich besitze alles quer durch den Gemüsegarten.“ Fast alles findet sich also im Vitásekschen Musikregal, nur bei Death Metal muss er passen. Auch im Klasssikbereich ist die Auswahl nicht sehr groß. Allerdings findet sich sein ganz persönlicher Musikentspannungstipp, dann doch in eben diesem Genre: „Sich hinlegen und nebenbei Musik zu hören, das ist für mich eine Möglichkeit der Entspannung. Wenn dann noch mein Hund kommt und sich zu meinen Füßen hinkauert, dann ist das überhaupt sehr bequem. Mein großer Tipp zur Entspannung sind Mozarts gesammelte Klaviersonaten von Gulda. Die Sammlung besteht aus fünf CDs, die hat Gulda eigentlich als Demobänder aufgenommen, und hat das dann an die Deutsche Grammophon, oder wen auch immer, geschickt, damit sie das produzieren. Die Tonbänder sind dann verschwunden, waren im Safe bei der Firma, und die sind jetzt genau so erschienen – also einfach mit digitaler Bearbeitung. Das klingt wirklich großartig.“ Musik spielt im Leben des Kabarettisten prinzipiell eine große Rolle: Wie auch Kollege Maurer, hätte er gerne Nick Cave am diesjährigen Frequency gesehen, er ist ein großer Tindersticks-Fan, Sade war das letzte großartige Konzert, das er in seinem straffen Zeitplan unterbringen konnte. Prinzipiell bleibt ihm aber einfach auch wenig Zeit selbst auf Veranstaltungen zu gehen und im Publikum zu stehen.

Publikum. „Von seinem Publikum darf man eigentlich nichts verlangen. Außer, dass es Eintritt zahlt und die Handys ausschaltet. Naja, reinreden sollte es auch nicht allzu oft. Aber sonst dürfen sie alles machen.“ So Vitásek über seine Fans und Zuseher. Auf die Frage, ob man vielleicht Dinge auf die Bühne werfen dürfe, meinte der Kabarettist, dass liebe Dinge, wie etwa Teddybären, sehr willkommen seien. BHs würden seine Besucher übrigens nicht werfen – die wären schon eher im Stützstrumpfalter. Mit seinem Publikum kann Andreas Vitásek sich übrigens gut identifizieren – oder es sich mit ihm, das ist Ansichtssache. Er versucht dem Publikum bei seinen Auftritten auf jeden Fall Solidarität zu vermitteln – das gelingt ihm auch meistens hervorragend, da er, sobald er auf die Bühne tritt, ein Teil des großen Ganzen ist. Es fühlt sich an wie ein „Miteinander“ und nicht wie ein Frontalvortrag von der Bühne. Wichtig ist die Authentizität, die Andreas Vitásek nie zu verlieren scheint, egal ob auf der Bühne oder vor der Fernsehkamera. Ein Erfolgsrezept dafür könnte wohl sein, einfach Mensch zu bleiben und nicht abzuheben …

(c) Udo Leitner

(c) Udo Leitner

Mensch. Im Gespräch mit TICKET offenbart Andreas Vitásek viel Interessantes: So war er beispielsweise bei der Arena-Besetzung dabei, und zwar wirklich! Er war gerade einmal 20, das perfekte Alter eigentlich, um bei so einer Sache dabei zu sein. „Die Arena war eine Initialzündung. Auch für die Politisierung von jungen Leuten. Für mich war das damals zum ersten Mal, dass man gesagt hat, man geht auf die Straße, man demonstriert, man hat einen Gegenstand für den man eintritt. Die Nachwehen der Arena-Besetzung waren dafür verantwortlich, dass es diese reiche Kultur– auch die Möglichkeit der Alternativkultur und der Kleinkunst – gibt. Es haben dann Lokale wie das Amerlinghaus und in der Folge die Kulisse, das Spektakel aufgemacht. Die Menschen, die diese Orte eröffnet haben, kamen auf irgendeine Art und Weise aus der Arena-Besetzung. “ Weiter erfahren wir, dass er jungen Leuten, die ihn fragen ob sie Kabarettist oder Schauspieler werden sollen, davon abrät. Aus einem ganz einfachen Grund: Wenn sie es wirklich machen wollen, dann kümmern sie sich nicht darum, was er ihnen geraten hat und gehen ohnehin ihren Weg. Diejenigen, die auf ihn hören, da ist es vielleicht besser so, dass sie diesen Weg nicht eingeschlagen haben. Andreas Vitásek nimmt sich einfach nicht zu wichtig, ist sympathisch und birgt wohl eine Vielzahl an Interessen und Leidenschaften, von denen wir bis dato gar nichts wussten.

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