Anna von Hausswolff: The horrors, the horrors …

Anna von Hausswolff

Am 22. Oktober eröffnet die Schwedin Anna von Hausswolff für Swans in der Wiener Arena. Mit dem Video zu “Come Wander With Me / Deliverance” gibt es nun eine schauerliche Einstimmung.

Anna von Hauswolff9.000 Pfeifen insgesamt, 91 Register, dazu 35 Transmissionen und 68 Extensionen. Zusätzlich ein eingebautes Glockenspiel, Vibraphon, Celesta und Rhythmusfunktionen. Nicht zu vergessen ein Satz Pfeifen, die in einem Wasserbad stehen und wie aufgeregt zwitschernde Vögel klingen: Die Orgel im Acusticum im nordschwedischen Piteå ist nicht nur eine der größten Europas, sondern hält ein außergewöhnliches, denkbar breit gefächertes Klangspektrum bereit. Ein Klangspektrum, das Anna von Hausswolff auf ihrem dritten Album “The Miraculous” weit auszuschöpfen bereit ist – allerdings nur im Segment Moll.

Hausswolff und das Unheimliche

Irgendwie liegt es ja auch in der Familie: Der Vater, Carl Michael von Hausswolff, experimentiert künstlerisch mit Störungen, und bereits die beiden “Miraculous”-Vorgänger “Singing From the Grave” (2010) und “Ceremony” (2013) des einen Töchterchens Anna ließen mit musikalischen Fremdwelten aufhorchen — waren es doch verstörende Soundcollagen statt schönen Vers-Chorus-Bridge-Reihen, nicht gefällig für den profanen Ö3-Hörer, sondern orchestral, als würden Engel verklärt durch ein Kirchenschiff schweben, zu Orgelklang und Lobgesang, bevor sie mit flammenden Pfeilen neben Gottes Sohn genagelt werden und das flammende Inferno über das Gotteshaus darnieder bricht. Ihr Geschick ist ein sphärischer Pathos, der den Soundtrack zu Dantes “Divina Commedia” stellen könnte: “Ihr, die ihr eintreitet, lasst fahren all eure Hoffnung!”

“The Miraculous” nun, ihre letztjährige Veröffentlichung, ist irgendwie ein Querschnitt durch die Musikgeschichte geworden – nicht chronologisch, dafür wahnwitzig: Hier fließt gekonnt ein glockenheller Folk-Hymnus aus seligen Hippiezeiten in eine blubbernd-drohende Experimentalphase, konterkariert spielerisch mit gottesdiensttauglichen Kathedralepen, die jedoch unweigerlich von einem epischen Lärmgebirge niedergewalzt werden. Irgendwo dazwischen drin: transparente Perkussionexkursionen, ein Zischen, ein Donnern – als hätten Extremisten wie SunnO))) verdammt üble Montagsstimmung, und der Kaffee ist auch noch alle. Es ist schlichtweg erstaunlich, nicht nur welch einen Kosmos die 29-Jährige bereits zu entlocken weiß, sondern auch mit was für einem pointierten Feingefühl und Unerbarmen gleichermaßen – aber da war wohl die avantgardistische Erziehung ihres Vaters wohl mitschuldig, dass sie zielsicher den umgekehrten Weg in archaische Soundwelten einschlug, denn so vertrackt ihre Konstrukte oberflächlich auch erscheinen mögen, so dringen sie doch zielsicher in die tiefsten menschlichen Abgründe vor, bohren sich die 9.000 Pfeifen unbarmherzig durch Fleisch und Sehnen, machen Blut gierig blubbernd ans Licht strömen, Knochen bersten, bevor ihnen ein wehmütiges “Ach!” entfleucht, in diesem somnambulen Zwischenreich, das irgendwo zwischen Horrorfilm und Märchen changiert.

Der Horror der Hausswolff Schwestern

Und einen tatsächlichen Horrorfilm – nicht auf Level “Hollywood”, mit blankbrüstigen Blondweibern, die dem farblosen Sensenmann strunzdumm in die Arme torkeln, als wäre ihnen das Silikon zu Kopf gestiegen, sondern tatsächlich düster und angsteinflößend – liefert zu einem der aktuellen Stücke, dem Monstrum “Come Wander With Me / Deliverance”, die andere Hausswolff-Tochter ab, Maria, die zuletzt maßgeblich an Tafdrups “Forældre” mitwirkte und somit in ähnlichen Gewässern wie ihre Mutter Marietta von Hausswolff von Baumgarten fischt, die u.a. für “The Babadook” verantwortlich zeichnet.

Wir haben hier ein ausuferndes, kathartisches Ungetüm vorliegen, das sich lasziv in seiner Geilheit des Verdorbenen räkelt, hypnotisch und dunkel in die tiefsten unheimlichen Gelüste mäandert. Schlappe 11 Minuten Endzeitstimmung, Düsternis und Drama treiben in einer perfiden Symbiose zusammen ihr Unwesen – dagegen sind selbst die vier apokalyptischen Reiter, die durchs Drommetenrot fahren, ein kümmerliches Lärcherl dagegen, denn im unheilschwangeren Rot, da ist zumindest noch etwas Licht und ein Hauch von hoffnungsvoller Erlösung begraben. Doch hier, in diesem Streifzug, der eigentlich ein erweitertes, sukzessive gewachsenes Semi-Cover von Jeff Alexander & Anthony Wilson aus “The Twilight Zone” ist, ist selbst das Licht dunkel — nun nicht nur musikalisch, sondern auch optisch treffend exerziert. Über das in schwedischen Wäldern gedrehte Video erzählt Maria von Hausswolff: “It’s an abstract dreamy tale about loneliness, about fighting against your own demons and about being strong.”

Wir sind – nach Alfred Schulers “Fulgura Introiti” – “bereit zu Beil und Schlachthieb, bereit zum Herzblut, Schalen zu füllen für Trunkne, Versunkene, heiße, dampfende Herzblutschalten.” Schließen wir gemeinsam diesen Blutring.

 

https://www.youtube.com/watch?v=q2vCXAcppi4

Am 22. Oktober werden in der Wiener Arena Swans von Anna von Hausswolff begleitet – originärer in Punkto Sound und Ästhetik geht nicht. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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