Aus eins mach zwei

Neben Slayer, Testament und Exodus, Overkill, Demolition Hammer, Anthrax und Death Angel, sowie Megadeth und Metallica und den deutschen Heroen Kreator und Sodom zählen sie zu wichtigsten Thrash-Metal-Bands: Die Brasilianer Sepultura, die nach vielen Wirren und einer Menge Tiefs nun mit einem wieder überzeugenden Lebenszeichen gleich doppelt in Österreich einkehren. Ein Zeitraffer.

 

Das Zetermordio-Geschrei war groß, als 1996 Max Cavalera aus Sepultura geschasst wurde, auch wenn den Brasilianern mit Roots endgültig gelang, was Chaos A.D. schon drei Jahre zuvor einleitete: eine Abkehr vom bodenständigen Geprügel, das insbesondere Beneath The Remains aber auch Arise zu Genre-Referenzprodukten – und darüber hinaus – werden ließ. „Rest in Pain!“, zitierten da schon lange zahlreiche Ur-Fans verärgert, pilgerten dennoch weiterhin zu den Konzerten, denn zumindest auf der Bühne waren die vier – und insbesondere Fronter Max Cavalera – für Charisma und ordentlich Gummi noch immer zu haben.

Man sehe sich allein die Bewertungsentwicklung auf der weltweit führenden Heavy-Metal-Enzyklopädie an: Rangierten die Veröffentlichungen der Achtziger und frühen Neunziger noch bei respektablen Bewertungen ab 81, gar hinauf bis zu beinahe himmelhoch jauchzenden 93 Prozent, so fiel man anschließend – insbesondere nach dem Weggang von Max Cavalera – in den Gulli, man gurkte bei einem mediokeren fifty-fifty herum.

 

Adam und Eva

Grund für den Bruch war, wie so oft, eine Frau: Der Vertrag von Bandmanagerin Gloria Cavalera (wie mein Kollege Robert Fröwein von der Krone meint, die „Yoko Ono des Thrash Metals“) lief mit Roots aus. Max, Ehemann von Gloria, wollte es nicht akzeptieren, dass seine Band-Kollegen (und insbesondere sein schlagzeugender Bruder Iggor) nicht verlängern wollten und stieg höchstgradig angepisst schließlich aus der Band aus. Was genau im Hintergrund passiert ist – die einen sprechen von einer überbordenden Einmischung von Gloria in die Bandbelange, von einer Bevorzugung von Max, andere wiederum von einer „krankhaften Eifersucht“, sowie von einer rüden, ja herzlosen Abfertigung des Todes von Glorias Sohn Dana durch die Band. Sei es wie es sei, Max zog den Hut – und gründete Soulfly.

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Und täglich grüßt das Murmeltier

Aus eins mach zwei – gerade im Hard-Rock- und Heavy-Metal-Zirkus ist’s Gang und Gebe, dass Kollektive brechen, und aus der Asche nicht ein, sondern zwei Phönixe entsteigen: Aus Ozzy und Black Sabbath wurde Ozzy Osbourne (man höre die fantastische Arbeit von Randy Rhoads!) und Black Sabbath mit Ronnie James Dio selig (auch wenn für zahlreiche der Sabbath nur mit der Heulsuse gefeiert werden kann).

Aus Metallica entwuchs, nachdem Dave Mustaine James Hetfield das Zuckergoscherl im Streit poliert hat, Megadeth – und man lieferte sich über Jahre hinweg ein Hick-Hack, das musikalisch (Rust In Peace versus The Black Album – who wins?) wie sozialhistorisch gleichermaßen durchaus feurig wie eine Chili-Schote geriet.

Interimsmäßig teilten sich Iron Maiden und Käpt’n Bruce Ende 92 entzwei, und wenngleich The Chemical Wedding (Bruce) hier im Rennen die Nase vorn hat: So schlecht war The X Factor trotz Blaze Bayley nicht.

Frank Blackfire verließ nach dem Sodom-Glanzmoment Agent Orange die einen Ruhrpotter, und zog bei den anderen – Kreator – ein. Das Resultat war zum Niederknien, ein Traum: Coma Of Souls – aber auch Angelripper ließ nichts anbrennen und verkündete: „The Saw Is The Law!“ Ratatata.

Ein weiterer – von vielen – Aufschreien ging auch 1996 (wo wir wieder bei Sepultura wären) durch die Presse, als Chris Barnes aus Cannibal Corpse flog, da seine Leistung am Abstinken war – wohl auch, weil nicht nur Alkohol, sondern auch zu viel Grünkraut die Birne hohl macht. Seitdem ist er „Six Feet Under“ – und wenngleich er nur mehr selten an die Höhepunkte von Haunted anschließen konnte, so durften sich zumindest Webster und seine Herren die Händchen reiben: Noch vor Pat O’Brien (Gitarre) stahl man den Kollegen Monstrosity George „Corpsegrinder“ Fisher und hat seitdem einen brünftigen Stier auf Testosteron hinter dem Mikro wüten. Monstrosity, nicht minder stark, legten mit Jason Avery als Ersatz für den Fischgrinder vielleicht sogar noch ordentlich zu.

Und, und, und – die Liste ließe sich endlos weiterführen, da ist der „Frauentausch“ auf ATV ein Lärcherl dagegen! Aus eins mach also zwei, hier, im Kern der Geschichte, aus Max und Sepultura nun ein Soulfly und Sepultura, ob nun ein, zwei oder kein Phönix jener Asche entstieg, darum streiten sich die Götter.

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Jump the fuck up!

Alle Subjektivität außen vor gelassen: Weder die einen, die im schwarzen Hünen, dem 12-Meter-Prügel Derrick Green Max-Ersatz fanden, noch die anderen, die mit Soulfly Roy Mayorga (heute: Stone Sour) auf die große Bühne erst brachten, boten starke Referenzen an das Frühwerk der brasilianischen Grabesfürsten. „Jump the fuck up!“, Quasi-Slogan der in der Mitte der Neunziger aufkeimenden Nu-Metal-Phase, stand bei Soulfly von Anbeginn, bei Sepultura spätestens ab Against in Capitals am Cover, wenn nicht bereits Chaos A.D. hierfür bereits Vorarbeit leistete.

„There was a time when the idea of Sepultura recording without Max Cavalera seemed unthinkable. But the incendiary Green turned out to be a fine replacement.”, urteilt Allmusic, und tatsächlich: An den „neuen” Sepultura ist es jenem über weite Strecken gelungen, einerseits Max nicht zu kopieren, dafür aber selbigen – allein wegen der Größe – in Imposanz und Bühnenqualitäten das Wasser zu reichen, während Max und seine flatterhaften, stets wechselnden Seelenbrüder zwar von Soulfly bis Savages tatsächlich immer mehr an Gewalt und Wucht zulegten, die lästigen Tribal-Einflüsse dabei immer stärker zurückschraubten, aber dennoch – außer auf der Bühne – niemals auf absolut voller Länge zu überzeugen wussten. „Arise on crack“? Nunja, auf „Cracker“ vielleicht.

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Sepultura jedoch verabschiedeten sich nicht nur immer tiefer in ein vom lästigen Tribal-Jam regiertes Aus, das – wenngleich die Themen stets „reifer“ wurden – von austauschbarer Primitivität geprägt wurde. Against, Nation und Roorback sind schlichtweg unhörbar, ein lieblos zusammengestückeltes Gequietsche auf den Gitarren, ein Getrommel wie vom kleinen Fratz im Küchenkastl zwischen Töpfen und Pfannen. Max, o brother, where art thou? Cavalera, das zeigen auch die Credits auf Arise, ging nicht unbedingt als Sänger, auch weniger als Fronter – aber vielmehr als starker Songwriter ab. Vielleicht hat sich deswegen auch sein Bruder Iggor nach Dante XXI wieder mit Max zusammengerauft und liefert seitdem unter dem Banner Cavalera Conspiracy zwar keine „Sepultura-Reunion“ ab, aber immerhin eine akzeptable Reminiszenz an den Post-Thrash von Chaos A.D., ein „blunt force trauma“ als durchaus gelungenes Bindeglied zwischen Anhängern von Slayer und Korn.

Allein: Wenngleich sich Sepulturas Mediator (so der Kurztitel des aktuellen Studioalbums) – thematisch angelehnt an Fritz Langs Metropolis – qualitativ nicht über die Maßen aus der Reihe der Spätwerke hervorhebt, so sei doch auf zwei Positiva hingewiesen: Der herrlich dreckige, knarzige Sound von Paulos Bass und eine Stimme, die eine ähnliche Düsternis wie zu Bestial Devastation-Zeiten verstreuen kann, nur grimmiger. Jungspund Eloy Casagrande als mittlerweile zweiter Iggor-Ersatz geht okay, dafür Dave Lombardos Cameo etwas in die Hose. Waren Dante XXI (ein Kniefall vor dem großen Dante Alighieri), A-Lex (angelehnt an Clockwork Orange) insbesondere, stellenweise auch Kairos mittlerweile zumindest wieder hörbar, so bietet man auf der Huldigung an den Stummfilmklassiker gar ein paar wenige Nummern, die selbst Konservative durchaus gern im Live-Set hören mögen: Trauma Of War bitte zwischen Arise und Inner Self schieben, mit The Vatican die Zugabe eröffnen und irgendwo im Dunstkreis von Troops Of Doom mit The Bliss Of Ignorants querdüsen!

 

Dresch Dill Des!

Nachdem Andreas Kisser erst kürzlich dem britischen Metal Hammer erklärte, es sei auf der folgenden Tour durch Europa ein Querschnitt durch das Gesamtprogramm zu erwarten, allerdings mit einer Last auf „neues Material“, so darf man hoffen, nicht allein Refuse/Resist und Arise von „damals“ geboten zu bekommen. Immerhin feiert man 30-jähriges Bestehen: „Leave the politics in the past and come have a good time.”, sprach‘s, der Herr Kisser, und machte sich auf, raus aus Belo Horizonte, hinaus in die Welt.

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Die Tour, sie macht übrigens gleich zweimal Halt in Österreich: Am 19. Februar in der Wiener Arena, am 20. Februar im Salzburger Rockhouse – im Gepäck auch nicht gerade Kleinvieh: Legion Of The Damned, Flotsam & Jetsam (auf deren Debüt, Doomsday For The Deceiver, stand übrigens noch ex-Metallicas Jason Newsted im Mittelpunkt), sowie Mortillery, die von einer Frau angeführt und mit einem Auge zu Iron Maiden schielend eine Huldigung an die alt-ehrwürdige Bay Area abliefern. In dem Sinne halte ich es mit Metallica: „Metal Up Your Ass!”

 

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