Beginner melden sich mit “Advanced Chemistry” zurück

Nach 13 Jahren sind sie endlich wieder zurück: Am 26. August erscheint das neue Album der Hamburger Beginner auf Universal Music – es hört auf den Namen “Advanced Chemistry”.

beginner-advanced-chemistry-cover-artwork-2016Was los Digger, Ahnma! Die Beginner sind also nach 13 Jahren wieder mit einem Album da. Deutschraps erste Nr. 1 (anno 2003 mit dem Album „Blast Action Heroes“) setzt DEN Urvätern des Deutschrap – den Heidelbergern von Advanced Chemistry – ein Denkmal mit dem gleichlautenden Titel des Albums. Eine Rückbesinnung auf nicht nur die eigenen, sondern die popkulturellen Wurzeln der Szene, die sie maßgeblich mitgestaltet haben?

Jein. “Advanced Chemistry” startet stark mit der ersten Single „Ahnma!“, bei der zwar Gentleman ein wenig deplaziert wirkt, aber den allgemein sehr derben Vibe der Nummer nicht weiter stört. Da ist er wieder: Testsieger Eizi Eiz, stilistisch gewachsen durch diverse Soloprojekte als Jan Delay, rappt wieder und man verzeiht ihm auch die hin und wieder ein wenig plumben Reime. Und Denyos zweiter Vers versetzt den Fan von damals zurück ins Kinderzimmer von 1999, als man erstmals mit diesem „Deutschrap-Ding“ in Kontakt kam. Und genau diese Zeit lässt die zweite Single und der zweite Track des Albums „Es war einmal…“ Revue passieren – mein Gott, was sind wir alt geworden.

https://www.youtube.com/watch?v=C6_Uk_2rkQg

Die ersten fünf Songs des Albums überzeugen auf ihre eigene Art und Weise. Führt man sich „Bambule“, das ’99er-Album, das dereinst den Durchbruch sowohl für die Jungs aus Hamburg City als auch Deutschrap im Ganzen brachte, noch einmal zu Gemüte, fällt einem auf, wieviel Spaß Rap damals machen durfte, eine gewisse Unschuld, die dem Genre – besonders im erfolgreichen Mainstream – ein wenig abhanden gekommen ist.

Der Start von „Advanced Chemistry“ ruft eben genau das wieder in Erinnerung. Da hilft es auch, dass Dendemann und Samy Deluxe sich als Feature-Gäste anbieten und – wie nicht anders erwartet – überzeugen. Durchaus ein Blick zurück und alte Tugenden überwiegen hier bei weitem.

Mit „Rambo Nr. 5“ ändert sich dies aber. Leider nicht zum Positiven. Erstmals fällt auf wie glattpoliert und fast schon steril die Beats wirken, wie uninspiriert manche Textzeilen sind und wie wenig dem Duo behäbigere Beats liegen – aber diese bilden jetzt den Großteil des Unterbaus der Songs. Der Funke will nicht so recht überspringen und die Leichtigkeit und der Spaß der ersten Songs macht sich nicht mehr bemerkbar. Klar ist das noch immer solide, klar haben auch diese Songs ihre Highlights (unter anderem einen Spitzenpart von Megaloh auf dem Highlight der zweiten Plattenhälte „Thomas Anders“ und ein zwar eher „der musste mit drauf weil grad Hype“-Kurzfeature von Haftbefehl, das aber – klassisch Babahaft eben – enorm unterhaltsam ist) aber im Großen und Ganzen fehlt ihnen der Schneid und die Coolness. Paradebeispiel ist „Spam“: Nichts spricht dagegen einen Song zu machen, der die Digitalisierungsverlierer und -verweigerer zu seinem Mittelpunkt macht, ganz im Gegenteil ist es bei vielen gerade en vouge, die Durchdringung des Privatlebens durch Facebook und Co. und die Abhängigkeit vieler Künstler von Likes und Reichweiten anzuprangern. Aber genau deshalb fällt “Spam” so negativ auf: Jessas, ist das fad, da hätte selbst ein auflockerndes Sample der den Dosenschinken besingenden Wikinger von Monty Python nicht geholfen, um das starre und einfallslose Gerüst der Nummer zu durchbrechen, auch wenn man noch so sehr drauf hofft. Da greift man doch lieber zu K.I.Z. oder Alligatoah und lässt sich solche Themen mit Witz und Charme näherbringen.

Vielleicht waren die Erwartungen zu hoch. Vielleicht ist es der Sound des Albums, der stellenweise zu synthetisch klingt, vielleicht ist es auch die Tatsache, dass die Beginner einen riesen Vertrauensvorsprung genießen, weil sie eben die Tür zum Deutschrap für so viele der „90s Kids“ aufgestoßen haben. Vielleicht hat sich Deutschrap in den letzten 13 Jahren einfach in einer Art und Weise entwickelt, in der die Beginner, absolute Pioniere, nicht mehr diesen Ausnahmeplatz inne haben, wie dereinst 1999 beziehungsweise 2003. Auch wenn die Vorgänger durchaus heute noch hörbar sind, gab es schon damals für den Aficionado spannendere und tightere Alternativen, durchs Anwachsen des Marktes in den letzten Jahren natürlich exponential mehr. Letztlich und in aller Kürze ist „Advanced Chemistry“ zwar ein grundsolides Album, dem hintenraus aber ein wenig die Luft ausgeht.

So bleibt letzten Endes, während man den Abschlusstrack „Nach Hause“ hört und sich ein wenig wehmütig an „Fahr’n“ – die vermutlich schwächste Nummer Bambules – zurückerinnert, nicht viel anderes übrig, als sich die Krawatte zu richten, den Fotos der Kinder ehemaliger Jugendfreunde auf Facebook ein Like zu schenken und wieder zu Track Eins auf „Advanced Chemistry“ zu skippen. Bombentrack, Digger, Ahnma! (3 von 5 Punkten)

 

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