Ben Beckers See-Abenteuer

Er ist laut, er polarisiert, man kann ihn lieben oder hassen. Kalt lässt Ben Becker, 47, kaum jemanden. Egal, ob er bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne steht, die Bibel liest oder über die Leinwand flimmert. Jetzt unternimmt der deutsche Star wieder einen musikalischen Ausflug. Den See, so der Titel des neuen Musikprogramms mit Eigenkompositionen und Coverversionen, erhielt hervorragende Kritiken. TICKET hatte die seltene Möglichkeit, mit dem Exzentriker zu plaudern.

TICKET: Ben Becker mag man, oder mag ihn nicht. Warum polarisieren Sie derartig?

Ben Becker: Das hat sich so ergeben und jetzt muss man damit leben. Auf der anderen Seite muss man sich auch nicht wundern bei der Art Kunst, die ich von  mir gebe, dass es nicht alle Leute lieben. Wahrscheinlich äußere ich mich polarisierend, manchmal etwas zu aufdringlich, manchmal etwas zu extrem oder für einige Leute zu wenig nachvollziehbar. Ich kann es nicht genau sagen.

TICKET: Das neue Musikprogramm nennt sich Den See. Warum machen Sie gerade jetzt wieder Musik, wie entstanden die Stücke?

Ben Becker: Ich wollte mich musikalisch wieder einmal äußern und hatte Lust, mit einer Band auf eine Bühne zu gehen. Ich wollte einen neuen Tonträger zu erschaffen und hab‘ überlegt, in welche Richtung das gehen soll. Da habe ich mich an den Sachen orientiert, die ich vorzugsweise höre in den letzten Jahren. Klar, ich lege mir schon Mal etwas Böses auf, im Großen und Ganzen das sind nun mal die ruhigeren Sachen, die mich beschäftigen. Also von Johnny Cash bis Nick Cave, von Leonard Cohen bis Serge Gainsbourg. Das sind Sachen, wo ich gesagt habe, dass ich ein guter Geschichtenerzähler bin und ich würde gerne Geschichten erzählen zur Musik.

TICKET: Warum das Motiv Meer und See? Fühlen Sie sich zum Wasser hingezogen?

Ben Becker: Ich bin ja gebürtiger Bremer und Segler und mit dem Meer bin ich halt aufgewachsen. Insofern geht eine Sehnsucht immer Richtung Meer, Meerblick. Für Den See ist auch ein bissl was in meiner Zeit in Österreich entstanden, weil ich einen kleinen See gefunden habe, den ich nicht genau benennen mag, wo ich mich zurückgezogen und mit Musikern ein kleines Studio aufgebaut hab‘. Da ist auch dieser komische Titel Den See entstanden, weil „in den See“, „über den See“ und „durch den See“ fand ich alles doof. Dann kam ich auf Den See. Das hat keinen anderen Grund, als dass ich das künstlerisch schön finde. Das hat mir gefallen. Und es hat mir auch gefallen, dass die Leute denken, das ist ein Schreibfehler oder irritiert nachfragen.

TICKET: Leitmotive sind Herzschmerz, Sehnsucht und Melancholie. Zeigen Sie sich jetzt von einer ruhigeren Seite?

Ben Becker: Die gab es schon immer, die habe ich nur noch nie so nach außen getragen. Ich fand es zumindest musikalisch spannender, mich etwas lauter zu äußern. So komprimiert wie jetzt die leisen Töne anzuschlagen, das gab es noch nicht.

TICKET: Zwischen den Liedern erzählen Sie Anekdoten. Ist das ein wichtiges Element in der Dramaturgie?

Ben Becker: Ja, aber ich geb‘ mir Mühe, das nicht zu übertreiben, aber wenn ich ins Erzählen komme kann es passieren, dass ich ein bissl weiter aushole. Die Leute haben das ganz gerne, weil sie plötzlich denken, sie sitzen bei mir zu Hause. Es wird nahbar und baut die Grenze der Unnahbarkeit ab.

TICKET: Sie bekreuzigen sich vor den Konzerten auf der Bühne. Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Ben Becker: Das ist ein Ritual. Ich bin auch ein gläubiger Mensch. Meine Definition von wer oder was Gott ist bleibt bei mir. Das habe ich beschlossen. Ich bekreuzige mich seit Jahren, wenn ich eine Bühne betrete, vor allem bei einer Premiere.

TICKET: Sie werden immer wieder mit Klaus Kinski verglichen. Fühlen Sie sich seelenverwandt?

Ben Becker: Das hat man mal eine Zeit lang geschrieben und dann hab‘ ich aufgehört, Kinski zu lesen. Dann habe ich mich zurückgezogen und wollte es nicht übertreiben. Kinski war Kinski, und ich bin Becker. Natürlich ehrt mich der Vergleich. Auf der anderen Seite bin ich weder so arg wie er, noch ist es so, dass ich mir bei ihm etwas abgekupfert habe. Ich mag den sehr, ich halte ihn auch für wahnsinnig, ich halte ihn auch für einen schönen Menschen, ich gucke ihm gerne zu und er fasziniert mich. Ich würde mich aber nicht unbedingt als seelenverwandt bezeichnen. Das kam von draußen und hat mich irgendwann so genervt, dass ich beschlossen habe, keinen Kinski mehr zu lesen.

TICKET: Beziehen Sie Ihre Tochter schon mit ein? Gibt es gute Kritiken für den Papa?

Ben Becker: Manchmal darf sie ein bissl mitreden, manchmal gibt’s Kritiken. Im Großen und Ganzen sind für sie manche Sachen noch weit weg und es gibt Sachen, die sie nicht hören darf. Wenn ich von Wolfgang Ambos Heut‘ drah‘ i mi ham ins Deutsche übersetze, dann ist das kein Song, den sie sich anhören muss. Da kriegt sie nur Angst.

TICKET: Sie scheinen sehr Österreich-affin zu sein…

Ben Becker: Ja, das ist so. Wenn ich Österreich am Apparat hab‘, bin ich so. Mein Kollege Ofczarek verbietet mir, österreichischen Dialekt zu sprechen, denn er sagt, das könnte ich nicht.

Interview: Alexander Haide

Live: 

Den See kann man am 8. Oktober mit Ben Becker gemeinsam im Wiener Konzerthaus erkunden. 

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