Big, Bigger, Billy Talent!

Beinahe zwanzig Jahre nach ihrer Gründung explodiert die kanadische Band förmlich am Rock-Himmel: Ausverkaufte Tourneen, umjubelte Festival-Gigs wie in diesem Sommer – und jetzt gibt’s das vierte Studio-Album, Dead Silence, samt Wien-Konzert im Oktober. Überschattet wurde das heurige Jahr von einer erneuten, schweren Erkrankung von Drummer Aaron. Auch darüber sprach Billy Talent-Mastermind Ian D’Sa im TICKET-Interview.

Kannst du dich noch an das erste Wien-Konzert erinnern?

Ian D’Sa: Ja, klar! Das war in dem kleinen Club Flex, da hatten wir sogar einen halben Tag Zeit, uns die Stadt anzusehen. Wir waren im Leopold Museum und haben die wunderbare Architektur bestaunt. Leider geht sich das derzeit nicht aus.

Gibt es Gründe, weshalb sich der Erfolg gerade jetzt, nach beinahe zwanzig Jahren als Band, einstellt?

Ian: Es ist erstaunlich! Ich denke, in den ersten acht Jahren haben wir unsere Identität gesucht, wir hatten zu viele Elemente. Da waren Ska-Titel, Punk Rock-Songs, Rock-Tracks … Wir waren eine Highschool-Band, haben viele Sachen ausprobiert und das nicht so ernst genommen. Das hat sich später geändert. Ende der 90er Jahre haben wir den Billy Talent-Sound gefunden, den Namen geändert und eigentlich neu begonnen.

Wieso klingt ihr so old school?

Ian: Unsere Einflüsse gehen zurück auf Bands der 70er bis 90er Jahre. Wir sehen uns noch immer als Punk-Band, aber mit vielen anderen musikalischen Elementen. Das geht von Iron Maiden über Black Sabbath und Rage Against The Machine bis zu Pink Floyd.

In der Single Viking Death March gibt es die Textzeile „Raise Your Voice“. Ist das eine Aufforderung zu zivilem Ungehorsam?

Ian: Die Menschen haben zu viel Ablenkung und die wichtigen Entscheidungen werden ihnen alle abgenommen. Da kommt auch der Text des Songs Surprise, Surprise her, die beiden Titel sind sehr ähnlich. Man sollte sich viel mehr bewusst machen, was in der Welt gerade vorgeht. Als wir den Song geschrieben haben, gab es die Occupy-Bewegung, den arabischen Frühling. Das war ein Wendepunkt in der Geschichte.

Du hast Surprise, Surprise angesprochen, in dem ihr die Methoden der Werbung und des Marketings anprangert. Jetzt seid ihr selbst Teil der Maschinerie, macht Interviews, Werbung für das neue Album und die Tour. Fühlt sich das nicht seltsam an?

Ian: Ja, das stimmt (lacht). Aber es geht noch immer um unsere Message, es sind noch immer unsere Texte. Das Marketing kümmert uns nicht so sehr. Wir sprechen Themen an, über die viele andere Bands nicht reden. Darum geht es ja bei Billy Talent. In einem früheren Album haben wir auch die katholische Kirche kritisiert. Ich hoffe, wir können so unseren Fans auch ein wenig Hoffnung und Kraft geben. Also haben wir kein Problem, das dann auch zu bewerben und zu vermarkten.

Ihr seid eher eine pessimistische Band. Gibt es noch Hoffnung für die Welt?

Ian: Yeah, die Hoffnung kommt, wenn man sich bewusst macht, dass man sein Schicksal selbst in Händen hält. Ich hoffe, dass wir einigen Menschen die Augen öffnen können, und sie sich weniger auf die vielen, kleinen materiellen Dinge konzentrieren, die nur vom Wesentlichen ablenken. Klar, es ist ein dunkles Album.
Schon das Cover ist ein wenig seltsam …
Ian: Es ist eine im Meer versunkene Stadt, eine post-apokalyptische Szene, aber da ist auch die beleuchtete Telefonzelle in der Mitte mit der Silhouette eines Mannes darin. Also gibt es Hoffnung! Wir haben uns auf dem Album mit dem Thema Weltuntergang 2012 beschäftigt. Aber wir glauben nicht daran, dass das passieren wird.

Wärst du beim Weltuntergang in dieser Telefonzelle – wen würdest du anrufen?

Ian: Ich glaube jemanden, den ich liebe. Das ist auch die Botschaft. Du weißt nie, wann es vorbei ist. Also sage besser heute dir nahestehenden Menschen, dass du sie liebst. Morgen könnte es schon zu spät sein.

Euer Schlagzeuger Aaron erkrankte während der Arbeiten am Album schwer. Wie sehr hat euch das getroffen?

Ian: Das war schon sehr hart, für ihn, aber auch für uns als Band. Vor 13 Jahren erhielt er ja die Diagnose Multiple Sklerose und wir wussten nicht, wie es weitergehen soll. Er hat so viel Kraft entwickelt, seine Einstellung wandelte sich von depressiv zu kämpferisch. Heute spritzt er sich noch immer täglich Medikamente. Dann musste er sich im Winter einer Herzoperation unterziehen, was uns komplett aus dem Zeitplan warf. Da war nicht das Album oder die Band wichtig, sondern es ging nur noch um ihn. Eigentlich hätte es bis zu sechs Monate nach der Operation dauern sollen bis er wieder Schlagzeug spielen kann, aber er hat es in nur drei Monaten geschafft und spielt heute besser denn je!

In eurer Biografie heißt es, dass Billy Talent sich jetzt am Höhepunkt ihrer Kreativität befinden. Geht’s von nun an nur bergab?

Ian: Ich hoffe nicht! Wir müssen das sofort dort heraus-
streichen (lacht)! Ich denke, dass man bei jedem Album hofft, dass man am Höhepunkt seines Schaffens ist. Das war schon beim zweiten Album so, und jetzt veröffentlichen wir schon das vierte. Es ist bisher mein Lieblingsalbum.

Nach der letzten Tour haben sich die anderen drei um ihre Kids gekümmert, du bist ins Studio gegangen …

Ian: (lacht) Ich will auch Vater werden, später einmal. Ich liebe die Musik, auf dem Album gibt es 14 Songs, das sind alles meine Babys.

Interview: Alexander Haide
 
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