Bilderbuch Karriere

Ob auf Papier oder Leinwand: bereits seit Generationen beflügeln Comic-Helden unsere Fantasie. Aber was macht sie so faszinierend? Eine bunte Analyse.

Comics sind eine Verbindung von bildendender Kunst und Literatur, und ihre Ursprünge findet man bereits in der Antike. Comics sind so weit verbreitet, dass jeder einzelne von uns wahrscheinlich schon eines in Händen hielt und einer Ente beim Bad in Goldtalern zugesehen, einen Gallier bei seiner Reise nach Rom begleitet, oder einen grünen Riesen bei der Ausübung seines Zerstörungswahns bewundert hat. Warum wir die bunten lustigen Büchlein so gerne in unseren Händen halten, scheint leicht erklärt: Die Kombination aus Bild und Text entführt uns in eine uns vorgegebene Welt – Figuren müssen nicht annähernd so intensiv wie in einem bilderlosen Buch beschrieben werden, man kennt ihre Gesichtsausdrücke, ihre Launen, ihr komplettes Erscheinungsbild perfekt. Und vor allem um diese Figuren geht es, die eine Faszination bis ins hohe Erwachsenenalter ausüben.

Helden
Die Protagonisten steigen zu Helden auf, zu Idolen, und das, obwohl sie selbst oftmals Underdogs oder Anti-Helden sind. Gerade das ist es eben, was sie für uns so interessant macht: Sie haben Fehler wie wir, eine Identifikation mit ihnen fällt einfach. Man begleitet Helden mit einer gewissen Schwäche viel lieber durch ihren Alltag und ihre Abenteuer als glattgebügelte Saubermänner, die fehlerlos und langweilig erscheinen. Wenn man an Helden denkt, ist man über kurz oder lang bei Superhelden angelangt. Diese sind heutzutage populärer denn je, da ihre Geschichten in den letzten Jahren äußerst erfolgreich über Kinoleinwände und Fernseher flimmern. Stan Lee, Comiczeichner und Mitbegründer von Marvel Comics, die große Namen wie Spiderman, Hulk oder X-Men beherbergen, ist bekannt dafür, seinen Charakteren nicht nur übermenschliche Fähigkeiten, sondern auch fehlerbehaftete Züge zu verleihen. Er sieht den Erfolg seiner Comics und Figuren auch darin begründet: „Ich würde sagen, es läuft so gut, weil wir versuchen, unsere Charaktere so menschlich und empathisch wie möglich zu gestalten. Anstatt nur ihre Superheldentaten zu beleuchten, möchten wir ihr Privatleben und persönliche Probleme so realistisch und interessant wie möglich konstruieren. Unser Ziel ist es, dass sie wie echte Menschen wirken und der Leser Zeit mit ihnen verbringen und sie besser kennenlernen will.“ Stan Lee war somit einer der ersten, der vermochte, Superhelden auf eine gewisse Art zu entglorifizieren. Dies war allerdings nur im Superheldengenre neu: Man denke an die Pechvögel Donald Duck und Charlie Brown, oder auch Asterix oder Popeye, die ohne Zaubertrank beziehungsweise Spinat auch nur ganz „normale“ Menschen sind.

Identifikation
Der klassische Superheld erlebt Abenteuer und muss furcheinflößende Aufgaben bewältigen und wird am Ende triumphieren. Meistens geht es bei Auseinandersetzungen wirklich um Leben und Tod, der am Ende besiegt wird. Der Superheld selbst stellt sich all seinen Ängsten und geht als Triumphierender aus einem Kampf hervor. Durch die Charakteristik als „einer von uns“ begleiten wir den Helden nicht nur auf seinen Abenteuern, sondern sind schlussendlich bei Identifikation angelangt. Diese wirkt oftmals genauso wie bei einer Beziehung eines Kindes zu den Eltern: Eltern werden bewundert, als Helden angesehen und tief drin will man selbst auch einmal genauso werden. Dass sich das mit dem Alter wahrscheinlich ändert, ist eine andere Geschichte.

Realitätsflucht
In Comics wird, abgesehen von den dazugehörenden Figuren, eine komplette Welt geschaffen. Diese divergiert oftmals vollkommen mit einer gewohnten Umgebung, wie beispielsweise bei Flash Gordon, oder schafft fiktive Städte und Landschaften, die existierenden ähneln (Batman, Sin City, Watchmen etc.). So oder so sind die geschaffenen Welten so weit von unserer Realität entfernt, dass sie ein kaum zu greifendes Faszinosum bilden. In ihnen leben allerdings so ausgeklügelte und uns emotional ähnliche Charaktere, dass einem Eintauchen in diese fremden Universen dennoch nichts im Wege steht. Meistens tauchen wir in diese Welten ganz alleine ein. Wir sitzen in einer ruhigen Ecke und widmen uns in aller Seelenruhe den bunten Heftchen und bauen uns unser eigenes Universum, in dem wir einerseits Zuseher sind, aber andererseits gedanklich auch zum Protagonisten vulgo Superhelden aufsteigen. Natürlich ist ein Austausch mit anderen Begeisterten möglich und gegeben, aber dennoch liest man sich kaum gegenseitig vor, sondern genießt den Lesevorgang allein in aller Ruhe.

Realität und Fantasie 
Die Zusammenführung der auf Papier und in seinem Kopf entstandenen Welten und Figuren mit der Realität scheint oftmals schwer. Welten können im Prinzip nur virtuell geschaffen werden und man kann wohl auch kaum in Entenhausen anrufen und Daisy und Co auf einen Kaffee einladen. Was dennoch funktioniert und sich spätestens seit der äußerst erfolgreichen Serie „The Big Bang Theory“ hierzulande zu  etablieren scheint, ist, dass man einfach in die Haut seines Helden oder Vorbildes schlüpfen kann. Angefangen vom billigen Faschingskostüm bis zur Meisterklasse des Verkleidens, dem Cosplay.

Cosplay – ein Kofferwort aus costume und play – kommt eigentlich aus dem japanischen Raum und kam vor allem durch den Anime-Boom auch nach Europa und in die USA. Stundenlang verbringen Fans damit, sich optisch an ihren Superhelden anzugleichen, und reisen teilweise vonConvention zu Convention, um das Ergebnis zu präsentieren. Demnach scheint sich hier ein Kreislauf zu schließen: Was mit Identifikation begann, endet darin, den verehrten Helden selbst darzustellen – das geht über eine Kostümierung weit hinaus, es wird Gestik, Mimik und die Sprache angepasst. Nun gut – um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben: Nur ein Bruchteil der Comic- bzw. Superhelden-Fans sind Cosplayer, sondern bleiben wohl eher in ihrer Fantasiewelt. Ein angenehmer Nebeneffekt von Comics ist, dass sie moralische Werte vermitteln – dies ist nicht von der Hand zu weisen und kommt ein wenig spannender daher, als wenn man beispielsweise versucht, die 10 Gebote auf heute umzumünzen. Ja, die Faszination an der ganzen Sache ist wohl das Spiel aus Identifikation mit komplett uns fremden Wesen und Gestalten. Helden, die keine sind, aber am Ende dennoch gewinnen. Was also schon im antiken Griechenland Opium fürs Volk war – griechischen Göttern wurde niemals Unfehlbarkeit zugesprochen, ganz im Gegenteil! Unter ihnen befinden sich Weiberhelden, Lügner, Narzissten und Täuscher – gelingt auch heute noch einwandfrei. Dass Identifikation mit gut gestalteten Charakteren funktioniert, erscheint logisch, erklärt aber dennoch nicht komplett den Fanatismus, den einige Comic-Fans hegen.

 

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Illustration „Supermozart“: Katharina Klein

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