Braunschlag

 Die 8teilige TV-Serie Braunschlag von Autor und Regisseur David Schalko sorgte im deutschen Sprachraum einerseits für Verwunderung, andererseits für wahre Begeisterungsstürme.

Braunschlag1_kleinDie bitterböse Satire rund um das örtliche Treiben im fiktiven Ort Braunschlag im Waldviertel ist eine lustvolle Nabelschau der österreichischen Seele und ihrer Abgründe. Die Grenzen zwischen Tragik und Komik sowie zwischen Witz und Wahnsinn verschwimmen auf subtile Weise. Während für manche einiges dramaturgisch überzeichnet erscheint, finden andere viele Wahrheiten, ja meinen sogar, dass unserer Gesellschaft lediglich ein Spiegel vorgehalten wird. Der schalkoeske Humor kennt dabei keine Tabus und macht auch vor dem scheinheiligen dörflichen Katholizismus ebenso wenig Halt wie vor den Sümpfen politischer Korruption.

Die Handlung

Der versoffene Bürgermeister Gerhard Tschach, verantwortlich für die gähnend leere Gemeindekasse, legt sich schon mal mit der Russenmafia oder mit den politisch Verantwortlichen in St. Pölten an, ist schuld am Scheitern seiner Ehe mit Herta und schwängert die lüsterne Elfie, die Frau seines bestens Freundes, dem ebenfalls trinkfesten und unfruchtbaren Diskobesitzer Richard Pfeisinger. Gemeinsam brüten sie die Idee einer fingierten Marienerscheinung aus und inszenieren diese für den Dorfkauz Reinhard Matussek, der von nun an die frohe Botschaft verkündet und die Pilger in Massen anzieht. Was als Wunder beginnt, entwickelt sich aber nach und nach zum Fluch und eskaliert zum Albtraum.

Doch das Schicksal des Ortes und der beiden Paare sind dem Autor zu wenig, und so gibt es unzählige weitere urkomische Handlungsstränge und viele skurrile Charaktere, wie z.B. den Textilfabrikanten  Matussek sen. und Schäferhund Bauxi, den metrosexuellen apostolischen Visitator Banyardi, den Kommunalpolitiker Katzlbrunner, der Neffe des niederösterreichischen Landeshauptmanns, das schräge Vater-Sohn Ärztepaar Dr. Feist, seltsame Nachbarn wie Frau und Herrn Berner, unterbelichtete Polizisten, eine derbe Mutter, eine deutsche, lesbische Magd, Tochter Babs samt Bankräuberfreund, eine Nonne, einen russischen Mafiosi, Tante Cornelia, Volksbanker Kevin , zwei Meerschweinchen und einen Stoffhasen im Kuschelclub!

Manchmal hilft nur ein Wunder oder Hände falten, Gosch’n halten!

Ambivalente Helden

Wie das Publikum „seine“ Helden liebt ist eigentlich paradox, sind sie allesamt doch eher Antihelden. Aber genau diese Ambivalenz ist eben schalkoesk! Rubey dazu: „ Jeder Mensch ist Held und Antiheld zugleich. Leider sind Charaktere oft so geschrieben, dass sie entweder oder sind. Bei Schalko ist das nicht so. Das ist natürlich wunderbar, weil man so der Gefahr einen Stereotypen zu spielen, leichter entgeht. Ich mag die morbide, lustvolle, komische Schalkowelt einfach so gerne und fühle mich sehr wohl darin herum zu wandeln – in welcher Figur auch immer.“ Palfrader verrät, dass „uns die Rollen auf den Leib geschrieben wurden. Der David hat schon beim Schreiben genau gewusst, wen er für die Rolle haben will. Und ich weiß, dass es bis auf eine sehr kleine Rolle bei allen KollegInnen mit dem Engagement funktioniert hat. Die Rollen selbst sind sehr authentisch. Sehr „echt“ und dadurch naturgemäß ambivalent. Jeder scheitert auf seine ganz persönliche Art und Weise. Jeder zerbricht an seinen Ansprüchen und an den Hoffnungen, die sich nicht erfüllen.“ Oder Elfie vulgo Nina Proll bringt es in einer Szene auf den Punkt: „Es is ned so wie du denkst, Richard. Oiso schon. Oba aunders!“

duobrschlg_170912apa_726Erfolg & Kultstatus

Wenngleich die TV-Ausstrahlung dem ORF eine beachtliche Quote bescherte und bereits ein halbes Jahr vor Serienstart zehntausende DVDs über den Ladentisch gingen, sind die Macher mit Aussagen zum Kultstatus eher  vorsichtig. Palfrader meint: „Ich empfinde es noch zu früh, Braunschlag Kultstatus zu verleihen. Ich denke, man sollte 10 bis 15 Jahre warten, das Ding nochmals senden und sich die Quoten und die Reaktion der Leute ansehen. Falls es dann auch noch gern gesehen wird, dann wird man langsam auch davon sprechen dürfen. Jetzt ist es viel zu früh!“ Doch, dass das Ganze von Erfolg gekrönt sein würde, war von Anfang an klar, denn so Palfrader weiter: „Braunschlag sei kein Glücksfall, sondern ein Masterplan gewesen.“ Und Nicholas Ofczarek ergänzt: „ Das Besondere daran ist, dass es eine Ensemblearbeit ist, was im Theater sehr selten und im Film eigentlich unmöglich ist. Es gibt keine Hauptrollen in dem Sinn. Alle sind gleich wichtig, auch wenn jemand weniger Drehtage hat.“ Und wer die Serie gesehen bzw. die Besetzungsliste gesehen hat, weiß, dass dies das Who is Who der aktuellen heimischen Schauspielergarde ist. Oder wie es Rubey treffend auf den Punkt bringt: „Es gibt selten, zumindest meiner Erfahrung nach, beim Lesen eines Buches ein Kribbeln, einen Glückszustand, dass man am liebsten sofort loslegen würde und gleichzeitig aber auch das klare Gefühl hat: das können wir jetzt nur selbst versemmeln, weil geschrieben ist es großartig. Wir hatten eine herrliche Zeit, waren alle gemeinsam in einem Feriendorf untergebracht und so fühlte es sich ein bisschen an wie ein richtig guter Schulskikurs. David Schalko ist sehr entspannt beim Drehen. Er vertraut auf die Kraft seiner Bücher und auf seine Schauspieler, was zur Folge hat, dass sich jeder, auch weil er solchen Kollegen gegenübersteht, besonders ins Zeug legt.“ Und auch Palfrader bestätigt dies: „Die Dreharbeiten an sich waren unglaublich harmonisch, lustig, ein wenig infantil und hin und wieder mit ein bisserl Alkohol.“  Und auch Simon Schwarz streut dem ganzen Team Rosen: „Wir wollten mehr probieren, eine andere Schiene fahren. Mittelmaß finde ich wirklich das Allerletzte. Dann lieber komplett untergehen.“ Und wie wir nun im Nachhinein wissen ist niemand untergegangen, denn drei Preise beim US-Independentfestival The Indie Fest, wo Robert Palfrader als bester Schauspieler geehrt wurde, bei der Romy-Gala der Spezialpreis der Jury und beim internationalen Film- und Fernsehfestival Cologne Conference als eine der zehn weltweit wichtigsten Produktionen  ausgewählt zu werden sowie die Nominierung beim Comedy Festival in Montreux in der Kategorie Best Sitcom, sprechen für sich.

690439_m3msw561h315q80v43080_imagecrop_getimageSchalko, der ebenso wie Palfrader viele Jahre seiner Kindheit im Waldviertel verbracht hat, erinnert sich an das angenehme Desinteresse während der Drehs in den Gemeinden Eisgarn, Heidenreichstein, Litschau und Umgebung. Wie Karl Mader, Bürgermeister von Eisgarn, dessen Amtsstube im Film herhalten musste, erläutert, wurde die Serie bei den Einheimischen geteilt aufgenommen: „Von der Jugend mit positivem Interesse, von der älteren Generation eher negativ bzw. gar ignoriert.“ Und ob ähnlich der Serie ein Touristenansturm erfolgte, meinte der Bürgermeister trocken; „ Ein wirklicher Aufschwung war nicht zu erkennen, da nur einige wenige an den Originalschauplätzen interessiert waren.“Aber wahrscheinlich hielt sich das Interesse der Mundl-Fans von Ein echter Wiener geht nicht unter auch zurück und sie stürmten die Hasengasse im Wiener Bezirk Favoriten auch nicht. Die Mystik des Waldviertels bleibt auch so aufrecht und egal ob Marienerscheinung, Ufo-Landeplatz oder Sushi-Karpfen, denn „Braunschlag“ gibt es überall.

An eine Fortsetzung ist seitens David Schalko nicht gedacht, auch wenn das manche gerne hätten, doch laut Schalko ist bereits alles erzählt und ausgeschöpft. Zur Idee Salambo, wo Manuel Rubey und Thomas Stipsits ein schwules Pärchen spielen sollen, das ein Stundenhotel betreibt, fehlt noch „das Go des ORF“. Ebenfalls offen ist noch die Finanzierung der Verfilmung von Daniel Kehlmanns Theaterstück Die Geister von Princeton. Dafür erschien Ende Juli sein neuestes Buch Knoi, ein bitterböses, abgründig komisches Kammerspiel, in dem jeder jeden täuscht, vor allem über sich selbst!

Die Darsteller im Überblick:

 Robert Palfrader: Gerhard Tschach, Bürgermeister

 Maria Hofstätter: Herta Tschach

  Nicholas Ofczarek: Richard Pfeisinger, Diskothekenbesitzer

  Nina Proll: Elfie Pfeisinger

Manuel Rubey: Banyardi, Apostolischer Visitator

  Sabrina Reiter: Barbara „Babs“ Tschach

  Christopher Schärf: Ronnie

  und viele mehr… 

von Didi Rath

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