Broilers: Mit allen Konsequenzen

Broilers

Die Broilers haben wieder an Härte zugelegt und blasen zum Angriff, politisch, gesellschaftskritisch und vor allem ohne auch nur den Hauch eines Kompromisses einzugehen.

BroilersNach dem Nummer-eins-Album „Noir“ gehen die Broilers mit „(sic!)“ wieder zurück zu ihren Wurzeln. Frontmann Sammy Amara sprach mit uns über die wiedergewonnene Lust am Punk, tagespolitische Gefahren und die Macht des Karmas.

Sammy, beim Interview vor drei Jahren zu eurem damals aktuellen Album „Noir“ hast du mir im Gespräch gesagt, dass ihr nicht mehr poppiger werden würdet. Nach den ersten Durchläufen von „(sic!)“ kann ich sagen – das stimmt.

Siehst du (lacht)! Pop ist für mich aber kein Stichwort. Wir haben auf „Noir“ die Grenzen zum Pop abgesteckt. Damals sind wir mit einem Fuß im Punk geblieben und nun mit einem halben Fuß mehr reingegangen. Wir haben es einfach laufen lassen. „Noir“ war Nummer eins und ging Gold – was machen wir? Sollen wir versuchen, diesen Status kommerziell mit allen Kräften zu erhalten, oder entspannen wir uns? Es ging nur mit entspannen, sonst wären wir verrückt geworden.

Recht machen kann man es ohnehin niemandem. Habt ihr nach „Noir“ aber selbst daran gedacht, dass ihr wieder etwas mehr zu euren Wurzeln zurück müsst?

Nein. „Noir“ war das erfolgreichste von uns und wir haben uns nie dafür geschämt. Es war nicht jeder Song gut, aber das ist auf jeder unserer Platten so. Sobald man Meinungsumfragen startet, beginnt man Statistiken zu führen und dann schreibt man Lieder wie ein Dienstleister. Das ist doch Scheiße und macht dich nicht glücklich. Du kannst und musst auf dich selbst hören.

Auch wenn Künstler das gerne verneinen, aber nach so viel Erfolg hat man doch automatisch irrsinnig viel Druck, weil die ganze Maschinerie in den Himmel wächst.

Du musst frei entscheiden, aber das ist natürlich ein Luxus. Der Erfolg war nie geplant, sondern glückliche Zufälle haben dazu geführt, erfolgreich zu sein, ohne uns zu verändern. Das ziehen wir jetzt auch weiter so durch. Wir machen uns keine Gedanken darüber, uns zu verstellen oder wohin zu schielen. Wenn „(sic!)“ nicht erfolgreich wird ist das natürlich nicht geil, aber in Ordnung. Und zwar deshalb, weil wir für uns das richtige gemacht haben.

Stellt sich der erwartete Erfolg aber nicht ein, würdet ihr wohl trotzdem zu zweifeln beginnen.

Erstmal schimpfen wir (lacht). Ich weiß nicht, ob wir dann zweifeln. Es wäre jedenfalls nicht gut, denn dann läuft man schnell den Erwartungen von außen nach. Als Künstler möchte man immer das verwirklichen, was in einem steckt. Warten wir mal ab, ob ich nach der Veröffentlichung immer noch so rumtöne wie jetzt (lacht).

Ein großer Schritt zur Selbstständigkeit war für euch auch die Gründung eures Labels Skull & Palm Recordings. War das ein notwendiger Schritt, um sich nirgends mehr verbiegen zu müssen?

Das war der Hauptgrund. Es war auch sehr befreiend. Natürlich ist es mehr Arbeit, aber es gibt keine Diskussionen und Kompromisse mehr. Wir machen genau das, was wir für richtig halten. Auch wenn es irrsinnig ist, das Geld in eine Plakatoffensive zu stecken – egal. Wir wollten das mal als Kids und haben es jetzt umgesetzt.

Als der erste Song „Bitteres Manifest“ auf YouTube erschien, war das Feedback vornehmlich positiv. War das eine große Erleichterung für dich?

Das hat uns natürlich sehr gefreut und wir wussten, dass losgepupst wird, wenn die nächste Nummer kommt. „Keine Hymnen heute“ ist sehr politisch und fängt ruhiger an – der Song ist für viele Leute nicht so ganz zu verdauen. Ein Kommentar sagte schon, dass die Platte abbestellt ist, weil wir zu linksradikal wären. Wen überrascht das? Damit kann ich leben.

Stehst du durch dein Alter und deine Reife noch gefestigter zu deiner Position als früher?

Ich glaube ja. Die Lebensjahre bringen mit sich, dass man bereit ist, Meinung mit allen Konsequenzen zu vertreten. Das ist auch wichtig, denn wir sind zwangsweise Erwachsenen geworden und tragen Verantwortung. Alle Entscheidungen und Äußerungen haben Konsequenzen. Das wird nie allen gefallen, aber ich muss dazu stehen. Wenn es mir auf der Seele brennt, muss es raus. Ich reflektiere mich darin selbst und werde Dinge los, die mich beschäftigen. Es gibt keine Option für mich.

Feilst du lange an den Texten, oder bist du eher der schnelle Impulsivschreiber?

Es dauert immer sehr lange. „Bitteres Manifest“ ging textlich sehr flüssig raus, aber woanders feile ich wochenlang an drei Wörtern herum, die mir nicht ganz passen. Das ist ärgerlich, aber es soll alles so gut wie möglich enden. Ich finde nicht alle Texte so toll, wie sie hätten sein können. Der Refrain zu „Unsere Tapes“ ist nicht so gelungen. Die Lösung fiel mir erst vor ein paar Tagen ein, aber gut. Es ist jetzt so, wie es eben ist.

Du hast damals auch gesagt, so groß wie Die Toten Hosen oder Rammstein kann man als Band heute nicht mehr werden. Stehst du da immer noch dazu?

Das hat mit dem Musikkonsum der Menschen zu tun. Musik geht hier rein und dort raus. Wir sind in einem „Trackbusiness“ – es geht nur mehr um einzelne Songs und nicht mehr um Alben. Diese Albumwelten waren wichtig, um Bands groß zu machen und deren Image zu schärfen. Ich liebe Alben, sie haben nicht umsonst Intros und Outros. Menschen haben heute keine Sehnsucht danach, eine Platte zu öffnen oder daran zu riechen – das ist sehr schade. Sowas war aber ausschlaggebend dafür, dass Bands solche Riesenmonster wurden. Man muss erst schauen, ob eine Band wie Silbermond das mal werden kann. Bei den Hosen hätte man das nach so vielen Jahren Bandgeschichte auch nicht mehr gedacht. Oben stehen bei Festivals immer noch dieselben Namen, aber es gibt auch viele, die nachkommen. Diversität tut am Ende allen gut.

Ist es für euch, die medial auch immer öfter mit Superlativen in Verbindung gebracht werden, gefährlich, sich in zu viel Lob zu suhlen?

Nein. Zum einen kriegen wir noch immer genug auf die Schnauze und zum anderen ist bei uns alles so langsam passiert, dass uns die Sozialisation im Punk zurückholt – und auch unsere Freunde. Wenn bei uns jemand ausflippen sollte, wäre die korrigierende Instanz Freundeskreis sofort zur Stelle und würde uns eine ordentliche Watschen geben. Wir machen das lang genug und wissen alles zu schätzen. Wir haben lange genug auf bepissten Bühnenbrettern geschlafen, als das wir jetzt abheben würden.

Der Albumtitel „(sic!)“ bedeutet „so und nicht anders“. Ist das ein klares Statement, einhergehend mit eurer neuen Unabhängigkeit?

Es hat irgendwie damit zu tun, dass wir mit der eigenen Plattenfirma ein neues Kapitel öffnen und gleichzeitig auf die Bandgeschichte zurückblicken. Wenn wir das „sic!“ metaphorisch vergewaltigen steht es dafür, dass wir viele Sachen gemacht haben, die vielleicht ungeschickt oder fehlerhaft waren, aber so sein mussten, damit wir dort sind, wo wir heute eben sind.

Messt ihr euch trotzdem auch nach Chartpositionen?

Konzertbesucherzahlen bedeuten mir wesentlich mehr. Verkaufte Tonträgereinheiten bedeuten mehr als eine Chartposition. Charts werden nach dem Verkaufswert ermittelt und deshalb machen Bands Fanboxen. In schlechten Monaten wie Jänner, kannst du auch mit 8.000 Einheiten auf Platz eins in Deutschland kommen. Am Ende interessiert das aber nur Leute aus dem Business. Freuen kannst du dich aber über gut besuchte Konzerte und Menschen, die glücklich nach Hause gehen. Wir sind eine Live-Band, das können wir am besten.

Ihr wart – wie für Punk-Bands üblich – immer sehr nahe am Fan. Wird das eklatant schwieriger, wenn man an Größe gewinnt?

Leider ja. Wir vermissen das von früher, haben damals selbst Merchandise verkauft, mit den Leuten getratscht und Bier getrunken. Je größer die Konzerte, umso mehr Leute wollen das machen und das eskaliert dann. Leider geht das nicht mehr und wir vermissen das. Wir können nicht bis 3 Uhr morgens stehen und jedem einmal Hallo sagen. Ich denke aber, die Menschen können das verstehen. Auf Festivals besaufen wir uns gerne mal und dann laufen wir nachts oft halb versteckt über die Zeltplätze und stiften Unruhe. Das kriegen nicht alle mit, aber die, mit denen wir am Lagerfeuer sitzen, die haben’s lustig mit uns (lacht).

Kommen wir zu den Songs. „Meine Familie“ ist eine schöne Nummer, wo du auf alle Makel und Probleme, die eine Familie ebenso mitbringt, eingehst, und ihr trotzdem deine Liebe zugestehst. Das kann man wahrscheinlich auch auf die Band selbst umlegen?

Das ist eine Liebeserklärung an eine gewählte Familie wie Band oder Freunde. Es ist auch eine Ode an Menschen mit Fehlern und Macken, weil wir die alle haben. Symmetrie und Perfektion werden schnell langweilig, man sieht sich schnell satt. Interessant sind die Fehler und das Lied ist sehr positiv.

„Ihr da oben“ ist eine Hommage an Verstorbene. Auch an Künstler und Menschen aus dem persönlichen Umfeld gleichermaßen?

Meine Lieder sind bewusst an vielen Stellen offen. Ich finde das wichtig, denn ich möchte, dass sich alle meine Lieder zu eigen machen können. Jeder soll selbst interpretieren. Dieser Song soll für jeden da sein, der irgendwen vermisst. „Dann schau ich deine Bilder an, dann les ich deine Zeilen“ kann für alles stehen. Das muss kein Bild von Warhol oder die Zeilen von Tucholsky sein. Der Hörer erklärt mir die Lieder, das ist mir am liebsten. Es gibt da nie zwei gleiche Meinungen.

Welchen Musiker, der 2016 von uns gegangen ist, vermisst du am meisten?

Das Lied schrieb ich nach dem Tod von Wölli, dem einstigen Tote-Hosen-Drummer. Da kam der Einschlag sehr nah. Ich habe diese Liste gar nicht so begriffen und weiß noch nicht einmal, ob alles wirklich so extrem war, wie es wirkt oder nicht die sozialen Medien schuld daran sind. Es gibt ja die gefühlte Temperatur, die dort bestimmt wird. Es ist ja auf der Welt längst nicht alles so schlimm, wie es dargestellt wird, aber wir haben eine Sucht danach, uns im Elend zu suhlen. Die Leute wollen Böses lesen. Ein David Bowie starb natürlich einen gefühlten Hauch zu früh, aber es ist ein realistisches Alter. Bud Spencer war unser Typ. Der dicke lustige Onkel, der nur Bohnen fraß und Menschen von oben auf den Kopf schlug. Jüngere Menschen können mit dem beleibten Bären gar nichts mehr anfangen.

Ich denke, Bud Spencer überdauert tatsächliche sämtliche Generationen.

Ich hoffe, jedenfalls hat er viel Gutes getan. Auch der Sprecher von Pumuckel starb. Das ist Scheiße, aber das gehört einfach dazu.

Zum Thema soziale Medien: Sind die für dich mehr Fluch oder Segen?

Ich hätte gerne die Stärke, nicht nachzusehen. Ich suche ja nach den negativen Kritiken, da bin ich gleich wie jeder andere. Eigentlich ist das aber absolut bescheuert. Ich bin aber so halb damit groß geworden und es ist seither jedem Menschen möglich, ungefiltert seine Meinung loszulassen. Dementsprechend holt sich auch jeder seine 15 Minuten Ruhm. Sieh dir nur das „Dschungelcamp“ an. Da ist der Fußballer Thomas Häßler, der einzige, der effektiv was geleistet hat. Prominenz wird mittlerweile aber anders definiert. Ich glaube aber daran, dass irgendwann der Punkt kommt, wo Kunst vom Können kommt. Dann wird die Blase platzen und ein YouTube-Channel ist nichts mehr Besonderes. Wenn du was können musst, um berühmt zu werden, dann ist es per se schon mal nicht mehr scheiße.

Auch im Musikgeschäft ist klar zu merken, dass sehr viele Menschen eher prominent als musikalisch respektiert sein möchten.

Berufswunsch Promi, natürlich. Oder YouTuber werden. Da stecke ich aber nicht drinnen, ich habe zu viel Distanz dazu. Damals gab es nichts äquivalentes zu einem YouTuber, maximal Leserbriefschreiber. Andererseits ist es aber auch schön, dass jeder eine faire Chance hat, sich zu präsentieren, das ist die andere Seite.

„Zurück zu den Wurzeln“ ist ein sehr politischer Song, in dem du tief in deine Vergangenheit zurückgehst.

Mir ist erst in Interviews über die Jahre hinweg das Gefühl klar geworden, dass man nicht ganz dazugehört. Es klingt blöd, aber man fühlt sich manchmal etwas zu schmutzig und nicht gut genug. Dieses Gefühl kam in der Kindheit immer von den anderen Eltern, für die Kinder war das ganz normal, dass wir zusammen rumgehangen sind. Es war immer etwas da, das mich mein Leben lang begleitet hat. Ich habe es einerseits verdrängt und es andererseits genutzt, um Stärke zu bilden. Ich glaube aber, dass viele Menschen sehr darunter leiden und in eine Überkompensation geraten und sich runterziehen lassen. Für Menschen, die „biodeutsch“ aussehen, ist das schwierig zu verstehen. Tätowierungen mache ich mir selber. Wenn jemand meckert, dass er angegafft wird, weil er am Hals tätowiert ist, ist das lächerlich – das hat sich jeder selbst so ausgesucht. Aber wenn du schwarze Haare und schwarze Augen hast, hast du das nicht gewählt. Das Gefühl ist nicht gut.

Haben die Vorurteile dir gegenüber irgendwann einmal aufgehört oder sich gebessert?

Nein. Ich bin aber selbstbewusster geworden und lernte, damit besser umzugehen. Es gibt auch eine perfide Art von Rassismus, der gar keiner sein soll. Wenn mich zum Beispiel jemand in der S-Bahn dafür lobt, dass ich so gut Deutsch spreche – da pack ich mich an den Murmeln. Und diese Person hatte zudem noch so einen üblen, unverständlichen Dialekt. Das hört nicht auf, aber ich weiß, Menschen darüber einzusetzen. Meine Tattoos mussten für mich da sein, weil sie schwarze Haare 2.0 sind. Wer über all das hinwegsieht und mich als Mensch akzeptiert und kennenlernen will, der ist schon mal gut für mich. Wer mich für all das ablehnt, mit dem brauche ich auch gar nicht anfangen. Wir haben andere Werte, da kann man sich auch gleich von vornherein aus dem Weg gehen.

„Als das alles begann“ ist auch ein sehr politischer Song. Ist es zu befürchten, dass wir Zeiten wie vor 70-80 Jahren entgegenblicken?

Ich hoffe nicht, befürchte aber ja. Man muss sich vor Augen führen, dass schon damals nichts mit Gaskammern anfing. Es fing so an, wie jetzt. Es stand ein Brandstifter am Rednerpult – auch wenn Hitler, ohne Glorifizierung, charismatischer war als die heutigen Vögel – und es wurde auf „die“ und „wir“ geteilt. Da waren viele Leute, die die Schnauze hielten und am Rand standen, das war die schlimmste Gruppe. Jetzt haben wir die Chance, uns zu positionieren und vieles zu vermeiden. Wir müssen extrem aufpassen, sonst endet das alles nicht gut. Es geht auch schon alles sehr rasant vor sich und eigentlich völlig absurd. Der Brexit ist zum Beispiel schon eine Kleinigkeit, wo die jungen Menschen kotzen. Aber sie sind auch selbst schuld, weil die Jungen nicht wählen gingen, das war klar mitverschuldet. All das lässt sich mit kleinen Gesten im Alltag vermeiden. Mit einem Lächeln, einer Freundlichkeit, einem Kompliment oder einem Türaufhalten. Man muss einfach Empathie entwickeln und nicht Angst. Man darf nicht immer das Gefühl haben, dass einem jeder etwas wegnehmen will. Das Karma-Prinzip ist gut – du gibst was, du nimmst was.

2017 wird unter anderem in Deutschland, Frankreich und Holland gewählt. Muss man sich vor den Rechtspopulisten fürchten?

Ich habe größte Hoffnungen, dass es in Deutschland nicht passiert. Es wird für die AfD ein hohes Ergebnis geben, aber durch die Vergangenheit hoffe ich, dass wir wacher sind als viele benachbarte Länder. Bei Holland mache ich mir große Sorgen. Sie waren immer ein Musterbeispiel für kulturelle Vielfalt, aber sie haben einen verhältnismäßig eloquenten Freak vorne stehen. Ich weiß nicht, was diese Typen alle mit den blondierten Struwwelhaaren haben, aber der hat die auch. Diese Wahlkämpfe werden immer durch das Wort entschieden. Rechte sind sehr oft sehr eloquent.

Udo Lindenberg hat letztes Jahr Helene Fischer kritisiert, dass sie als Künstlerin, die derart viele Menschen erreicht, nicht politisch zu einer klaren Meinung steht. Wie siehst du das Thema?

Das kann ich auch so unterschreiben. Helene Fischer macht es deshalb nicht, weil sie verkaufen und niemand vergrämen will. Ich erwarte aber von ihr, dass wenn es hart auf hart kommt, eine Stellungnahme – zumal sie osteuropäische Wurzeln hat. Natürlich wird sie Leute verlieren, aber sie wird gehört. Für mich wäre es nicht denkbar, das Maul zu halten. Es würde mich freuen, wenn mehr Künstler ihre Bühne dafür nutzen würden. Um fair zu bleiben – es ist auch in Ordnung, wenn Mario Barth sein Maul aufmacht. Sein Statement hat mich nicht überrascht, genau dort habe ich ihn verordnet. Er entlarvt sich als Depp, der er ist. Dieser Idiot. Aber gut, die Leute verstehen, was los ist. Mir ist es immer recht, wenn jemand sein Visier hochklappt und klar Schiff macht.

„Unsere Tapes“ ist eine sehr schöne Reise in die Bandvergangenheit. Mir fällt dazu ein, dass ihr unlängst die Fanbox mit den Kelleraufnahmen aus Düsseldorf 1996 zur Verfügung stellt. Ist das ein Teil der 25-Jahre-Broilers-Offensive?

Die 25 Jahre Verarbeitung, ja (lacht). Was würden wir uns wünschen, wenn Bruce Springsteen eine Fanbox rausbringt? Genauso haben wir entschieden. Wenn ich von Springsteen einen Wimpel hätte oder ein Teil eines original Backdrops, das wäre Wahnsinn. Die Kassette von uns habe ich irgendwann wiedergefunden, reingehört und gedacht, das geht so nicht. Aber wir haben uns dann in die Idee verliebt, die Kassette einfach reinzugeben. Ohne Downloadcode, aber mit dem gleichen Zeichenblatt, das ich damals beilegte.

Broilers sicDu hast die Band 1992 mit Drummer Andi gegründet. Was ist von damals her gesehen bis heute noch unverändert geblieben, und was gar nicht mehr so wie früher?

Unsere Freundschaft ist unverändert. Wir sehen uns durch die Band sehr oft und deshalb tut es gut, am Wochenende mal eine Auszeit zu haben. Verloren haben wir Naivität, was aber nicht nur schlecht ist. Wir haben den Spaß an der Musik bewahrt, auch die Dankbarkeit. Wir haben uns eigentlich ganz gut gehalten.

Gibt es auch noch dieselbe Unschuld beim Liederschreiben? Den Gruppenhumor im Proberaum?

Den gibt es auf jeden Fall, aber auch die Angst davor, zwei Tage zu saufen. Die Angst vorm Kater ist stärker als in der Jugendzeit (lacht). Man muss sich sehr konzentrieren, wirklich unschuldig ans Werk zu gehen. Der Kopf denkt doch immer mit.

Gibt es etwas, dass du von den alten Tage besonders vermisst? Vielleicht die Anonymität des Künstlers in den Prä-Internettagen?

Das ist ein guter Punkt. Ich glaube, dass damals alles langsamer war. Das tat den Bands aber gut, weil die Meinung nicht gleich ungefiltert rausgekotzt wurde. Man musste sich damals als Kritiker auch mehr Zeit lassen. Wenn du ein Lied scheiße gefunden hast, musstest du einen Brief schreiben. Bis der fertig war, hast du das Lied vielleicht öfter gehört und es hat dich dann doch noch erwischt. Bis dahin schreibst du heute aber schon dreimal „scheiße“ ins Netz. Das Unschuldige ist durch die vielen Erlebnisse etwas verloren gegangen, aber das ist eine Altersfrage. Jeder Altersabschnitt bringt was tolles mit sich. Das Leben war mit 16 geil und ist jetzt geil. Alle acht Jahre verändert sich deine Stimme und das ist der Zeitpunkt, wo im menschlichen Körper was passiert. Wenn die Haare grau werden oder plötzlich aus den Schultern sprießen – das ist halt so, was willst du machen (lacht).

Fühlst du dich in deiner Haut mit jedem neuen Lebensjahr wohler?

Ich bin unfassbar dankbar dafür, dass ich viel besser gelernt habe nein zu sagen und konkreter weiß was ich mag und was ich nicht mag. Ich suche nicht mehr so viel. Ich weiß, welche Klamotten ich mag, wann mein Körper was braucht und was mir privat guttut. Das ist ein geiles Gefühl. Aber trotzdem – manchmal gehe ich mit meinem Hund spazieren und komme abends immer an einer Disco vorbei. Es war saukalt, aber die Jugendlichen haben sich dort zusammengerottet, einen vorgesoffen, herumgeknutscht oder einfach gekifft haben. Es war so schön, das zu sehen. Ich habe glücklich und begeistert, aber auch ein bisschen traurig hingesehen, weil die Zeit bei mir einfach vorbei ist und nie wieder komme. Aber ich habe alles schon erlebt und ich freue mich für die anderen Leute mit. Sie haben noch so viel vor sich – im Positiven wie im Negativen.

Bist du ein Nostalgiker?

Eigentlich nicht. Ich habe so viele retrospektive Lieder auf dem Album, aber ich bin gar kein Nostalgiker. Normalerweise verweile ich nicht gerne dort, aber vielleicht hängt das jetzt gerade mit dem Alter zusammen. Der gemeinsame Nenner für einen Gespräch, der auf „weißt du noch?“ basiert, der ist nie geil. Ich kann heute nicht mehr leugnen, dass ich erwachsen bin.

Bist du mit deinen Texten schneller zufrieden als früher, weil du schneller weißt, wo du hinwillst?

Nicht so richtig. Ich weiß einerseits schneller wo ich hinwill, andererseits muss aber auch das Niveau der Texte besser werden. Kurios ist ja dass je besser die Texte in meinen Augen werden, umso mehr Leute kritisieren mich dafür. Vielleicht werden Texte auch nicht verstanden oder ich gebe sie missverständlich wider. Mich hat auch sehr befreit, unreine Reime zu schreiben. „Haus“ nicht mehr auf „Maus“ reimen zu müssen war wichtig für mich.

Magst und kannst du deine wirklich alten Texte heute überhaupt noch singen?

Manche Sachen schon noch. Ich mag die Platten auch gerne, weil das alles Zeitdokumente meines Lebens sind. Damals war das alles goldrichtig. Den Text zu „Kelly Family“ würde ich heute nicht mehr singen, weil ich ihn einfach blöd finde. Es gibt die realistische Gefahr, dass ein paar Leute der Kellys nett sind und der Text war sehr pubertär und ich finde ihn heute doof. „Weg von den Straßen“ finde ich gut, aber es ist eine klare Skinhead-Nummer, die auch Skinheads singen sollten. Ich habe meine Wurzeln dort, bin aber kein Skinhead mehr. Mit der Frisur kann ich das nicht mehr glaubwürdig rüberbringen, aber es war alles gut und ich stehe zu den Texten. Songs wie „In 80 Tagen um die Welt“ zu singen macht auch Spaß.

Am 31. März kommt ihr in den Wiener Gasometer, im Juni spielt ihr dann am Nova Rock. Was wird es dort alles zu sehen geben?

So sehr wir auf der Platte unseren eigenen Kopf durchsetzen, so sehr sind wir auch Dienstleister bei den Konzerten. Dort machen wir eine super Mischung aus alten Sachen, neuen Sachen und allen Sachen dazwischen. Wir spielen immer sehr lange und viele Songs und ohne Scherz, ich habe selten gehört, dass jemand mit schlechten Gefühlen nach Hause gegangen ist. Wir wollen die Leute happy machen.

Steigert sich mit den größer werdenden Hallen auch der visuelle Bombast?

Wir haben bewusst versucht, das Gegenteil zu machen. Natürlich brauchst du mehr Lampen um die Bühne zu beleuchten, aber in Zeiten wo alle im größer werden wollen, wollen wir das Gegenteil machen. Pyroshow gibt es bei uns keine. Ich hoffe, wir können uns disziplinieren, das verhältnismäßig normal zu gestalten – das werden wir aber ohnehin bald sehen. Ich bin aufgeregt und nervös, aber ich habe jetzt Bock, auf die Bühne zu gehen. Wir scharren mit den Hufen.

 

Am 31. März spielen die Broilers im Wiener Gasometer, außerdem spielen sie Mitte Juni am burgenländischen Nova Rock (Samstag, mit Green Day, Sabaton, David Hasselhoff, Suicide Silence, Hatebreed und vielen mehr). Tickets gibt es bei oeticket.com.

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