Burg-Schauspieler Ignaz Kirchner gestorben

Der Kammerschauspieler ist gestern Abend im Alter von 72 Jahren verstorben.

© Reinhard Werner/ Burgtheater Wien

„Wäre ich Intellektueller, so wäre ich doch kein Schauspieler geworden!“, schmunzelte Ignaz Kirchner einmal über seine Schauspielerkarriere. Falls das mit der Schauspielerei nichts geworden wäre, hätte der gebürtige Wuppertaler immer noch auf seine Buchhändlerlehre zurückgreifen können. Doch der darstellerische Erfolg stellte sich rasch ein – sowohl bei seinen ersten Engagements in Deutschland wie auch später am Wiener Burgtheater, an dem Kirchner bis zuletzt engagiert war. Gestern Abend verstarb der Kammerschauspieler nach langer Krankheit.

Vom Buchhändler zum Schauspieler

Ignaz Kirchner wurde 1946 als Hanns-Peter Kirchner im Wuppertal geboren (später hat sich der Schauspieler nach dem Heiligen Ignatius umbenannt). Als Sohn eines Buchhändlers absolvierte auch Kirchner eine Buchhändlerlehre – sicherheitshalber – und widmete sich anschließend dem darstellenden Spiel. 1974 holte Claus Peymann den Künstler nach Stuttgart, in dessen Ensemble Kirchner bis 1978 tätig war. Darauf ging er zu den Münchner Kammerspielen und spielte am Kölner Schauspielhaus. 1987 engagierte Peymann den Darsteller ans Wiener Burgtheater. Als erste Rolle verkörperte er dort den Schlomo Herzl in George Taboris Uraufführung „Mein Kampf“. Weitere wichtige Rollen waren beispielsweise die Titelrolle in Sophokles/ Müllers „Ödipus“, „Tyrann“ unter der Regie von Matthias Langhoff und 1990 als Doktov Lvov in Tschechows „Ivanov“ mit Regisseur Peter Zadek. Zwischen 1992 und 1997 spielte Kirchner überdies am Deutschen Theater Berlin und dem Thalia Theater Hamburg.

In vielen Produktionen arbeitete Ignaz Kirchner mit Gert Voss zusammen. Die beiden inszenierten und spielten gemeinsam zum Beispiel „Die Zofen“ (Jean Genet) und „The Sunshine Boys“ (Neil Simon). Das Fachmagazin „Theater heute“ wählte die Konstellation 1991 und 1998 sogar zum Schauspieler des Jahres.

Neben dem Schauspiel präsentierte der Wuppertaler literarische Soloprogramme, wie „Der Spaziergang“, die Thomas Bernhard-Lesung „Komik ist immer ernst, bis der Komiker sich umbringt“, „Rede an den kleinen Mann“ oder „Buch der Unruhe“. Zusätzlich war er in Filmen von Detlev Buck, Leander Haußmann, Michael Verhoeven, Julian Pölsler sowie Urs Egger im Kino als auch dem Fernsehen zu erleben. Ignaz Kirchner war Träger der Kainz-Medaille, 2004 erhielt er das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien. Zuletzt gab Ignaz Kirchner den Gerbermeister Morten Kiil in „Ein Volksfeind“ von Heinrich Ibsen in der Regie von Jette Steckel.

Thomas Bernhard lässt in „Ritter, Dene, Voss“ die ältere Schwester sagen: „… immer an der Grenze zur Verrücktheit / niemals diese Grenze überschreiten / aber immer an der Grenze der Verrücktheit / verlassen wir diesen Grenzbereich / sind wir tot …“
In seiner von Haide Tenner aufgezeichneten Biographie „Immer an der Grenze der Verrücktheit“ meinte Ignaz Kirchner, besser könne man ihn nicht beschreiben, und Gert Voss schenkte ihm den ersten Teil dieses Satzes zu jeder Premiere. Im Gegenzug unterschrieb Kirchner seine Briefe und Postkarten mit „Der verrückte Ignaz“.
Doch was Ignaz Kirchner unter „verrückt“ zusammenfasste, waren jene Qualitäten, die ihn als Künstler und Menschen auszeichneten: unbestechlicher Individualismus, Unverwechselbarkeit ohne Prätention, Realitätssinn, für ihn logisch zwingend gepaart mit schwarzem Humor, seine intelligente Genauigkeit und unnachgiebige Verantwortung gegenüber der Literatur und nicht zuletzt sein diszipliniertes Arbeiten, das ihn zum gefragten Protagonisten ebenso wie zum unverzichtbaren Ensemblespieler machte. (Karin Bergmann, Intendantin Burgtheater Wien)

Quellen: Burgtheater Wien, Kurier, Der Standard

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