Calexico – Frischer Sound aus Tucson

Seit fast zwanzig Jahren treiben Calexico ihr musikalisches Unwesen und können mit ihrer Mischung aus Indie, Elektro und einem Hauch von Country weltweit ihre Fans begeistern. Für ihr aktuelles Werk verschlug es sie in ein kleines Studio nach Mexico City, in eine Umgebung, die sie noch nicht kannten und die sie fernab von ihrer Heimat und ihrem familiären Umfeld inspirierte.

John Convertino verriet uns im Interview, dass vor allem die Umgebung dafür verantwortlich zeichnete, wie ihr aktuelles Album „Edge Of The Sun“ schlussendlich klingen sollte. Musikalisch haben die Ausnahmekünstler wieder ein Werk vorgelegt, das sich nicht mit seinen Vorgängern vergleichen lässt. Natürlich findet sich auf „Edge Of The Sun“ auch der gewohnte Mix aus Stilrichtungen wieder, aber diesmal in einer etwas anderen, man möchte fast sagen, nachdenklicheren Form. Nachdenklich, das sind sie auf jeden Fall, und so begibt man sich auf eine lyrische Reise, fast so, als würde man ein neues Meisterwerk der Weltliteratur lesen – nur eben nicht lesen, sondern hören. Auch das funktioniert!

Erzähl uns ein bisschen über die Entstehung eures neuen Albums …

Wir haben das Album in Tucson angefangen. Es ist ein bisschen schwierig dort zu arbeiten – unsere Familien sind da und wir werden immer abgelenkt. Wir haben ein paar Ideen zusammengesammelt. Unser Keyboarder hat einen Bekannten in Mexico City, der ein kleines Studio hat. Er hat dann vorgeschlagen, dass wir dorthin fahren und ein bisschen Abstand von Tucson bekommen. Außerdem hatten wir hier die Möglichkeit, einen Teil von Mexico City zu sehen, den wir noch nicht kannten. Wir wurden von der Umgebung sehr beeinflusst – was jetzt nicht notwendigerweise heißt, dass wir nur mexikanische Songs auf unserem neuen Album haben. Es ging eher um die Ideenfindung. Der erste Track ist dort entstanden und auch „Coyoacán“, der nach der Umgebung, in der wir uns befanden benannt wurde. Wir dachten uns noch, dass wir die Songs dann in Tucson nochmal neu aufnehmen würden, um den Sound zu optimieren, aber eine höhere Soundqualität hat nichts verbessert. Sie waren einfach schon so gut, weil das ganze Gefühl, die Stimmung, in der wir uns befanden, als wir sie aufnahmen, in ihnen steckt. Das ist ein perfektes Beispiel für den Albumprozess. Manchmal bedeutet es einfach nur, einen Moment festzuhalten, egal ob du in einem winzigen Demostudio bist, oder in einem extrem gut ausgestatteten. Man baut einfach ein Fundament auf. Was dieses Album betrifft – hier hatten wir ungefähr zwanzig Fundamente, also wirklich viele, da haben wir dann noch ein paar Schichten drüber gelegt und dann hatten wir fast zu viele Songs für ein Album – es wird also auch noch eine Special-Edition geben, mit zusätzlichen sechs Songs.

Kann man also sagen, dass euch die Umgebung, in der ihr aufnehmt inspiriert?

Ja genau. Es ist im Prinzip zwar nicht unsere Intention gewesen, aber wenn man lange zusammen an einem anderen Ort ist, hilft das auch viel bei der Kommunikation und Abstimmung. Es kann auch sein, dass der beste Weg Musik zu machen ist, nicht darüber zu reden – zumindest im Vorfeld. Man muss es einfach passieren lassen. Am besten ist es vielleicht, wenn man ein bisschen frei hat, bevor eine Studiosession beginnt, wenn man sich einfach entspannt und ein bisschen spazieren geht. Wir haben uns zum Beispiel das Frida Kahlo Museum angesehen, wir haben viel Zeit in einem großen Park verbracht, sind viel laufen gegangen und du bekommst dann wirklich ein Gefühl für eine Stadt, wenn du einfach mit ihren Einwohnern abhängst. Etwas, das ich in den letzten zehn Jahren vermehrt mache ist, wenn ich in einer großen Stadt bin, dass ich einfach herumspaziere und mir Gesichter von Menschen ansehe. Aber … hast du jemals etwas von dem japanischen Autor Murakami gelesen?

Ja!

Sehr gut! In seinem Buch „Mister Aufziehvogel“ hat der Protagonist eine harte Zeit mit seiner Frau und eines der Dinge, die er tat um seinen Kopf klar zu bekommen war, dass er in diesem wirklich belebten Teil Tokios spazieren ging und sich einfach Gesichter von Menschen ansah. Ich habe das nicht aus meinem Kopf bekommen und es ist wirklich etwas, das ich sehr gerne mache. Es ist dann nicht so, dass du zurück ins Studio gehst und einfach einen Song über die Gesichter von Menschen schreibst, es beeinflusst dich einfach, weil du voll im Moment bist, an diesem Ort.

Liest du sehr viel?

Oh ja. Ich kann auch nicht sagen, wer mein Lieblingsautor ist. Ich mag eben Murakami sehr gerne, aber auch die Klassiker. Meine Frau liest extrem viel, viel mehr als ich. Das heißt, jedes Buch mit dem sie fertig wurde, nehme ich mir dann einfach. Mein Sohn liest auch sehr viel – er ist eine große Inspirationsquelle für mich. Er ist neun Jahre alt und er liest gerade „Harry Potter“, er hat auch schon alle drei Teile von „Der Zauberer von Oz“ gelesen. Als er dann den Film sah, war er fast enttäuscht, weil so viele Szenen ausgelassen wurden. Bücher und Filme … sie haben unsere Band immer inspiriert. Die aktuelle Platte ist vielleicht die stärkste, was Lyrics betrifft. Joey hat hier wirklich Tolles geleistet! Ich denke, dass er aber eher aus persönlichen Erlebnissen schöpft, als von Büchern oder Filmen. Er schafft es auszudrücken, wie es ist, an der Grenze zu leben, wie das immer wichtiger wird und wie wichtig es ist, Lösungen für Probleme zu finden, die dort vorhanden sind.

Ihr habt ja auch eine große Verbindung zu Europa. Wie ist denn das passiert?

Auf der einen Seite sind es vielleicht unsere Wurzeln – meine Großeltern sind aus Italien. Mehr als alles andere ist es aber unsere Anerkennung für die Musik, die aus Europa kommt. Sowohl klassische Musik, als auch osteuropäische Musik, die wirklich sehr mit der Musik im Westen vernetzt ist – vor allem dem Blues. Als wir mitbekamen, dass es so eine starke Verbindung zwischen diesen Musikrichtungen gibt, war es einfach faszinierend. Ich glaube die Verbindung zu Europa hast du schon, wenn du zum ersten Mal ein Akkordeon in die Hand nimmst. Einfach nur aufgrund des Wesens des Instruments. Wir mischen einfach alles zusammen, das liegt in unserer Natur, und kreieren so unseren eigenen Stil.

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Ihr seid schon sehr lange im Geschäft, was treibt euch an?

Ich bin auch immer wieder fasziniert, wie lange es uns schon gibt. Ein Grund dafür ist vielleicht, dass unsere Motivation nicht danach ausgerichtet ist, Rockstars zu sein und viel Geld zu machen, sondern, dass wir einfach Musik machen und keinen wirklichen Plan haben. Wir setzen uns hin und schauen, was passiert. Mein Vater hatte da einen guten Spruch, als ich ein Kind war, und wenn es mir schlecht ging oder ich nicht wusste, wie es weitergeht, dann hat er immer gesagt: „Du hast alles, das du brauchst in dir.“ Ich habe das auch an meinen Sohn weitergegeben, man muss immer wissen, dass man seine Inspiration in sich selbst findet, dass man seine Gedanken selbst wieder ordnen kann. Natürlich hat sich mit der Zeit einiges verändert. Wenn du jung bist und du denkst, dass du all die Zeit der Welt hast, kommt dein Antrieb eher aus dem Spaß, der Freude. Wenn du älter wirst, wird alles ein bisschen komplizierter. Es gibt so viele Beziehungen, egal ob romantischer Natur oder nicht – du wirst einfach älter und hast mehr Leute getroffen, man hat Kinder und muss verantwortungsbewusst sein. Da geht es dann nicht mehr nur um den Spaß, sondern auch um Arbeit. Aber das ist auch wunderschön, weil du auf einmal bemerkst, dass der Zauber der Musik seinen Weg findet – egal über welche Straßen. Wenn man die Möglichkeit hat, etwas aus dem Nichts zu erschaffen, das ist wirklich bereichernd. Das gilt natürlich auch für Konzerte. Es ist immer schwieriger, sein Zuhause zu verlassen, weil du dich dort so wohl fühlst. Aber zum Glück ist unsere Wohlfühlzone auch auf der Bühne, wenn du spielst und dein Publikum begeistert ist und du einfach das Gefühl hast, dass etwas wirklich Gutes passiert.

Wie entspannst du?

Wenn ich auf Tour bin, oder auch Zuhause, gehe ich sehr viel laufen. Es ist wirklich großartig, du bekommst so viele Dinge mit, dann machst du wieder dieser Murakami-Ding und der Kopf ist einfach frei.

Hörst du Musik, wenn du läufst?

Nein. Ich muss zugeben, dass ich generell nicht so viel Musik höre, wenn ich etwas anderes tue. Für mich ist es mit dem Musikhören so wie mit dem Lesen: Man muss sich hinsetzen und sich wirklich darauf konzentrieren. Ich würde wahrscheinlich einen Unfall bauen, wenn aktiv Musik im Auto hören würde, oder einfach beim Laufen gegen eine Wand rennen. Man muss sich wirklich Zeit nehmen um Musik zu hören.

Wenn ich Zuhause bin, bastle ich auch gerne an meinem Auto. Ich habe einen 1958er VW Karmann Ghia. Es ist wirklich reinigend für mich, dieses alte Teil funktionieren zu sehen, einfach zu sehen, dass es das tut, wofür es damals geschaffen wurde, nach all den Jahren.

Welche Farbe hat es denn?

Es stand sehr viele Jahre in einem Feld, jetzt ist es Patinagrün. Ich dachte, dass ich es vielleicht lackieren würde, aber als ich es dann technisch repariert habe, dachte ich, dass es so wirklich cool aussieht. Außerdem hat es ja 30 Jahre im Feld gebraucht, dass es diese Farbe bekam. Ich habe es einfach eingeölt und so die unterschiedlichen Schattierungen noch ein bisschen mehr hervorgebracht. Jetzt ist es perfekt! Die Originalfarbe ist noch am Armaturenbrett zu sehen – es ist ein Delphinblau, auch eine sehr schöne Farbe.

 

Ob Calexico es 2015 noch nach Österreich zu einem Konzert schaffen? Wir warten gespannt!

 

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