Casper: Vom Hinterland zum Mainstream

Der deutsche Rapper Casper veröffentlicht Ende September das von Fans heiß ersehnte neue Album Hinterland. Viel verrät er nicht darüber, eines der wenigen Lebenszeichen ist die erste Single Im Ascheregen. Wir sprachen mit ihm beim FM4 Frequency Festival über große Träume, Mysterien und Hip-Hop-hörende Internet-Douchebags.

Casper findet es toll, dass junge und glaubwürdige Bands endlich zu Erfolg kommen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er selbst Teil dieser Welle ist. Er war jahrelang auf Tour – zuerst solo, dann mit Band – und hat oft genug „vor 15 Leuten in Buxtehude“ gespielt, wie er selbst erzählt. 2011 war er dann „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ und erreichte in Deutschland sogar Gold-Status, 41 Wochen lang verweilte er auf Chart-Platz 1, bei uns erreichte er Platz 14. Abgesehen vom Erfolg wohnt er noch immer in einer unordentlichen Berliner WG und wirkt im Interview sehr ruhig und nachdenklich, aber trotzdem aufgedreht und wortgewandt.

In deiner neuen Single Im Ascheregen geht es um große Ideen und große Träume. Was sind deine größten Träume?

Casper: Mein größter Traum privat hätte jetzt wahrscheinlich nichts mit Musik zu tun. Mein großer Traum musikalisch wär tatsächlich schon mal sowas wie eine US- oder UK-Tour zu spielen. So ein bisschen auf Rammstein, weltweit zu spielen, das wär schon ganz geil.

Was wünscht du dir privat?

Casper: Ach, da müssen wir nicht drüber reden.

Was wünscht du dir allgemein für die Musikszene? Wie soll sich die entwickeln?

Casper: Ich finde, es entwickelt sich gerade sehr gut, dass Nischen-Bands die Chance bekommen, groß zu werden. Castings und Gekünsteltes scheinen nicht mehr ganz groß zu sein. Viele Sachen entspringen aus sich selbst wie zum Beispiel irgendwelche Bands, die von Soundcloud aus groß werden, oder dass glaubwürdige, neue, junge Bands diese ganz Altbackenen ablösen, dass nicht bei jedem Festival Korn oder Metallica Headliner sein muss. Das hängt auch daran, dass man sein Publikum viel schneller finden kann. Früher war es eher so, dass man zu Hause getülftet hat und dann musste man hoffen, dass man ins Studio kommt und hoffen, dass es gut klingt und hoffen, dass es sich jemand anhört. Da mussten so viele Zufälle zusammenkommen. Aber jetzt kann man einfach einen sehr guten Song auf Soundcloud geben und die Welt findet das. Das find ich sehr schön.

Das kann auch vom Mainstream weggehen, so wie deine Musik. Du machst etwas Unkonventionelles. Denkst du, dass das einer der Gründe für deinen Erfolg ist?

Casper: Nein, ich glaube, ein großer Grund dafür, dass es jetzt so gut läuft ist der: Ich bin ja solo schon sehr, sehr viel getourt, bestimmt zwei Jahre lang. Mit der Band spielen wir auch seit drei Jahren oder so. Ich glaube, dass das ein Zusammenspiel von richtiger Zeit am richtigen Ort und dass wir echt ewig lang jede Steckdose gespielt haben, die irgendwie ging. Wenn man sich da 2007 anschaut, da haben wir irgendwo in Buckstehude vor 15 Leuten gespielt, auf diesem Weg hat man sehr viele Leute aufgesammelt. Und 2011 war ich glaub ich mit dem richtigen Produkt zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Du bist Teil der Hip-Hop-Maschinerie. Wenn du dir die Charts ansiehst, findest du lauter deutsche Hip-Hop-Alben. Da stehen aber keine Major-Labels dahinter, sondern große Indie-Labels wie Selfmade Records, wo auch du warst. Was ist das Geheimnis dahinter? Warum ist Hip-Hop so groß?

Casper: Ich glaube einfach, dass die Hip-Hop-Szene es über Jahre geschafft hat – so ähnlich wie ich mit dem Touren – sich im stillen Kämmerlein Images oder musikalische Nischen aufzubauen, wo das so auf dem Punkt ist, dass Fanbases am Start sind. Man sieht ja bei den Alben sehr gut: Die gehen auf die Eins und in der nächsten Woche auf 70 und dann raus. Die haben es dann einfach geschafft, ihre gesamte Fanbase auf diesen einen Tag zu bündeln. Bei Selfmade ist es noch ein spezielleres Ding, wo ich sagen würde, die haben eine Label-Fanbase. Die denkt, solange dieses Logo des Labels auf der Platte oben ist, kaufe ich das. Das ist mittlerweile so groß, dass es sich immer wieder auf die Eins katapultiert.

Glaubst du, dass hat viel mit Social Media zu tun?

Casper: Ich glaub schon. Wenn man heutzutage relativ groß werden will, gibt es zwei Extreme. Du bist entweder der mysteriöse Typ, der gar nichts im Internet macht und dadurch ein großes Startum schafft, oder man ist die ganze Zeit total dran, mit Instagram, Facebook, Twitter, Tumblr, Flickr, Vine, was es nicht alles gibt!

 

In einem Interview vor Kurzem hast du gesagt, dass du nichts von den Hip-Hop-hörenden Internetkindern hältst und dass das wahrscheinlich alles Douchebags sind. Was hast du damit gemeint?

Casper: Es gibt kaum andere Musik-Genres, wo so gehässiges Zeug kommentiert wird, so Over-The-Top, so niederträchtig. Das hab ich nie verstanden. Ich meine, ich versteh das schon: Hip-Hop ist eine sehr kompetitive Musikrichtung. Da geht es von Anfang an um Competition. Jüngst auch diese neue Kendrick-Strophe auf dem Big Sean Song: Da hat er eine Strophe gemacht, die Wellen geschlagen hat, weil er gesagt hat: „Hey, Leute, ich liebe euch, aber ich töte euch auf dem Beat.“ Das bringt das schon ein bisschen auf den Punkt. Es ist echt so: Wenn Thees Uhlmann oder so jemand ein Musik-Video rausbringt, dann steht da die ganze Zeit nur drunter „Find ich cool“ oder „Find ich jetzt nicht so gut“, so wie es beim letzten Mal war, und das ist OK so. Aber Hip-Hop ist das so: „Der Hurensohn“ und bla und bläh. Und dann kommt immer so ein Shitstorm. Ich glaube aber tatsächlich, dass das eine Unart von Hip-Hop-Leuten ist. Ich weiß nicht, ob das wirklich Douchebags sind, aber es kommt halt so Douche-mäßig rüber.

Du sagst du selber, die Rap-Szene kreiert das selber, weil sie so kompetitiv ist. Du arbeitest dann aber mit Leuten wie Kollegah zusammen, die sehr aggressive Musik machen. Wie willst du das vereinen?

Casper: Naja, aber bei … hm … Ich höre ja auch sehr gerne so eine Musik, also wenn sich das auf musikalischer Ebene abspielt, finde ich das sehr, sehr gut. Aber dann heißt einer im Internet „GangstaBoy17m“ und der schreibt „Ey, bababa, du siehst aus wie ein Hurensohn“. Dann denk ich mir: „Ey, wen interessiert denn deine Meinung?“ Wenn aber Rapper A was über Rapper B sagen würde, dann würde mich das schon sehr interessieren. Das hebt sich dann auf ein unterhaltsames Level.

IMG_8915_kleinEin Beef! Hattest du schon mal einen intensiven Beef?

Casper: Ich hatte einmal so einen untertonigen Beef mit einem tatsächlich sehr großen deutschen Rapper. Wir haben uns gegenseitig nie beim Namen genannt, aber immer ein paar Sachen hin und her geschoben. Das war schon ein bisschen unterhaltsam. Aber ich hab ja damit ein Stück weit abgeschlossen, denn im Endeffekt ist die deutsche Szene so klein. Du machst einen Spruch gegen den, und dann gegen den, auch wenn man den Namen nicht nennt, geht das hin und her. Und dann läuft man auf so einem Festival rum und hat die ganze Zeit Spaß mit den Jungs, dann kommt man ins Catering und dann wird die Stimmung kurz unangenehm. Ich hab da einfach keinen Bock mehr drauf.

Du hast gesagt, dass dein Album sehr groß und episch produziert ist.

Casper: Naja, es ist ein Wechselspiel zwischen großen und sehr, sehr kleinen Momenten. Es ist schwer, das zu beschreiben.

Stehst du auf Geheimnisse?

Nö, aber ich finde tatsächlich, dass bei so einem Release das Mysterium die Spannung ausmacht. Ich hatte das zum Beispiel vor Kurzem mit einer Band namens Modern Life Is War, die ich sehr gerne mag. Die hatten acht Jahre lang kein Album veröffentlicht und haben ihre Reunion angekündigt. Meine Nackenhaare standen auf, „boaah, die machen wieder ne Platte.“ Ich war richtig angehyped, gehe auf Pitchfork, Album-Stream. Und ich so: „Was? Pfff, jetzt kann ich’s ja einfach hören. Ist ja scheiße.“ Und dann hört man sich das auch so drei Mal an, ist eine gute Platte und dann: Next! Ich find aber geil, wenn das noch nicht jeder gehört hat, ein paar Journalisten und die Leute vom Label. Die finden’s gut, und das streut sich. Man baut eine Spannung auf. Ich würde es nicht so extrem machen wie Daft Punk. Ich kann das auch nicht, aber ich fand das schon richtig geil. Man gibt den Leuten immer mal wieder was, aber nicht zur Kondition, dass sich das jeder holen kann. Das find ich scheiße, das macht die Sache auch weniger Wert. Du hast ein Alter Bridge Shirt an. Wenn du in den Laden gehst, freust du dich sehr. Wenn dir aber jemand die Platte schenkt, dann ist die automatisch weniger Wert.

Geht da der künstlerische Wert verloren?

Casper: Nein, das ist psychologisch. Ich merke das auch bei Konzerten, wo es Verlosungen gibt. Sobald es umsonst ist, ist es nicht so viel wert.

Ja aber so Singles werden immer gratis rausgeschmissen.

Casper: Das ist ja OK, wenn man hie und da auf Soundcloud etwas hergibt. Aber nur solange man selber in der Hand hat, was man rausgibt.

Du vermischst mehrere Musikrichtungen. Du hast einen sehr differenzierten Musikgeschmack. Ist das wichtig für einen Künstler?

Casper: Nö. Ich finde das nicht wichtig. Ich finde es für mich wichtig, weil ich schon irgendwie mit dem Kopf durch die Wand möchte. Ich möchte, dass man eine Platte macht und man sagt, dass es das so nie gegeben hat. Nicht nur in Deutschland, sondern auf der Welt. Ich möchte mich darin auch nicht wiederholen. Vielleicht wird die nächste Platte ja total elektronisch oder akustisch oder auch eine Rap-Platte.

Oder Metal?

Casper: Ja, Metal (lacht). Aber so Epic Christian Metal. Creed!

Lieblings-Festival?

Casper: Hurricane.

Lieblings-Metalband?

Casper: Motörhead.

Lieblings-Indie-Band?

Casper: Vampire Weekend.

Lieblings-Frau?

Casper: Oh, Katy Perry!

Lieblings-Getränk?

Casper: Whiskey-Cola.

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