Christopher Chaplin: Ein Akt der Rebellion

Christopher Chaplin

Trotz legendärer Vorfahren und seines berühmten Familiennamens wurde Christopher Chaplin erst mit Ende 40 als Musiker so richtig wahrgenommen. Im Mai feiert der Avantgarde-Elektroniker das 15-jährige Jubiläum von Fabrique Records, seinem österreichischen Entdecker.

Christopher ChaplinChristopher James Chaplin kam 1962 in der Schweiz als achtes und letztes Kind der Hollywood-Legende Charlie Chaplin zur Welt, seine Mutter Oona war die Tochter von Literatur-Nobelpreisträger Eugene O´Neill. 2010 erschien beim Wiener Label Fabrique Records in Zusammenarbeit mit dem Produzenten und DJ Kava sein erstes Album “Seven Echos”, 2016 veröffentlichte Chaplin sein Solo-Debüt “Je suis le Ténébreux”. Am 26. Mai erscheint die Remix-EP “Deconstructed”, schon am 12. Mai gastiert Christopher Chaplin im Rahmen der Feiern zum 15-jährigen Bestehen von Fabrique Records neben Jana Irmert, Loretta Who, Boz Boorer und Lovecat im Großen Sendesaal des ORF-Radiokulturhauses. Wir haben mit Christopher vorab in seinem Studio in Südengland telefoniert und über Alchemie, Musik als Therapie und Vaters Wunsch nach einem sicheren Job gesprochen.

Christopher, entdeckt wurdest du von Michael Martinek, dem Betreiber von Fabrique Records, als er vor einigen Jahren das Internet nach neuer Musik durchforstete und irgendwie auf deinem Myspace-Profil landete …

Ich war außer mir vor Freude, dass jemand meine Musik wahrnimmt. Noch dazu jemand, der ein kleines Label besaß! Ich dachte, dass jetzt meine Träume wahr würden.

Selbst hast du nie versucht, Labels auf dich aufmerksam zu machen?

Nein, ich wollte in erster Linie für Orchester komponieren und dachte eher daran, dass andere Menschen meine Musik aufführen. Ich habe mich als Komponist im traditionellen Sinn verstanden. Durch Michael habe ich Hans-Joachim Roedelius kennengelernt, der mich wiederum mit der Elektronik-Szene bekannt gemacht hat.

Du warst bereits Ende 40 als deine Karriere begann. Reichlich spät für einen Musiker, oder?

Meine Geschwister und ich mussten in jungen Jahren mit einer Musikausbildung beginnen. Ich hasste es. Aber als ich 14, vielleicht 15 Jahre alt war, hat mich ein Freund in der Schule auf Beethoven aufmerksam gemacht und damit mein Interesse an klassischer Musik geweckt. Ich habe Klavier studiert und wirklich gehofft, Pianist zu werden, aber ich musste erkennen, dass ich einfach nicht gut genug war. Danach habe ich eine Schauspielkarriere eingeschlagen – ganz einfach, weil die meisten meiner Geschwister Schauspieler waren (Anm: Das bekannteste von Charlie Chaplins acht Kindern, Geraldine Chaplin, ist in über 100 Produktionen zu sehen, darunter in “Doktor Schiwago”. Deren Tochter Oona wiederum war in “Game of Thrones” zu bewundern und jetzt gerade in der TV-Serie “Taboo”.). Die Schauspielerei war aber nicht meine Berufung, also habe ich mich wieder der Musik zugewandt.

Du bist heute nicht nur Pianist, sondern vor allem Komponist. Hat es dich nicht gereizt, für Hollywood-Produktionen Filmmusik zu komponieren? Ich kann mir vorstellen, dass du recht gute Kontakte hast …

Ich bin kein besonders großer Fan von Filmmusik; vieles davon ist für mich zu sehr am Reißbrett entstanden. Außerdem bin ich nicht besonders gut darin, zu bestehenden Bildern zu komponieren. Normalerweise kommt meine Musik irgendwo aus dem Nirgendwo daher und Ideen für Visuals entstehen erst später.

Dein Vater Charlie Chaplin hat für viele seiner Filme, darunter “Der große Diktator” und “Moderne Zeiten”, selbst die Musik komponiert. Konntest du diesbezüglich etwas von ihm lernen?

Nein. Mein Vater starb, als ich 15 war. Ich erinnere mich, dass er noch sehr viel an der Musik für seine Stummfilme gearbeitet hat. Ich glaube, dass er in jüngeren Jahren selbst am Klavier komponiert hat, aber ich habe ihn ja nur im hohen Alter gekannt. Da hat er seine Ideen einem Pianisten mit seiner damals bereits sehr zerbrechlichen Stimme vorgesungen, später wurde alles von jemand anderem orchestriert.

Am 26. Mai erscheint die 4-Track-EP “Deconstructed” mit Remixes deiner Songs von der Berliner Soundkünstlerin Jana Irmert, dem Grammy-nominierten US-Komponisten Tim Story, aka Tim O´Keefe und Peter Zirbs (Konsorten TM, Depeche Ambros). Was hast du dank dieser Dekonstruktion über deine Lieder gelernt?

Ich weiß nicht, ob ich etwas gelernt habe. Aber es ist faszinierend zu hören, was andere Menschen aus dem Material herausholen, das du erschaffen hast. Ich bin beim Komponieren sehr langsam, ich arbeite an einzelnen Songs bis sie mich krank machen! Wenn du so vorgehst wie ich verlierst du irgendwann den Durchblick und am Ende fällt es dir schwer, deine eigenen Werke gut zu finden. Aber ein Remix bringt so viel frischen Wind hinein! Es ist ein befriedigendes Gefühl, denn es bestätigt, dass deine Musik doch nicht so schlecht ist.

Im Original finden sich die zwischen 12 und 15 Minuten langen Songs auf deinem im Vorjahr erschienen Solo-Debüt-Album “Je suis le Ténébreux” – zu deutsch: “Ich bin der Dunkle”. Wie ist dieser Titel zu verstehen?

Das französische Wort “Ténébreux” lässt sich leider nicht exakt übersetzen. Der Titel ist die erste Zeile des in Frankreich ziemlich bekannten Gedichts “El Desdichado”, das Gérard de Nerval im Jahr 1854, also im Zeitalter der Romantik, veröffentlicht hat. Unter einem “Ténébreux” kann man sich vielleicht am besten einen leidenden Maler oder Musiker, jedenfalls einen leidenden Künstler vorstellen. Es geht also weniger um eine teuflische Dunkelheit als viel mehr um eine melancholische Seele.

Die Musik ist aber nicht nur melancholisch und dunkel, sondern auch verspielt und phasenweise sogar fast schon, wie soll ich sagen, humorvoll.

Das Konzept des Albums basiert auf Gegensätzen: Männer und Frauen, Sonne und Mond. Und ich mag die Idee von hell und dunkel, von Licht und Dunkelheit. Natürlich, der Albumtitel deutet in eine bestimmte Richtung, aber ich wollte nicht den Eindruck erwecken, mich selbst zu ernst zu nehmen. Deshalb sollte die Musik unter anderem eine gewisse Leichtigkeit, einen gewissen Humor mit sich sich bringen. Ich arbeite sehr gerne mit lange gehaltenen Grundtönen und pushe mich dann selbst, etwas mehr Rhythmus in den Song zu bekommen. Gerade den Titeltrack “Je sui le Ténébreux” habe ich versucht rhythmischer zu gestalten und dadurch erhält diese Nummer nicht nur mehr Schwung, sondern auch den von dir beschriebenen Humor.

Zuletzt wurden Aussagen, die mit “Je suis …” beginnen, auf Facebook und Twitter ein wenig inflationär nach Terroranschlägen in westlichen Metropolen verwendet. “Je suis Paris”, “Je suis Berlin”, “Je suis Stockholm” – soll dein Albumtitel darauf anspielen?

Überhaupt nicht. Aber ich hatte einen anderen Hintergedanken: Von Gérard de Nerval, dem Dichter, dem ich die Zeile “Je suis le Ténébreux” verdanke, wird angenommen, dass er in eine bestimmte Art der Alchemie eingeweiht war. Und meine beiden Songtitel “Aelia Laelia” und “Lucius Agatho” beziehen sich auf Rätsel, die viele Alchemisten zu lösen versuchten. Angeblich verbargen sich dahinter Geheimnisse, wie man Blei in Gold verwandeln könne.

Du sprichst englisch und französisch, dennoch beinhaltet “Je suis le Ténébreux” vor allem deutsche Texte – warum?

Für mich vereint dieses Album all meine bis dahin gemachten musikalischen Erfahrungen. Joachim und Martha Roedelius waren ein wichtiger Teil meiner Entwicklung. Er hat mich überhaupt erst dazu gebracht, live aufzutreten und danach waren wir sehr viel miteinander auf Tournee. Außerdem liebe ich Joachims Stimme und Martha ist ebenfalls eine exzellente Sprecherin. Deshalb habe ich die beiden ausgewählt. Dass sie deutsche Texte gesprochen haben, lag einerseits daran, dass es ihre Muttersprache ist. Und andererseits gefällt es mir, Wörter zu hören, die ich nicht wirklich verstehen kann. Könnte ich die Wörter verstehen, würde sofort mein Intellekt das Kommando übernehmen. So sind die Stimmen für mich eher wie ein Sound ohne inhaltliche Bedeutung.

Du hast dein Live-Debut 2010 in Österreich beim Gugging-Festival gegeben – warst du sehr nervös?

Es war nicht wirklich der erste Auftritt, denn ich habe zuvor schon meine eigene Theatermusik in Schweden aufgeführt. Aber: Ja, ich war dem Herzinfarkt nahe! Dabei bin ich eigentlich gar nicht auf der Bühne gestanden, sondern war die meiste Zeit im Publikum. Aber nicht in einer Million Jahre hätte ich mir vorher vorstellen können, jemals live zu spielen. Mittlerweile bin oft mit Joachim aufgetreten – und nicht nur, dass wir live aufgetreten sind: Wir hatten überhaupt nichts vorbereitet! Wenn du mit auf die Bühne gehst, gibt es keinen Plan. Alles entsteht nur, weil du es tust. Aufgeregt bin ich heute immer noch, aber mittlerweile mag ich dieses Gefühl, meine Nervosität ist anregend.

Bei der 15-Jahres-Feier von Fabrique Records am 12. Mai. im Wiener Radiokulturhaus wirst du erstmals als Solo-Künstler auftreten. Was können wir erwarten? Und was erwartest du dir selbst von diesem Abend?

Ich versuche, jedes Mal etwas zu tun, was ich bisher noch nicht getan habe. Aber es fällt mir schwer zu beschreiben, was ich tatsächlich plane. Was ich mir persönlich erwarte ist eine Antwort auf die Frage, ob ich so einen Auftritt ganz alleine hinbekomme. Ich werde jedenfalls im Gegensatz zu den Auftritten mit Joachim auf gewisse Weise vorbereitet sein – was es einerseits einfacher, andererseits schwerer macht, weil gewisse Rahmenbedingungen vorgegeben sind.

Angeblich wirst du Material deines nächsten Albums performen. Kannst du uns schon etwas über den Sound oder die generelle Richtung deiner neuen Songs erzählen?

Es wird wohl wieder ein Konzeptalbum, das auf einem bestimmten Text basiert. Diesmal beziehe ich mich auf das Gedicht “Paradise Lost” von John Milton aus dem 17. Jahrhundert; die Musik wird etwas rhythmischer sein. Ich mische akustische Sounds mit elektronischen Klängen und es wird wieder avantgardistisch werden.

Du wirst im Sommer 55. Welche Träume und Wünsche hast du für deine musikalische Zukunft?

Ich habe nicht den Traum, ein internationaler Superstar zu werden. Mein Traum ist, meinen Weg kontinuierlich weitergehen zu können. Und ich möchte herausfinden, ob meine Musik bei Solo-Konzerten “funktioniert”, denn tatsächlich trete ich mittlerweile sehr gerne vor Publikum auf. Für mich ist Musik mehr Therapie als sonst etwas.

Therapie?

Nun, es geht darum, verschiedene Seiten meiner Persönlichkeit zu entdecken, die ich bisher noch nicht kannte. Und natürlich geht es auch darum, hin und wieder innere Dämonen zu bekämpfen …

Was hast durch deine Musik über dich selbst erfahren?

Dass ich ein viel komplexerer Mensch bin als ich je gedacht hätte (lacht). Es gibt so viele Dinge unter der Oberfläche, die es noch zu entdecken gibt.

Ich weiß, du sprichst in Interviews nicht gerne über deinen berühmten Vater …

Das stimmt.

Aber worauf ich hinauswill: Du bist ja nicht nur der Sohn eines legendären Hollywood-Stars. Dein Großvater mütterlicherseits war der Literatur-Nobelpreisträger und vierfach mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Schriftsteller Eugene O´Neill, dessen bekanntestes Werk “Eines langen Tages Reise in die Nacht” zu den wichtigsten amerikanischen Theaterstücken des vergangenen Jahrhunderts gehört. War es bei diesem familiären Background überhaupt denkbar, nicht Künstler zu werden und stattdessen einen normalen 40-Stunden-Job, etwa in einer Bank oder Versicherung, anzustreben?

Tatsächlich war der Weg in die Kunst nicht klar vorgezeichnet. Im Gegenteil. Seltsamerweise hat unser Vater seine Kinder nicht gerade ermutigt, Künstler zu werden. Er kannte das Filmgeschäft sehr gut und wusste, dass Schauspieler kein sicherer Beruf ist. Er wäre sehr glücklich gewesen, wenn wir sicherere Berufe gewählt hätten, vielleicht nicht unbedingt in einer Bank, aber er hätte uns zum Beispiel gerne als Rechtsanwälte gesehen. Tatsächlich haben wir aber eigentlich alle den Weg in die Kunst gesucht und das war wahrscheinlich vor allem ein Akt der Rebellion.

Du selbst bist unter anderem für den österreichischen Regisseur Peter Patzak vor der Kamera gestanden (“Gavre Princip – Himmel unter Steinen”, 1990) und warst zuletzt 1995 neben Leonardo DiCaprio in “Total Eclipse” zu sehen. War es schwer, dir selbst einzugestehen, dass du als Schauspieler nicht auf dem richtigen Weg bist?

Auf gewisse Weise, ja. Ich habe nie das Gefühl gehabt, in einer Rolle richtig aufgehen zu können. Das lag nicht an mangelnder Courage, es ist einfach nie passiert. Ich war immer nur ein Schauspieler, der eine Rolle spielt, aber es ist mir nie gelungen, ganz dieser Charakter zu sein. Und damit sind wir wieder bei der Therapie: In der Musik kann ich völlig aufgehen, ich kann mich in der Komposition vollkommen verlieren – und da wird Kunst ja erst richtig interessant.

Warum funktioniert für dich in der Musik, was im Schauspiel nicht funktioniert hat?

Weil Schauspieler von so vielen anderen Menschen abhängig sind. In der Musik habe ich selbst die Kontrolle, ich kann tun und lassen, was ich will.

 

Christopher Chaplin ist am 12. Mai im Wiener ORF Radiokulturhaus neben Jana Irmert, Loretta Who, Boz Boorer, Lovecat, Eddie Argos und Luma.Launisch im Rahmen der “Fabrique 15” Labelnight zu sehen und vor allem zu hören. Tickets gibt es bei oeticket.com.

Wir verlosen je zwei Stück von “Je suis le Ténébreux” und “Deconstructed (Remix EP)” von Christopher Chaplin.

Sie möchten an unseren Verlosungen teilnehmen? Dann füllen Sie einfach das untstehende Formular aus oder senden eine E-Mail an gewinn@ticketmagazin.com. Einsendeschluss ist am 12. Mai! Die Verlosung erfolgt unter Ausschluss des Rechtsweges. Die Teilnahme am Gewinnspiel ist nicht an den Erwerb des Magazins gebunden. Eine Weitergabe der Daten an Dritte erfolgt nicht. Eine Barablöse des Gewinnes ist nicht möglich. Mitarbeiter der CTS Eventim Austria GmbH sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Bitte notieren Sie im Feld „Wunschgewinn“ den Gewinnspieltitel “Christopher Chaplin”!

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