Das Alphatier Westernhagen

Mit 18 rannte Marius Müller-Westernhagen in Düsseldorf herum und war Sänger in irgendeiner Rock ’n’ Roll-Band, heute ist er in der deutschen Musiklandschaft ein Alphatier. Darum heißt auch sein neues Album so, das auf einer exklusiven Pre-Listening-Tour im April vorgestellt wird. Noch vor Veröffentlichung. Westernhagen – das Alpha und Omega.

Marius Müller-Westernhagen, der deutsche John Lennon, trat insbesondere zu seinen Anfängen gern einmal der breiten Masse auf den Schlips, sorgte weniger mit Exzessen, dafür mit provokanten Texten für den entrüsteten Aufschrei der politisch Überkorrekten. Man erinnere sich hier an den Skandal rund um seine Politsatire Harakiri Whoom von 1968, sein flottes Liedchen Gebt Bayern zurück an die Bayern (1972, in Anlehnung an Paul McCarnteys Give Ireland Back To The Irish) oder auch an die späten Siebziger mit den Singles Dicke und Grüß mir die Genossen. Da ist es wenig verwunderlich, wenn Westernhagen am vorläufigen Zenit der Politischen Korrektheit „Hottentottenmusik“ auf seinen Banner schreibt, vielleicht auch als kleine Rache dafür, dass Pippi Langstrumpfs Vater nun kein Negerkönig mehr sein, und auch keins der zehn kleinen Negerlein mehr sterben darf. Aber: Schlips, Schal und Sonnenbrille allein ist’s nicht, das den in Zahlen gemessen größten Deutschen nach Herbert Grönemeyer ausmacht.

Tickets bei oeticket.com

Hassliebe

Ende der Neunziger war Marius Müller-Westernhagen einer der erfolgreichsten deutschen Sänger, der mühelos Stadien füllt. Aber: Der Deutschrocker polarisiert, „Hass mich oder lieb mich“ hat er mal gesungen, Graustufen gibt es bei der Kunstfigur Westernhagen nicht. Vielleicht liegt es daran, dass er sich oft so benahm, als wäre er die Rolling Stones in einer Person, unnahbar wie eine Auster und beinahe mit Dylan- Komplex gesegnet – der liebenswerte Loser aus Theo gegen den Rest der Welt, den spielte er hervorragend, war er aber tatsächlich wohl nie. Auch hat er stets – anders als viele seiner Kollegen – der Betroffenheitslyrik einen Tritt in den Allerwertesten verpasst, wollte keinen Frieden, sondern lieber „seinen Krieg“, statt sensibler Liebeslyrik spielte er mit überbrodelndem Testosteron („Erektion ist sexy“), gab sich als Spötter vor allem gegen links-alternative Heulerei und als Agent Provocateur. „Authentisch und ehrlich“, könnte man nun meinen – doch woher kam dann plötzlich der Armani-Anzug in den Neunzigern?

Hach, hallo, du zweite Seele in der Brust!

Tatsächlich findet man, wenn man die Historie des Düsseldorfers Revue passieren lässt, zwei Seelen, ach in seiner Brust, die eine „schlüssige Entwicklung“, ein „authentisches Gehabe“ negieren – und doch vereint er die kritische, Feuilleton lesende Masse ebenso wie jene, die ansonsten das Wochenende schunkelnd, schmusend, am Boden der Dorfdisco kullernd verbringen. Westernhagen ist Prosa, die man „so oder so“ lesen kann – einen Literaturwissenschaftler würde nun vermutlich ein gewaltiger Herzkasper ereilen.

Tickets bei oeticket.com

Sein Geschick heute ist es tatsächlich, die Stadien-Imposanz von einst auf „kleinere“ Hallen umzulegen und schlussendlich einfach als Initialzündung für Frustverlust des Auditoriums zu wirken. Da wird mitgegröhlt, weil man d’accord geht oder mitgegröhlt, weil man ansonsten eh dauernd kuscht. Einmal ist keinmal. Dass die sich bei all dem Messiastum doch einschleichende Altersmilde (mit 64 wirkt der 68er-Charme etwas konserviert) bei derart viel Armani nicht gänzlich den Wind aus den Segeln nimmt, dafür sorgt Marius mit seiner Pre-Listening-Tour für sein neues Album Alphatier (u.a. im April in der Wiener Stadthalle) vor allem ob des puristischen, intimen Rahmens. Was drin is, is drin: einfaches Druckkochtopf-Procedere!

In den Sechzigern war Rock Rebellion, eine Kunstform. Während des Vietnamkriegs hörte man Hendrix und Led Zeppelin, während des Irakkrieges Britney Spears. Wenigstens ist Westernhagen sakrosankt geblieben, wenn auch eben nur als Bühnenidentität. Und schwitzen tut der ältliche Herr immer noch gewaltig.

Tickets bei oeticket.com

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!