Das Auge hört mit

Das Artwork eines Covers liefert die Ergänzung zur Musik und bleibt mit ihr stets bildlich verknüpft. Was dahinter steckt? !ticket sieht sich im Atelier des Cover-Illustrators Peter Walkerstorfer um und findet mehr Kunst, als man erwarten würde.

Der erste Blick fällt auf die Mensch gewordene Flasche. Trommelnder Affe und Schweinskopf gleich im Anschluss. Hält man das Cover von „S’Ollagrößte und a Bissl mehr“ von Alkbottle in Händen, kommt man gewaltig ins Stutzen. Man vermutet nichts Gutes: Höchstens eine Alkoholiker-Partie, die den Flaschengott verehrt und ihren tristen Lebensabend mit Ungetier zubringt. Und viel schlimmer: ein klangliches Monstrum, das sich mit dem Drücken der Play-Taste durch die Gehörgänge wütet. Vorausgesetzt, man traut sich das Ungetüm aus der CD-Hülle zu lassen.

Neugier, die Musik zu hören, kommt jedoch sofort auf. Das Artwork eines Covers weckt die ersten Asssoziationen zur Musik, noch bevor Track 1 durch die Boxen fetzt. Das Visual bleibt in unseren Köpfen. Nirvana? Nevermind? Zack – schon schwimmt ein Kleinkind in unserer Gedankenflut und fischt nach einem Dollarschein. Zumindest in einer Zeit vor digitalen Piratenfeldzügen.

Walkerstorfer

Kinderbuch-Illustrator, Kettenraucher und Cover-Künstler. Peter Walkerstorfer im Gespräch mit !ticket.

Photoshop exklusive
In dieser Welt befindet sich auch Peter Walkerstorfer. Er ist Kinderbuch-Illustrator, Kettenraucher und Cover-Künstler.

„Das Artwork eines Albums ist wie eine Fremdsprache“, philosophiert der 48-Jährige. „Ein Fan kann sie lesen, ein anderer wird neugierig.“ Comics von Flaschenkopf bis Fuß für Dialekt-Virtuosen wie Alkbottle oder Rotzpippn zu entwerfen, ist seine Spezialität. Und das mit Pinsel, Buntstiften, Acryl und Tusche. Photoshop kommt ihm nicht in sein charmantes Knusperhäuschen mitten im Waldviertel. Einen Laptop besitzt er zwar, dieser würde vermutlich die Datengewalt eines Grafikprogramms nicht bewältigen. Schließlich lädt der Computer die eingescannten Illustrationen gefühlt länger, als die Fahrt von Wien zu seinem Atelier dauerte. „Das Artwork kann auch ein normaler Grafiker machen, dem genau vorgegeben wird, was zu tun ist. Was herauskommt, ist Einheitsbrei. Ich
liefere meine Ideen, die Zeichnungen, und erst dann geht Photoshop darüber.“ Der Vorteil: Jede Zeichnung ist anders, die Linienführung spezieller, die Botschaft vielfältiger.

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Kein Platz für Photoshop. Am liebsten malt Cover-Illustrator Peter Walkerstorfer nachts inseinem Atelier im Waldviertel. Dazu hört erTom Waits und Lightnin Hopkins.

Alter Ego: Grafiker und Künstler
Im Prozess von der Idee zum CD-Cover steht immer die Musik. Sie ist das Wichtigste, der Designer produziert nur die Ergänzung dazu: „Zuerst sehe ich mir den Proberaum der Band an und höre die CDs durch“, erklärt Walkerstorfer. „Man muss sich vorstellen können, was die Band aussagen will und was die Musik ausmacht.“ Das Verhältnis zwischen Bild- und Klangkünstler ist dabei oft schwierig. „Mehrere Egos prallen aufeinander. Bei großen Labels kommen auch noch Art Director und Management dazu.

Das wird mühsam.“ Deshalb hält sich Walkerstorfer gerne in der Nische der „räudigen Dialektmusik“ auf. Genau das richtige für seine Comic-Designs.

Starke Motive, offene Botschaft
Seinen eigenen Stil nicht verfälschen. Das ist auch Sammy, Frontman der deutschen Band Broilers wichtig. Für das Nummer-1-Album „Noir“ lieferte er nicht nur Musikalisches, sondern auch das Grafikdesign. „Ein Designer sollte sich für den Kunden nicht verstellen.“ Ihm ging es weniger um verspielte Details als um starke Motive. Auf dem Cover: Sammys zur Faust geballte Hand. Er trägt einen Lederhandschuh und hält ein Messer, bereit zuzustechen. „Es soll verstörend wirken. Die Geschichte soll sich jeder dazu ausdenken. Genauso funktionieren auch die Texte“, erklärt Sammy. Covers haben für ihn zunächst eine Marketing-Funktion. „Es muss ansprechend sein und wie ein Filmposter wirken.“
Bands nichts am Cover verloren
Kann ein Künstler mit seiner Optik weniger punkten, kommt ein Freigeist à la Walkerstorfer ins Spiel. Eine Metal-Gruppe mit langgefilzter Zottenpracht verweist er lieber an Fotografen. Am Cover hat die Band selbst für den Wahl-Waldviertler ohnehin nichts verloren. Außer? „In der Klassik. Da muss sich der Solist präsentieren. Außerdem gibt es hier wunderschöne Frauen.“ Apropos: Auch im Schlagerbereich sollte Mister Gabalier von der Frontseite der CD glänzen. Wie sich der Künstler optisch darstellt, davon lebt schließlich auch die Musik.
Der Einsiedler-Maler mit schlechtem Handyempfang ist in der Szene nicht oft anzutreffen. Der Cover-Trend geht Richtung App-taugliche Symbolik: simpel und dennoch aussagekräftig. „Fad“, findet Walkerstorfer. Für ihn ist das Artwork ein Unikat, das der Musik Objektcharakter gibt. Ein einheitliches Stück Kunst eben.

 

Peter Walkerstorfer über diese Art-Works.

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Lady Gaga – Art Pop (2013): „Im Hintergrund sieht man die Venus, davor sitzt Lady Gaga als Kleopatra vor Grusellicht. Ganz klar: Das muss sich verkaufen. Ein perfektes Produkt, das wie ein Waschmittel funktioniert. Hier waren bestimmt 15 hochbezahlte Leute am Werk, inklusive Psychologen und Farbberater.“

Lady Gaga beehrt am 2. November die Stadthalle Wien. 

Dylan

 

 

 

Bob Dylan – Dylan (1973): „Sehr plakativ, die Komposition

funktioniert, wie ein halb abstraktes Gemälde, das man länger betrachten möchte. Es geht um Dylans Musik und seine Gedanken. Er sieht in die Vergangenheit und wirkt nachdenklich.“

Länger betrachten kann man den echten
Dylan am 28. Juni in der Stadthalle Wien und am
29. Juni auf der Burg Klam.

 

PJ LB blackPearl Jam – Lightning Bolt (2013): „Dieser Stil war in den 20er- bis 30er-Jahren Avantgarde. Heute eher retro. Das Cover hat seine Schlüssigkeit: Es beinhaltet Akustik, mit den Blitzen kommen Dynamik und Power auf. Es schlägt ein, die Musik fetzt. Gleichzeitig schmerzt sie.“

Ob Pearl Jam am 25. Juni in der Stadthalle Wien genauso fetzen wird?

 

 

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