Das Wienerlied feiert freudige Urständ

Wienerlied

„Es wird ein Wein sein und wir werd’n nimmer sein“ – genauso hätten Hans Moser und Paul Hörbiger das Wienerlied statt des Rebensafts besingen können, denn das ehrwürdige Wienerlied feiert nach wie vor freudige Urständ.

WienerliedDie Faszination „Wienerlied“ lebt also nach wie vor – wir machten uns auf die Suche nach dem Wienerlied-Virus und wurden ganz brandaktuell bei Nina Proll fündig: Das neue Soloprogramm des Multitalents, „Vorstadtlieder“, swingt, prickelt, reißt mit – und es darf gelacht werden! Damit hat sich Nina Proll, vor allem für ihre Arbeit als Schauspielerin („Vorstadtweiber“) bekannt, einen großen Wunsch erfüllt. Ein wesentlicher Teil – neben Show und Stand-up-Comedy, Operetten-, Pop, Schlager- und Musical-Tunes – sind einige Klassiker des Wienerlieds. Der „G’schupfte Ferdl“ und „Der Novak lässt mich nicht verkommen“ (bekannt auch von Birgit Denk) etwa. „Im Zuge der Vorstadtlieder habe ich mich intensiv damit auseinandergesetzt und alles angehört, was es zum Wienerlied zu hören gibt. Ich kenne also jetzt alles!“, gibt sich Nina stilsicher. „Von den Spittelberger Gstanzln über die klassischen Heurigenlieder wie ,Die Reblaus‘ oder ,Das Fiakerlied‘ bis hin zu Operette, Schrammelmusik, dem Dudeln oder den kabarettistischen Liedern von Gerhard Bronner oder Hermann Leopoldi, mir ist nichts Wienerisches fremd.“

Dialekt hat einfach mehr Kraft als die neutrale Hochsprache, wagt das „Vorstadtweib“ eine Analyse, außerdem sei der Dialekt leichter auszusprechen und eignet sich daher besser für den Gesang. „Ich brauche keine Abgrenzung zum Austro-Pop. Der war die logische Weiterführung und Konsequenz des Wienerliedes“, so Proll, für die das Wienerlied „einfach charmant und immer ein bisschen ordinär und anzüglich“ ist.

Im Zuge der Vorbereitung zu den „Vorstadtliedern“ konnte sich Nina Proll über die Unterstützung von renommierten Kollegen wie Roland Neuwirth und Dolores Schmidinger freuen: „Beide waren total kooperativ und haben mir ihr Repertoire zur Verfügung gestellt. Roland Neuwirth, von dem ich das geniale Lied ,I hab an Koarl mit mir‘ singe, hat mir sogar extra den Song notiert, weil es davon keine Noten gab, denn dieser ist aus einer Improvisation heraus entstanden. Dolores Schmidinger habe ich schon immer bewundert, von ihr singe ich sogar drei Lieder, ,Der Stripper‘, ,Hoffentlich no heuer‘ und ,Abschied von Döbling‘.“

Der Wiener Beat

Wienerlied Wiener BlondBeinahe völlig „frisch g’fangt“ ist das Duo Wiener Blond, das keinerlei Ängste und Vorbehalte kennt, sich die Tradition und den Wiener Dialekt zu eigen zu machen. Daraus werden „Beatbox-Wienerlieder“ geformt, „schön-schaurig-schmalzige Heurigen-Dudeleien zu brachial dahinwabernden Discobeats“ angestimmt oder zu Gitarren-Loops Empfehlungen zum Schwarzfahren abgegeben. „Wir sind in diese Szene reingerutscht und hatten vorerst wenig bis gar keinen Bezug zum klassischen Wienerlied“, erinnern sich Verena Doublier und Sebastian Radon zurück. „Erst durch die Bekanntschaft mit Roland Neuwirth, unser gemeinsames Ö1-Interview zum Thema Wienerlied und die zahlreichen Auftritte im Rahmen einschlägiger Musikfestivals sind wir in die Materie tiefer eingetaucht.“

Als „Popmusik mit Wienbezug“ versuchen Wiener Blond ihre Lieder zu etikettieren. Der Griff zum geografisch limitierten Wiener Dialekt war pragmatisch: „Wegen der Sprachmelodie und der flexibleren Rhythmik der Sprache! Wir sind hier aufgewachsen und sind Sprachbeobachter. Die Abgrenzung vom Wienerlied zum Austro-Pop könnte man in der Melodik und Harmonik sehen, es hat viele Einflüsse mitteleuropäischer Volksmusik und Klassik. Der Austro-Pop nimmt Anleihen an Blues, Folk und Rock.“

Die Texte von Wiener Blond erfüllen zwar so manches Klischee der „Tod, Wein, Weiber“-Thematik, aktuelle Bezüge bohren sich in so manche Wunde der Gesellschaft, der „Wiener Schmäh“ gehört für die beiden aber immer und unabdingbar zum Wienerlied. Deshalb verwischen sich die Generationengrenzen. „Letztes Jahr wurden wir eingeladen, Karl Hodina zu seinem 80. Geburtstag ein Ständchen zu singen“, erinnern sich die beiden gerne. „Hodina macht seine Sache auf der Bühne schon seit sechzig Jahren! Dass jemand so lange dabeibleibt und seine Musik, sowie das Wienerlied im Allgemeinen weiterentwickelt, so wie Roland Neuwirth das gemacht hat, ist sehr beeindruckend.“

Das salonfähige L

Wienerlied Roman GregoryOhne den Wiener Bezirk Meidling gäbe es wohl keinen Roman Gregory in seiner heutigen Ausprägung als Flaggenträger und Salonfähig-Macher des Dialekts. Was vor 26 Jahren mit seiner Band Alkbottle, die brachialen Proleten-Metal erfand und zur Massentauglichkeit führte, begann, gipfelt nun in Gregorys Solo-Programm „Wien Martin“, mit dem er regelmäßig die mondäne Eden Bar füllt. Das Erfolgsrezept: Klassiker von Dean Martin mit jener Sprache auszustatten, die ihn geprägt hat. Wenn er am 28. Oktober wieder zum Gastspiel in der Eden antritt, hat der „Meidlinger Bua“ bereits seine neue Live-CD/DVD (erscheint im September) mit vielen musikalischen Gästen im Gepäck.

Gregory schafft in seiner Karriere den Spagat zwischen Metal und Rat-Pack-Flair, der Angelpunkt bleibt stets die Muttersprache: „In der Sprache, in der man denkt, schreibt und singt man dann auch. Zumindest wäre alles andere aufgesetzt und nicht glaubwürdig“, ist sich Roman sicher und erinnert sich: „Bei uns wurde daheim im Dialekt gesprochen, somit hat sich bei mir nie die Frage gestellt, meine Texte in Hochdeutsch oder Englisch zu verfassen. Das ist der Unterschied zum Austro-Pop. Nicht der einzige, aber der kann dann auch in Hochdeutsch, Englisch oder Suaheli daherkommen.“ Eine weitere Zutat: „Der Wiener Schmäh und die Raunzerei sind unabdingbar und kennzeichnen das Wienerlied. Ansonsten wird es eher Austro-Pop oder Schlager.“

Die Renaissance des Wienerliedes hält Gregory als Fluchtmechanismus vor der Realität. „In einer Zeit, in der sich das Rad der Globalisierung immer schneller dreht, haben immer mehr Leute Angst davor, überrollt zu werden und sehnen sich wieder zurück zu ihrem Ursprung, nach einem Gefühl der Zusammengehörigkeit“, ortet er menschliche Basisbedürfnisse. „Das vermag Musik in der eigenen Sprache noch am besten zu vermitteln. Da benötigt es keinen Grenzzaun, um das eigene Identitätsbefinden zu stärken, weil es auf kultureller Basis geschieht.“ Wenn es nach ihm geht, sollte die lokale Szene mehr zusammenrücken: „Jeder kocht hier sein eigenes Süppchen und versifft in seinem Genre, anstatt offen aufeinander zuzugehen.“

Klassentreffen

Wienerlied OstbahnkurtiEiner der Giganten beim Thema Dialektgesang ist seit bald fünf Jahrzehnten Willi Resetarits. Egal ob in seiner Anfangsfunktion als Schmetterling („Proletenpassion“), als Kurt Ostbahn in allen Erscheinungsformen, als Moderator auf Radio Wien oder bei Stubnblues – das künstlerische Œuvre des gebürtigen Burgenländers ist geprägt vom Wienerischen. Nahtlos pflegt er diese Tradition auch auf dem neuen Stubnblues-Album (erscheint im Herbst) oder bei seinen „Klassentreffen“-Konzerten als Kurt Ostbahn im Sommer – einer der beiden Termine auf der Kaiserwiese im Wiener Prater ist sogar bereits ausverkauft.

Eine Alternative zum Wienerischen stand nie im Raum. „Wer mit Wienerisch aufgewachsen ist, kann sich darin besser ausdrücken. Außerdem ist der Wiener Dialekt viel musikalischer als etwa Hochdeutsch“, weiß Resetarits aus eigener Erfahrung, sieht allerdings „Nachwuchsprobleme“: „Ich sehe keine aktuellen Formationen, die die Tradition des Wienerliedes direkt weiterführen. Das Gemeinsame ist halt die wienerische Sprache.“ Und dieser streut das Dialekt-Urgestein gerne Rosen: „Das Wienerische bringt wunderschöne Sprachbilder hervor, ist per se oft witzig und originell“, schwärmt Resetarits, auch wenn die Themen ewig die gleichen bleiben und universell sind. „Wein, Weib und Gesang, also Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll, sind international. Die Elogen und Hymnen auf die schöne Wienerstadt werden wohl dem alten Wienerlied vorbehalten bleiben“, meint er charmant und folgert: „Es gilt: Ein gelungener Song ist ein gelungener Song ist ein gelungener Song …“ Doch dieser ist niemals perfekt ohne den gewissen, weltweit bekannten, Schuss Wiener Schmäh: „Ein schmähbefreites Wienerlied oder – wie bei mir – ein Song mit wienerischem Text ist ein schlechtes Wienerlied.“

 

Nicht nur, aber auch Wienerlieder präsentiert Nina Proll in ihrer Show „Vorstadtlieder“ im November im VAZ St. Pölten, in der Arena Nova in Wiener Neustadt und im Museumsquartier Halle E in Wien. Begleitet von einer siebenköpfigen Band und unterstützt von vier Tänzer/innen singt und tanzt, swingt und blödelt sie sich zwei Stunden lang mit unglaublichem Charme durch ein buntes Gemisch aus Pop und Schlager, Operette und Musical, Volksmusik und Kabarett und schafft dabei den Spagat zwischen Entertainment, Show und Stand-up bravourös.

Am 10. November sind Wiener Blond im Grazer Orpheum „charmant, goschert und grantig“: Auch ihr CD-Zweitling, welcher ebenfalls im Herbst 2016 erscheinen wird, befasst sich mit zentralen Themen des Wiener Alltags: Spritzwein, Risi-Bisi, Mehlspeisen und U6 sind nur einige davon.

Am 28. Oktober wird Dean Martin wieder in Wien eingebürgert, wenn Roman Gregory in der Wiener Eden Bar zum Stelldichein lädt. Alkbottle rocken unter anderem am 17. Dezember den Gasometer Wien..

Kurt Ostbahn feiert mit den „Musikern seines Vertrauens“ im August sein Klassentreffen, und zwar im Stadtpark Imst, auf der Burg Clam und der Kaiserwiese im Wiener Prater.

 

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!