Der Anfang vom Ende

Die größte Death-Metal-Band der Welt ist mit „A Skeletal Domain“ – und damit mit einem Paukenschlag – wieder zurück: Cannibal Corpse. Dabei offenbart das 13. Studioalbum vor allem eins, den Anfang vom Ende.

 

Und dies ist, zur Abwechslung, ausnahmsweise einmal nicht negativ zu verstehen. „Der Anfang vom Ende“ bedeutet oft einen bemerkenswerten Einschnitt in der Schaffensphase eines Künstlers, der Moment, an dem man merkt, dass sich – zumindest für eine vorübergehende Zeit – die Muße in die Sommerfrische oder Frühpension verabschiedet hat. Derartige Hoppalas können den Besten der Besten passieren – gleich ob sie Metallica und Iron Maiden heißen, Malevolent Creation, Sepultura, Kreator oder Deicide, sie alle hatten Veröffentlichungen, die nicht hätten sein müssen.

Bei „A Skeletal Domain“ bedeutet die Einschätzung jedoch, dass imposant wie nur selten der Anfang (mit „High Velocity Impact Spatter“ betitelt) die folgende Endzeitstimmung einläutet. Selbst im eigenen Haus liegt ein derart gelungener Posaunenstoß mit „Vile“ schon einige Jährchen zurück, aber auch im Genre gibt es nur wenige Perlen, die gleich mit den ersten Sekunden die weitere halbe Stunde programmatisch und gebündelt vorweg nehmen, gewissermaßen den Klappentext des Albums schreiben. Spontan klingen hier die chirurgischen Klänge von „Necroticism“ (Carcass), das Infernalische von „Once Upon The Cross“ (Deicide) und vielleicht auch noch die abgründigen Momente von Entombeds „Left Hand Path“ und Malevolent Creations „Retribution“ im inneren Ohr nach.

 

Cannibal Corpse - A Skeletal Domain - ArtworkThe Pit And The Pendlum

Die „akustische Endzeit“, die die Deather aus Florida mit den zwölf neuen Stücken abliefern, glänzt nun vor allem mittels einer kleinen, feinen, aber nicht minder eindringlichen Stilkorrektur, wobei „Stil“ hier bereits zu weit greift. Neuzugang Produzent Mark Lewis, der bereits u.a. bei The Black Dahlia Murder für den richtigen Klang sorgte, stößt nämlich nach drei Alben in der Obhut von Erik Rutan das Quintett erneut aus ihrer „Komfortzone“, und setzt insbesondere auf zwei stärker als bisher ausgearbeitete Eckpfeiler: Zum einen den neoklassischen Hintergrund von Gitarrist Pat O’Brien, der somit im Solobereich eine ähnliche Wirkungskräftigkeit erarbeiten kann, wie die Iron-Maiden-Zitate bei Dismember – oder nach Edgar Allan Poe: In der Düsternis der Grube arbeitet unbarmherzig und fies das scharfe Pendel.

Zum anderen wurde aber auch am Urviech George Fisher geschliffen, der Bulle wurde einerseits aufgestachelt, andererseits zugeritten. Gerade auf den letzten Veröffentlichungen fiel zwar seine konsistent gute Leistung auf, wirkte aber – vor allem auch verglichen mit seinen Nebenprojekten – etwas mechanisch, automatisiert. Für „A Skeletal Domain“ wollte Lewis „mehr von Georges höheren Screams einfangen, quasi als Rückgriff auf „Bloodthirst“. In seiner Kehle steckt eine Urgewalt, die wir unbedingt hörbar machen wollten.“ Diese Stimmbänder, die mal langgezogen, mal punktuell gekonnt gesetzt, einer mit Schlagring versehenen Faust gleich ins Gesicht fahren, merkt man insbesondere beim Titelsong, bei „Headlong Into Carnage“ und beim eingangs angesprochenen Opener, der somit – stilistisch freilich vollkommen divers – den „Disclaimer“ von „Ixnay On The Hombre“ (The Offspring) oder auch „Super Drei“ von „Planet Punk“ (Die Ärzte) doppelt: eine – wenngleich ob des Status irrelevante – Begrüßungsrunde, die sich wie eine verkehrte Watschen links und rechts in die Gehirnwindungen eingräbt. Scheuklappendenker verzeihen mir bitte diese Assoziation.

 

The End, My Friend

Unterm Strich schreit „A Skeletal Domain“ von den ersten bis zu den letzten Tönen ob des perfekt eingespielten Teams, das sich diesmal durchaus ausgewogen dem Songwriting-Prozess stellte: O’Brien schrieb fünf Tracks, Webster vier und Barrett zweieinhalb, davon „Asphyxiate To Resucitate“ gemeinsam mit Mazurkiewicz, welcher diesmal vielleicht nicht die schnellsten Stücke in seiner Karriere abliefert – dafür aber mit einer erstaunlichen Präzision einen tonnenschweren Grundstock liefert. „A Skeletal Domain“ ist – akustisch und textlich überspitzt – genau das, was uns Kultserien wie „The Walking Dead“ vorspielen, zahlreiche agitatorische Massenmedien vorgaukeln wollen: Das Ende sämtlicher Existenz klopft nicht nur an die Tür, sondern wurde bereits eingelassen und hat die Straßenschuhe abgestreift – und verbreitet nun die desaströse Pestilenz im eigenen Haus. „And the dead will walk the earth.“

 

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