Der Ball und der Bart

Vor einem Jahr wurde in Österreich die Toleranz- und Regenbogen-­Republik ausgerufen. Allerdings stieg das Phänomen Conchita Wurst keineswegs wie ein Phönix aus der Asche auf – sondern aus jener ­Geisteshaltung, die der Life Ball bereits seit 23 Jahren zelebriert.

 

Wien – eine homophobe Metropole, von der Attitüde in der Provinz ganz zu schweigen. Wir schreiben den Beginn der 90er-Jahre. Langsam tanzt sich Boom-Europe müde in die erste einer ganzen Reihe an Wirtschaftskrisen und die Freizügigkeit in puncto Sex wird von der sich rasch ausbreitenden „Schwulenseuche“ Aids getrübt. Auch die Lust der Heten wird rasch ausgebremst, denn in der Praxis zeigt sich, dass es doch nicht nur Homosexuelle sind, die sich mit dem HI-Virus infizieren. Der Visionär Gery Keszler, Make-up-Artist und schräger Paradiesvogel, trifft auf den visionären und legendären Bürgermeister Wiens, Helmut Zilk, der ihm das Rathaus der Hauptstadt für seinen „Life Ball“ mit dem Benefizgedanken, HIV-Infizierte und Aids-Kranke sowie die Forschung zu unterstützen, überlässt. So beginnt tanzend am 29. Mai 1993 der lange und steinige Weg zur Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden.

Weltoffen
Beinahe zeitgleich tritt Tony Wegas mit seiner „Maria Magdalena“ unglücklich beim Eurovision Song Contest in Irland an und belegt den bescheidenen 14. Platz bei einem Sangeswettstreit, der nicht nur sehr angestaubt ist, sondern auch nicht mehr ernst genommen wird. Doch der ORF wird über die Platzierung nicht unglücklich gewesen sein, gilt doch seit 1966 das ungeschriebene Gesetz: Nur nicht gewinnen, denn eine Austragung des ESC in Österreich kann man sich nicht leisten!
Steter Tropfen höhlt den Stein. Bill Clinton sonnt sich regelmäßig in der „Life Ball“-Sonne, die großen Kaliber des Entertainments von Sir Elton John über Liza Minnelli bis zu Anastacia folgen immer wieder gerne Gery Keszlers Ruf zum Charity-Auftritt an der Wiener Ringstraße. Das seltsame, bunte und zumeist gleichgeschlechtlich liebende Partyvolk wird kaum noch schief angeschaut – ganz im Gegenteil. Heute zeigt man mit internationaler TV-Live-Übertragung gerne, wie weltoffen und tolerant Wien geworden ist.

„ORF-Albtraum“
Mit den Worten „Jetzt hat die uns den Schas g’wonnen“ brachte ESC-Andy Knoll den ORF-Albtraum im Vorjahr auf den Punkt. Denn gerade jenes „Es“, über das sich in der rot-weiß-roten Provinz so manches Maul zerrissen wurde, holt die Mega-Veranstaltung – mittlerweile wieder cool geworden – zum zweiten Mal nach Österreich. Conchita wurde zur Heldin aus nationaler Raison, die Jubelchöre drängten die ewiggestrigen Nörgler ins Abseits, der Heldenplatz und das Bundeskanzleramt (samt Kanzler) wurden zur Bühne für die, über Nacht ausgebrochene, omnipräsente Toleranz.
Wo die Durchführung (finanziell) unmöglich schien, werden jetzt Brücken gebaut. Man ist stolz auf „den Schas“. Wien putzt sich heraus und wo, wenn nicht hier, gibt’s den maximalen Cross-over: Tom Conchita darf als Adele in Klimt-Manier vom „Life Ball“-Plakat strahlen und spielt natürlich schon beim ESC eine Woche davor eine tragende Rolle. „Building Bridges“ trifft unter der Regenbogenfahne auf „Gold – Ver Sacrum“ mit Bart. Die Zeiten können sich ändern, auch hierzulande. Nur manchmal dauert’s eben ein bisschen länger …

 

Eurovision Song Contest
Premiere feierte der ESC 1956, das 60. Jubiläum der Veranstaltung in Wien (Finalshows: 22. und 23. Mai, Wiener Stadthall) gilt daher als besonders prestigeträchtig. Durch die anhaltende Krise nimmt heuer die Ukraine nicht teil, dafür tritt in Austria auch Australia (außer Konkurrenz) an – somit sind insgesamt 40 Länder bei „Building Bridges“ dabei. Die Kosten für die Austragung werden mit 17 Millionen Euro angegeben.

Life Ball
Premiere feierte der „Life Ball“ als Versuchsprojekt am 29. Mai 1993 und konnte mit einer Million Schilling (knapp 80.000 Euro) an Spendengeldern einen stattlichen Erfolg verbuchen. Bereits acht Jahre später hatte sich die Summe verzehnfacht, mittlerweile sind es an die zweieinhalb Millionen Euro! Unterstützt wurden neben nationalen Projekten die Elton John Foundation und die Clinton Aids Foundation. Waren im ersten Jahr bloß zwei TV-Stationen am bunten Treiben interessiert, berichten nun mehr als 80 (!) Sender weltweit. Dieses Jahr geht der Life Ball am 16. Mai im und vorm Wiener Rathaus über die Bühne.

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