Der Hosenkavalier

Abnützungserscheinungen oder Tour-Müdigkeit scheinen für Campino, den charismatischen Frontman der Toten Hosen, Fremdwörter zu sein. Heuer gastieren die deutschen Punk-Ikonen beim Nova Rock.

Wer Die Toten Hosen oder Frontman Campino sind, braucht man nicht mehr wirklich erklären. Sie haben sich in ihrer über dreißigjährigen Karriere einen Namen machen können, und es hat sich wahrscheinlich bis ins hinterletzte Dorf durchgesprochen, dass es sich bei ihnen um eine deutsche Punkband und nicht etwa Langeweile oder seltsame Beinbekleidung handelt.
Wie Campino sich fit hält, was er mit Wien verbindet und welche Highlights es in seiner Zeit mit Die Toten Hosen gab, erzählt er uns im Interview.

Ihr, oder du besonders, setzt euch oft für sozial Schwache ein. Ist hier etwas à la Band Aid 30 für heuer noch geplant?

Das wird nicht langfristig geplant, in so etwas rennt man mehr oder weniger rein. Wir bekommen ständig Anfragen und die besprechen wir dann. Im Grunde ist die Parole für dieses Jahr: „Zurückhalten, eine Hand von Konzerten spielen und ansonsten anfangen sich auf neues Material, auf neue Musik zu konzentrieren!“.

Stichwort neues Material: Können wir da heuer noch auf etwas hoffen?

Dieses Jahr auf keinen Fall, eventuell 2016, aber das ist völlig hypothetisch. Wir wollen mit etwas Gutem und Überzeugendem zurückkommen und das braucht Geduld und Spucke. Wir wissen zurzeit noch gar nicht in welche Richtung es geht. Um das zu erfahren, muss man sich auch ganz klar Zeitpunkte setzen, an denen man sich hundertprozentig konzentriert. Sonst kommt gar nichts dabei raus.

Ihr steht schon so lange auf der Bühne und seid noch immer topfit – wie schafft man das?

70 Prozent davon sind geblufft (lacht) – es ist auch die große Erfahrung, die man mit ins Spiel wirft. Ansonsten ist es so, dass wir unsere Mission immer ernster nehmen – was früher spielerisch und egal war, bedeutet uns heute sehr viel. Für diese Konzerte im Sommer bereite ich mich ziemlich intensiv vor. Ich hatte heute Morgen schon Kickbox- und Lauftraining. Wir bemühen uns, fit zu bleiben. Es geht aber auch anders: Ich erinnere mich, als wir vor vierzehn Jahren als Special Guest mit AC/DC auf Tour waren, gab ich mehrere Pressekonferenzen mit Angus Young. Er hat als Vorbereitung nur Zigaretten geraucht und Kaffee getrunken − das war sein Verständnis von Fitness. Er sagte so etwas wie: „Wenn ich eine Gitarre in der Hand habe ist alles in Ordnung, aber hör mir auf mit Workout!“ Er hätte das mal probiert und sei in ein Studio gegangen, wäre aber dann doch meist im Vorraum beim Billardspielen hängengeblieben. Seitdem konzentriert er sich auf Kaffee und Zigaretten. Er geht das anders an und wirkt trotzdem topfit.

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2009 hast du am Nova Rock HC Strache und die FPÖ kritisiert. Bekommt man in Deutschland von Österreichischer Politik überhaupt was mit?

Das kommt darauf an, welche Ausmaße ein Ereignis hat. Haider war in Deutschland zum Beispiel ein riesiges Thema, doch meist gehen die Dinge etwas ruhiger zu, da muss man sich schon einarbeiten, oder man bekommt es mit, wenn man im Land zu Besuch ist. Aber, den normalen Gang der Dinge in Österreich, den muss man vom Ausland aus verfolgen wollen. Da bekommt man nicht allzu viel mit.

Ist für euch das Nova Rock schon ein Heimspiel, weil ihr da so oft wart?

Heimspiel würde ich jetzt nicht gleich sagen – das würde eine zu große Selbstsicherheit voraussetzen, die uns nicht zusteht. Aber wir fühlen uns da sehr willkommen und es geht dort immer  familiär zu. Doch wir nehmen da nichts für selbstverständlich. Weil wir schon lange nicht mehr in Österreich gespielt haben und wir auch nicht genau wissen, wann uns unsere Wege wieder hierhin führen werden, geben wir uns die größte Mühe. Das wird ernstgenommen bei uns, es ist ein wichtiges Konzert.

Eure Biografie ist letztes Jahr erschienen. Wie kam es zur Entscheidung, eine zu veröffentlichen?

Es gibt viele unautorisierte Berichte und Bücher über uns, die einfach nicht an den Kern der Sache vordringen. Unsere letzte autorisierte Biografie ist Anfang der 90er erschienen und zuletzt 1997 dürftig aktualisiert worden. Seitdem kam von unserer Seite nichts mehr. Vor einiger Zeit kam uns der Gedanke, dass es für uns selbst auch noch mal spannend sein könnte, alles bis heute Erlebte aufzuarbeiten. Der Journalist Philipp Oehmke vom Spiegel Magazin hat sich der Sache dann angenommen. Ich habe ihn über eine Reportage kennengelernt, als sehr fairen Journalisten empfunden und wollte daraufhin unbedingt, dass er die Geschichte für uns aufschreibt. Er hat sich sehr große Mühe gegeben, sich in unser Archiv eingegraben und viele Leute aus dem Umfeld interviewt, die wirkliche Zeitzeugen waren. Diese Biografie hat immer dann ihre Stärken, wenn andere über uns reden. Andererseits … jetzt, ein halbes Jahr nachdem das Ding erschienen ist, muss ich sagen, es scheint eine schwierige Aufgabe zu sein … man kann nie durch ein Buch das wirkliche Leben noch mal zurückrufen. Es werden zwangsläufig immer nur gewisse Punkte beleuchtet und andere fallen weg. Der Anspruch, die Vergangenheit in hundertprozentiger Reinheit wiederzugeben, ist einfach unmöglich. Das kann man mit so einem Buch nicht erreichen. Aber trotzdem war es ein guter Versuch und ich glaube, viele Leute, die Die Toten Hosen gar nicht kennen, werden einen fundierten Einblick bekommen. Es ist nicht weit vorbeigeschossen.

Was geht dir persönlich ab?

Konkret ist das für mich sehr schwer zu benennen. Wir haben unendlich viel gelacht in unserem Leben und meistens eine  lockere Zeit gehabt, aber in dem Buch wirkt das manchmal zu sehr belastet. Natürlich hatten wir Ärger mit Drogen und mit allem möglichen Zeug, aber es war zwischendurch immer sehr, sehr leicht und lustig. Dieser Aspekt ist in unserer Biografie ein bisschen blass geworden. Abgesehen davon, gibt es natürlich noch jede Menge Sachen, die man gerne erzählen würde, die man aber ausgelassen hat, wenn man andere Menschen nicht belasten, nicht diffamieren will, oder schlichtweg, weil manche Menschen nicht in diesem Buch genannt werden wollen. Da fängt die Sache dann an, ein bisschen an zu kippen. So durften wir viele lustige Anekdoten nicht erzählen. Das heißt aber nicht, dass das Buch inhaltsleer ist oder kaum Neues bringt. Was darin vorkommt, ist so passiert wie geschildert. Da kann man sich schon so ein bisschen vorstellen, wie es bei uns gelaufen ist.

Was war denn dein Highlight in den letzten 33 Jahren Die Toten Hosen?

Wahrscheinlich die Nacht von Istanbul, das Pokalendspiel zwischen Liverpool und AC Milan, da haben wir (Anm. FC Liverpool) im Elferschießen gewonnen. Ich hatte schon ein Jahr darum gebeten, den Endspieltermin frei zu halten. Der lag mitten in einem Tourneezeitraum, da habe ich Mittwoch und Donnerstag geblockt, so dass da keine Konzerte waren. Ich bin dann mit Andi und Tom, unserem Tonmann, nach Istanbul geflogen und habe das Spiel vor Ort miterlebt, war dann nachher noch auf der Vereinsfeier und habe zwei Tage durchgemacht. Als ich dann am Freitag das nächste Konzert hatte, standen die ganzen Leute schon mit selbstgebastelten Europapokalen im Publikum und empfingen mich wie einen Soldaten, der nach Hause kommt von einer großen Schlacht, das war schon sehr, sehr lustig! Was soll ich sonst nennen? Die schönen Momente, die wir mit der Band haben, spielen sich meistens abseits von Bühnen ab. Es geht mir eigentlich nie um die Konzerte. Das ist das Mittel zum Zweck und der Zweck heißt immer noch: Menschen begegnen, Abenteuer haben. Wir haben wahnsinnige Nächte erlebt von Buenos Aires bis nach Hamburg, von Berlin bis nach Wien. Wien gehört unbedingt dazu! Bernie Luther und seine Freunde und die Crew von Othmar und dem Chelsea, wo wir hin und wieder undercover gespielt haben – sie alle haben einen festen Platz in unserer Geschichte.

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