Der Kampf der Teutonen

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Die akustische Zerstörungswut im Heavy Metal ist die einzig logische Antwort auf das Zeitgeschehen: die Zeit des stillen Duldens ist schon lange vorbei. Erst recht in Deutschland.

Teutonic Thrash

Anfang der Achtziger formierte sich im stählernen Herzen des Ruhrgebiets und im postindustriellen Süden Deutschlands – beide gebeutelte Arbeitergegenden – die beinharte Phalanx des sogenannten „Teutonen Thrash“: Destruction im Dreiländereck, Sodom, Tankard und Kreator im „Mittleren Westen“. Hinter diesen klingenden Namen standen junge Männer, in denen adoleszenter Unmut loderte – und die dringend ein Ventil benötigten. Neben Sport ist seit jeher eine der wichtigsten Sozialisationsmöglichkeiten in der Musik zu suchen, sorgt sie neben Identitätsbildung auch für Sinnfindung und wirkt als Katalysator. Naheliegend also, dass es im Ruhrgebiet bis dato heißt: „Heavy Metal und der Pott, das passt wie Arsch auf Eimer.“ Mehr noch – nicht irgendein Heavy Metal (für Otto und Ottilie Normal per se schon „Lärm“), sondern gar Thrash Metal – von „to thrash“, Englisch für „prügeln“: schnell, hart und böse. International hat sich das Genre mit Bands wie Metallica, Slayer, Megadeth oder Anthrax seinen Ruf erarbeitet: Wer auf die Welt so richtig angepisst ist, schlägt selten sanfte Töne an, Heavy Metal braucht Krisen. Das war schon immer so, seit er Ende der Sechziger in Birmingham das Licht der Welt erblickte.

„Ruhrpott! Zerstörung!“ brüllt Kreator-Frontmann Mille Petrozza auf ihrer Live-DVD „Dying Alive“, die im Dezember 2012 daheim, in der Oberhausener Turbinenhalle, aufgezeichnet wurde, ins Mikrofon. „Wir spielen und ihr nehmt den Laden auseinander!“ Das Publikum wird angestachelt, Aussagen wie diese sind legendär. Natürlich ging es Kreator weder zu ihren ungestümen Anfängen, noch heute darum, tatsächlich für Chaos und Anarchie zu sorgen: „Wir schreien das Negative der Welt mit unserer Musik raus.“ Während sich Tankard immer schon besonders besorgt um die Bierreserven zeigten, gaben sich all die anderen Mannsleute erstaunlich prämatur reflektiert und sozialkritisch, insbesondere Petrozza, er engagiert sich seit Jahren für PETA.  „Wir hatten ständig Angst vor einem Atomkrieg. Man wachte nachts auf und dachte, jetzt geht die Bombe hoch“, reüssiert Mille. Umweltverschmutzung, blinder Religionsgehorsam, die stets schwelende Gefahr organisierten Rechtsextremismus, Terror und Euro-Krisen sind nach anfänglichen Okkultismus- und Totschlagsfantasien, mit denen man zuvorderst „anecken wollte“,  seit den Frühzeiten zentrale Besorgnisse.

Bis heute: In Stücken wie „Belligerence“, „Strange Days“ oder auch dem Titelstück des aktuellen Albums „Decision Day“ zeigt sich Sodom-Frontmann Tom Angelripper erneut als historisch interessierter Zeitzeuge und zugleich kritischer Beobachter des aktuellen Weltgeschehens: Wer insbesondere nach den Schreckensmeldungen der letzten Monate nicht an einer gewissen Grund-Tristesse laboriert, muss ohnehin eine amtliche Überdosis Happy Caps erwischt haben.

Jedoch steht nicht nur „Merkel-Deutschland“ oder Europa, sondern der ganze Planet unter Druck, wie Schmier, Sänger und Bassist bei Destruction, das Themenkonzept ihres aktuellen Albums „Under Attack“ erklärt: „Es kracht überall und der Respekt vor unserem Zuhause und den Menschen scheint komplett verloren.“ Sie alle sind Zeitzeugen und Chronisten gleichermaßen, vermessen ohne blindem Gehorsam die Welt beharrlich neu – unnachgiebig. So laut und so lange, bis endlich alle zuhören, anstatt sich einander und die Welt zu zerstören: „Destroy what destroys you!“

 

Kreator zerstören am 16. Februar mit den brasilianischen Thrash-Legenden Sepultura im Schlepptau den Wiener Gasometer. Am 14. Oktober verkünden Destruction im Conrad Sohm Dornbirn und im Dezember am Eindhoven Metal Meeting, dass Europa unter Beschuss steht. Am 8. April rufen Sodom in der Wiener Arena beim Vienna Metal Meeting zum D-Day auf. Weitere Thrash-Granaten zünden Overkill im November in Graz und Wien, Exodus in Wien und Testament vor Amon Amarth, ebenfalls in Wien.

 

Best of Austrian Thrash Metal

Österreich darf sich zwar im Gegensatz zum großen deutschen Bruder (oder gar der amerikanischen Bay Area!) keiner international bekannten, unikalen Thrash Metal-Szene rühmen – wir haben uns tendenziell im Death- und Black Metal einen Namen gemacht –, aber dennoch gibt es auch in unseren Landesgrenzen ein paar Genre-Schmankerl zu vermelden.

Insanity Alert (T) Iron Maidens „Run To The Hills“ wird kurzerhand zu „Run To The Pit“ – und aus diesem biergeschwängerten Hexenkessel kommt keiner wieder lebend raus … Suicidal Mosh! Im November im Vorprogramm von Dust Bolt u.a. in Wien und Innsbruck.

Deathstorm (ST) „Less silence, more violence“: Nicht nur Szenepapst Fenriz gerät (in seinem 22. Podcast) in Verzückung, wenn dieses gelungene Potpourri früher Kreator und Hypnosia querbeet prescht.

Ravenous (W) Eine Band wie Frankensteins Monster – mit Leichenteilen, die zuvorderst bei Sepulturas „Beneath The Remains“ & „Arise“, aber auch bei Protector, Massacra und Vendetta ausgeborgt wurden.

Wildhunt (W) In seinem 22. Podcast attestiert Fenriz den Chasseurs à cheval, sie treten die Nachfolge früher Metallica an – und tatsächlich versetzt auch dieses Trio dem klassischen NWoBHM amtlich die Sporen.

Bäd Hammer (ST) Ein Röck Döt im Namen und gewaltige Eier in knallengen Jeans – fertig ist der gelungene Spagat zwischen Tankstellen-Charme, Max-und-Moritz-Lausbuberei und Motörhead auf Speed.

Mortal Strike (W) Eine Band wie eine Maschine: ähnlich der martialischen ersten beiden „Terminator“-Teile brettert dieser Kettenpanzer unaufhaltsam über Knochenberge und läutet das Jüngste Gericht ein. Im April im Rahmen des Vienna Metal Meeting vor Sodom.

Machine Gun Horror (V) Psychologische Kriegsführung einmal anders: Von Exhorder und Sodom angeheizt, prescht die Division munter im Blutrausch querfeldein, mit messerscharfen Salven auf Skalpjagd.

Enclave (NÖ) Spiel, Thrash, Sieg – getrieben von einer Kit-Maschine namens Panzer verantwortet dieser bluttriefende Pitbull tektonische Beben in der Bay Area, wütet hie und da aber auch im klassischen Heavy Metal.

Severity (OÖ) Ein Album wie die besten Filme von Bud Spencer und Terence Hill: da regnet es Fotzenschellen fuderweise, ohne dass einem zuvor umschweifend-formal das „Du“ angeboten wurde. Frühe Exodus und Overkill lassen grüßen.

Hellavista (NÖ) Gevatter Tod vulgo Freund Hein hat einmal zu viel Autofellatio betrieben und sich nicht nur dabei selbst unabsichtlich ins Nirwana befördert, sondern dabei auch jene Ungustln geworfen: so klingt Frühschoppen.

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