Der “Kleine Metal-Guide” von Alistration

„Muss das so laut und grauslich sein?“ Der „Kleine Metal-Guide“ des mittelfränkischen Cartoonisten Alistration widmet sich der Geschichte und den Klischees des für Otto und Ottilie Normal wohl anstrengendsten Musikgenres: des Heavy Metals.

AlistrationFür Genre-Kenner und -Connaisseure war es beinah ein kleiner Skandal: In der Simpsons-Folge „Steal This Episode“ hatten die Heavy-Metal-Legenden Judas Priest einen Gastauftritt – und wurden prompt als „Death Metal“-Band bezeichnet. Was natürlich falsch ist. Recherche ist nun mal alles, auch wenn der Dschungel, durch den man sich in einem breit gefächerten Genre wie dem des Heavy Metals erst einmal kämpfen muss, ein überaus dichter ist – Goethe war trotzdem Dichter, und Wale und Delfine sind auch Säugetiere und keine Fische, Flossen hin oder her. Wenn man das nicht weiß, schlägt man altmodisch im Brockhaus nach oder befragt kontemporär Wikipedia.

Judas Priest, so lehrt uns Wikipedia, ist eine britische Heavy-Metal-Band aus Birmingham, die seit den 1970er-Jahren als eine der einflussreichsten Bands ihres Genres gilt. Praktischerweise ist „Heavy Metal“ als Hyperlink angelegt: Ursprünglich war Heavy Metal hinsichtlich Härte und Intensität eine Weiterentwicklung des Hardrocks der späten Sechziger, den Bands wie Led Zeppelin, Deep Purple und vor allem Black Sabbath propagierten. Gerade letztgenannte öffneten mit ihren akustischen, mondänen Katakomben – triefend vor pulsierender Lava und schwefeligem Stank – das Tor zur Hölle und ebneten den Weg für die ersten wirklichen Metal-Bands, auch wenn sich das hartnäckige Gerücht hält, dass eigentlich Blue Cheer mit „Summertime Blues“ das Fundament für Formationen wie eben Judas Priest oder auch Iron Maiden legten. Aber gut, im Assi-TV sind sich viele Teenager auch nicht wirklich sicher, wer nun der Vater ihrer Kinder ist.

AlistrationWeg vom Heavy Petting, zurück zum Heavy Metal: Bedingt durch die kontinuierliche Weiterentwicklung und die teilweise Verschmelzung mit anderen Musikstilen brach der enge, wenngleich ikonische Szenebegriff sukzessive auf und heute existieren – je nach Image und Spielart – zahlreiche Sub-Genres, „Heavy Metal“ inklusive – der Überbegriff heißt heute kurz und bündig: Metal. Und in diesem musikalischen Koloss gibt es neben dem klassischen Heavy Metal auch den Black Metal, wo sich alle wie Pandas anmalen, Kirchen anzünden und scheinbar nebenbei hysterisch wie ein Marktweib keifend tausend Tode sterben. Alles in Schwarz-Weiß, natürlich. Da gibt es aber auch den Thrash Metal, der sich – obwohl es für handelsübliche Ohren nicht nachvollziehbar scheint – bewusst mit „h“ schreibt, denn hier geht es tatsächlich um das Prügeln (to thrash), das augenscheinliche Malträtieren der Instrumente, und nicht um (akustischen) Müll (trash). Und da gibt es den Viking Metal, wo sich alle lange Bärte wachsen lassen und muntere Seemannslieder tönend von der nordischen Marine anwerben lassen. Oder auch den Progressive Metal, der gewissermaßen das musikalische Äquivalent dessen ist, was sich Frauen in der Horizontalen wünschen: ein elendslanges, feinfühliges, aber doch manchmal forsches Vorspiel, das sich irgendwann, nach Äonen, in einem eruptiven Klimax aufbäumt. Und ja, natürlich gibt es auch den Death Metal, bei dem die Sänger üblicherweise so … ähm … „singen“, wie andere zu fortgeschrittener Stunde stark alkoholisiert der Oraldiarrhoe frönen. Und und und. Selbst Interessierte verbringen Jahrzehnte ihres Lebens, da wirklich durchzublicken. Nicht auszudenken, wie mühsam das für Nicht-Interessierte sein muss.

AlistrationGlücklicherweise steht mit dem „kleinen Metal-Guide“ des mittelfränkischen Cartoonisten Alistration Abhilfe ins Haus: Besorgte Eltern müssen sich nicht mehr mühsam durch mehr oder minder profunde Musiktheorien graben und erst recht nicht auf YouTube all die Musikvideos reinziehen, die von eitrigen Madenbäuchen bis hin zu Regenbogen pupsenden Einhörnern (Ja, so divers ist das Genre tatsächlich!) sämtliche Geschmacklosigkeiten zeigen. Denn der „kleine Metal-Guide“ ist ein Buch mit Wissenswertem und Hintergründigem, Szenetypischem und Klischees – alles davon wahr (wenngleich manchmal überspitzt) und vor allem: lustig. Auf beinah 70 Seiten karikiert Alistration, der unter dem bürgerlichen Namen Alexander Pfefferle zwischen 2009 und 2014 für die Keys bei der Melodic Death Metal-Band („Lieblicher Krümelhusten“?) Azurica verantwortlich zeichnete, die Musikrichtung mit ihren zahlreichen Subgenres, aber auch das individuelle Lebensgefühl und -einstellung, die damit einhergeht. So merken Genrefremde rasch, dass sich unter all den Nieten, Leder und den T-Shirts mit aufgemaltem Armageddon durchaus nette Menschen verbergen – und Metaller selbst entdecken sich pointiert getroffen wieder und geraten ins Schmunzeln, wenn etwa der Cannibal Corpse-Fan ob der Schockbilder auf den Zigarettenpackungen zum Rauchen aufhört.

AlistrationDie „Metal-Bibel in Farbe“ soll im Herbst im – bitte nicht lachen – piepmatz Verlag erscheinen. Mittels Crowdfunding könnt ihr das tolle Projekt hier unterstützen – und ganz uneigennützig auch noch ein paar ziemlich tolle Geschenke abstauben, Spoileralarm: ES GIBT BIER!

Alles zwischen Heavy Metal und Death Metal gibt es auch bei oeticket.com – von Amon Amarth beim Jolly Roger Festival über den Headbangers Ball bis hin zum Metal on the Hill mit u.a. Blind Guardian und Paradise Lost ist alles dabei.

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