Der Puppenspieler Metallica

Metallica

1986 veröffentlichen die amerikanischen Thrasher Metallica ihr Meisterwerk „Master of Puppets“. Die kürzlich erschienene opulente Luxusedition lädt zur Zeitreise: Eine Liebeserklärung.

Master Of Puppets

Musik-Connaisseure sind auf ihrem Gebiet polyamouröse Geschöpfe: Selten nur beschränken sie sich lediglich auf einen Künstler, selbst an einem Genre finden sie kaum Auslangen. Und so kopulieren sie sich täglich und beinah rund um die Uhr quer durch die geliebten Schallkünste, nicht nur mit einer beinah peniblen Sorgfalt, sondern auch einer Unrast und Gier: Der Literaturwissenschaftler Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt, man könne nicht „jedes Buch gelesen haben. Aber man sollte es zumindest versuchen.“ Wir, die Getriebenen, befinden uns auf dem besten Wege zum Ziel.

Doch bei all dieser Umtriebigkeit wird sie nie vergessen: die erste, die einzige, die wahre, die große Liebe. Die Übermutter all jener, die man nach ihr liebte: Dieser einzigen, wahren Platte liegt zumeist eine historische Bedeutsamkeit inne, eine Relevanz, die den dereinst juvenilen Charakter – zumeist vom damals vorherrschenden Zeitgeist bewegt – nach eben jener Platte greifen ließ; Und doch spricht mehr als nur Genie (und gleichermaßen Wahnsinn) aus ihr: Eine persönliche Verbundenheit, die kaum auch nur annähernd ein zweites Mal erlebt werden kann. Einer – vielleicht der brüskeste – Anwärter auf diesen erhabenen Posten wurde erst 1986 veröffentlicht: „Master of Puppets“, nicht nur der persönliche Zenit der amerikanischen Thrasher Metallica selbst, sondern auch des Genres und vielleicht einer gesamten Subkultur. Black Sabbath mögen mit ihrem Debüt „Black Sabbath“ den Heavy Metal erfunden haben. „Master of Puppets“ perfektionierte ihn.

1986: ein Rückblick

1986 hielt der Menschheit die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl bereit, die Sowjetunion schoss das Kernmodul der Raumstation Mir in die Erdumlaufbahn, während die US-Raumfähre Challenger kurz nach dem Start auseinanderbrach: alle sieben Astronauten kamen ums Leben. Boris Becker gewann zum zweiten Mal Wimbledon, Alain Prost wurde zum zweiten Mal Formel 1-Weltmeister und Reinhold Messner erstieg als erster Mensch alle 14 Achttausender. Kurt Waldheim wurde zum österreichischen Bundespräsidenten und Jörg Haider löste Norbert Steger als Vorsitzender der FPÖ ab – der Grundstein für ihren zweiten Siegeszug war gelegt.

1986 war auch das „Internationale Jahr des Friedens“ – doch davon ist auf „Master of Puppets“ wenig zu hören: Ungezügelt und stakkatoartig hackt und drischt sich das Quartett James Hetfield, Lars Ulrich, Cliff Burton und Kirk Hammett auf ihrem dritten Album durch Klagelieder über Drogen und hausgemachten Wahnsinn wie Krieg und Religion über 55 Minuten hinweg, warnt vor einer Kirche, die einen entmündigt und einem Staat, der jeden wegsperrt, der nicht nach seiner Pfeife tanzt. „Master of Puppets“ ist ein liberales Manifest – und zeigt dabei mehr als all die anderen Alben, die das Genre davor und danach hervorbrachte, dass Heavy Metal die menschlichste Musik im späten 20. Jahrhundert war – und ist. Doch „Master of Puppets“ sollte nicht nur ihr Meisterwerk werden: Kurz nach Veröffentlichung verstarb bei einem Busunfall im schwedischen Ljungby mit Cliff Burton nicht nur der Bassist der Band, mit ihm versiegte sukzessive über die folgenden Jahre hinweg auch die sprudelnde Quell der Inspiration – nicht selten war es der Misfits- und Bach-Liebhaber gewesen, der den kreativen Kopf der Band – Schlagzeuger Lars Ulrich und Gitarrist/Sänger James Hetfield – auf den Frühwerken in die richtigen Bahnen lenkte und neben „Master of Puppets“ auch die Vorgänger „Ride the Lightning“ und „Kill ‚em All“ zu Glanzstücken gereichen ließ.

Dabei waren die Achtziger, das Jahr 1986 speziell, für das Genre ohnehin ein Glanzjahr: Iron Maiden veröffentlichten „Somewhere in Time“, Motörhead „Orgasmatron“, Kreator „Pleasure to Kill“, Megadeth „Peace Sells … But Who’s Buying?“ und Slayer „Reign in Blood“ – heute alle zu Recht Klassiker. Aber eben nur ihres Genres. „Master of Puppets“ wurde 30 Jahre nach dem Erscheinen sogar die Ehre zuteil, von der National Recording Preservation Foundation der Library of Congress honoriert zu werden.

Ehre, wem Ehre gebührt

Wir dürfen uns diese 1800 in Washington gegründete Bibliothek des amerikanischen Kongresses nicht wie eine schnöde Bücherei vorstellen – sie beerbt vielmehr die legendäre Bibliothek von Alexandria als Weltgedächtnis der Moderne. Die Regalböden sind aus den Schiffsplanken der Mayflower gezimmert worden, dem Segelschiff, mit dem die Pilgerväter – von denen viele aus Mittelengland stammten – 1620 nach Amerika aufbrachen, um dort ein neues Leben zu führen. Und die Archivare haben neben gepuderten Perücken vermutlich auch Stammbäume, die tief in jenem Boden wurzeln, den eben jene Gründerväter gerodet und bestellt haben.

Bisher befinden sich, im Vergleich zum Fundus der Bibliothek, nur eine Handvoll Musik-Alben in der Library of Congress, pro Jahr kommen 25 neue dazu. Insgesamt sind etwa drei Millionen Bücher, Gemälde, Mitschnitte von Reden und andere kulturhistorische Gegenstände in der staatlichen Einrichtung der USA untergebracht. Unter den bis dato 450 Musik-Alben, die als „kulturell, historisch oder ästhetisch signifikant“ gelten, befindet sich seit 2016 lediglich ein einziges Heavy-Metal-Album: eben „Master of Puppets“.

Meisterhaft

Es wäre müßig und vermutlich auch lästerhaft darüber zu spekulieren, welcher Rang „Master of Puppets“ heute zuteil wäre, wäre Cliff Burton immer noch aktiver Teil von Metallica; Denn der Mythos, der das Album umweht, ist zu Recht unantastbar: Es gibt wohl keine Band des Genres, die sich hiervon nicht beeinflusst zeigt oder Genrekenner, dem das Album ein unbeschriebenes Blatt ist.

Metallica waren immer schon ihrer Zeit voraus, waren die langhaarigen, geifernden Nachfahren der Pioniere: Das Debüt „Kill ‚em All“ war für die damalige Metalszene wie ein Schlag ins Gesicht, zu wild und ungestüm, mit einem rigorosen Verzicht auf Melodie klang es beinahe punkig. Im Gegensatz dazu stand bereits der superbe Nachfolger „Ride the Lightning“, auf dem eine Ballade Einzug ins metallische Soundgewand fand, die Strukturen zunehmend komplexer und verworrener wurden – was schließlich im vierten Album „… And Justice for All“ gipfeln sollte. Doch insbesondere „Master of Puppets“ hob die Metalwelt mitsamt all ihrer Logiken und Verständnisse aus den Angeln, es offenbarte ein bis ins Detail perfekt durchdachtes und durchexerziertes Filigran und wirkte zeitgleich so losgelöst und mühelos, dass es bisweilen verwunderte. Das Duo Hetfield/Ulrich verballerte geradezu verschwenderisch ihre Genialität, als gebe es in ihrem Souterrain einen Fundus, den es so rasch als möglich auszuweiden galt. Insbesondere aber auch Burtons spürbarer klassischer Einfluss kleidete das Album in luftige Strukturen, die doch unvorbereitet sich über den geneigten Hörer zu einem Sturm zusammenbrauten und unaufhaltsam die markerschütternden Naturgewalten der acht Stücke auf selbigen niederprasseln ließen.

Angefangen vom bedrohlich-einlullenden Intro von „Battery“, das noch in Sanftmut wiegen ließ, bis hin zum abrupten und seinem Namen alle Ehre machende – und auf Bachs „Come, Sweet Death“ zurück zu führende – Inferno „Damage Inc.“ kumuliert auf „Master of Puppets“ ein gigantisches Potpourri an unterschiedlichen Stimmungen, die oft unvorbereitet, nie aber disharmonisch ineinander brechen. Es sind nicht nur die wahnwitzigen Geschwindigkeitseruptionen wie bei den beiden zuvor angesprochenen Stücken, dem Stakkato von „Leper Messiah“ (ein textlicher Querverweis zu Bowies „Ziggy Stardust“) oder auch dem Mittelteil von „Disposable Heroes“ – dem vermutlich größten Song des Albums –, sondern gerade auch die sabbatheske, erdrückende Unheimlichkeit vom auf Lovecrafts Cthulhu-Mythos verweisende „The Thing That Should Not Be“ oder der klaustrophobische Irrsinn vom auf Keseys „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“ basierende „Welcome Home (Sanitarium)“, die das Album zu einem Wechselbad der großen Gefühle aufschaukeln – nicht zu vergessen auch das Instrumental „Orion“, Burtons persönliches Requiem.

Weltwunder

Bereits in der Antike gab es eine Auflistung besonderer Bauwerke oder Standbilder, die als „sieben Weltwunder“ bezeichnet wurden – darunter die Pyramiden von Gizeh und die hängenden Gärten der Semiramis zu Babylon. Da die ursprünglichen Weltwunder weitgehend zerstört wurden, wurden Mitte der 2000er Jahre Versuche unternommen, neue Listen zu erstellen – heute zählen etwa das römische Kolosseum und die Chinesische Mauer zum Weltkulturerbe. Sollte sich jemals eine musikalische Bewegung bilden, so hätte Metallicas „Master of Puppets“ einen Listenplatz naturgemäß inne: das Meisterwerk von 1986 ist wahrlich ein einmaliges Weltwunder, ein Triumphzug, der seine Geschichte von einst bis heute andauern lässt – und in der Deluxe-Edition zum Album mit mannigfaltigen Kontextmemorabila in einem umso dichteren Blick erscheinen lässt.

Metallica spielen am 31. März in der Wiener Stadthalle (D). Das Konzert ist ausverkauft. Das Deluxe-Set ist im gut sortierten Fachhandel erhältlich.

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