Die Magie von Bilderbuch

Rund um den 60. Geburtstag von Falco darf man sich wieder einmal die heimischen Künstler vors innere Auge rufen, die zuletzt auch über die Landesgrenzen hinaus Ruhm eingeheimst haben. Bilderbuch sind da die vielleicht besten.

BilderbuchBilderbuch veröffentlichen Mitte Februar ihr neues Album „Magic Life“. Unser Gastatutor Chris Gütl hat sich am Rande der Air&Style, wo die Band als Headliner auftrat, mit Maurice getroffen, um mit ihm über das neue Album, Falco-Vergleiche und österreichische Musik zu unterhalten.

Gratulation zum neuen Album „Magic Life“. Was bei mehrmaligen Hören auffällt ist, dass es komplett unterschiedlich zu „Schick Schock“ ist und im Sound sehr chaotisch, dabei aber doch strukturiert wirkt. Wie ist es euch beim Schreiben und den Aufnahmen ergangen?

Vordergründig beim neuen Album war es die Band selbst wieder ins Zentrum zu stellen, gemeinsam Musik zu schreiben.Wir haben nicht im Vorfeld geredet was wir machen, sondern während des laufenden Prozesses.

Es gab zwei Seiten von Schreibe-Sessions: Nach mehreren Monaten hatten wir so viel Material gesammelt, dass wir uns nicht mehr sicher waren, wo das hinführen soll. Also sind wir zwischendurch aus dem Studio ausgebrochen und haben uns in einem Haus eingemietet und dort weiter Songs geschrieben. Am vorletzten Abend hat sich der gesamte Prozess wie ein Rausch angefühlt. Hier hat sich alles zu einem Ganzen zusammengefügt und einen Sinn ergeben. Schlussendlich ist dabei „Magic Life“ rausgekommen.

Wo ist der wesentliche Unterschied zwischen „Schick Schock“ und dem neuen Album?

„Schick Schock“ ist der Blick nach außen, für mich ein Sampler. „Magic Life“ hingegen schaut nach innen und ist als Ganzes ein Album. Das neue Werk war ein Run, eine Idee wenn du so willst. Wir wussten zu Beginn, dass dieses Album auch ein Ende finden muss, und nicht wie bei „Schick Schock“ eine Ansammlung an Songs der letzten zwei Jahre, die einfach als Album veröffentlicht worden sind. Gerade im letzten Monat der Produktion gab es einige dramaturgische Entscheidungen im Prozess.

Was gefällt dir persönlich am meisten an „Magic Life“?

Das lässige an diesem Album ist, das Leute, die kommerzieller an die Sache gehen, sich Songs wie „Bungalow“ rauspicken und in ihre Playlisten einfügen. Trotzdem ist „Magic Life“ ein Bekenntnis zum Album, so wie wir es geschrieben haben. Wir hatten mehr Luft auf diesem Album für Ideen, die möglicherweise bei anderen Veröffentlichungen nicht mehr reinpassen. Es lässt viele Momente zu, man kann sich darin verlieren. Irgendwann weiß man nicht mehr, ob man in einer Nummer, einer Prelude oder Postlude ist.

Das ist auch die Stärke des Albums, dass es einen Flow erzeugt und man es in einem durchhören kann. Unsere Alben tendieren ja dazu anstrengend für den Hörer zu sein, im positiven Sinne. Bei „Magic Life“ passiert es einfach und nach 40 Minuten ist das Album vorbei.

In den letzten Jahren habt ihr euch einen Wiedererkennungswert im Sound geschaffen. Man erkennt sofort, wenn es Bilderbuch ist. Gerade heutzutage nicht mehr alltäglich, im Hinblick an der Fülle von Bands, die unterwegs sind.

Wir hatten das Glück, dass wir uns selbst einen Charakter in der Musik erarbeitet haben. Es gab als Studenten keine Idee nach dem Motto: So werden wir die Coolsten und nehmen deswegen ein Album wie „Schick Schock“ auf. Dem Ganzen geht einfach ein Lernprozess voraus, so unromantisch das auch klingen mag. Wenn zum Beispiel jemand den Lehrberuf des Tischlers erlernt hat, wird er im Laufe seiner Karriere auch einen geilen Tisch machen. In unserer Schulzeit sind wir die meiste Zeit im Proberaum gehangen und haben einen Gig nach dem anderen gespielt. Natürlich haben wir uns im Laufe der Jahre auch verändert, waren aber trotzdem offen für Neues und haben dadurch auch immer neue Sachen gemacht.

Wir beschäftigen uns sehr viel mit den Musikströmungen unserer Zeit, versuchen das auch in unser Schaffen einfließen zu lassen. Wenn du ein Zitat machst, dann zitier bewusst! Aber mach deine eigene Variante davon, leb sie!

Du wirst in einigen Kritiken immer wieder mit Falco verglichen. Egal ob es um deinen Gesangsstil geht oder die Bühnenperformance. Was denkst du über diese Vergleiche?

Es geht für die Leute wohl um einen romantischen Gedanken, eine Perfektion, ein Ideal, das sich in Österreich in den Namen Falco ergießt. Wenn etwas zu volksfern als volksnah ist, triggern wir automatisch Falco, das dürfte wohl etwa unserer kultureller Horizont sein. Ich hab mich nie nach ihm orientiert, er hat aber geile Musik gemacht, keine Frage. Aber erst nach der „Maschin“ EP hab ich mich mehr mit seinem Schaffen auseinandergesetzt. Er hat sehr viele richtige Ansätze, auch wenn nicht alles gut war, was veröffentlicht wurde.

Sicherlich kann man Falco unendlich hochleben, weil er tot ist – und ihn mit aktuellen Künstlern vergleichen. Ich bin da aber auch nachsichtig und denk mir, „Lass ein paar Jahre vergehen und irgendwann gibt es diese Referenz nicht mehr und wir sind hoffentlich stärker.“ Was daran liegt, dass wir weitermachen, weil wir leben! Die Leute sollten nicht in die Falle reinfallen und sich wieder ein Best-Of zulegen. Man kann alles von Falco im Internet nachhören, warum soll man sich die x-te Best-Of kaufen? Der Mann ist tot! Es ist wichtiger, sich was von einem Künstler zu kaufen, der noch lebt, als Geld in einen Apparat zu stecken, der sowieso nicht mehr richtig funktioniert. Wenn, dann sollte man sich schon die Originalplatten kaufen und nicht das Best-Of weil irgendwelche Remixes von bestimmten Künstlern oben sind.

Um noch kurz bei Falco zu bleiben, nach seinem relativ frühen Nr. 1-Hit in Amerika ist die Karriere ja wieder auf Talfahrt gegangen und manche Zeitgenossen behaupten er ist mit seinem Erfolg nie fertig geworden, quasi daran zerbrochen. Bilderbuch ist auch eine sehr erfolgreiche Band im deutschsprachigen Raum. Habt ihr Angst, dass es euch auch mal zu viel wird in Sachen Erfolg?

Weißt du was der große Unterschied zwischen Falco und uns ist? Wir sind eine verdammte Band, wir arbeiten seit ewig zusammen und fangen jedes Mal von vorne an, bei sich selbst und nicht beim Produzenten. Hebt einer ab, holst du ihn runter, fällt einer zusammen, hilfst du ihm wieder auf. Das darf man nicht unterschätzen, wenn du viel Kraft in Kommunikation steckst und die Augen offen hältst, ist eine Band eine unglaubliche Stütze fürs Leben. Ich bin so froh die Jungs zu haben, das sind meine Brüder. Falco war alleine, er hatte zwar seine Band, aber wenn er nicht lieferte, lieferte keiner.

Wie siehst du dann die übrige Musikgeschichte Österreichs? Hast du dich damit je beschäftigt beziehungsweise hat es eine Relevanz auf dein Schaffen heute?

Ehrlich gesagt habe ich mich nie so richtig damit auseinandergesetzt. Ich glaube, es ist auch gut, nicht zu viel darüber zu wissen. Bis 15 habe ich gerne deutschsprachige Musik gehört, dann erst mit 23 wieder. Das lag daran, dass ich mir sagte, wenn ich jetzt auf Deutsch zu singen beginne, will ich meinen eigenen Stil finden. Ich wollte unbefleckt bleiben, damit niemand daherkommt und irgendwelche Vergleiche zwischen mir und anderen Künstlern zieht. Sicher, es gibt immer wieder Leute, die Referenzen bringen, aber im Großen und Ganzen glaube ich, meinen eigenen Stil gefunden zu haben. Ich konnte Bands wie Ja Panik und Konsortien erst so richtig nach der „Schick Schock“ genießen.

Wie findest du die aktuelle Szene dann? Bilderbuch ist ja ein großer Teil selbiger.

Ich finde es klasse, viel positive Energie, allerdings gibt es auch Schattenseiten. Es gibt zwei Ansätze wie man Musik in die Welt verkaufen kann. Rammstein ist die einzige Band zum Beispiel, die das deutsche Klischee verbunden mit Provokation in die Welt verkauft.

Was in Österreich passiert, kann ich nicht ganz gutheißen. Es wirkt opportunistisch, dass die Leute dieses Momentum ausnutzen. Wanda haben diesen nicht gerade charmanten Stein ins Rollen gebracht, österreichisch zu sein und in Deutschland Österreich zu verkaufen. Aber genau das machen Wanda gerade. Ich will, dass Bilderbuch längerfristig eine Sonderstellung findet. Die Leute sollen uns horchen wegen der Musik, nicht weil wir aus Österreich kommen, weil es gerade „hip“ ist. Soll aber nicht heißen, dass wir deswegen unsere Wurzeln nicht durchblicken lassen. Viele Acts stürzen sich momentan auf diesen Dialektrock. Man klopft sich in Österreich wieder selbst auf die Schulter mit den Worten, „Wir machen eh leiwande Musik“, und man nähert sich wieder dem Dialekt. Das ist per se nichts Schlechtes! Nur den Ernst Molden gibt es schon ewig zum Beispiel und damals hatte keiner Interesse an ihm.

Ein schmaler Grat so zusagen?

Ich finde, dass jeglicher Austropop außerhalb von Bilderbuch eine aufgewärmte Suppe ist. Halt mich für einen Narren, aber ich sehe das so. Retro ist in vielerlei Hinsicht im Trend. Die Menschen sehnen sich zurück nach Häuslichkeit, nach Tradition, sehnen sich nach Sachen, die sie eigentlich kennen. Das ist ein Gefühl, das wir mit Bilderbuch nicht triggern wollen.

Quer durch die Gesellschaft, ob arm oder reich, hat in den letzten Jahren etwas gezuckt aufgrund der aktuellen Weltlage. Jeder muss mit einem sozialen Problem umgehen, was wir so nicht kennen. Der Retro ist die Falle nicht die Musik. Dieses Gefühl, das Menschen mit Austropop verbinden, diese „gute alte Zeit“, das gefällt mir nicht. Ich denk mir: „Jungs passen wir auf, schieben wir die Musik wieder in den Vordergrund.

Nach 12 Jahren unterwegs mit Bilderbuch: Was bedeutet dann für dich Musik im Großen und Ganzen?

Ich glaube, den Bruch hat es für mich im Alter von 15 Jahren gegeben, als mich die Jungs gefragt haben, ob ich in den Proberaum zum Singen kommen möchte. Ich bin dort mit der ersten Besetzung von Bilderbuch gestanden und habe einen Song von den Strokes gecovert. In erster Linie habe ich gar nicht auf mich selbst geschaut, sondern auf die anderen. Damals habe ich mir gedacht, „Man, die können spielen!“ Ich kapierte dann zum ersten Mal, dass es nicht eine Egogeschichte ist, sondern verstand damals, dass es eine Möglichkeit ist etwas zu machen, was ich alleine nie schaffen würde. Das behalte ich mir heute noch vor Augen. Das war auch der Grund, warum ich damals dann noch mal in die Probe gekommen bin, weil die Jungs spielen konnten. Ich hatte anfangs nie die Intention, Sänger zu werden. Dieser kleine Moment bestimmte meine ganze Karriere. Ich denke mir noch heute: „Ich bin der Glückliche, weil ich diese drei Jungs um mich habe!“.

Zum Abschluss: „Magic Life“ ist ein sehr konträres Album zu „Schick Schock“ Was denkst du, werden die Leute nach Veröffentlichung des Albums darüber denken? Was erwartest du dir?

Gespalten, aber das ist okay. Wir versuchen grundsätzlich eine längere Kurve als Band zu nehmen. Sicherlich, wir hätten ein „Schick Schock Nr. 2″ machen können und alle wären happy gewesen, aber es hat einfach nicht gepasst. Das würden nicht wir sein. Es hat sich nicht angefühlt danach sich hinzustellen und aus dem Lamborghini eine Yacht zu machen, das war nicht drinnen. Wir waren ehrlich zu uns und haben selbst gefragt, was wir sind, was machen wir?

Wenn wir schon keine Lösung anbieten können, stellen wir ein fettes Gefühl in den Raum. So dass jeder mitbekommen kann, wie 2016 / 17 ist. Nämlich zerrissen, selbstbewusst und doch positiv. Das ist der Anstoß hinter der Platte. Ich glaube, einige Leute werden komplett reinkippen in das Album, andere werden sich vielleicht nur an zwei Songs erfreuen und den Rest nicht für gut befinden. Aber hey! Wenn wir uns selbst treu bleiben, Mukke machen können, weil wir das dürfen, in diesem kleinen Mikrokosmos namens Österreich, dann freu ich mich schon auf die nächste Platte! Wir haben schon eine Idee im Kopf und das Album wird komplett anders als „Magic Life“! Lassen wir uns überraschen!

 

„Magic Life“ erscheint am 17. Februar, Bilderbuch präsentieren selbiges ab Mai in Graz, Wien und Linz! Spezielle Fantickets gibt es bei oeticket.com!

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