Die Murau Identität

Am 12. Februar 1989 starb der legendenumwobende Schriftsteller Thomas Bernhard in Oberösterreich. Die Öffentlichkeit erfuhr erst drei Tage später von seinem Tod, nachdem er bereits auf dem Grinzinger Friedhof in Wien beerdigt worden war. So zumindest die offizielle Version.

 

Erst kürzlich feierte ein großer (wenngleich unliebsamer) Österreicher seine Wiederauferstehung: Adolf Hitler in der Polit-Satire Er ist wieder da von Timur Vermes. Im Weihnachtsgeschäft war Hitler nicht aus den Bestsellerlisten wegzudenken, noch größer der Erfolg als 1998 und 2006 bei Walter Moers mit seiner „Nazisau“ Adolf, obwohl da gar das Satiremagazin Titanic im Nacken saß.

Nun kehrt eben ein anderer berüchtigter Österreicher aus dem Totenreich zurück, nämlich Thomas Bernhard. Ebenfalls von einem Journalisten – Alexander Schimmelbusch – verfasst, folgt Die Murau Identität der Prämisse, Bernhard hätte nur so getan, als sei er gestorben – wie Elvis und Paul McCartney vor ihm. Etwas, das dem „Nestbeschmutzer“ durchaus zuzutrauen wäre, in seinen Kram passen würde. Aber auch etwas, das – kennt man die heimischen Germanistik-Studiosi mit ihrem Jelinek-und-Bernhard-Fetisch – bereits viel früher aufgedeckt worden wäre, ganz zu schweigen von seinem Freund Hans Höller (Der unbekannte Bernhard), der ohnehin Bernhards Halbbruder und Nachlassverwalter Peter Fabjan (nicht ganz zu Unrecht) gern auf die Füße tritt: Da hätte sich ein lebender Bernhard durchaus gelohnt!

So darf man davon ausgehen, dass Die Murau Identität tatsächlich nur Fiktion ist und nicht geschickter Aufdecker-Journalismus – schade eigentlich, es wäre durchaus interessant gewesen zu erfahren, was Thomas Bernhard an vernichtenden Bemerkungen über die ganzen Bildbände, Kochbücher und Bernhard-Forschungsarbeiten über gehabt hätte, etwas, das die Murau Identität aller Mediensatire zu Trotz leider auch ausspart.

Dabei wäre dies ein grandioser Plot geworden: Thomas Bernhard unterzog sich, so die Geschichte, nicht seinem Begräbnis, sondern vielmehr in New York einer Antikörperbehandlung, die ihn tatsächlich gesunden ließ. Somit konnte er sich, während er daheim zum „Kulturgut“, gar zum „Heiligtum“ aufgewertet wurde, auf seinem geliebten Mallorca unter dem Decknamen Franz-Josef Murau (man kennt selbigen aus der Auslöschung) zurückziehen. Während seiner Inkognito-Existenz habe er, so Schimmelbusch, mit der feurigen Esmeralda einen an der Wallstreet finanzjonglierenden Sohn namens Esteban gezeugt, am Meisterwerk Ànima Negra geschrieben – und lag seinem Verleger (und Verschwinde-Komplizen) Siegfried Unseld auf der Tasche. Unseld übrigens, ist sich seiner Bedeutung bewusst, wenn er vermeint, „Delfine springen aus meiner Bugwelle“, und huldigt in Manhattan der Fellatio („Ist hier nicht mehr als ein feuchter Händedruck“).

Anders als Bernhard selbst lässt es Schimmelbusch ansonsten überaus handzahm wüten, auch ein cleveres, kulturkritisches Ende sucht man im Rahmen dieser grotesken Literaturbetriebsklamotte vergebens, zumindest eingedenk des Potentials, das der Hauptprotagonist eigentlich geboten hätte. Vielmehr wirken die eingestreuten Fehden – gegen das Verlagswesen und gegen Peter Handke – vielmehr wie Privatzwiste des Autors, während die Rasselbande der Bernhard-Philologen (beinahe schlimmer als jene von Kafka, ja, der mit dem Vaterkomplex und so), die Bernhard wohl nach Strich und Faden durch den Kakao gezogen hätte, geschont wird. Da werden in einem sonst überaus amüsanten Stück Chancen auf humoreske Hinterfotzigkeit vergeben, die ansonsten nur im österreichischen Fußball (wenngleich auf anderer Ebene) zu finden sind.

 

Murau Identität Buchcover

Alexander Schimmelbuschens Die Murau Identität ist am 21. Jänner im Metrolit Verlag erschienen.

Die Buchpräsentation findet am 11. Februar um 20 Uhr im phil (Gumpendorferstraße 10-12, 1060 Wien) statt. Anwesend sind der Autor und David Schalko. Am 9. Februar wäre Thomas Bernhard 83 Jahre alt geworden. Der 12. Februar ist sein 25. Todestag.

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