Die Toten Hosen und die Laune der Natur

Die Toten Hosen-Kopf Campino spricht im Interview über politische Shitstorms, die Endlichkeit des Lebens und warum man auf die Schnauze fallen muss, um im Leben Großes zu erreichen.

Die Toten HosenNach dem kommerziellen Megaerfolg „Ballast der Republik“ und einer rekordverdächtigen Tour war das Feuer bei den Toten Hosen erloschen. Trotz privater Tragödien haben sich Campino und Co. wieder aufgerappelt, um mit „Laune der Natur“ zum Angriff zu blasen – ohne stumpf die politische Keule zu schwingen.

Campino, 2015 wart ihr mit den Toten Hosen ein Teil des „Voices For Refugees“-Konzerts am Wiener Heldenplatz und immer noch gibt es Leute, die euch aufgrund eurer politischen Aktivität im Netz anprangern …

Das war eine wichtige Sache und auch die letzten Wahlen in Österreich haben bewiesen, dass sich die Mehrheit der Menschen noch für den vernünftigen Weg entscheidet. Als wir die Band gründeten, dachte ich nicht, dass ich irgendwann einmal zum Lager der Vernünftigen gehören würde. Wenn man öffentlich politisch Haltung bezieht, gehört es sich nicht, eine Kosten-/Nutzenrechnung aufzustellen. Wenn uns jemand aufgrund unserer Einstellung nicht hören will, dann ist das in Ordnung. Ich gebe den Ball dann gerne zurück und möchte nicht die Vorstellung haben, dass rechtsextreme Menschen unsere Musik abfeiern.

Ihr habt erst unlängst spontan auf einem LKW bei einer Anti-Pegida-Demo in Dresden gespielt und euch dabei klar positioniert. Der Wille für solche Aktionen ist noch da?

Wir können gar nicht anders. Unsere Generation ist so geprägt. Als Teenager haben wir Bands wie The Clash oder die Dead Kennedys bewundert, die sich bei Shows wie „Rock Against Racism“ immer eingebracht haben. Der zweite Moment des Punk, wo es nicht mehr nur um Dekonstruktion ging, sondern um konstruktives Verbesserungsdenken, war für uns immer wesentlich. Weg von der Parole „No Future“ hin zu Lösungsansätzen. Uns hat das dermaßen beeindruckt und geprägt, dass wir aus dieser Haltung nicht rauskommen. Wir sind trotzdem keine Prediger und müssen uns nicht immer über Politik unterhalten. Wenn der Moment es erfordert, würde ich aber das Privileg, von vielen Leuten gehört zu werden, auch nutzen.

Welche Tragkraft auf die Gesellschaft haben solche „Guerilla-Aktionen“?

Ich würde die ganze Sache nicht zu hochhängen, andererseits glaube ich, dass wir in solchen Gegenden, in denen rechtsextremes Gedankengut weitverbreitet ist, ein Mutmacher für all jene Tapferen sein können, die da jeden Montag ausharren und sich dieser Pegida-Truppe entgegenstellen. Diese ca. 100 Demonstranten gehen jeden Woche bei Wind und Wetter raus, stellen sich einer Übermacht von Pegida-Leuten und erledigen damit den Job für alle Demokraten in diesem Land. Wir wollten ihnen mit unserer Aktion unseren Respekt zeigen und hoffentlich schöpfen diese Leute auch etwas Kraft daraus und fühlen sich nicht so alleine gelassen.

„Pop & Politik“ kann man so interpretieren, als dass ihr euch gegen all jene auflehnt, die euch niederhalten und mundtot machen wollen. Wie viel Gegenwind haltet ihr aus?

Wir sind in diesem Punkt nach all den Jahren relativ schmerzfrei. In „Pop & Politik“ geht es um Vorwürfe, die alle aushalten müssen, die sich ein bisschen aus dem Fenster lehnen. Zum Beispiel Jennifer Rostock. Da muss man bereit sein, sich großen Ärger und Schaden einzuholen. Eine korrekte, gute Band, die sich klar gegen rechts geäußert hat und deshalb mit Shitstorms überzogen wurde. Die ziehen ihr Ding durch, aber viele andere Künstler sind sich unsicher, ob sie sich äußern sollen oder nicht.

Sammy von den Broilers würde sich auch von Künstlerinnen wie Helene Fischer wünschen, dass sie sich politisch klarer positionieren, weil sie viele Menschen erreichen. Wie stehst du dazu?

Ich wäre wie Sammy beeindruckt, wenn sie es tun würde, aber ich erwarte es nicht. Was ist der Anspruch von so einem Künstler? Das „Projekt Helene Fischer“ ist eine gut geschmierte Entertainmentmaschine und man kann auch die Philosophie vertreten, dass alles neutral und deshalb für jeden zugänglich bleibt – man ist damit der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle einigen können. So vergrault man keine Kunden. Ich verstehe nicht, wie so etwas funktioniert und will daran nicht teilhaben, aber man muss so eine Herangehensweise auch akzeptieren. Man könnte ja auch bei Sportlern, Schauspielern und anderen Personen des öffentlichen Interesses mehr Haltung einfordern, aber wir alle haben keine Berechtigung, irgendwelche Menschen zu verpflichten, den Moralapostel zu spielen. Zivilcourage muss sich auf freiwilliger Basis abspielen. Das ist eine Sache der Erziehung und persönlichen Einstellung. Nur weil wir Hosen uns so reinwerfen, würde ich von niemand anderen verlangen, das auch zu tun. Ich freue mich aber über alle, die diesen Geist teilen und gerne mitmachen.

„Laune der Natur“ ist der längst fällige Nachfolger von „Ballast der Republik“. Das war vor fünf Jahren euer kommerzielles Meisterstück, das – genau zum 30. Bandgeburtstag – noch einmal alle Superlative sprengte. Wie stark hallte dieses Werk und dessen Erfolg zum neuen Album nach?

Für uns war es ein völlig unerwartetes Glück, nach so langer Zeit einen solchen Kracher hinlegen zu dürfen. Die Frage nach unserer Existenzberechtigung ist für uns solange geklärt, wie unsere aktuellen Lieder eine Relevanz beim Publikum haben. Für mich ist das eine Bestätigung zum Weitermachen.

Es gibt strenggenommen wenige Bands, die nach 30 Jahren so relevante Alben schreiben wie „Ballast der Republik“. Darauf könnt ihr durchaus stolz sein.

Stolz … Ich weiß nicht, aber ich bin sehr glücklich darüber und das erleichtert die Sache sehr.

Nach diesem Erfolg schwang immer die Gefahr mit, ihr hättet alles gesagt und würdet kein weiteres Album mehr schreiben. Das schwang auch in manchen Interviews mit. War dieser Gedanke konkret?

Ans Aufhören dachte ich schon nach der „Opel-Gang“. Inzwischen habe ich gelernt, dass es zum Schaffensprozess dazu gehört, das gesamte Reservoir an Gedanken immer wieder komplett auszuräumen. Wenn ich nach Abschluss der Arbeiten zu einem auch nur drei Ideen hätte, die nicht genutzt wurden, würde ich mich fragen warum. Das ist wie bei einer Schulprüfung, in der man versucht, alles Wissen, das man gerade zur Verfügung hat, reinzufeuern. Deshalb ist es konsequent, dass der Gedankenvorratskeller danach leer ist. Mit der Zeit rieseln dann von ganz alleine wieder Erlebnisse und Gedanken rein, die unseren Weg weiterführen. Deshalb ist es ein ganz normaler Zustand, dass ich jetzt sage: Ich kann mir kein weiteres Album vorstellen (lacht).

Wann kam dir für „Laune der Natur“ wieder der nötige Schwung an Ideen?

Das ist gar nicht leicht zu beantworten. Jedes Erlebnis ist eine Inspiration. Ich persönlich muss mich immer auf neue Lieder konzentrieren und meine Arbeitsantennen bewusst ausfahren. So auf Nebenbei läuft’s bei mir gar nicht. In den 90er-Jahren waren wir mal sechs Wochen mit Green Day auf Tour und nebenbei hat Billy Joe Armstrong ein ganzes Album alleine am Tourbus komponiert. Ständig saß er da mit seiner Gitarre und spielte herum. Bei uns läuft das anders: Wir müssen uns richtig langweilen, bis wir uns hinsetzen und konzentrieren. Am besten ein paar Tage auf einen Bauernhof fahren, uns dort die Stube einrichten und rumhängen. Dann kommen so langsam die Gedanken. Die letzten zwei Jahre waren sehr stark auf unser neues Album fokussiert. Würden wir die Zügel locker lassen, würden wir wahrscheinlich nie fertig werden. Man muss bereit sein für die Sache.

Auf der „Krach der Republik“-Tour hattet ihr mehr als eine Million Zuseher, die fast durchwegs euphorisches Feedback gaben. Jagt so etwas selbst alten Hasen wie euch noch einen Schauer über den Rücken?

Den Schauer kriegt man nicht unbedingt durch große Zahlen. Ich hatte so einen Schauer auch bei unserem Wohnzimmergig in Wien. Es war toll zu sehen, dass es solche Wohngemeinschaften und Freundschaften noch gibt, die alle zusammen in einer Bude hausen und wo ein großer Zusammenhalt herrscht. Das war ein Moment voll guter Energie. Wir hatten auf der „Krach der Republik“-Tour unheimlich gute Abende und natürlich läuft es an allen Ecken und Enden entspannter, wenn man zuvor ein erfolgreiches Album veröffentlicht hat und die Leute es abfeiern. Wir haben uns aber nicht jeden Abend vor Glück in die Beine gekniffen. Es geht ja nicht nur darum, zahlenmäßig große Erfolge zu verzeichnen. Würden uns die Lieder keinen Spaß bereiten, hätten wir auch bei einem großen Konzert keine Freude. Das geht alles Hand in Hand.

Mit deinem Manager Jochen und eurem ex-Drummer Wölli habt ihr zwei wichtige Menschen eures Lebens verloren und diesen beiden auf „Laune der Natur“ würdig gehuldigt. Inwiefern prägten diese traurigen Erlebnisse das Album einerseits, und die Toten Hosen als Band andererseits?

Beides sind große Verluste und es könnte auch jeden von uns selbst getroffen haben. Jochen ist der erste und einzige Manager in meinem Leben gewesen und wird es auch für immer bleiben. Es gibt keine Notwendigkeit, seinen Posten neu zu besetzen. So ein Todesfall spült sehr viele Erinnerungen hoch und man denkt an die Versprechen, die man sich gegenseitig gegeben hat. Er bringt einen zum Bilanzieren und man wird sich bewusst, dass die Zeit nicht stehen bleibt und für alle von uns abläuft. Die Konsequenz ist, dass man das Glück, das man hat, würdigt und das Leben weiterzelebriert. Solange es die Toten Hosen gibt, sind auch noch Spuren von Jochen und Wölli im Raum.

„Kein Grund zur Traurigkeit“ nennt sich der Albumcloser, der musikalisch völlig aus dem Rahmen fällt, aber eine wirklich schöne Geste ist. Es ist eine Nummer von Wölli, die ihr neu instrumentiert habt. Zudem entlässt ihr den Hörer mit einem schönen Gefühl der Hoffnung und des Trosts.

Auf jeden Fall. Wir mochten den Gedanken, dass die Platte ein versöhnliches Ende hat. Niemand braucht jammernde Tote Hosen. Bei aller Trauer sollte am Ende doch die Freude am Leben durchschimmern.

Ich hätte mir von euch mehr politische Statements erwartet, als im Endeffekt auf dem Album vorkommen.

Wir haben ein paar Songs geschrieben, die sich mit den politischen Geschehnissen auseinandersetzten, aber sie haben den Weg aufs Album nicht gefunden. Die Welt braucht auch kein Lied gegen Trump oder Erdogan und auch kein 15. Tote-Hosen-Anti-Nazi-Lied, wenn es keine neuen Blickwinkel eröffnet. Man weiß, wo wir politisch stehen und wir brauchen uns da nicht ständig zu erneuern und dadurch riskieren, mit unseren Statements blass zu werden. Man muss sich einteilen und auch wissen, wann man zuschlägt. Mit „Pop & Politik“ und „Unter den Wolken“ haben wir zwei Statements gemacht. Letzterer ist auch eine Anspielung an das diffuse Lebensgefühl, dass derzeit alle haben.

Bei „Unter den Wolken“ gibt es die Textzeile „Die Welt steht grad auf ihrem Kopf, der Wind hat sich gedreht“. Viel politischer könntet ihr euch gar nicht artikulieren.

Man muss kein Intellektueller sein, um herauszuhören, was wir gerade meinen. Mir gefällt an dieser Zeile, dass wir uns nicht 100 Prozent konkret ausdrücken, aber jeder weiß, worauf wir anspielen.

Den Albumtitel selbst kann man vielseitig verwenden. Hat das damit zu tun, dass sich das Leben an sich wie eine Laune der Natur verhält oder wolltet ihr damit etwas Konkreteres ansprechen?

Tatsächlich hatten wir beim Findungsprozess der Lieder ganz viele Begriffe aus der Naturwelt. Es gibt ja auch Songs wie „Urknall“ oder „Unter den Wolken“. Ein Titel heißt „Totes Meer“, der hat es dann nicht aufs Album geschafft. Die Überschrift „Laune der Natur“ hat also ganz gut gepasst und letztendlich beziehen wir uns ein bisschen auf uns selbst. Eine Band wie wir sollte gar nicht so lange existieren, aber es ist eine Laune der Natur, dass es uns immer noch gibt.

Was macht ihr denn anders, als andere Punkbands, dass ihr immer noch viel des alten Punk-Spirits transportiert und neben großen Arenen auch kleine Wohnzimmer beehrt?

Das fragen wir uns gar nicht. Wir kriegen schon mit, dass die Leute sich lustigerweise immer noch darüber streiten, ob wir Punks sind oder nicht. Wir finden aber nicht, dass wir uns irgendwie rechtfertigen müssen. Jeder soll glauben was er will, da sind wir tolerant. Wir haben eine irre Freude am Radaumachen, wissen inzwischen aber auch wie wir uns ausdrücken können, wenn es mal leiser zugeht. Wir toben uns gerne in alle Richtungen aus. Das ist eine gemeinsam geteilte Lebenseinstellung und ein bestimmtes Gefühl für Humor. Auch unsere langjährige Freundschaft mit Gerhard Polt verstehen die Leute auf den ersten Blick oft nicht, aber wenn wir uns treffen, ist das wie ein Herz und eine Seele. Die Toten Hosen saßen immer schon zwischen allen Stühlen. Manchmal konnten sich die Menschen auf uns einigen, manchmal nicht. Uns selbst hat das nie so beeindruckt, dass wir Wesentliches an unserer Einstellung geändert hätten.

Warst du immer schon mit dieser Selbstsicherheit ausgestattet, oder hast du die mit steigendem Alter erst gewonnen beziehungsweise erlernt?

Das wuchs mit der Zeit. In den jungen Jahren waren wir lautstark und großschnauzig, aber mit vielen Dingen sehr unsicher. Es gibt immer Schlüssel- und Reifemomente, in denen man das Wesentliche sucht. Worauf kommt es jetzt an? Auf das Innere, den Kern? Oder auf das Äußere, die oberflächliche Schale? Ich glaube, dass so eine Einstellung mit der Zeit wächst.

Die Toten Hosen waren auch in ihrem Umfeld immer eine große Familie mit mitgewachsenen Personen, wo man von außen nur schwer Zugang bekam. War das ein wichtiger Mitgrund für eure Beständigkeit und den großen Erfolg?

Wahrscheinlich ist das die Basis für so eine Geschichte. Dieses Umfeld, das wir haben, ist für uns unheimlich wichtig. Zum Beispiel ist es nötig, dass unser Tourmanager Kiki vor den Wohnzimmerkonzerten immer die Gastgeber besucht, um einzuordnen, ob alles gut laufen wird und die Leute unseren Humor haben. Das kann nur jemand beurteilen, der uns in- und auswendig kennt. Kiki gehört seit 35 Jahren zu uns. Oder Patrick Orth. Er war ca. 1984 ein in Frankfurt lebender Tote-Hosen-Fan, der ein Fanzine herausbrachte und den wir bei einem Interview kennengelernt haben. Heute ist er Geschäftsführer unserer Plattenfirma. Wenn man so lange miteinander unterwegs ist, dann kann man sich gegenseitig alles sagen – auch harte Kritik – und man kann damit auch umgehen. Es entwickelt sich ein Gespür, dass man nur haben kann, wenn man sein Leben miteinander durchzieht. Das tut sehr gut.

Je geschlossener ein Team, umso schwieriger wird es aber, neue Personen oder Einflüsse als erfrischendes Element zuzulassen …

Eine geschlossene Mannschaft darf nicht dazu führen, dass man keine neuen und wichtigen Begegnungen mehr hat. Als erstes fällt mir dazu Marteria ein. Den habe ich vor sieben oder acht Jahren kennengelernt und aus einem Geist heraus haben wir uns sofort verstanden. Es hat sofort geklickt. Er ist in ganzes Stück jünger als ich, Anfang 30, aber ich war mal so wie er und er wird mal so sein wie ich. Das ist die Basis, auf der wir uns begegnen. Er ist jemand, der für mich neue Gedanken zugänglich macht. Solche Begegnungen sind eine schöne, homogene Art und Weise, den Anschluss zu den Jüngeren nicht zu verlieren, genauso habe ich aber auch sehr viele ältere Freunde, die mir wichtig sind.

Ist beim Songschreiben in deinem Kopf, die jüngeren Generationen erreichen zu wollen?

Überhaupt nicht. So etwas geschieht einfach. Bei einem Livekonzert brauchst du das junge Publikum, wenn es vorne richtig kochen soll. Aber die alten Fans sind wichtig als Zeichen, dass unser Weg auch für sie nachvollziehbar ist und wir nicht mit unseren ursprünglichen Werten gebrochen haben. Die jungen sind wichtig, um die Action reinzubringen und diesen Schuss Wildheit zu liefern, den man als abgeklärter Typ eher selten hat. Wenn du 200 Konzerten erlebt hast, drehst du nicht mehr so durch wie jemand, der zum zehnten Mal da ist. Beide Arten von Fans sind wichtig. Viele Künstler altern mit ihrem Publikum und keiner kommt hinzu – wie in einem abgeschlossenen Kreis. Das finde ich persönlich ein bisschen traurig und nicht schön.

Stimmt es, dass man immer nur so alt ist wie sein Publikum?

Das würde ich hoffen. Ich weiß nicht, ob ich das am Anfang meiner Karriere so gesagt hätte, aber jetzt wäre es schön (lacht).

Auf dem Album herrscht extrem viel Nostalgie. Sehr klar zum Beispiel in den Songs „Urknall“, „Wie viele Jahre (Hasta La Muerte)“ oder „Alles mit nach Hause“.  Ist das Reflektieren eine Erscheinung des Alters?

Wir haben zwei enge Freunde verloren. Sicher klingt das auch auf diesem Album nach. Man wird sich des Verlustes bewusst und denkt an den langen Weg, den man zusammen ging. Dann fragt man sich, worauf es in dieser Zeit ankam und was man von so einem Leben mitnimmt. Sind es die Preise, die man bekommen hat, oder die Begegnungen, die man mit Menschen hatte? Was behält man im Herzen? Das klingt auf diesem Album wahrscheinlich mehr durch, als mir lieb ist. Warum sollte ich über sorglose Jungspundhaftigkeit singen, wenn zwei meiner besten Freunde gestorben sind? Wenn ich authentisch bleiben und mein Leben in meine Kunst mitnehmen will, dann muss ich solche Geschehnisse verarbeiten.

die Toten Hose Laune der NaturIhr habt Erlebnisse für 100 Leben erfahren. Kam nach der anfänglichen Wild- und Rohheit irgendwann das Akzeptieren von Bescheidenheit und Demut?

Ja, wir haben ein Riesenstück vom Kuchen abgekriegt und sind uns über dieses Geschenk total bewusst – wir hatten aber auch über Phasen, in denen wir uns blöd verhalten haben. Es gibt reichlich Sachen, die wir bereuen. Man kann sie nicht ändern, mit dem Wissen von heute hätten wir aber vieles anders gemacht. Jeder in der Band musste sich einmal ausprobieren, checken, wo seine persönliche Position ist oder seine Arschlochphase raushängen lassen. Zwischendurch benahmen wir uns auch mal asozial – sowas will man eigentlich nicht haben. Es bleibt aber der Trost, dass man aus Fehlern am meisten lernt. Ein Sieg, Triumph oder Erfolg bringt einen selten weiter. Das wäre nur die Bestätigung, genauso weiterzumachen und nichts lernen zu müssen – frei nach dem Prinzip: „Never change a winning team“. Enttäuschungen bringen dich dazu, dich zu hinterfragen, zu justieren und zu korrigieren. Ganz simpel gesagt: Fehler formen Menschen. Wir hatten reichlich Gelegenheit, daraus zu lernen (lacht).

Kommen in so einer Reflektionsphase Dinge hoch, die man aus den wilden und unbeschwerten Tagen wirklich vermisst?

Nicht wirklich. Alles zu seiner Zeit. Du kannst keine einzelnen Fragmente rausreißen und sie neu implantieren. Ich habe als jugendlicher Fan häufiger das Erlebnis gehabt, auf einem Konzert zu sein und von der Wucht, die von der Bühne kam, umgehauen zu werden. Man fühlt sich in dem Moment, als sei er der beste der Welt. Die Revolution ist möglich! So wie es The Clash gesagt haben! Solche Erlebnisse habe ich heutzutage seltener und in anderer Form, aber es gibt sie noch. Letztes Jahr habe ich in Verona Adele in einem alten Amphitheater gesehen. Das hat mich völlig umgehauen. Da war so ein Kribbeln zu spüren. Der Abend war grandios. Sie singt ihre Lieder perfekt, wie eine großartige Diva und danach fängt sie an mit dem Publikum zu reden, als würde man bei einer Londoner Hausfrau in der Küche stehen zu einer Tasse Tee. Das war sensationell. Es gibt Bands, bei denen man sich mehr auf die Redepassagen freut, als auf die eigentlichen Lieder. Robbie Williams etwa ist so jemand, der auf der Bühne auf eine grandiose Weise Quatsch machen kann. Dabei ist er so ein Schlitzohr, dass man ihm nicht böse ist (lacht). So etwas ringt mir nach wie vor Reisenfreude ab. Vor eineinhalb Jahren sah ich sensationelle Rolling Stones auf der Berliner Waldbühne. Die habe ich so oft in schlechter Form gesehen, doch jetzt im hohen Alter haben sie wieder die Kurve gekriegt und man spürt, welche Freude sie daran haben. Solche Erlebnisse gehören für mich nach wie vor zu den Höhepunkten in meinem Leben.

„Alles mit nach Hause“ ist eine sehr schöne Nummer, in der ihr die vielen Erlebnisse und Erfahrungen auf euren Reisen noch einmal bilanziert. Was brauchst du persönlich, um glücklich zu sein?

Es geht nicht um materielle Dinge. Auch dieses Lied handelt von keinem konkreten Gegenstand. Ich nehme am Ende der Reise Erlebnisse und Energiemomente mit nach Hause. Es geht um Begegnungen. Ohne die Freundschaft mit anderen kann ich mir mein Leben gar nicht vorstellen. Mit zunehmendem Alter weiß ich immer mehr, wo ich hingehöre. Lange hielt ich mich für einen Vagabund. Das bin ich in gewisser Weise immer noch, aber ich weiß mittlerweile wo meine Endstation ist, das habe ich mit mir klargemacht. Auch in punkto Partnerschaft habe ich mich geändert. Man freut sich einfach, einen Menschen zu haben und auf eine völlig unspektakuläre Art und Weise mit ihm durch dick und dünn zu gehen. Dieser Punkt ist für mich immer wichtiger. In jüngeren Jahren riskiert man da viel mehr. Da geht es eher um das „ich zuerst“. Man stopft sich und sein Leben mit Erlebnissen voll und denkt, man ist angewiesen auf den Applaus und die Resonanz von außen. Irgendwann kommt aber der Punkt, wo man die Energie besser von innen ziehen sollte. Es ist sehr wertvoll, wenn das Umfeld stimmt.

„Wie viele Jahre“ ist ein sehr ironischer Track, auf dem man das Partyleben der Hosen nachzeichnen kann. Es geht von Bier über den Schampus bis zu den Biosnacks in der Gegenwart. Wir partyresistent seid ihr denn nach 35 Jahren Bandgeschichte?

Nach dem Wohnzimmergig in dem Wiener Studentenheim haben wir dort übernachtet. Als wir am Morgen die Wohnung verließen, sind wir über mehrere Schnapsleichen gestolpert, die auf dem Holzboden lagen (lacht). Ich gebe zu, ich habe mich um 2 Uhr morgens heimlich aus dem Schlamassel rausgezogen und ging in ein Hinterzimmer, weil ich ahnte, dass die Nacht noch heftig wird. Manche von ihnen haben durchgemacht. So eine Party ist hin und wieder also absolut noch drin. Nicht in der Häufigkeit und nicht mehr in dem Härtegrad von früher, aber dafür macht mir das Leben heutzutage auch nüchtern Spaß. Wenn man das einmal für sich entdeckt hat, geht es eine Weile ganz gut (lacht).

Das Album dreht sich auch sehr stark um Beziehungen und das Zwischenmenschliche an sich. Ist es für dich als Texter nicht schwieriger, über Persönliches und eben Emotionales zu schreiben, als vielleicht von außen über Entferntes, Politisches?

Ich empfinde es immer als schwierig, über Dinge zu schreiben, die ich selber nicht erlebt habe. Wenn dich innerlich etwas beschäftigt, dann ergibt sich der Zugang wesentlich einfacher und fast von selbst. Wenn du ein politisches Lied schreiben willst, obwohl dich das Thema persönlich nicht interessiert, würden diese Zeilen wohl eher etwas schwach werden. Genauso ist es bei einem Beziehungslied, wenn du innerlich nicht dafür bereit bist. All diese Erlebnisse sind ja nur Inspirationen und sollten auch nicht mehr sein. Von einem gewissen Punkt an entwickelt jeder Text ein Eigenleben. Mir geht es nicht darum, der Welt mein Seelenleben offenzulegen. Mein Ziel ist es, Menschen zu berühren und damit einzufangen. Wenn sich jemand mit unseren Songs identifizieren kann, sind sie für mich ein Erfolg. Insofern ist in jedem Lied von uns ein Stück Ich oder Wir, aber eben auch eine gehörige Portion Karl May. Das Mischungsverhältnis ist in jedem Text anders. Wie viel tatsächlich persönlich ist und wie viel erfunden, das wollen wir nicht verraten. Das ist der Punkt, den man für sich behalten muss. Karl May war nicht einmal in Amerika und hat die dicksten Wälzer darüber geschrieben – dafür muss man ein unglaubliches Talent haben. Meine Fantasie ist da nicht ganz so ausgeprägt, aber eine Mischung aus Schwindel, Realität und Fiktion ist wichtig.

Ein Song wie „Die Schöne und das Biest“ dreht sich etwas stark um ein Beziehungsleben und die Treue. Ist das etwa auch darin begründet, dass du – wie vorher besprochen – mit dem Alter einfach ein stärkeres Wir-Gefühl entwickeln konntest?

Man darf sich auch mal ein bisschen über sich selbst lustig machen. Hier geht es um einen Typ, der seine Frau offensichtlich ziemlich übel betrogen und überhaupt kein Schuldbewusstsein entwickelt hat. Er versteht nicht einmal, warum er so hart bestraft wird und sie ihn umschießt. Letztendlich liebt er sie aber so sehr, dass diese Bestrafung für ihn in Ordnung geht. Eine übersteigerte Tarantino-Wildwest-Fantasie (lacht). Im Grunde geht es in der Liebe aber auch darum, sich gegenseitig zu verzeihen. Liebe bedeutet nicht, den anderen zu besitzen.

Dann gibt es noch die Art von Liebe, die man nicht personifizieren kann. Etwa im Song „ICE nach Düsseldorf“, wo man deutlich die Liebe zur Heimat erkennt. Wir das Heimkommen für dich auch immer wichtiger?

Absolut. Früher sahen wir das eher ironisch. Wir haben uns oft über die eigene Stadt lustig gemacht. Vielleicht hat das auch mit meiner persönlichen Situation zu tun. Als halbem Engländer und halbem Deutschen, habe ich mich nie irgendwohin zugehörig gefühlt. Aber geht es uns nicht allen so? Als junger Mensch will jeder weg von der Familie, raus aus der Stadt und rein in die Welt. Je weiter du kommst und je länger du weg bist, umso mehr denkst du darüber nach, was dir von zuhause fehlt und was an deiner Heimat schön ist. Das stellt sich auch bei mir immer mehr ein. Heute weiß ich, wo ich hingehöre und komme gern nach Hause. Das geht schon los beim Zeitungskiosk um die Ecke und dem Klang der Stimme des Verkäufers. Da weiß man, wo man hingehört. Da will niemand was von dir und du wirst genommen, wie du bist.

In deiner wahren Heimat widerfährt selbst einem bekannten Musiker wie dir eine rücksichtslosere, rustikale, echte Behandlung von der Außenwelt.

Gut so. Ich bin als kleiner Hosenmatz in der Altstadt herumgelaufen, an der Uerige Brauerei vorbei. Dort beobachtete ich immer die älteren Leute, die da ihre Biere tranken. Heute ist der Sohn vom alten Besitzer, der in meinem Alter ist, Chef des Ladens und ich besuche ihn, komme da rein und kriege erst einmal ein Bier und eine Frikadelle hingestellt und erst dann fragt er, wie es mir geht (lacht). Das ist unheimlich schön. Ich habe mich oft gefragt, was wohl der tollste Platz der Welt wäre, aber ich kann diese Frage nicht beantworten, weil alle Orte ihre eigene Schönheit haben. Warum sollte ich Wien, Zürich, Buenos Aires oder New York miteinander vergleichen? Zu jeder Stadt fällt mir etwas Tolles ein. Aber zuhause fühle ich mich einfach wohl. Außerdem haben wir einen großen Flughafen, von wo ich überall hinkomme, wenn ich will. Was mein Leben angeht, ich habe genug. Natürlich will ich in die Ferien fahren und auch noch andere Länder entdecken, aber ich muss vom Leben nicht immer noch „mehr“ erwarten im Sinne eines Levels, das es zu erklimmen gilt. Ich brauche das nicht mehr.

Eine Heimat kann auch immer momentbezogen sein. Als Fan des FC Liverpool wird für dich auch die Anfield Road plötzlich die schönste Heimat sein, wenn dein Klub sich in der 90. Minute einen Derbysieg sichert.

Das stimmt. Klar, die Anfield Road gemeinde ich natürlich in mein Herz mit ein. Da fühle ich mich wohl, das ist meine Kirche. Wenn ich aber ehrlich zu mir bin glaube ich nicht, dass mein größter Wunsch ist, mein Lebensende in Liverpool zu verbringen. Auch wenn ich meinen Verein und die Lebenseinstellung der Menschen dort liebe. Es macht für mich aber keinen Sinn, dort hinzuziehen, denn mein Leben hat sich im Wesentlichen woanders abgespielt. Heimat hat etwas zu tun mit den Menschen, die du schätzt. In Liverpool treffe ich keine alten Schulkameraden. Dort leben viele nette und neue Freunde, aber die richtig alten Kumpel leben in Düsseldorf.

Gibt es nach all diesen Jahren  nicht auch Songs, mit denen du dich gar nicht mehr identifizieren kannst?

Die Songs, die uns auf die Nerven gehen, lassen wir einfach eine Weile liegen, bis sie wieder spannend für uns werden. Ein Lied ist ja kein Stein, der nicht verformbar ist. Ein Beispiel: Der Song „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ kickt uns seit geraumer Zeit nicht wirklich, also spielen wir ihn auch nicht mehr. Dass die neuen Lieder für unser Publikum auch eine Relevanz haben, ist für uns entscheidend. Wenn wir nur unsere 90er-Jahre-Titel spielen müssten, würde uns das auf die Nerven gehen, aber vermischt mit den neuen Songs, haben auch sie eine viel bessere Bedeutung. Wir sind keine Wurlitzer-Band.

Wie lange hat es eigentlich gedauert, um all die vielen Gäste unterschiedlichster Punk-Bands zusammen zu sammeln, damit ihr die Bonus-CD „Englisch Lessons Part 2“ machen konntet?

Das ging deutlich einfacher als bei Teil eins vor 25 Jahren. Damals musste man sich wie ein Privatdetektiv durch London fragen um herauszukriegen, wer wo wohnt. Letztes Jahr im Juli haben wir ein Studio in London angemietet und 90 Prozent der Gäste sind dorthin angereist. Es war ein Riesenspaß, aber einige von ihnen, wie etwa Jello Biafra von den Dead Kennedys, haben uns später in Deutschland besucht, weil das aufgrund ihrer Reiseplanung besser passte. Es ging uns nicht darum, die Lieder neu zu erfinden oder ihnen unseren Stempel aufzudrücken. Wir wollten einfach nur den Staub rausklopfen und die Songs mit den Soundmöglichkeiten von heute mit voller Kraft rausfeuern unter Mitwirkung der Oringinal-Mitglieder. Ohne sie wäre es nur eine normale Coverplatte geworden. Das wäre uns zu dünn gewesen, wir sind schließlich Fans …

 

“Laune der Natur” erscheint am 5. Mai, Die Toten Hosen spielen dann am 5. Juni am Rock in Vienna. Tickets gibt es bei oeticket.com.

 

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