DJ Cash Flow

In den letzten Jahren sind die Gagen für Elektro-Gigs explodiert. Dabei sind DJ-Sets oft gänzlich vorgemischt. !ticket begleitet das österreichische Drum ’n’ Bass Duo Camo & Krooked backstage in Budapest und geht der Frage nach: Wo war die Leistung?

Hier und jetzt, hinter dem DJ-Pult, erinnert mich das Geschehen an eine Kochshow zweier hektisch hantierender Gourmets vor Live-Publikum. Auf dem Metalltisch stehen zwei Pioneer Turntables. Sie sind von Bier-Dosen und Wodka-Flaschen umzingelt, zwei mal zwei Hände huschen von Bier zu Regler, vom Regler in die Höhe, überkreuzen sich, die eine greift mit der Innenfläche zum Köpfhörer, die andere schießt noch eine Prise Drum ’n’ Bass in die Menge. Diese jubelt, reißt die Arme in Richtung des Promotors und der beiden DJs, die für diesen Abend ihre Götter sind. Zumindest ihre Drogen.

Push the Button

DJs gehören zu den Top-Verdienern in der Musikbranche. Veranstalter reißen sich um die Gigs, Fans und Nicht-Fans um die Karten, nur um die neuen Rock-Stars live in den Knochen zu spüren. Warum eigentlich? Denn von Live-Musik kann zumeist keine Rede sein. „Wir legen wirklich noch auf“, klärt Markus (Krooked) vor der Show in ihrem Hotel in Budapest „In der elektronischen Musikszene radeln einige aber nur ein paar Hits runter. Bei den großen Acts müssen Musik und Visual synchron laufen. Da ist es sicherer, wenn man alles vorbereitet.“ Reini alias Camo wirft ein: „Die Frage ist, wo liegt der Unterschied für den Hörer? Außer dass ihm etwas vorgegaukelt wird?“ Ein Live-Mix, ein spontanes Eingehen auf die Fans oder ein vorproduziertes Playback via Knopfdruck – vor Ort müsse der DJ, der primär Musikproduzent ist, dennoch sein: Er lebt von Gigs und gibt seiner Musik ein Gesicht. Im Fall von Deadmau5 zumindest eine Maske. „Sympathie ist da enorm wichtig“, Reini weiß, wie’s geht: „On Stage Lächeln, Hände in die Höhe und mitfeiern.“ Dafür sahnen manche DJs bei Live-Gigs Gagen im sechsstelligen Bereich ab.

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So einfach, wie es aussieht, ist das Mischen auf den Turntables nicht. Solange es live ist.

Wo war die Leistung?

„Die Leistung ist live viel abstrakter als zum Beispiel bei einem Robbie-Williams-Konzert. Der DJ muss viel weniger machen“, meint Markus. „Außerdem sind bei einer Rock-Show bis zu 100 Personen involviert, bei einer Auflegerei sind es 5 bis 10.“ Dabei brauche ein reiner Live-DJ nicht einmal musikalisches Hintergrundwissen. Reini wirft ein: „Oft sieht man nicht, dass zumindest wir seit Jahren jede freie Minute im Studio verbringen.“ Die hohen Gagen von Avicii und Co begründet er mit dem Prinzip der freien Marktwirtschaft: „Der Wert eines DJs wird nur darüber gemessen, wie viele Leute bereit sind zu zahlen. Da geht es um Angebot und Nachfrage.“

Prime-Time backstage

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Drum ‘n’ Bass Heroes. Camo & Krooked gehören zu den erfolgreichsten DJs Österreichs. !ticket begleitet sie backstage

Die Nachfrage im Budapester Club Dürlin ist da eher dürftig. Zumindest noch jetzt um 24 Uhr. Um 1:30 sind Camo & Krooked als Hauptact angesagt. Markus’ Blick schweift über die lichten Personengrüppchen, er kratzt sich am Nacken und verzieht die Miene: „Nervös?“, frage ich. „Nein, die Leute kommen oft erst zum Headliner.“ Weniger entspannt gibt sich der ungarische Veranstalter Gabor im Backstage-Bereich. Für Camo & Krooked hat er um sechs mal mehr ausgegeben als noch vor einigen Jahren. „Die beiden bieten derzeit die beliebtesten und aufregendsten Acts im Drum ’n’ Bass. Heute sind es jedoch weniger Besucher als sonst.“

In der Zwischenzeit werden Markus und Reini von der Backstage-Crew lauthals begrüßt. Man ist wie eine Familie, die auf einer Couch gemeinsam auf das Hauptabendprogramm wartet: Neben mir sitzt Adam, ebenfalls DJ, Sami, der Hoffotograf, Markus’ Londoner Freundin Emma und jene, die im Minutentakt „It’s amazing!“ schreien. Wahrscheinlich kennt sie keiner so genau. Gabor ist ein liebevoller Gastgeber und versorgt alle mit Bier und Absolut Vodka. Es sind noch 30 Minuten bis zum Auftritt, im Hintergrund dröhnt der Bass, dazwischen versucht sich Adam an der richtigen Aussprache von „Oachkatzlschwoaf“ und diskutiert anschließend mit Markus über sein Led-Zeppelin-T-Shirt. Da meint Markus: „Ein DJ-Gig kommt nie an eine gut eingespielte Live-Band heran, wo man sieht, was jedes Individuum kreiert und dadurch eine ganz neue Magie entsteht.“

Crowd-Funding

Den Fans von Camo & Krooked ist das egal. Denn Markus hatte recht: Als sie ihre Turntables schwingen, ist der Club randvoll. Der Beat setzt ein, die Leute schreien. Die Sektionen aus dem Album „Zeitgeist“ wechseln unerwartet, die Jungs haben ein Gefühl für die Stimmung der Menge. Ich werde mitgerissen und tanze hinter der Bühne. Dabei beobachte ich die beiden: sie lachen kaum, ihre Augen stets auf das Mischpult gerichtet, ihre Mimik konzentriert.

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Zeitgeist ist das neue Album von Camo & Krooked und bietet mehr Funk, 70er-Samples und mehr “für die Seele”.

Um 3 Uhr kommen Markus und Reini wieder backstage. Sie atmen schwer. Auf Reinis T-Shirt hat sich zwischen den Schulterblättern ein ovalförmiger Schweißfleck gebildet. Dort klopft Gabor hin und grinst zufrieden. „Natürlich ist es schön, wenn es die Leute so richtig wegsprengt“, sagt Reini. In Zukunft werden Camo & Krooked außerdem Live-Instrumente einbeziehen. Denn Markus verrät mir ein Geheimnis: „Vom Djing allein fühlen wir uns schon unterfordert.“

 

Die Top-DJs kommen 2014 auch nach Österreich:

Urban Art Forms: 3. – 5. Juli, SFZ Unterpremstätten

Avicii: 19. Juli, Krieau Wien

Lake Festival: 23. und 24. August, SFZ Unterpremstätten

Beatpatrol: 30. August, VAZ St. Pölten

 

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