Dr. Aestas

2006 konzipierte der Klagenfurter Satiriker Hosea Ratschiller gemeinsam mit Science Buster Martin Puntigam (der mit den strippel Nippel) die interaktive Radio-Kolumne “FM4 Ombudsmann”, sechs Jahre später wagte er sich auf die Bühne. Nun feiert der “z’widere Guru” seinen 10. Geburtstag.

In der Radiokolumne werden weltbewegende Probleme wie die korrekte Aussprache des italienischen Hartkäses oder auch die Welt der Groupies aus ichthyologischer Perspektive besprochen und beleuchtet: das sind die Fragen der lieben Hörerinnen und Hörer, die der charmante Universalgelehrte jeden Morgen mit Witz, aber auch Tollerei beantwortet. 2000 Ausgaben gibt es bereits, nun ist es Zeit, das Jubiläum zu begehen – davor aber bei Hosea Ratschiller noch einmal auf den Zahn zu fühlen …

 

Ein „Ombudsmann“ vermittelt – im österreichischen Sinne: die Volksanwaltschaft – zwischen Bürgern einerseits, Behörden andererseits. Zwischen welchen Parteien vermittelst eigentlich du und zu welchem Behufe?

Der Ombudsmann ist ein z´widerer Guru. In der FM4 Morningshow muss er, der 65jährige Bildungsbürger, die Fragen von 16-jährigen Hipstern beantworten. Er ist eine Art Dr. Sommer wider Willen. Und er wehrt sich gegen diese Aufgabe, indem er die Fragen nachhaltig verkompliziert, anstatt sie zu beantworten. Aber es ist ein sehr höflicher Grant – er richtet sich nie gegen seine lieben Hörerinnen und Hörer, sondern immer gegen fast alles andere.

Privat vermittle ich zwischen meiner Tochter und dem depperten Joghurtbecher, der so schwer aufgeht.

Wieso haben Tirol und Vorarlberg eigentlich einen eigenen Landesvolksanwalt?

Ich glaube, das hat etwas mit den Bergen und der guten Luft zu tun.

Du feierst nun dein 10-jähriges Jubiläum. Spulen wir zu diesem Anlasse die Zeit zurück: 2006 war in Österreich Mozartjahr. Wer ist über den Daumen gebrochen eigentlich der größte Österreicher – der, der unser Land am besten in sich verinnerlicht hat und die Alpenrepublik am besten in der internationalen Wahrnehmung repräsentiert – gleich ob tot oder lebendig?

Unmöglich, da nur eine Person zu nennen. Ich mache meine Traumelf, OK? Also, im Tor: Max Schrems, davor eine Viererkette: Bertha von Suttner, Hubertus Czernin, Elfriede Jelinek und Franz Schubert. Dann als Doppel-6: Ludwig Wittgenstein und Josef Hader, Spielmacher ist klar: Sigmund Freud, Linksaußen: Victor Adler, Rechtsaußen: Kaiser Joseph II und als trickreicher Goalgetter: Billy Wilder.

Bei einem Jubiläum wird ja nicht nur eingeladen, sondern auch gefeiert und vielleicht ein bisschen getrunken. Was ist denn das ombudsmannsche Katerrezept?

Disziplin, Elektrolyte und extrem viel Raunzen.

Der FM4 Ombudsmann hat es nach längerer Präsenz im Radio auch auf die Bühne geschafft. Was waren die besonderen künstlerischen Herausforderungen an dich, eine Figur, die nur durch das gesprochene Wort existierte, nun auch visuelle Präsenz zu verleihen?

Diese wahnwitzigen Texte müssen ja mit überbordender Leidenschaft für Präzision vorgetragen werden. Sowas freiwillig auswendig zu lernen, das grenzt schon an Idiotie. Aber es lohnt sich. Weil natürlich scheitert der Darsteller Hosea daran. Und die Figur Ombudsmann hat alle Hände voll zu tun, dieses Scheitern aufzufangen. Das kann sehr lustig werden. Und die Maske hilft.

Funktioniert Humor im Radio anders als auf der Bühne?

Komiker gehören abends auf die Bühne. Sonst unterhalten wir Unschuldige.

Beim Radio kann man lernen, wie man sich Applaus einbildet. Und das hilft dann wieder am Beginn der Bühnenkarriere. Zumindest seelisch. Außerdem erzieht Radio zum genauen Arbeiten. Weil es hören zwar viel mehr Menschen zu, als in ein Theater passen. Aber die meisten davon sind beim Hören allein. Da kann man Mängel am Inhalt oder in der Darstellung nicht kaschieren, indem man gruppendynamische Reflexe bedient.

Wenn wir zurückdenken: Als früher Hörspiele im Radio liefen, dachte man schon einmal, es seien die Nachrichten und schob flott Massenpanik, als die Außerirdischen kamen. Welche Relevanz hat Radio heute eigentlich noch?

Eine große. Außer man versucht, die Relevanz ausschließlich auf ein autoritäres Monopol zu stützen. Das ist over. Dieses Geschäftsmodell ist ins Internet weitergewandert. „Ich bin das Radio. Hör mir gefälligst zu!“ – das ist kein zukunftsfitter Slogan. Man muss sich schon auch inhaltlich positionieren. Und allein diese Notwendigkeit kann eine wunderbare Triebfeder für Relevanz sein. Ich glaube, der Rundfunk wird überhaupt nur dann irrelevant, wenn er sich auf die falsche Seite stellt: Auf die Seite derer, die Smartphones und Tablets verkaufen und nicht auf die Seite derer, die sie benützen – weil das sind mehr.

Gibt oder gab es eigentlich jemals Überlegungen, Ilse auch in Erscheinung treten zu lassen? Oder ist sie wie Columbos bessere Hälfte?

Wir überlegen immer wieder, sie auftreten zu lassen. Die Rolle wäre Martin Puntigam ja auf den Leib geschneidert. Wer weiß, was am 28. April im Stadtsaal passiert…

Der Ombudsmann ist ja nicht nur ein inhaltsbedachter Mensch, sondern auch mit einem sehr feinfühligen Sprachgefühl gesegnet. Gibt es ur-wienerische oder ur-österreichische Wörter, die dir insbesondere ans Herz und demnach an die Zunge gewachsen sind? Wenn ja: welche und warum?

Letztens gab es eine Folge über das Wort „leiwand“. Das kommt wohl aus dem 15. Jahrhundert. Damals wurde im alten Bürgerspital in Wien mit Textilien, also auch Leinen gehandelt. Und nebenbei wurde das sogenannte Leinwand-Bier ausgeschenkt. Dem Unabwendbaren wurde das Befriedigende beigestellt: leiwand. Mittlerweile ist das Bürgerspital abgerissen und heute steht dort, wo einst das Wort „leiwand“ entstanden ist das Hauptquartier eines großen Versicherungskonzerns. Eine liebe Geschichte über die Entwicklung, die das Wiener Gemüt in den letzten 500 Jahren genommen hat.

Von „fiqqhuren“, „wegcocken“, „ho homo“ und massig „swag“: Wieso greift das abgrundtiefe Prollrezept von Moneyboy? Ist das wie ein Autounfall: Da muss man hinschauen?

Wenn dann ist es ein Cartoon-Autounfall ohne echte Opfer. Sonst könnte mans nicht lustig finden. Und so große Öffentlichkeit hat der Moneyboy wahrscheinlich, weil er ganz genau weiß, wie er seinen Hype füttern muss. Die Figur weckt Assoziationen wie: Der Ali G von Österreich. Aber um so eine altvaterische Art von Satire geht’s da wahrscheinlich gar nicht. Ich glaube, der schafft es ganz ohne aufklärerischen Anspruch, seine hohen Klickzahlen in volle Hallen zu transferieren.

Woher kommt die Angst all der „besorgten Bürger“ – und: erkennen diese Menschen, insbesondere in den sozialen Netzwerken, wirklich und wahrhaftig nicht, welchen Müll sie glauben und breittreten?

Die Figur „FM4 Ombudsmann“ wurde wie gesagt 2006 entworfen. Damals hat der Siegeszug von „social media“ gerade so richtig begonnen. Es war noch nie so leicht an Fakten zu kommen, daraus eigene Fakten zu schaffen und die zu verbreiten. Die Skepsis gegenüber Schule, Politik und alten Medien ist explodiert. Die Figur des Experten hat einen Boom erlebt und sitzt jetzt in Diskussionsrunden dort, wo früher der Bischof gesessen ist. Wir leben mit sehr viel Wissen und mit sehr wenig Trost. Der FM4 Ombudsmann ist ein Versuch, diese Gemengelage satirisch zu bündeln.

Gebe es eigentlich Krieg, wenn Frauen die Welt regieren würden?

Da müsste man jetzt Condolezza Rice fragen.

Ist gendern eigentlich wirklich sinnvoll – also: determiniert die Sprache die künftige Realität?

Schon Heinz Conrads hat gewusst, dass man mehr Menschen anspricht, wenn man die Madln UND die Buam begrüßt. Der FM4 Ombudsmann trägt diese Fackel seit 10 Jahren demütig weiter.

 

Am 28. April begeht der FM4 Ombudsmann im Wiener Stadtsaal seinen Festakt: „10 Jahre keine dummen Fragen“. Mit dabei auch illustre Gäste, u.a. Stefanie Sargnagel, Martin Blumenau, GUSTAV, Nowhere Train, die Science Busters und Robert Misik. Karten gibt es bei oeticket.com und unter 01/96096.

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