Dream Theater: EPONYMOUS AND PROGRESSIVE

Dream Theater, ein Name, der nicht nur Aushängeschild, sondern gewissermaßen auch Gottvater des progressiven Metals ist – so wie Metallica für den Thrash, Iron Maiden für die New Wave Of British Heavy Metal, Black Sabbath für den Metal selbst und Motörhead für den Speed. Progressive? Die logische Fortsetzung von dem, was die große Schnittmenge zwischen Cream, Rush, Van Halen und Deep Purple aufgebaut hat.

„Messer, Schere, Licht ist für kleine Kinder nicht“: Man muss als Musiker schon einiges am Kasten haben, um mit der Kunstfertigkeit der alten Hard-Rock-Heroen, aber auch der Finesse des feinen NWoBHM-Zirkels nicht nur mithalten, sondern gar auf eine neue Ebene hieven zu können. Polyrhythmik, Polymetrik und Überlänge sind kein Kinderspielzeug nicht. Jedoch: Auf bisher elf Langrillen haben Dream Theater seit Mitte der Achtziger maßgeblich mit beigetragen, auch jüngeren Generationen frischen, hochwertigen Wind zu präsentieren – wie auch die Kollegen von Crimson Glory (Transcendence), Fates Warning (Perfect Symmetry), Queensryche (Operation Mindcrime) und einige andere. Nun liegt mit Dream Theater das zwölfte Statement vor – und wie der große Ray Charles schon so pointiert sagte: „Dreams, if they’re any good, are always a little bit crazy.“ Nicht nur in der Liebe, auch auf der Bühne und im Schlaf ist alles erlaubt.

Tickets bei oeticket.com

Das kleine Ich bin Ich

Somit sind sowohl der Bandname, wie auch der Titel des aktuellen Albums eine Tautologie – und damit ein Manifest. Erst seit einem Euzerl mehr als hundert Jahren ist es der Menschheit möglich, Musik aufzunehmen, sie für die Nachwelt immer und immer wieder erlebbar zu machen. Damit einher geht natürlich auch der Zwang zur Schubladisierung und Benennung – auch der Alben. Was haben ABBA, Aerosmith, Alice In Chains und Anastacia außer dem Anfangsbuchstaben gemein? Was wollen uns Künstler wie Black Sabbath, Bon Jovi und The Beatles in trauter Gemeinsamkeit transportieren, was Cher und Joe Cocker, Deep Purple und The Doors? Und ja, das Alphabet geht noch viel weiter. Ihnen allen gemein ist, dass jeder dieser Künstler zumindest einmal in seiner Karriere sich dazu entschloss, eine Veröffentlichung nach dem Bandnamen zu betiteln – im Englischen auch mit „eponymous“ bezeichnet. R.E.M. befanden sich somit – wie so oft – mit ihrer 88er-Single-Serie Eponymous gewissermaßen auf einer Metaebene.

Tickets bei oeticket.com

Sein künstlerisches Produkt nach sich selbst zu benennen kann entweder von Eleganz und Überzeugung – oder von verblüffender Banalität, ja Einfallslosigkeit zeugen. The Rolling Stones, Led Zeppelin, David Bowie, The Doors, Rush, Black Sabbath, Van Halen, Kraftwerk, Queen, Aerosmith, The Clash, The Stooges und viele andere haben vorgemacht, wie es richtig geht – das Debüt spricht: Das sind wir und das ist unsere Musik. Ein bisserle öde wird’s dann schon beim Herrn Jon Bon Jovi, der auf gleich drei Fragen seinen Pass vorweisen kann: „Wer bist du, wie heißt deine Band und wie heißt euer Album?“

Tickets bei oeticket.com

In Ausnahmefällen darf sich eine Band auch später in der Karriere „zu sich bekennen“ (The Velvet Underground, ABBA, The Cult, The Beach Boys, The Cure) – oftmals Hand in Hand gehend mit einem Stilwechsel (Metallica), gerne finden Fans ohnehin eigene Subtitel: The Black Album bei Metallica, oder die Avocado von Pearl Jam. Aber niemals, niemals sollte man mehrfach mit dem eigenen Spiegelbild liebäugeln! Hier sind bereits Joe Cocker, Peter Gabriel, Duran Duran, Fleetwood Mac, Santana, Diana Ross, Seal und viele andere schuldig im Sinne der Anklage. Genug ist genug. Led Zeppelin haben zumindest durchnummeriert. Dream Theater nun befinden sich mit Dream Theater an einem wichtigen Umbruchpunkt ihrer Karriere – ist es immerhin nach A Dramatic Turn Of Events (oho!) das zweite Album ohne dem kreativen Gründungs-Kopf Mike Portnoy und zeigt – nach dem etwas vorhersehbaren Vorgänger – die Band wieder am richtigen Weg, fokussiert und erneut auf einem kreativen Zenit, und Neuzugang Mike Mangini (ex-Annihilator, ex-Steve Vai) erstmals im Songwriting-Prozess involviert.

Das große Ich bin Ich

Während Mike Portnoy mittlerweile seinen Ausstieg bereuen dürfte (auch wenn The Winery Dogs mit dem selbstbetitelten Debüt, Richie Kotzen und Billy Sheehan ordentlich knallt), darf sich John Petrucci freuen, mit Dream Theater das vielleicht spannendste Album seit Octavarium abgeliefert zu haben – auch wenn es überraschend präzise, auf den Punkt gebracht geriet.

Tickets bei oeticket.com

War die Erosion im Bandgefüge auf der letzten Platte deutlich zu hören, rang man gewissermaßen an einigen Ecken und Enden um die eigene Identität – Stichwort Selbstzitat und überbordender Soloklimax – so beweist man mit der im September veröffentlichten Langrille Treue – gerade den eigenen Urzeiten gegenüber, als man noch unter dem Banner Majesty firmierte. Dort, wo kürzlich noch verquere Epik dominierte, steht heute das, was auch das große Können von Rush ist: Technisch versiert spielend, den Zuhörer dennoch nicht zu überfordern, zu erdrücken. Petrucci und seine Mannen haben gelernt, Brüche in vernünftig konzentrierten Dosen zu verteilen, die Strukturen fasslicher zu gestalten – und Überlänge weitestgehend zu reduzieren. Gerade die Lead-Sektion klingt im gekonnten, symphonischen Zusammenspiel mit Sänger LaBrie erdiger als zuletzt, dabei aber mit einem Wumms, der von der Rhythmusfraktion mit massig Dampf im Kessel angefeuert wird – in etwa so wie wenn die NWoBHM zügellos losgaloppiert: Man denke an einen gekonnten Mix aus den Frühwerken von Iron Maiden und der mittleren Phase von Nevermore (Dead Heart In A Dead World).

Tickets bei oeticket.com

Dream_Theater_Dream_TheaterDream Theater wirkt dabei wie ein furioser Score, eine Achterbahnfahrt der Stormtrooper durch die Geschichte des Prog, der weniger (aber natürlich auch) auf Akrobatik und Geschwindigkeit, denn mehr auf intelligente Überraschung setzt und damit jene Maßstäbe, für die Muse und Tool in ihren Spektren laufend verantwortlich zeichnen. Bestes Beispiel hierfür ist The Enemy Inside, das nach dem epischen Beginn mit grollenden Gitarren zum Eintritt in tiefste Gehirnwindungen einlädt – ähnlich, wie Ron Jarzombek (Watchtower – man möge unbedingt Control And Resistance antesten!) mit seinem instrumentalen Sideproject Blotted Science auf insbesondere The Machinations Of Dementia, auf dem der auch über Genregrenzen hinaus hoch geachtete Cannibal-Corpse-Tieftöner Alex Webster für die „good vibrations“ sorgt.

Tickets bei oeticket.com

Wir haben mit Dream Theater endlich wieder die perfekte Symbiose der beiden Granden Atheist (Piece Of Time) und Cynic (Traced In Air) vorliegen, sphärisch (v.a. dank dominanteren Keys) und vertrakt auf der einen, dabei aber prägnant und präzise auf der anderen Seite. Musik für die, die hinhören und die, die einfach nur hören. Da kann man sich nur auf die Umsetzung auf der Bühne freuen (im Jänner in Wien, im Februar in Ljubiljana) – ohne Vorgruppe, zwei Sets, mit Intermission-Solo. Dream Theater braucht halt auch anno 2013 noch Zeit – und keine Ablenkung. Theater in der REM-Phase.

Tickets bei oeticket.com

Tickets bei oeticket.com

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!