Dr. Eckart von Hirschhausen – bringt den Müll runter

Dr. Eckart von Hirschhausen operiert in Liebesbeweise am offenen Herzen und plaudert aus dem Nähkästchen: von seiner eigenen Schönheits-OP, Rambo und Gurus. Außerdem erklärt er, warum er Arzt, Comedian – und Rocker gleichermaßen ist, und ob man seiner Ehefrau den Tod wünschen darf.

 

TICKET: Endlich Frühling, endlich Sonne und Hormone – hat Glück ganz konkret etwas mit dem Wetter zu tun?

Eckart von Hirschhausen: Aber ja! Es ist eine ganz banale Tatsache, aber: Unsere Stimmung hängt vom Wetter ab. Trübe Gedanken und triste Wetterlagen gehören zusammen wie Hochdruckgebiete und Hochgefühle. Wie wetterfühlig unser Glück ist, darüber habe ich in „Glück kommt selten allein…“ viel Forschung zusammengetragen. Vielleicht ist das der tiefere Grund, warum wir in vielen Telefonaten vorneweg erst fragen, wie vor Ort das Wetter ist. Damit wir einordnen können: ist der andere sauer über den Anruf oder darüber, dass er im Regen steht. Schlechte Laune hat oft eine biologische Basis. Man verliebt sich ja auch nicht, wenn man gerade einen Schnupfen hat.

TICKET: Der Wiener, so heißt es, ist griesgrämig und hat stets den Sensenmann als Begleiter bei sich. Woran liegt dies?

Eckart: An seiner Weitsicht! Der Friedhof ist voller Leute, die sich für unsterblich und unersetzlich hielten. Aber mich macht diese Perspektive nicht zwingend griesgrämig, sondern spornt eher an, mich mit den schönen Dingen des Lebens wie Glück, Liebe und Humor zu beschäftigen und mein Ding zu machen: auf die Bühne zu gehen, mit 2000 Menschen meine Einfälle zu teilen, lachen und singen. Besser wird´s nicht! Lebe jeden Tag so, als wenn es dein letzter wäre – eines Tages wirst du Recht behalten.

TICKET: Glück, Friede und Liebe verkaufen uns viele Gurus. Was machen Sie anders?

Eckart: Die wenigsten Gurus haben Medizin und Wissenschaftsjournalismus studiert und können über sich selber lachen. Im Ernst: Ich erzähle keinen Schmarrn, oder heißt das bei Ihnen Schmäh? Also: meine Bücher und Bühnenprogramme basieren alle auf medizinischer und psychologischer Forschung der letzten Jahre. Auch wenn es heiter und locker daherkommt, steckt da immens viel Arbeit und Wissen dahinter. Und das spüren die Menschen. Ich filtere das wichtigste heraus, verpacke es ansprechend und mache Wissenschaft für den Alltag tauglich. Ich mache Kabarett mit HAHA- und AHA-Erlebnissen. Und das spricht sich herum. Ich verkaufe nichts, was ich nicht selber für sinnvoll halte.

TICKET: Sie haben sich ja „gegen“ die Medizin, „für“ das Lachen entschieden. Ist Lachen die bessere Medizin?

Eckart: Ich habe mich nicht gegen die Medizin entschieden, sondern dagegen weiter in der Klinik tätig zu sein. Und seitdem bin ich noch erfolgreicher: Weil mir jetzt viel mehr Leute zuhören. In der Klinik hätte ich das, was ich für wichtig halte, jedem einzeln erzählen müssen. Jetzt erreiche ich mit meinen Büchern und Bühnenprogrammen Millionen von Menschen. So gesehen, bin ich immer noch Arzt,  ich habe nur die Spielwiese gewechselt.

TICKET: Und: Stört Sie die Bezeichnung „der witzigste Arzt Deutschlands“ – welchen Beruf üben Sie, wenn es nach Ihnen selbst geht, aus?

Eckart: Mein Vorbild in Österreich war mein Freund und Kollege Bernhard Ludwig mit seinem Seminarkabarett. Viel spannender als der Name ist doch die Wirkung. Ich sehe mich selbst gerne als eine Art modernen Medizinmann. Der Medizinmann verfügt nicht nur über medizinisches Wissen, sondern kennt auch die seelischen Bedürfnisse der Menschen und ist zugleich Showmaster. Um die Leute zu erreichen, muss man im wahrsten Sinne des Wortes auf die Trommel hauen. Die Nebelmaschinen der Rockmusiker sind doch auch nur eine Variante des Weihrauchs. Die Magie der Bühne ist immer noch die direkteste, viel besser als Fernsehen. Und deshalb lieben Menschen Live-Shows, mit Musik, Comedy oder mit mir.

TICKET: Gehen Sie, als „Ex-Arzt“, mit weniger Bauchschmerzen zum Arzt als Otto Normal, sind Sie besserwisserisch, neunmalklug? Leiden auch Sie manchmal unter Hypochonderitis?

Eckart: Am liebsten gehe ich nie zum Arzt, denn bekanntermaßen sind Ärzte, Lehrer oder Anwälte die schlimmsten Patienten überhaupt. In meinem Medizinstudium gab es mal eine Phase von Hypochonderitis. Da hatte ich wirklich alles, worüber ich gelesen habe. Die ging aber ganz schnell vorbei, ich habe einfach aufgehört zu lesen.

TICKET: Welches Organ hat bei Ihnen am meisten zu tun? Die Leber, der Herz, der Magen?

Eckart: Mein Gehirn –  glaube ich zumindest. Jedenfalls ist es im Fall von Organspende das einzige Organ, wo ich lieber Spender als Empfänger bin. Humor spielt sich im Hirn ab. Ich habe das quasi 24 Stunden in Betrieb – pro Woche…

TICKET: Apropos: Wieso geht Liebe „durch den Magen“, wieso macht sie „blind“ und nicht „taub“?

Eckart: Liebe macht blind – die Ehe stellt die Sehkraft aber sehr schnell wieder her! Und taub wird man von allein irgendwann. Die Kunst ist, sich ein bisschen von dem Prickeln im Bauch zu erhalten, zum Beispiel mit Brausepulver.

TICKET: Haben Mediziner Humor – oder sind Sie da ein Ausnahmefall?

Eckart: Ich bin kein Ausnahmefall, es gibt sogar sehr viele engagierte und humorvolle Mediziner. Aber gerade die Idealisten haben das höchste Potential auch frustriert zu werden. Patch Adams sagte einmal sehr treffend: „Ein Krankenhaus ist kein besonders guter Ort für kranke Menschen.“ Und vielleicht ist er auch kein besonders guter Ort für Ärzte. Die Atmosphäre in Krankenhäusern ist oft deprimierend, viel Stress, wenig Farbe, wenig Freude. Deshalb bietet meine Stiftung HUMOR HILFT HEILEN ja auch nicht nur Clowns für Krankenhäuser an, sondern auch Workshops für Ärzte und Pflegekräfte. Lachen ist die beste Medizin, auch für die Mediziner selber.

TICKET: Über welchen Witz haben Sie zuletzt gelacht, gibt es auch neben Mediziner- Patientenwitze?

Eckart: Kommt ein Mann zum Arzt mit einem Frosch auf dem Kopf. Fragt der Arzt: „Wie ist das denn passiert?“ Antwortet der Frosch: „Den hab ich mir eingetreten.“ Ok, nicht mehr ganz neu. Mein aktueller Lieblingswitz hat halt nichts mit Medizin zu tun: Kommt ein Dalmatiner im Kaufhaus an die Kasse. Fragt die Kassiererin: „Sammeln Sie Punkte?“

TICKET: Könnte Ihr „Präventionshumor“ auch zynisch sein, also so richtig bitterbös – oder würde jener dann das Ziel verfehlen?

Eckart: Warum muss  Humor zynisch und bitterböse sein? Menschen ändern sich nicht, indem man ihnen Schmerzen bereitet, sondern indem man sie motiviert, mehr Freude an ihrem Leben zu haben. Ich bin kein Zyniker, ich liebe Menschen. Es geht mir besser, wenn ich andere glücklich mache, und nicht, wenn ich sie betroffen mache oder ihnen wehtue.

TICKET: Stichwort böse: „Im Krieg und der Liebe ist alles erlaubt.“ – wahr oder falsch?

Eckart: Falsch. Stichwort: Streiten. Nichts kann in der Liebe so verletzen wie falsches Streiten. In meinem Programm gibt es deshalb folgende Interaktion mit den Besuchern: Sie sollen die schlimmsten Sätze aufschreiben, die sie mal im Streit gesagt oder gehört haben. Egal wie kultiviert das Publikum scheint, man ist erschüttert, was Leute sich schon im Streit an die Köpfe geworfen haben. Von „Ich verdamme den Tag, an dem ich dich getroffen habe“ bis hin zu „Ich würde mich gerne mit dir geistig duellieren, aber ich sehe, du bist unbewaffnet.“ Man sagt im Streit Dinge, die so sehr verletzen, dass man sie selbst nach einer Versöhnung nie mehr ganz aus der Welt schaffen kann. Eine ganz wichtige Botschaft lautet deshalb: Nicht alles ist in der Liebe erlaubt. Wenn man gut streiten lernt, tut das der Liebe gut.

TICKET: Es ist mittlerweile modern, von „Lebensabschnittspartnern“ zu sprechen. Stirbt die Liebe oder muss man die Vorstellung der Liebe einfach nur auf die heutige Zeit adaptieren?

Eckart: Stimmt – und bei der Eheschließung müsste es heute heißen: „Bis dass ihr euch wünscht, dass der Tod euch scheidet.“ (lacht) Ich mag die Metapher des eigenen Lebens als Film. Jeder hat seine eigenen Filme im Kopf, die meisten mit Happy End. Für eine glückliche Beziehung sollten die „Drehbücher“ ähnlich und kompatibel sein. Eine Ehe oder Lebensabschnittspartnerschaft funktioniert schlecht, wenn der eine Romanze und der andere Action-Thriller will, wenn Rambo mit Rosamunde Pilcher versucht eine Familie zu gründen oder Lara Croft mit Mister Bean. Aber wenn sich Bonnie und Clyde gefunden haben, kann die Liebe durchaus für immer sein!

TICKET: Stoßen sich Gegensätze nun eigentlich an oder ab?

Eckart: Dafür gibt es eine ganz einfache Formel: Gegensätze ziehen sich erst an, dann aus und stoßen sich dann ab. Zusammen bleiben nachweislich die Menschen mit vielen gemeinsamen Wurzeln, Quellen und Zielen. Auch wenn das am Anfang sich nicht so dramatisch anfühlt, wie der krasse Gegensatz.

TICKET: Sind Sie selbst ein Romantiker – bringen Sie Rosen oder den Müll runter? Ist der Valentinstag in Ihrem Kalender angestrichen?

Eckart: Auch wenn ich mich den größten Teil des Abends gepflegt über unsere Macken im Paarungsverhalten lustig mache, bin ich doch im Kern auch ein Romantiker. Rosen bringen, Müll runter tragen und Valentinstag sind trotzdem nicht so mein Ding, aber in meinem Programm „Liebesbeweise“ singe ich eine meiner Lieblingsballaden von John Denver mit einem eigenen Text. Das ist ein Liebesbeweis an mein Publikum und auch an die Frau, für die ich das Lied geschrieben habe.

TICKET: Mittlerweile schwappt die Mode der Schönheits-OPs mehr als nur deutlich über den großen Teich – wie stehen Sie zu Schönheits-OPs? Insbesondere mit dem Hintergedanken „mit Doppel-D und Schlauchboot-Lippen liebt er mich noch mehr“…?

Eckart: Gut, ich bin jetzt einmal ganz offen: Ich habe mich auch einer Schönheits-Operation unterzogen. Ich litt jahrelang unter einem Waschbrettbauch, den hab ich mir wegmachen lassen. In einer sehr aufwendigen Prozedur wurde mir mein körpereigenes Fett an der Seite und vorne untergespritzt. Jetzt wölbt es sich dort endlich wieder, das sieht einfach natürlicher aus. Ich war es leid, dass die Frauen immer nur meinen Körper wollten.

TICKET: Die Liebe ist ein kompliziertes Ding. Von Körper bis Geist, von Leidenschaft für Verstehen. „Liebe ist …“ – vieles. Was sind für Sie die drei Grundpfeiler einer funktionierenden, dauerhaften Liebesbeziehung?

Eckart: Gleich drei Grundpfeiler? Ich kenne nur eine Formel – und zwar die, dass sich die Liebe nicht auf eine Formel bringen lässt. Warum Paare sich trennen ist sehr viel leichter nachzuvollziehen, als warum sie zusammenbleiben. Dafür gibt es so viele unterschiedliche Gründe wie Menschen verschieden sind. Nur macht uns der Vergleich mit anderen unglücklich. Viele denken doch im Stillen, sie seien komplett beziehungsunfähig, weil sie von einer idealen Beziehung so weit entfernt sind. Die Ansprüche die wir an Partnerschaften stellen sind im wahrsten Sinne unmenschlich.

TICKET: Braucht die Liebe eigentlich „Beweise“? Was sagt man am besten auf die Frage „Schatz, wieso liebst du mich…?“

Eckart: Der Titel steht genau für die Diskrepanz zwischen Liebe als Gefühl und Beweis als etwas, das man messen und festhalten will. So gesehen, trifft das ein Gefühl, das viele haben. Und weil ich nicht nur Mensch und Mann bin, sondern auch noch Arzt, interessieren mich alle Facetten: was man über Hormone weiß, über das Hirn, die Art und Weise, wie wir uns verlieben und entlieben. In jedem von uns stecken ein Romantiker und ein Realist. Der Romantiker sagt, es gibt für jeden Menschen auf der Welt einen perfekten Partner. Und der Realist sagt: Da muss nur einer den falschen nehmen, dann geht´s für alle nicht mehr auf. Das trifft es eigentlich ganz gut.

TICKET: Was ist Ihre Empfehlung, wenn man über die Liebe gerade weint – und nicht lacht?

Eckart: Bewegen! Meine Großmutter sagte schon bei Liebeskummer: „Nicht heulen, mach einen Waldlauf!“ Und Recht hatte sie, wie die Wissenschaft bestätigt. Körperliche Bewegung ist eines der besten natürlichen Antidepressiva. Und gezielt etwas tun, was in der Beziehung nicht möglich war. Sie war gegen Abenteuerurlaub, dann jetzt ab in den Dschungel. Er war ein Tanzmuffel, dann jetzt tanzen gehen. Es war nicht alles schlecht – aber deshalb auch nicht alles gut.

Interview: Stefan Baumgartner

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