Ein kleiner Schritt für James Blunt, ein großer für die Menschheit

Am 21. Juli 1969 betrat Neil Alden Armstrong als erster Mensch den Mond. Eine dringend notwendige Retourkutsche der USA an die Sowjetunion, die bekanntlich den ersten Menschen im All (1961, Juri Gagarin) verbuchen konnten. Mit seinem neuen Album Moon Landing reist nun der Brite James Blunt ebenfalls auf den Erdtrabanten.

Seit jeher giert der Mensch danach, in höchste Höhen und tiefste Tiefen und in die entlegensten Winkel unseres Planeten vorzustoßen. Glücklicherweise gibt’s dank eines Billigmobil-Betreibers zumindest im entlegensten Tal Österreichs nun sogar Handyempfang, auf dass die Zivilisation missionarisch walten kann. Kinder und Jugendliche reisen gerne mit Jules Verne „20.000 Meilen“ unter die Meeresoberfläche und träumen neben den Berufsoptionen „Feuerwehrmann“ und „Polizist“ auch gern davon, in eine Astronauten-Uniform zu schlüpfen. Geschürt wurde jener Wunsch in meiner Generation noch von Serien wie Raumschiff Enterprise, heute vielleicht eher von der Körperpflegeserie Axe, die weiß: „Nichts schlägt einen Astronauten.“ Felix Baumgartner ist dennoch wieder solo und darf sich auch zuhause an einer gemäßigten Diktatur (von sich selbst) erfreuen.

Dabei spielt jene Werbeschiene gekonnt mit sexuell aufgeheizter Stimmung und – schwupps! – schon wären wir erneut beim Beschreiten neuen Terrains und dem Gieren nach dem eigentlich Unerreichbaren: die erste Liebe, und das natürlich gleich mit einer bildhübschen, attraktiven jungen Frau – ganz nach der Vorlage des Reality-TV-Formates Das Model und der Freak. Und vielleicht braucht man im Gegenteil zu Sam Witwicky in Transformers nicht einmal einen Autobot als fahrbaren Untersatz, um das Herz eines Mädchens des Kalibers „Megan Fox“ zu erobern. James Blunt hat nicht einmal eine Jacht, nur „ein Schlauchboot”, wie er verrät – und datet dennoch die wunderhübsche Sofia Wellesley.

James im Dienste der Liebe

Vielleicht, vielleicht reicht es schon aus, sich ein Herz zu nehmen, das Objekt der Begierde anzusprechen und in ein dementsprechendes Umfeld zu entführen, ein Umfeld, das die lieblichen (melancholischen) Klänge von zum Beispiel James Blunt nicht missen lässt. Dazu das Knistern eines Kaminfeuers mit kuscheligem Vorleger, draußen, vor den Fensterscheiben eine trist-unwirtliche Grau-in-Grau-Stimmung des Herbstes. Dazu vielleicht ein Gläschen Rot und flackernde Kerzenbeleuchtung, und schon schmilzt das Herz der Dame dahin. Da verzeiht man dann vielleicht auch großzügig, wenn selbiger verzückt ein „Ooooh, James …!” herausrutscht, gleich wie vielen Gespielinnen von James Bond, und nicht der Name des Mannes, der für den wunderschönen Moment eigentlich verantwortlich zeichnet.

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Denn James Blunt, der zwar eine militärische Erziehung genoss und wie auch 007 im Dienste seiner Majestät stand, Kriegsluft schnupperte und sicher auch den einen oder anderen Abzug betätigte, zelebriert keine wild rockenden Freiheitshymnen, die von Pathos und Heimatstreue nur so strotzen, sondern für Kuschelballaden, denen man zwar eine „wiederkehrende, eindeutige Stilistik“ attestieren kann, aber dennoch (obwohl wir mittlerweile mit Moon Landing bei Album Numero vier angelangt sind) immer noch kein gelangweiltes Gähnen, selbst beim härtesten Manne kein „blunt force trauma“ aufkommen lassen. James Blunt gelingt etwas, das vielleicht sogar noch komplizierter ist, als reißerische Hymnen zu schreiben (dazu reicht ein flotter Rhythmus und ein bissl Agitation): angenehm zu fadisieren, für stressfreie Zerstreuung zu sorgen. Insbesondere, weil Moon Landing wieder bodenständiger geraten ist, „ehrlich, simpel, unpoliert – einfach Indie eben”, in Blunts Worten.

James am Mond

James Blunt war im Gegensatz zu James Bond (in Moonraker) zwar noch nicht im Weltraum, hält dafür, wie uns der Pressetext aufklärt, den Weltrekord für das höchstgelegene Konzert der Welt an Bord eines Privatjets in 41.000 Fuß Höhe. Klingt zwar zweifelsohne besser als quengelnde Kinder, ist aber auch keine besondere Leistung, für die wir den Kniefall üben werden. Zum Hinknien schön ist sein aktuelles Album Moon Landing trotzdem geraten, auf welchem der Brite in seine Erinnerungen zurückreist und Träume, Sehnsucht und erste Liebe vor dem geistigen Auge Revue passieren lässt: „Wir können dieses Ereignis (die erste Mondlandung, Anm.) aus den Sechzigern nie wiederholen, so wie wir die erste Liebe nicht wiederholenkönnen oder meinetwegen auch das erste Entdecken meiner Musik auf meiner ersten Platte”, sagt er im Interview. Jene Revue ist keine „Gesamtdarbietung“ geworden, sondern unkompliziert und ohne Politur – und klingt im Grunde wie auch schon die drei Silberlinge zuvor, da wird nichts Elaboriertes dargelegt, Ecken und Kanten sind in einer ersten Schicht mit Noppenfolie (für das Kind im Mann), anschließend mit einem Hauch von Plüsch (für die Damenwelt) überzogen.

„Die ersten Mondlandungen haben etwas Romantisches, Altmodisches und Einsames, eine nostalgische Erinnerung an etwas Großes. Da ich mit der neuen Platte an den magischen Ort meiner persönlichen Mondlandung zurückkehre, meinem Debüt nämlich, habe ich sie genauso genannt“, sagt James Blunt über den Albumtitel. Und unterm Strich hat er damit den Nagel auf den Kopfgetroffen, gleich wie das All alles und nichts ist, hilft Moon Landing dabei, einmal alles nichts sein zu lassen und allein auf die eigenen Emotionen zu lauschen – und vielleicht den Tastsinn etwas zu schärfen.

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