Ein Mann, zwei Gesichter

Zuerst war er Fußballer, dann Model, und jetzt Rapper: Im Interview spricht Marteria über seine Entwicklung, Formeln zum Erfolg und Zum Glück in die Zukunft II.

Marten Laciny hat eine gespaltene Persönlichkeit – zumindest als Künstler. Sein wahres Ich verkörpert der gebürtige Rostocker unter dem Synonym Marteria, und die „abgespacete Scheiße“, wie er sie selbst nennt, veröffentlicht er als Alter Ego Marsimoto. So zweigleisig seine Karriere klingen mag: Genre-Kollegen beneiden ihn. Schließlich konnte er in den letzten Monaten riesige Erfolge als Marteria feiern, besonders mit der Hit-Single Kids (2 Finger an den Kopf) und dem Album Zum Glück in die Zukunft II, die beide Gold-Status in Deutschland erreichten. Und obwohl seine Karriere als Marsimoto als reine Spielwiese seiner Kreativität bezeichnet werden kann, ist er damit nicht minder erfolgreich. Wir trafen Marteria kurz vor seinem Auftritt in der Wiener Arena und während einer Tour, die er sich vor einigen Jahren selbst nicht vorstellen hätten können.

 

Wie läuft die Tour?

Marteria: Sehr gut! Das ist die erste große Tour, jetzt wo’s so richtig groß ist – außer in Wien, da sind wir noch ein bisschen kleiner.

 

Wenn du das mit früher vergleichst, als du vor 50 Leuten gespielt hast …

Marteria: Das war schon viel, wenn’s 50 Leute waren (lacht).

 

Vermisst du das?

Marteria: Nein! Das war ein großer Kampf. Casper, die Orsons und ich sind immer rumgefahren und haben uns tierische Vorwürfe gemacht, warum keine Leute zu unseren Konzerten gekommen sind. Es war nicht schön, weil man für sich schon sehr hochwertige Musik gemacht hat und sich nicht verstanden gefühlt hat. Dass die Musik keine Chance hatte, war das, was überhaupt nicht schön ist. Da geht’s gar nicht um eine große Halle oder 1000 Leute. Es geht darum, dass 200 Leute kommen und einfach mit dir abfeiern. Wenn 30 kommen, ist das schon echt deprimierend.

 

MarsimotoDenkst du, du hättest dir damals schon so großen Erfolg wie heute verdient?

Marteria: Nee, da war ich noch nicht so weit. Mehr! Wir hätten mehr verdient! Das wäre eine Frechheit, eine Lüge, so etwas zu behaupten. Man überlegt und filtert jetzt viel besser. Und ich finde das auch gut so, dass die ersten Platten, die man macht, eher so Representer-Dinger sind. Jeder, der ein Mikro hat, kann mitmachen. „Ja klar, du hast mir mal 100€ geborgt“, oder so. Ich denke, es muss im Hip Hop am Anfang auch so sein. Aber dann wird man viel selektierter in seinen Gedanken und man macht viel weniger, aber dafür viel hochwertiger. Es wär auf jeden Fall schlimm, wenn man dieselbe Musik macht wie vor acht Jahren.

 

Inwiefern hat dir Marsimoto in deiner Entwicklung geholfen?

Marteria: Das zu haben, macht mich total glücklich. Es ist schön, dass ich die beiden Seiten habe, dass ich auf der einen Seite ein Produkt habe, das sehr hochwertig, geradlinig ist und auf der anderen Seite so abgespacete Free-Jazz-Garage-Scheiße machen kann. Ich finde die beiden Seiten sehr wichtig.

 

Wenn du als Marsimoto alle Freiheiten hast, fühlst du dich dann manchmal als Marteria eingeengt?

Marteria: Ne, genau deswegen. Marsi ist eben nicht autobiographisch – schon manchmal auch, das sind aber irgendwelche abgespaceten Geschichten. „Eingeengt“? Dann würde ich ja mein Leben scheiße finden. Ich finde mein Leben ja sehr schön – auch die schlechten Momente.

 

Siehst du manchmal deine verhältnismäßig tiefe Stimme als Nachteil?

Marteria: Ich sehr gar nix als Nachteil. Ich hab 100.000 Leute auf einer Tour mit Hip Hop Musik. Wie geil ist das denn? Das ist das Beste. Ich bin sehr dankbar, Musik machen zu können. Ich mach mir über sowas gar keine Gedanken. Ich mag meine Stimme. Ich hab ja auch Marsi, da ist die Stimme hoch. Ich bin sehr glücklich, dass ich so viele Leute erreiche und als Vorreiter eines neuen Hip Hop gelte – ohne dass ich mich oder meine Stimme verstellen musste.

 

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Siehst du dich also als Vertreter eines neuen Subgenres, oder gar des gesamten Genres?

Marteria: Naja, es gibt ein paar Vertreter. Aber meine erste Platte war sicher die wichtigste Platte für die deutsche, neue Hip Hop-Entwicklung. Darauf kann man natürlich stolz sein. Aber das ist jetzt auch nicht so, dass man darüber die ganze Zeit nachdenkt. Man will, dass die Leute, die mit deiner Musik gehen, den richtigen Weg gehen. Oder wenn einer eine Meinung nicht klar definieren kann, soll die Musik ihm helfen, eine Meinung zu bilden. Ich möchte, dass sich die Leute entwickeln und, wenn sie keinen klaren Weg haben, genau den finden. Dass sie über Sachen nachdenken, ist wichtig. Musik ist nicht einfach nur Tanzen.

 

Ist es das, was du anders gemacht hast als andere Rapper?

Marteria: Wahrscheinlich, ja, aber was ganz wichtig ist, dass ich mich vom Hip Hop nicht abgewendet habe. Die Strömung war so, dass sich auf einmal alle Singer/Songwriter genannt haben, weil Hip Hop so scheiße war. War’s ja gar nicht, aber es wurde als „Die krassen Gangster“ dargestellt – „und alles andere gibt es nicht im Hip Hop.“ Leute  haben also andere Genres gemacht. Das war einfach scheiße. Ich habe immer gesagt, dass ich Hip Hop mache.

 

Und auch jetzt würdest du nicht sagen, dass du Pop-Musik machst?

Marteria: Meine Platte ist ja eine richtig krasse 808 Hip Hop-Platte geworden. Ich bin einfach nie ein Künstler gewesen, der sich auf ein Genre festigt. Ich hab halt überhaupt keine Berührungsangst mit geilem Pop. Ich mag nur ekligen Scheiß-Pop nicht. Natürlich ist mir schon klar, dass man irgendwann im Mainstream angekommen ist, aber nicht auf eine eklige, komische Culcha Candela-Art-und-Weise (lacht).

 

Hast du das beim Songwriting des neuen Albums immer im Hinterkopf gehabt, dass du die Szene umkrempeln willst?

Marteria: Nein, gar nicht. Man will einfach nur seine Themen durchsetzen, sein Thema für einen Song so schön wie möglich schreiben.

 

marteria albumcoverHast du beim Schreiben der einzelnen Songs nicht unbedingt auf die Homogenität des ganzen Albums geachtet?

Marteria: Die Homogenität des Albums ist erst am Ende das Wichtigste. Das ist die große Kunst: Ein großes Lied machen kann jeder, aber ein gutes Album zu machen ist die Meisteraufgabe eines Musikers. Dass es von vorne bis hinten einen Sinn ergibt, dass es stimmig ist und dass es ein Soundbild hat, ist schon sehr krass. Da bin ich Perfektionist. Das machen viele nicht. Ich hab halt auch The Krauts als Produzenten. Der Beat muss zusammen durchdacht sein, es muss ineinander gehen. Bei uns gehen alle Songs ineinander über, es gibt keine Breaks. Es ist praktisch wie ein Film. Aber erstmal musst du deine Lieder auf den Punkt bringen, dann kannst du dich an diese Feinheit setzen.

 

Und bist du jetzt zu 100 Prozent zufrieden mit dem Ergebnis?

Marteria: Ja, zu 100 Prozent.

 

Das sagen nur Wenige.

Marteria: Naja, sonst hätte ich es auch nicht rausgebracht. Die erste Platte hat über drei Jahre gedauert, weil es einfach nicht geht, wenn du immer wieder was hast, das dich nervt. Oder wenn du immer Kompromisse eingehen musst – das nervt! Ich glaube, unser Erfolg liegt daran, dass wir solange daran arbeiten, bis es Sinn ergibt.

 

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Ich finde, dass sich Kids stark vom Album abhebt. Was sagst du dazu?

Marteria: (Pause) Naja, „stark abhebt“, weiß ich nicht. Es ist halt… der Hit (lacht)!

 

Du hast also einfach die beste Nummer ausgewählt?

Marteria: Beste Nummer nicht! Ich bin Underground-Bernd, ich mag Underground-Musik, mag also verfrickelte Songs lieber. Aber ich liebe Kids. Es macht tierisch Bock, hat eine tierisch geile Energie. Du merkst ja ganz schnell die Reaktionen, wenn du es Leuten vorspielst. Man braucht eben auch eine Single, um ein Album zu promoten.

 

Erzähl doch kurz von deiner Weltreise. Wie ist es dazu gekommen? Reiselust?

Marteria: Klar! Ich brauche das Reisen als Inspiration. Reisen ist ein wichtiger Bestandteil meiner Musik. Ich kann mich zu Hause in Berlin nicht hinsetzen und ein Lied schreiben. Dementsprechend sehe mir die Welt an, auch Länder, in denen es nicht so schön ist, Krisenländer, wo es viel Armut gibt. Man fliegt vier, fünf Stunden von Deutschland und die Welt ist plötzlich anders. Das ist total wichtig für mich und hat die ganze Platte beeinflusst: die Songs, das Artwork, die Fotos, alles.

 

Marteria kommt (vielleicht mit Marsimoto im Gepäck) zum FM4 Frequency Festival in St. Pölten – 13. bis 16. August, Zum Glück in die Zukunft II ist bei Four Music (Sony) erschienen.

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