Erotisches Knistern mit Femme Schmidt

Mit Ihrer Musik assoziiert man unweigerlich die Jahrhundertwende, in der man Wien und Ihre Wahlheimat Berlin nebst Paris auf einer „Zeitgeistachse“ sah. Wie weit hat sich die Achse heute verschoben?

Schmidt: Ich glaube, dass sich Wien und Berlin seitdem doch ziemlich unterschiedlich entwickelt haben – Berlin ist eine wahnsinnig aufregende, aber auch wahnsinnig schmutzige Stadt, wo viele Sachen aufeinander prallen. Wien hingegen ist eine unheimlich schöne Stadt, wobei ich zugeben muss, dass ich das Nachtleben noch nicht wirklich vergleichen kann. Ich würde sagen, man hat sich auseinander gelebt, gar nicht einmal wertend, aber auch Paris kann man heute gar nicht mehr mit Wien oder Berlin vergleichen.

Berlin spricht man mehr als anderen Städten eine musikalische Identität zu. Was bringt einer Stadt einen derart immensen Wiedererkennungswert?

Schmidt: In Berlin trifft sich die ganze Welt und man steckt die Köpfe zusammen – dadurch erreicht Berlin natürlich eine wahnsinnig hohe Kreativität. Zudem hat das Nachtleben hier einen immens hohen Stellenwert – der perfekte Nährboden für Musik und Kunst.

Wie weit denken Sie hat Ihr Umfeld Einfluss auf Ihre Musik – oder anders: Hätte Femme Schmidt auch in der Wüste Gobi entstehen können?

Schmidt: (lacht) Wir gingen nicht her und planten. Das Album entstand in London während einer Hochburg aus 20er-Jahre-Partys, -Konzerten und -Cabarets. Diese Momentaufnahme habe ich eingesogen und so ist es Teil meiner Musik geworden – das ist das Schöne, sein Leben in die Musik einfließen zu lassen.

Was macht eine Stadt zur Sin City?

Schmidt: Die Sünde selbst freilich (lacht), sie muss mysteriös sein und immer wieder etwas Neues bereithaben, täglich überraschen können.

Sie bezeichnen Ihre Musik als Pop Noir. Was unterscheidet Sie von Caro Emerald oder Regina Spektor?

Schmidt: Mit gefällt es gar nicht so gut, wenn man Musik immer in Schubladen steckt. Natürlich kommt man irgendwann in Bedrängnis zu betiteln, was man macht, aber jeder Künstler hat seine ganz eigene Note – wir haben uns ja auch vom Film noir inspirieren lassen, der ja auch was dunkles, mystisches hat.

Der Zeitgeist der 20er und 60er widerspricht in vielen Punkten dem Heute – wie ergibt sich eine Symbiose?

Schmidt: In den 20ern wurde der Tag gelebt, als wäre er ein ganzes Leben wert und ich bin auch ein irrsinniger Genussmensch und versuche, in den Tag hineinzuleben. „Mich leben zu lassen“, wenn man so will – ich glaube, das ist die Verbindung zu damals. Auch heute gibt es wahnsinnig viele Leute, die wieder anfangen, das Leben zu genießen und dies auch exzessiv zelebrieren, und da gehöre ich halt auch dazu …

Wie weit harmoniert der Mythos der Femme fatale mit der modernen emanzipierten Frau?

Schmidt: Natürlich leben wir mittlerweile in einer anderen Zeit, die Frauen sind viel emanzipierter als damals, von daher weiß man heute vermutlich nicht einmal genau, wo eine Femme fatale anfängt und wo sie aufhört. Für mich persönlich ist sie eine starke Frau, die sich nimmt, was sie will und Spaß am Leben hat …

Auf der anderen Seite liefert sie ein immens ambivalentes Bild, der „Gleichstellung“ gegensteuernd …

Schmidt: Ich habe mich ehrlich gesagt nicht so intensiv mit dieser Frage beschäftigt – freilich ist diese Rolle eine, die ich zelebriere, aber schlussendlich nur eine Rolle, die man auch aus dem Film noir kennt. Während die Femme fatale gerne mit ihrem Wesen verführt, verführe ich gerne mit meiner Musik – das ist unsere Gemeinsamkeit.

Wie viel Schmidt, wie viel Chambers finden wir auf Femme Schmidt?

Schmidt: Das Album ist in erster Linie autobiographisch, es sind meine Geschichten. Gleichermaßen hat Guy auch einen großen Anteil gehabt, hat mich auf Reisen geschickt, die ich alleine nie bestritten hätte. Es war wohl ein Geben und Nehmen zwischen uns.

Schmidt – Ihr Nach- und Künstlername gleichermaßen. Wieso ohne Ihrem Vornamen Elisa?

Schmidt: Während der Albumproduktion wurde mein Nachname gewissermaßen zu meinem Vornamen, im englischsprachigen Raum mittlerweile irgendwie auch mein Spitzname. Schmidt ist zur Überschrift meiner Musikwelt geworden, ein kurzes, einfaches Statement.

Lebensdevise im Berlin der 20er war Tempo und Vergnügen. Laborieren auch Sie an einer Rastlosigkeit?

Schmidt: Mein Tempo kommt eher durch meinen Beruf, weniger durch die Parties. Ich bin wahnsinnig viel am Reisen – zwischen London und L.A., jetzt im Oktober fängt die Deutschlandtour an, im November sind wir in Australien auf Tour, von daher wird’s einem auf jeden Fall nicht langweilig. Aber das ist für mich guter, weil produktiver Stress – ich hatte das Glück, mein Hobby zu meinen Beruf machen zu können, von daher kann ich mich eigentlich nicht beschweren!

Wenn doch einmal Party: Champagner oder Absinth?

Schmidt: Absinth (lächelt).

Norah Jones war die „Geburtsstunde“ von Ihnen als aktive Sängerin – können Sie sich noch an das erste Musikstück erinnern, das Sie aufhorchen ließ?

Schmidt: Mit 12 sang ich auf jeden Fall Come Away With Me von Norah Jones hoch und runter, das erste bewusst gehörte Musikstück war vermutlich irgendein Kindersong – aber den endgültigen Kick gab definitiv Norah Jones.

Sie sagten einmal, Sie seien mit Femme Schmidt Ihren „frühen musikalischen Gehversuchen“ entwachsen. Woher kommen Sie – wo gehen Sie hin?

Schmidt: Ich habe bisher immer das Erlebte um mich eingefangen, meine Musik wird also immer im Wandel sein, je nachdem, was um mich herum passiert. Freilich bin ich ein bisschen mit dem Jazz verheiratet, es wird also hinkünftig nicht in eine komplett andere Richtung gehen, aber meine Inspirationen werden es wohl immer spannend halten …

Im modernen Pop regiert der Pomp, Sie arbeiten reduziert. Ist Pomp Stilmittel oder Ablenkung?

Schmidt: Ich glaube, wenn man ein Level erreicht hat wie Lady Gaga und Katy Perry und vor zigtausend Leuten spielt, wird die Inszenierung natürlich auch größer. Wenn es gut gemacht ist, kann es als Stilmittel durchaus Anerkennung finden. Es ist auch was Schönes, sich zu inszenieren. Manchmal ist freilich auch weniger mehr und es ist toll, wenn man damit Begeisterung erreichen kann!

Stichwort Pomp: Was verbindet Sie mit Elton John, den Sie demnächst in Australien auf Tour begleiten?

Schmidt: (lacht) Auf jeden Fall die Liebe zur Musik! Der Grund, warum ich die Ehre habe, vor ihm aufzutreten ist, weil ich im April in L.A. einen Auftritt hatte und mich sein Tourmanager dort spielen sah. Er sagte: „I want you to open up for Elton John!“ Da sage ich natürlich nicht nein!

Werden Sie auch gemeinsam performen?

Schmidt: Wer weiß, wer weiß! Es kann natürlich alles passieren, wenn man eine Woche gemeinsam auf der Bühne steht …

Interview: Stefan Baumgartner

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