Europhorie: Österreich im EM-Fieber

Fußball

Ganz Österreich ist im Fußballwahn und so mancher attestiert Österreich sogar Chancen auf den EM-Titel. Alfred Dorfer und Florian Scheuba fiebern in Frankreich mit, Stefan Verra analysiert von außen.

dorfer_scheuba_2013_g0288_be2_Peter Rigaud

Etwa acht Millionen österreichische „Teamchefs“ sehnen den Beginn der Fußball-EM in Frankreich herbei. Nach dem Heimturnier 2008 sind ab 10. Juni auch wir wieder mit an Bord – das erste Mal überhaupt aus eigener Kraft dafür qualifiziert. Aus diesem Grund baten wir nicht nur das ballesterische Kabaretttandem Alfred Dorfer und Florian Scheuba zum großen Talk über Frankreich, FIFA und Fantum, sondern haben mit dem Körperspracheanalysten Stefan Verra auch ein paar schillernde Fußballpersönlichkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart analysiert.

Meine Herren, haben Sie sich um Tickets für die EM 2016 in Frankreich beworben?

Alfred Dorfer: Wir haben uns beworben und dank Florians Engagement haben wir auch welche bekommen, für die Österreich-Matches der Vorrunde.

Nach dem Terroranschlag letzten November in Paris wird diese EM wohl die meistgesicherte der Fußballgeschichte werden. Kann und soll man als Fußballfan ruhigen Gewissens nach Frankreich reisen?

Florian Scheuba: Ich glaube schon, denn wenn wir anfangen, aufgrund von Bedrohungsszenarien unsere positiven Lebensgewohnheiten einzuschränken, haben jene, die uns bedrohen, schon gewonnen. Es ist auch völlig richtig, dass das abgebrochene Rockkonzert in Paris wiederholt wurde.

Dorfer: Ich denke ja, aber das Rundherum wird halt ein bisschen schwieriger werden, wie längere Wartezeiten beim Stadion etc. Wenn Terroristen glauben, sie kommen ohne Ticket ins Stadion, muss man sich wahrscheinlich ohnehin wenig Sorgen machen.

Warum wird Österreich heuer Fußball-Europameister?

Scheuba: (lacht) Das kann ich nur mit „leider nein“ beantworten. Es ist aber möglich, dass wir eine gute Rolle spielen. Man muss bezüglich der Vor-Euphorie aufpassen, denn der Österreicher hat beim Fußball die gleiche Tendenz wie im allgemeinen Leben: Er schwankt zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn, wo das eine nahtlos in das andere übergeht.

Dorfer: Weil keiner wirklich mit uns rechnet und wir uns in einen Rausch spielen werden.

Der Erfolg unseres Nationalteams wäre ohne Migranten und Einwandererkinder nicht möglich gewesen. Kann der Fußball im Sinne des länderübergreifenden Miteinanders im guten Sinne mächtiger einwirken als Politik und Kultur?

Scheuba: Wenn bei einem ausverkauften Länderspiel im Happel-Stadion die Spieler ein Transparent mit „Respect Refugees“ haben und eine Gedenkminute ohne Pfeifkonzert abgehalten wird, dann ist das schon ein gutes Zeichen. Es relativiert ein bisschen die Größenordnungen, denn gerade in der Frage konzentriert man seine Wahrnehmung auf die sozialen Netzwerke und dort kriegt man nur die mit, die laut schreien und nicht die, die sich still was denken.

Dorfer: Bedingt, weil es ja nicht um gut verdienende Migranten geht, dennoch glaube ich, dass erfolgreiche Sportler hier eher eine breite Brücke schlagen können, als die Politik oder analog dazu erfolgreich integrierte Künstler.

Als Marcel Koller Teamchef wurde, hackten alle auf ihn ein – jetzt ist er der Held der Nation. Ist es manchmal beschämend zu beobachten, wie unsere Kultur zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt funktioniert?

Scheuba: Die Art und Weise wie Koller empfangen wurde, war symptomatisch für eine Generation von Spielern, die glauben, es besser zu wissen. Sie haben als Spieler einiges geleistet, als Trainer aber wenig und haben damit ein Problem. Ein gutes Gegenbeispiel ist Herbert Prohaska. Er war anfangs auch dagegen, hatte danach aber die Größe zuzugeben, dass er sich irrte.

Dorfer: Ehrlicherweise war ich auch nicht von Anfang an überzeugt, dass Marcel Koller der Messias ist, aber diese Schwankungen sind eben Teil der Mentalität. Heute das Letzte, morgen schon gefühlter Europameister.

Andererseits verkommt der moderne Fußball heute oft zur Farce. Allzu oft geht es um Korruption, Wettskandale und versteckte Geldkoffer. Ist der Fußball dahingehend noch zu retten?

Scheuba: Der Fußball ist genauso bedroht wie alle anderen Kulturgüter. Die Tendenzen haben beim Fußball das Gleiche angerichtet wie in der Gesellschaft: Die Reichen werden immer reicher, die Armen ärmer.

Dorfer: Der Fußball wird am Rasen immer eine Mischung aus Akrobatik, Kunst und Wettkampf bleiben, das ist nicht umzubringen. Die Begleitmusik ist natürlich erbärmlich, das ist klar. Aber auch die FIFA hat das Recht auf einen winzigen Vertrauensvorschuss.

Wie schaut bei Ihnen die perfekte Ernährung an einem TV-Fußballabend aus?

Scheuba: Ich bin weder Biertrinker noch Chipsesser, aber ein gutes Glas Wein schadet natürlich nie (lacht).

Dorfer: Sehr guter Weißwein und Wasser.

Wenn Marcel Koller irgendwann nicht mehr will oder darf – wer soll der nächste österreichische Teamchef werden?

Scheuba: Ich könnte mir vorstellen, dass Andreas Herzog mittlerweile viel Erfahrung gesammelt hat und Qualitäten dafür hätte. In erster Linie bin ich aber froh, dass Koller verlängert hat, und wir werden sehen, wie sich das Team entwickelt.

Dorfer: Peter Stöger, der aber sicher nicht so schnell freiwillig von Köln weggehen wird. Aber die Frage hat sich zum Glück bereits für die nächsten Jahre erübrigt.

 

Körperspracheanalyst Stefan Verra über die Fußballer-Typen

stefan-verra-1_Severin Schweiger FotografieDer Fußball lebt nicht nur von Technik und Toren, sondern vorwiegend von den großen Stars und Persönlichkeiten. Durch die zunehmende Kommerzialisierung der Sportart ist die Marke eines jeden Fußballers wichtiger denn je und obwohl es mit Spielern wie George Best, Diego Maradona oder Johan Cruyff schon früher echte „Typen“ gab, ist die Profilierung des eigenen Ichs heute unerlässlich. Körperspracheanalyst Stefan Verra hat für !ticket ein paar EM-Teilnehmer unter die Lupe genommen.

Die derzeit schillerndste Persönlichkeit auf und abseits des Platzes ist der schwedische Sturmtank Zlatan Ibrahimovic, der Gegner und Schiedsrichter nicht nur mit seiner physischen, sondern auch mit seiner psychischen Größe verunsichert. „Er hat einen starken Stirnwulst, was auf einen hohen Testosteronspiegel hindeutet“, erklärt Verra, „er zeigt das Alphatier ohne Rücksicht auf Verluste und hat ein süffisantes Siegerlächeln, das wenig Sympathie vermittelt.“ Eine Art „kleiner Bruder“ ist ÖFB-Liebling Marko Ar­nautovic. „Er reflektiert viel von dem, was Ibrahimovic verkörpert, aber nicht in der gleichen Radikalität. Ihm fehlt im Vergleich dazu noch etwas an Brutalität in der Körpersprache“.
Aus einem ganz anderen Holz ist der heimische Heiland David Alaba geschnitzt: „Er ist ein lieber Bub und der ideale Schwiegersohn. Seine hohe Stirn, die großen Augen und die spärliche Gesichtsbehaarung verleihen ihm eine kindliche Ausstrahlung, was ihn sympathisch macht. Sein guter Schmäh macht ihn attraktiv, zudem drängt er sich körpersprachlich nie in den Mittelpunkt. Sein Lachen zeigt uns, dass er selten unter Stress steht und damit nie ganz am Limit ist. Damit wirkt er souverän.“ Noch kein fixes EM-Ticket hat Italiens Mittelfeldregisseur Andrea Pirlo, der für Verra aufgrund seiner Führungsqualitäten besonders interessant ist: „Seine Gesichtsmimik bleibt nahezu immer unverändert – auch in Notsituationen, womit er extrem viel Sicherheit ausstrahlt. Er ist kein Enthusiast, weckt keine Euphorie und strahlt wenig Aggressivität aus – ein idealer Spielführer“. Und solche hat es meist gebraucht, um ein Turnier zu gewinnen …

 

Ballverlust“ von Alfred Dorfer und Florian Scheuba gibt es Anfang Juni noch im Wiener Rabenhof, Stefan Verras Programm „Ertappt! Körpersprache: Echt männlich. Richtig weiblich“ gibt es im Juni noch in Innsbruck, Leonding und Wien, im November in Klagenfurt und Lienz.

 

 

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