Ewig Frost und das Lied vom Tod

Wien und der Tod, das ist eine ganz besondere Geschichte. Ewïg Frost werden auf ihrem mittlerweile dritten Album nicht nur diesem Gevatter habhaft, sondern lassen auch Legende Lemmy weiterleben …

Photo Ewig Frost Band 2

Foto: Adrian Covalschi

Anschnallen und festhalten! Die Wiener Metal-Punk’n’Roll-Combo Ewïg Frost veröffentlicht mit „No Dïce“ ihr drittes Studioalbum und beweist damit, dass Lemmy zwar gestorben sein mag, seine Legende aber unaufhaltsam weiterlebt. Wir haben uns mit Ewïg Frost-Sänger/Gitarrist Niitro über das Leben und das Sterben unterhalten …

„No Dice“ ist euer drittes Studioalbum in 13 Jahren Bandgeschichte und mit Sicherheit euer bisher ausgereiftestes. Was waren für euch die wichtigsten Änderungen im Vergleich zum Vorgänger „Dirty Tales“?

13 Jahre sind eine lange Zeit, in der sich nicht nur die Band, sondern auch wir persönlich verändert beziehungsweise weiterentwickelt haben. Als 2010 Drummer Doom zu uns gestoßen ist, hat für Ewïg Frost sozusagen eine neue Ära begonnen. „Dirty Tales“ war das erste Studioalbum in dieser Konstellation, mit dem wir eigentlich sehr zufrieden waren. Mit „No Dïce“ wollten wir jedoch ein noch facettenreicheres Programm bieten. Neben den D-Beats geben wir auch langsameren Passagen eine Chance, kehren aber gleichzeitig zur ursprünglichen Härte unserer Musik zurück – all das in altbewärter Rock’n’Roll-Manier.

Insgesamt klingt das Album noch böser und auch rotziger als der Vorgänger. Braucht Musik wie eure die nötige Portion Dreck, um authentisch zu sein?

Ja, deswegen halte ich in so einem Fall nicht viel von sterilen Studioproduktionen, bei der die Lebendigkeit der Musik leider oft verloren geht.

Das Video zum Song „High Octane Anarchy“ ist mit den Motorrad- und Skateboard-Szenen richtig stark geworden.

Skateboards, Motorräder, Metal, Punk, Graffiti, Bier – das hört sich für mich nach einer Party der alten Schule an, das sind visuelle Schmankerl, die Die-Hard-Herzen höher schlagen lassen! Die Idee hatten wir schon seit längerem, den Drehort hat uns DJ Shellraiser nahegelegt.

Wenn man mal den Inhalt eures Albumtitels erfassen möchte – wem gebt ihr denn „keine Chance“? Worauf bezieht sich der Titel genau und gibt es ein grobes inhaltliches Konzept?

Am Albumcover thront der Tod, der um das Schicksal der Erde würfelt – entweder du wirst mit einem Ass beglückt, oder es hagelt Bomben. Es steht nicht in unserer Macht, irgendjemanden „eine Chance“ zu geben oder nicht. Das Leben ist eben wie ein Würfelspiel mit dem Tod – der eine gewinnt, der andere verliert.

Wenn man so eine Art apokalyptischen Thrash/Speed/Heavy/NWoBHM/Rock’n’Roll/Black/Punk-Metal macht, muss man natürlich eine gewisse Form von Selbstironie und Trveness vermischen. Wie sieht das bei euch aus? Wie viel Schmäh steckt hinter dem Ganzen?

Ich halte nicht viel davon, in eine andere Rolle zu schlüpfen, wenn ich auf der Bühne stehe. Live geht es uns um Action und Spaß, auch wenn der „böse Touch“ in unserer Musik nicht fehlen darf. Textlich versuche ich aus dem Leben gegriffene Thematiken einzubinden. Garantiert können wir über uns selbst lachen – und das ist auch wichtig, denn das Leben ist ernst genug.

Ihr habt ziemlich lange an den 13 Songs gearbeitet, bis sie schlussendlich fertig waren. Wie kam es dazu?

Wir haben nur zwei Tage im Studio verbracht, um die Basic-Tracks einzuspielen. Der Rest wurde in Eigenregie aufgenommen, was leider einige Zeit in Anspruch nahm. Auch Artwork und Mix stellten diesmal eine kleine Herausforderung dar. Ein Album ist ja ein intensiver Prozess, an dem gebastelt und gefeilt wird. Man darf nicht vergessen, dass neben den Musikern letztlich auch viele andere Personen involviert sind, die sowohl den Prozess vorantreiben, als auch verlangsamen können. Das Endprodukt befanden wir für gut und das ist uns wichtiger, als jedes Jahr ein neues Album rauszupressen. Aber keine Panik: Wir arbeiten zur Zeit schon an einem Nachfolgewerk, das jedoch auch – wie ein guter Wein – noch eine Weile reifen muss.

Dafür geht es bei euch relativ international dahin: Toxic Holocaust-Chef Joel Grind hat ein paar Songs gemixt, für das Mastering war Brad Boatright von From Ashes Rise zuständig und Midnights Commander Vanik hat euch für „No Scene“ ein Gitarrensolo spendiert. Woher all diese Seilschaften in die USA?

Das rührt von gemeinsamen Interessen, der Begeisterung zur Musik, Konzerttouren und Netzwerken im Internet.

Andersrum gesehen – wird man auch den einen oder anderen von euch auf einem Album von Midnight oder Toxic Holocaust hören in Zukunft? Sind da vielleicht Splits oder gar Touren geplant?

Geplant ist da nichts – Aber wie heißt’s so schön? „Sag niemals nie (lacht)!”

https://www.youtube.com/watch?v=2wAoIjy937k

Welcher Einfluss war für Ewïg Frost jetzt eigentlich wichtiger? Motörhead, Venom oder Darkthrone? Welchen Zugang habt ihr zu all diesen Bands?

Uns ist es wichtig, keine musikalischen Grenzen zu ziehen, auch wenn wir uns schlussendlich immer in eine gewisse Richtung bewegen. Wir wollen Musik spielen, die uns gefällt und eine Attitüde an den Tag legen, mit der wir uns identifizieren können. Unsere persönlichen Top-Alben kann man außerdem auf unserer brandneuen Homepage nachlesen – bei den von dir genannten sind Motörhead mit “We Are Motörhead”, “Inferno” und “Another Perfect Day” ganz vorne dabei, aber auch Darkthrone findet man mit “Under A Funeral Moon” und “Circle The Wagons” in meiner Top-10 – neben Tank, Carpathian Forest, Bathory, Celtic Frost und vielen anderen!

Mit „A Achterl aufs Sterben (Schenk nu an ei!)“ habt ihr auch ein Wienerlied in eurem Stil komponiert – nicht das erste Mal. Woher habt ihr allgemein das Interesse für diese Art von Lokalpatriotismus und was hat euch dazu inspiriert?

„Lokalpatriotismus“ – ein hartes Wort (lacht). Wenn Bands verschiedenster Musikrichtungen aus dem internationalen Standard ausbrechen und Texte in ihrer Muttersprache bzw. im selbst gesprochenem Dialekt verfassen, bringt das frischen Wind in die Musik. Die Interpreten können dadurch oft besser auf den Punkt kommen. Inspirationen gibt es viele – vom Heurigen gegenüber in Ottakring (oder in der Wachau, wo die Band ihren Ursprung fand) über Helmut Qualtingers „Schwarze Lieder“ und den „morbiden“ Ruf Wiens bis hin zur österreichischen Mentalität im Allgemeinen.

Der Song handelt davon, dass man mit dem Tod trinkt, was unweigerlich das Ende zur Folge hat. Gibt es einen bestimmten Grund, dass ihr auf „No Dice“ so intensiv wie nie zuvor mit dem Tod kokettiert?

Der Tod beziehungsweise das Schlechte im Menschen war immer schon ein wichtiger Bestandteil Ewïg Frost’s Lyrik. Auch auf Cover- und Shirt-Designs spielen Totenköpfe eine tragende Rolle. Dass der Gevatter Tod selbst jetzt gleich zweimal grafisch unser treuer Begleiter ist, hat sich aus den Texten ergeben, war aber nichts, worauf wir hingearbeitet hätten.

Helmut Qualtinger ist da unweigerlich eine Inspirationsquelle für euch. Was kann man denn vom Großmeister des heimischen schwarzen Humors alles lernen?

Einiges! Die Öffi-Fahrt zum Zentralfriedhof kostete früher einmal nur drei Schilling, Ertrinken in der Donau ist wilder als ein Besuch im Wiener Prater, auch im Wiener Kaffeehaus kann es ganz schön zur Sache gehen – und Herr Karl war auch ein ganz besonderes Kerlchen!

Auch die Bloodsucking Zombies From Outer Space haben sich bereits in diese Gefilde gewagt – seht ihr diese oft schon totgeglaubte urösterreichische Musik wieder zur Popularität reifen?

Gerade im Underground erfreuen sich meines Erachtens Texte im österreichischen Dialekt als Abwechslung zum dominierenden Englischsprachigem doch großer Beliebtheit. Immer wieder trauen sich Künstler über Dialektlyrik, egal ob Schrammelmusik, Austropop, Blues, Hip-Hop, Reggae, Metal, Punk usw. Ob harte Gitarrenmusik als urösterreichische Musik durchgeht, weiß ich nicht so recht und ob dadurch das Wienerlied einen Aufschwung erlebt, ist schwer zu sagen. Ich persönlich mag den schwarzen Humor und die Ironie, die das Wienerlied so einzigartig machen. Vielleicht bekommt man ja durch die Verbindung von moderner und uriger Musik einen Gusto auf das Original.

Unlängst starb mit Sigi Maron der heimische Pate der Protestlieder – hattet ihr auch zu ihm einen besonderen Zugang? War er gar eine Inspiration für euch?

Er hat sich auf jeden Fall unseren vollen Respekt verdient, die Leute sollten sich seine Werke viel mehr zu Herzen nehmen. Inspiration wäre dann aber doch ein bisschen übertrieben, obwohl er die künstlerische Seele gekonnt „anzustacheln“ wusste. Mein persönlicher, besonderer Zugang zu Maron ist, dass er, wie auch ich, in Krems an der Donau aufgewachsen ist – nur eben ein paar Jahre vor meiner Zeit.

Was hat es eigentlich mit dem abschließenden „13A“ auf sich, wo ihr ganz offensichtlich eine bekannte Wiener Buslinie besingt? Erklärt doch mal die Hintergründe dazu …

Bis vor ein paar Jahren befand sich das Ewïg Frost HQ auf der Wiedner Hauptstraße in der Nähe der Johann-Strauß-Gasse. Dort wohnte auch die ganze Band, da waren wilde Partys eigentlich schon vorprogrammiert. Nicht nur zu Hause, sondern u.a. auch im 6. und 7. Bezirk, vor allem aber bei einem sehr guten Freund, im Fachjargon auch „Freiherr Von Jacobs“, Cäptain Jäck oder Jake genannt, der sein fürstliches Piratenschiff nahe der Station Burggasse/Zieglergasse parkte. Weil die Donau doch ein gutes Stück entfernt fließt, sorgte der Freiherr für das nötige „Nass“ – und vielleicht auch ein bisschen mehr. Wer den Fluten nicht standhalten konnte, rettete sich in die heimische Buslinie 13A.

Welches Gefühl soll den Hörer durchströmen, wenn er sich „No Dïce“ zu Gemüte führt? Was wollt ihr bei den Menschen mit eurer Musik auslösen?

Das kommt sicher auf die Situation an – ob man mit einem Bier in der Hand abfeiert und die Scheibe nebenbei genießt, oder in die Tiefen der Songs eintaucht und sich die Texte zu Gemüte führt, will ich niemanden vorweg nehmen.

Ihr wart seit jeher immer sehr linkspolitisch angehaucht, habt auch eindeutige Anti-Nazi-Songs komponiert. Bei diesem Album schien diese Thematik in den Hintergrund geraten zu sein. Hat das einen bestimmten Grund? Habt ihr schon alles gesagt, was ihr dazu sagen wolltet?

Der Anti-Nazi-Track war seinerzeit ein wichtiges Statement gegen die NSBM-Welle der frühen 2000er. Meine Texte sind meist kritisch, jedoch versuche ich mittlerweile, Anti-Haltungen zu vermeiden. Ich will die Menschen zum Nachdenken anregen, ohne Hass zu schüren. Außerdem traue ich unserem Publikum eigenständiges Denken zu, ohne dass wir ihm sagen müssen, was richtig oder falsch ist. Natürlich haben wir sowohl als Band als auch privat einen klaren politischen Standpunkt, für den wir jederzeit einstehen.

Am 16. September spielt ihr im Wiener dasBach eure offizielle CD-Release-Show. Worauf darf man sich da gefasst machen?

Grundsätzlich kann man sich auf eine fette Party mit Deathstorm aus Graz, die im Mai über High Roller Records ihr neues Album veröffentlichten und damit endlich auch nach Wien kommen, einem Special Guest, der bald bekanntgegeben wird, und natürlich Ewïg Frost, freuen. Die Riesenauswahl an Ewïg Frost-Merchandise wird hoffentlich jede Kaufwut besänftigen und falls das noch nicht reicht, werden Sammler am Recordstand von The Doc’s Dungeons auf ihre Kosten kommen. DJ Shellraiser (Shellrazor Records) sorgt auf der Aftershowparty für den nötigen Tinnitus, mit dem man auch am nächsten Tag noch Freude hat.

In Österreich gibt es derzeit eine sehr florierende und erfolgreiche Popszene – wie sieht es denn da im Metal-/Punkbereich aus? Wie würdest du das kategorisieren und wie ist der Zusammenhalt innerhalb der Szene?

Metal und Punk lassen sich wohl kaum mit Pop vergleichen, aber Szenen sind durchaus vorhanden, jedoch eher im Untergrund. Die österreichischen Plattformen für Musik (Radio, Fernsehen, usw.) sind einfach nicht auf härtere Genres ausgelegt, wie beispielsweise in Norwegen. Deswegen ist persönliches Engagement der Musiker, Szenen aufzubauen und am Leben zu erhalten, extrem wichtig, wenn nicht sogar für viele die einzige Möglichkeit sich auszutauschen und Fangemeinden zu vernetzen. Meistens bestehen die Szenen aus kleineren Gruppierungen (Bands & Musiker, Mini-Labels & Zines, Bars & Venues, Konzertveranstalter, usw.), innerhalb derer oft reges Kommen und Gehen herrscht, was die Situation zusätzlich erschwert. Auffällig ist, dass die größeren Booking-Agenturen und Labels in Österreich dem Underground wenig bis gar keine Aufmerksamkeit schenken, sich stattdessen lieber mit altbewährten Namen in Sicherheit wiegen und den heimischen Markt dadurch nahezu erdrücken.

Welche Ziele verfolgt ihr mit Ewïg Frost über kurz oder lang? Wie weit können Ewïg Frost kommen und gibt es einen bestimmten, besonderen Wunsch, den ihr euch gerne erfüllen würdet?

Wir wollen coole Gigs spielen, dabei Spaß haben, unsere musikalischen Rechte und die Rechte an unserem Merchandise behalten und natürlich die Weltherrschaft an uns reißen – ganz klar!

 

ewigfrost“No Dïce” ist im August erschienen und ist direkt bei der Band erhältlich. Am 16. September spielen Ewïg Frost ihre Release-Show im Wiener dasBach, außerdem spielen Niitro, Fuel und Doom auch am 30. im Linzer Kapu (ebenfalls gemeinsam mit Deathstorm und einem weiteren Support-Act), sowie am 8. Oktober am Never Too Old To Pogo Festival.

 

 

 

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