Exklusiv nur hier und online: Peter Klien geht offline!

Spätestens seit Christian Morgenstern die Tagtigall, das Nasobem und die Gänseschmalzblume erfand, dürften auch die letzten Zweifler davon überzeugt sein, dass papierne Schöpfungen mitunter eine stärkere Wirklichkeit haben als die schnöde Realität. Sie heben uns vielleicht nicht in die Erhabenheit, wie in alten Zeiten, aber in eine Mimikry unseres Lebens, wo Klang, Ton, Rhythmus, Fluss und Bruch eine Narretei mit uns treiben. Dennoch glaubt Peter Klien, Bytes seien das neue Papier.

 

Lieber Peter, du bist unter anderem als Autor für die ORF Late-Night-Show Willkommen Österreich am Werken. Wie darf man sich da eine „Redaktionssitzung“, den Arbeitsprozess vorstellen?

Peter Klien: Die Autoren treffen sich einmal in der Woche mit der Redaktionsleitung und gehen gemeinsam mögliche Themen durch. Je nach Wichtigkeit, aber auch Spritzigkeit der Themen in der Diskussion werden einige „zentrale“ und einige „freie“ Themen festgelegt. Der Redaktionsleiter verschickt anschließend ein Dokument, wo alle Ergebnisse der Sitzung zusammengefasst sind. Dieses dient als Unterlage fürs eigentliche Gagschreiben. Dazu tauchen die Autoren dann kollektiv, aber getrennt ins einsame Dunkel der Inspiration (lacht).

 

Kommt’s da schon mal vor, dass die Herren Stermann und Grissemann zu dir kommen und sagen: „Lieber Peter, saugut das, aber das können wir einfach nicht bringen!“?

Peter: Eher umgekehrt. Sie sagen: „Lieber Peter, sauschlecht das, aber das müssen wir bringen.“ (lacht) In Wirklichkeit sprechen wir sehr wenig über einzelne Pointen. Die beiden bekommen von der Redaktion alle Gags aller Autoren anonymisiert und nach Themen geordnet – was für sie die beste Arbeitsunterlage darstellt.

 

Du bist, so heißt es nicht gänzlich zu Unrecht, der erste und einzige Jungkabarettist mit grauen Haaren. Immerhin, noch Haare! Welcher Teufel hat dich geritten, so spät (erst) auf die Kleinkunstbühne zu klettern?

Peter: Ich bin ein Mäandertaler. Alles braucht eben ein bisschen länger. Ich habe immer schon witzige Texte geschrieben (Glossen, Artikel, Beiträge für Festschriften etc.), kleine Kabarett-Aufführungen organisiert u.ä. Ich habe auch eine Schaupielschule besucht und einige Jahre lang Theater gespielt und habe lange vom Kabarett geträumt. Aber erst der Gewinn des Kabarett-Wettbewerbs Goldener Neulingsnagel im Jahr 2009 hat den endgültigen Startschuss zu wirklich „ernsthafter“ Arbeit gegeben.

 

In den Jahren 07 und 08 verfasstest du auch sprachlich-gedankliche Kleinodien, gewissermaßen Bonmots, für deinen Satireblog Gedankenzüge im Kopfbahnhof. Nicht viel anders sind deine bisherigen Programme geraten, allesamt kurzweilig und alltagstauglich. Welche Erwartungshaltung muss ein geneigter Besucher zu dir mitbringen?

Peter: Bewegungsdrang für Zwerchfell und für Hirn.

 

 

Wortverspieltheiten und Doppelbödigkeiten sind – in einer reduzierteren Willy-Astor-Variante – Epizentrum deines humoristischen Wirkens. Wie unterscheidet sich der österreichische Humor allein schon durch die Sprache vom Humor der deutschen Nachbarn?

Peter: Ich habe in den letzten Jahren vielen deutschen Kollegen zugesehen, auch viele deutsche Kollegen kennen gelernt und bin zu dem Schluss gekommen, dass mir die Grenze zwischen österreichischem und deutschem Kabarett weniger wichtig ist als jene zwischen gutem und schlechtem Kabarett – die natürlich in letzter Konsequenz Geschmackssache ist.

Trotzdem: Es gibt selbstverständlich einen österreichischen Lokalkolorit in Sprache und Themen. Und der ist mir wichtig – auch auf der Bühne. Kabarett ist ja immer auch humoristische Heimatpflege. Aber das macht es auch nötig, vor Auftritten in Deutschland die eigenen Texte aufmerksam zu durchforsten, um Sprache und Inhalte anzupassen. Was sehr lehrreich ist …

 

Und weiter: Was unterscheidet deutschsprachigen Humor im internationalen Vergleich? „Gehen“ die Monty Pythons auch auf Deutsch?

Peter: Nachdem ich mit Blick auf die Mentalitäten der Ansicht bin, dass Völker verschiedene Arten des Denkens, Fühlens und Witzemachens haben, glaube ich nicht, dass alles in jeder Sprache „geht“. Umgekehrt sind die Grenzen fließend und etwas „geht“ eben genau so lange nicht, bis es halt doch einmal jemand einfach macht. Was ich weiß: Ich habe schon auf Englisch gespielt, mit eigenen Texten, und habe da schon gemerkt, dass in einer anderen Sprache die Witze (wie das Denken insgesamt) sich anders bilden. Ich habe mich dann auch als der, der draußen auf der Bühne steht, ein bisschen als ein Anderer gefühlt als wenn ich auf Deutsch spiele. Eigentlich eine aufregende Erfahrung!

 

Bleiben wir – wenn wir schon mal „draußen“ sind – auch gleich im Ausland: In „Mehr Wirbel als Säule“ wandertest du auf die Akropolis, und nun, in deinem neuen Programm „Offline“ sind die Griechen sicherheitshalber ausgestorben. Was hebt für dich ihre Hochkultur von jenen der anderen, der Römer, Babylonier, der Inkas, Mayas, Azteken, Sumerer, der Ägypter und so weiter ab?

Peter: Die Griechen haben zu einem einzigartigen Zeitpunkt auf einzigartige Weise die Einflüsse der früheren, ihnen „benachbarten“ Hochkulturen (Mesopotamien, Phönizien, Ägypten) übernommen und aus eigenem Antrieb heraus in eine neue Hochkultur verwandelt, die zur Grundlage für die großen Reiche nach Alexander dem Großen und die römische Kultur geworden sind. Über die Römer ebenso wie über das antike Erbe des Christentums ist die Kultur der Griechen anschließend vor allem in Europa zur Grundlage des geistigen Lebens eines Kontinents geworden – neben dem genuin christlichen Erbe. Und um die Frage zur Gänze zu beantworten: Über zum Beispiel die frühen amerikanischen Hochkulturen weiß ich viel zu wenig Bescheid, um hier sinnvoll urteilen zu können. Aber das hier ist auch keine Vorlesung, sondern wir reden übers Kabarett, richtig? (lacht)

 

Richtig. Bleiben wir aber trotzdem noch kurz bei den Griechen. Einst blühende Hochkultur, heute … nun, immerhin noch so wertvoll, dass eine österreichische Partei am (geistig) leeren rechten, rechten Platz sitzend sie in ihr Parteiprogramm einbaut und wir ab und an gern dorthin Essen gehen. Was ist da im Laufe der Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte von Homer bis heute schief gelaufen?

Peter: Gegenfrage: Was ist im Lauf der Jahrhunderte von Maria Theresia bis heute schief gelaufen? Beides traue ich mich in vollem Umfang nicht zu beurteilen. Aber es ist klar, dass die Geschichte Zyklen mit sich bringt. Die USA werden auch nicht immer eine Weltmacht bleiben. Und andere einstige Größen müssen sich ebenfalls mit schmaler Gegenwart begnügen. Rom war vor einigen Jahrhunderten für seine ausgezeichnete Organisation berühmt. Und Österreich war im Fußball einmal bei der Weltspitze!

 

Wie siehst du eigentlich die Entwicklung der deutschen Sprache von einem „Kultur“gut, hin zu einem „Oida, ur“-Gut?

Peter: Sprache lebt und muss sich verändern. Ich werde nicht in die Klage über den Niedergang der deutschen Sprache einstimmen. Was mir allerdings schon ein bisschen weh tut, ist, wenn ich im Internet auf Rechtschreibung, Satzbau und Wortwahl stoße, die mich zur Annahme verleiten, dass eine reizvolle Ausdifferenzierung von Denkinhalten oder Gemütsbewegungen mit den hier angedeuteten sprachlichen Mitteln nicht zufrieden stellend wird bewerkstelligt werden können. Leider ist das gar nicht so selten …

 

Bleiben wir doch gleich bei „U“ und „E“, bei „Comedy“ und „Kabarett“! Macht Anspruch eine Sache gleich ernst, ist Unterhaltung niveaulos?

Peter: Gute Frage. Viele Kabarettisten und viele Leute im Publikum sehen das wohl so. Mein Ziel ist dennoch, beides zu verbinden – locker, trotzdem konzentriert.

 

Hast du eigentlich einzelne ur-wienerische Lieblingswörter?

Peter: Klingt lächerlich, aber ich sage tatsächlich und relativ häufig: „leiwand“. Ist ein leiwandes Wort!

 

 

In deinem neuen Programm Offline geht’s aber nicht nur um die toten Griechen, sondern auch um die toten Bücher: Das gedruckte Wort, suggerierst du, stirbt aus. Liest du noch haptisch, oder der Einfachheit halber auch schon digital?

Peter: Ich lese wahnsinnig viel digital, weil ich sehr viel Zeit mit Computer, Laptop, Smartphone und so weiter verbringe: Zeitungen, Mails, Dokumente, Wikipedia etc. Und ich schreibe „natürlich“ auch alle meine Texte am Computer. Große „Leseeinheiten“ wie lange Artikel oder ganze Bücher lese ich aber trotzdem lieber analog – auch als stromlose Abwechslung für den Körper.

 

„Papier ist geduldig“ – ist das Internetz noch viel geduldiger? Oder anders: Von der Oralität über das Schrifttum und Buchdruck hin zum Yobibyte. Logisch oder gefährlich – oder gar gut, sterben somit immerhin weniger Bäumchen!

Peter: Alle Kulturbrüche gehen immer mit Warnung und Kritik einher. Platon erzählt einen Mythos, in dem erklärt wird, dass die Schrift zwar als Hilfsmittel für das Gedächtnis erfunden wurde, in Wahrheit aber eines für das Vergessen sei – weil sich niemand mehr die Mühe mache, etwas auswendig zu lernen („by heart“, wie der Engländer sagt). Das stimmt natürlich. Aber sollen wir deshalb aufhören zu schreiben? Es gibt kein Zurück. Jedes neue Medium ist beides zugleich: logisch und gefährlich. Wir müssen heute halt schauen, dass wir auch immer wieder „offline“ gehen – und ich meine nicht nur das Kabarett-Programm (lacht).

 

Aber wohl auch dieses! Dem Sterben des Papieres möchtest du dennoch entgegenwirken und endlich „dein Buch fertig schreiben“. Wie gehst du mit Schreibblockaden um?

Peter: Weiterschreiben. Ausprobieren. Verwerfen. Das spielerische Element muss bleiben. Reden. Ganz was Anderes tun. Leute treffen. Gott sein Dank habe ich aber eher selten Schreibblockaden. Wenn man nicht alles schafft, macht man zuerst halt nur ein bisschen. Der Rest ergibt sich.

 

Ein Dozent lehrte mir: „Schreiben Sie ausschließlich betrunken. Nur lektoriert wird nüchtern.“ – welche Tipps, die vielleicht etwas weniger „Minibar“, mehr „Leber“ lassen, hast du auf Lager?

Peter: Ich glaube sehr daran, dass Regelmäßigkeit, eine grundsätzliche Freude am Tun natürlich vorausgesetzt, zum Erfolg führen. Wer jeden Tag oder auch nur einmal in der Woche etwas schreibt und das konsequent tut, dem werden die Ideen nicht ausgehen. Daneben brauche ich für die Sachen, die ich derzeit schreibe, nur zwei Dinge: Ruhe und das Internet.

 

„Albernheit verhindert den Ernst der Lage.“ Darf, ja: sollte man tatsächlich wirklich alles mit einem Lächeln im Gesicht betrachten, über alles witzeln? Ist Humor, „wenn man trotzdem lacht?“

Peter: Unbedingt. Humor kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Feuchtigkeit; das Wort Humus hängt damit zusammen. Humor ist also, wenn nicht das Salz der Erde, so der Dampf des Denkens – also jene Kraft, die die Gedanken geschmeidig hält. Das Wort „Witz“ bedeutet im Sinne von „gewitzt“, dass jemand gute und unkonventionelle Ideen hat; „Wissen“ hat damit zu tun. Also ja: Bitte immer und alles auch mit Humor betrachten. Humor ist ein Filter, der einen nichts zu ernst nehmen lässt. Es ist schon so: Oft entbehren auch die größten Tragödien nicht einer gewissen Lächerlichkeit. Nichts Ernstes, das nicht auch komisch wäre. Und umgekehrt. Drum: Nur wer lachen kann, erfasst den Ernst der Lage!

 

Welche „Aufgabe“ hat also die Kleinkunst im Lauf der Menschheitsgeschichte?

Peter: Mit kleinen Mitteln Kunst zu machen. Wenige Leute auf der Bühne (manchmal leider auch im Publikum), wenig Kostüm, wenig Bühnenbild. Sogar wenig Bühne. Aber Kunst.

 

Als seine Aufgabe sieht die Ich-Figur in Offline – also du auf der Bühne – festzuhalten, wie das Leben auf der Erde heute abläuft. Kannst du uns das exakt in der Twitter-Zeichenzahl „140“ schmackhaft machen, damit unsere Leser nicht nur den „Sinn des Lebens“ sehen, sondern auch die Sinnhaftigkeit darin sehen, zu dir ins Kabarett zu kommen?

Peter: Die Gegenwart ist “online”. Und die Zukunft “offline”. Oder war es die Vergangenheit? Ein Kabarettprogramm klärt alle ungestellten Fragen…

 

Premiere ist am 17. Jänner im Niedermair. Geburtsstunde und „Lieblingsbude“ zahlreicher heimischer Kabarettisten, so zu hören unter anderem auch in Josef Haders Privat. In welche Häuser, zu welchen Kabarettisten bist du früher regelmäßig gepilgert, haben dich Lachen gemacht?

Peter: Eh die Wiener Klassiker: Niedermair, Kulisse, Vindobona und Spektakel. Später auch das Theater am Alsergrund, als die echten Kabarett-Neulinge mehr und mehr dort zu finden waren. Und Kabarettisten: Hader, Vitasek, Dorfer, Düringer, Resetarits, Gunkl, Stermann & Grissemann usw. Keine großen Überraschungen!

 

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