Wir wollten Popstars werden

Ein Vierteljahrhundert hip-hoppen sie sich bereits durch die Charts! Zum Jubiläum haben Die Fantastischen Vier das Album „Rekord“ veröffentlicht und stürmen mit jugendlichem Elan die Konzertbühnen.Warum Thomas D. seinen Namen in Leuchtbuchstaben sah, And Y. nichts von “Richtigmachern” hält und Gitarren nicht auf Bäumen wachsen, erfährt !ticket in einem äußerst spaßigen und kurzweiligen Interview.

Spätestens seit ihrem zweiten Album und der Singleauskopplung „Die da!?“ sind die vier Stuttgarter Jungs nicht mehr vom poppigen Hip-Hop-Olymp wegzudenken. Natürlich sind sie älter geworden,  das ein oder andere graue Haar zeigt sich, es wurden Familien gegründet, man wurde sesshaft. Dennoch sind sie jugendlich, spritzig und vor allem witzig wie eh und je.

Was war vor 25 Jahren, wie waren eure Anfänge? Habt ihr euch damals gedacht, dass euer Leben in 25 Jahren so aussehen würde wie jetzt?

Thomas D: Absolutely!

And. Y: Nein!

Thomas D: Was? Du nicht? Ach, natürlich! Wir dachten, dass wir das schon viel früher erreichen. Ich dachte ja, wir wären schon nach zwei Jahren da, wo wir jetzt sind (lacht). Nein, nur Spaß …

And. Y: Es ist einfach meine Beschränktheit, die mich nicht daran glauben ließ …

Thomas D: Also, wir wollten schon Popstars werden. Popstar war damals noch ein ehrbarer Beruf, das war noch vor den ganzen Casting-Shows.

And. Y: Man kann es auch harmloser sagen: Es zog uns auf die Bühne. Auch kleine Bühnen waren ein Ziel, natürlich waren große Bühnen das Ideal und toll und das zog uns auch. Und, wie soll man sagen? Die Fantastischen Vier sind sehr ehrliche Popstars geworden.

Thomas D: Wir hatten auf jeden Fall den Wunsch, da ganz nach oben zu gehen. Als wir dann kurze Zeit später zum ersten Mal durch die Decke gingen, hat sich das ganz anders angefühlt, als man sich das erträumt hätte. Die Träume sind natürlich ideal, da stimmt alles. Die Realität ist halt so, wie wir sie alle kennen. Da stimmt halt nix, oder zumindest manchmal ist es nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Aber, wir kannten kein „aber“. Wir kannten nicht so ein „Was ist denn, wenn es nicht klappt?“ oder „Hey lass mal lieber noch nebenher arbeiten.“.

And. Y: Ganz kurze persönliche Frage Thomas: Hast du dir wirklich vorgestellt Popstar zu werden? Für mich war das nicht so scharf, das war nur die Marschrichtung, im Sinne von: Da geht es lang, das müssen wir machen.

Thomas D: Für mich war das schon so, wir werden Superstars.

And. Y: Du sahst deinen Namen in Leuchtbuchstaben …

Thomas D: Ja Mann, ja! Mit dem 5.000 Mark Vorschuss unseres Verlags damals war für mich schon klar: Alter, wir haben es geschafft! Ich bin mit dem Bär (Anm.: Andreas „Bär“ Läsker, Manager der Fantastischen Vier) damals da raus gelaufen, als der Mann von der EMI gesagt hat: „Ja, wir finden das ganz interessant, wir geben euch mal ein bisschen Geld, dann könnt ihr eine richtige Demo produzieren und damit versuchen wie einen Plattenvertrag.“, und ich habe gesagt: „Bär, wir haben es geschafft! Ich sehe meinen Namen in Leuchtbuchstaben auf jedem Haus: THOMAS D!“ Ich war als Frontman schon immer ein wenig extrovertierter oder wahnsinniger als And. Y, der natürlich als Produzent die Fäden im Hintergrund zusammenhält und immer schon gewusst hat, dass man die Spinner da draußen mal träumen lassen soll und gleichzeitig gekuckt hat, dass das alles ein bisschen Substanz hat.

And. Y: Man musste es ja auch realisieren. Aber, es ist lustig, für mich war das nicht der konkrete Traum Popstar zu sein. Natürlich, alles, was da so diffus mitschwimmt, Ruhm, Sex und Geld, natürlich hat mich das angezogen, es wäre gelogen zu sagen, das hätte ich nicht gewollt. Es war einfach keine konkrete Vorstellung, sondern nur eine Richtung und ich wollte, dass unsere Musik von vielen Leuten gehört wird, dass sie verstanden wird, dass sie also von vielen gehört werden kann. Das ist das, was mich antreibt und weswegen ich mich dann mit Fug und Recht als Popmusiker bezeichne. Das ist das, was Popmusik ausmacht, Musik, die verstanden werden kann, von sehr vielen Leuten und nicht nur von spezifischen Spezialisten.

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War es eine bewusste Entscheidung Hip-Hop zu machen, oder konntet ihr es einfach am besten?

And. Y: Bei mir war es aus einer Begeisterung für die Hip-Hop-Musik der Achtziger heraus. Das war meine Teenie-Musik, woraus ich auch meine eigene Identität daraus bezogen habe. Ich habe auch noch andere Musik gehört, aber Hip-Hop fand ich am heißesten und Beats waren für mich das krassest mögliche. Am Anfang waren es ja wirklich nur Beats und Rap, eine minimalere, kraftvollere Musik, hab ich bis dahin noch nicht erlebt. Das hat mich magisch angezogen und war total prägend für mich, deshalb wollte ich das auch machen, das war total klar. Ich würde nicht sagen, dass Die Fantastischen Vier eine reinrassige Hip-Hop-Band sind, aber zu großen Teilen auf jeden Fall darauf basieren.

Thomas D: Am Anfang hat man schon dem amerikanischen Vorbild ein bisschen nachgeeifert. Was da kam war geil, das wollten wir auch machen. Sehr früh kam zum Glück auch sprachlich schon die Selbstfindung. Wenn man das auf Amerikanisch gemacht hätte, hätte das ja nichts gebracht, das ist ja nicht unsere Sprache, da hätte man wirklich nur etwas nachgemacht. Und nachdem wir uns für unsere Sprache entschieden haben, wollten wir natürlich auch musikalisch unsere eigenen Wege gehen, z.B. Hörspielplatten zu scratchen, sprich deutschsprachige Scratches zu machen, also das Prinzip von Hip-Hop zu verwenden, aber mit eigenen Inhalten zu füllen. Das ist Teil eines Rauswachsens aus dem Fan-Musik-Machen, also Nachahmen, hin zu dem Selber-Übernehmen und selbst natürlich die Essenz von dem, was du wirklich geil findest zu behalten, aber den Rest … das, das die Deutschen auch sehr gerne hatten damals, was Hip-Hop angeht: „Du musst scratchen, du musst beatboxen, du musst sprayen, du musst breakdancen!“ … das muss man alles machen, weil das ist der Hip-Hop-Fünfkampf. Ja, super! Schreib doch deine Doktorarbeit drüber. Das hat doch nichts mehr damit zu tun. Die Anarchie, die es im Hip-Hop gibt … genau das, wir nehmen ein Mikrofon, ich kann zwar nicht singen, aber ich stehe auf der Party und erzähle den Leuten, dass es hier abgeht und wir zusammen was machen. Wie der MC entstanden ist, Platte auflegen, Platte anhalten und hin und her drehen, das Scratchen ist ja etwas Anarchisches, das gleiche, das Jimmi Hendrix mit der Gitarre gemacht hat, als man sich gedacht hat: „Klassisch Gitarre spielt man ja anders!“. Klassisch Platten auflegen tut man auch anders. Da entsteht einfach etwas Neues. Und dann fällt der Hip-Hop auf einmal wieder in dieses Dogma und das behindert dann natürlich auch eine Weiterentwicklung.

And. Y: Es ist wirklich unglaublich, dass in Deutschland die undergroundigsten Bands haben so genau gewusst, wie man richtigen Hip-Hop macht, das war ein deutsches Phänomen, unglaublich lächerlich.

Thomas D: Davon haben wir uns dann auch ein bisschen separiert.

And. Y: Für mich war Hip-Hop eben das blanke Gegenteil von diesem Dogmatischen. Hip-Hop Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, das war so schnell in Bewegung, auch musikalisch inhaltlich, da kamen dann Loop-Samples rein, es hat sich sehr verändert. Ich habe es so empfunden, dass musikalisch alles erlaubt ist, Hauptsache es sind geile Beats drin. Ob das ein Bluessample oder ein Rocksample ist, diese Experimente waren alle willkommen. Der amerikanische Hip-Hop hat das auch in einem rasanten Tempo vorgelegt. Ich glaube, da kamen die „Richtigmacher“ aus Deutschland einfach gar nicht hinter her.

Wie haltet ihr euch eigentlich fit?

Thomas D: Lustig ist, wenn wir zum Beispiel proben für eine Tour, da liegen wir teilweise auf der Bühne … jaaa, ich rap mal hier so im Liegen, weil es grade noch geht. Da proben wir auch manchmal acht Stunden, das ist klar. Aber wenn wir ein Konzert spielen, da kannst du nicht einfach so rumstehen. Die Leute gehen ab, du musst selbst abgehen, du wirst da mitgerissen und willst dem natürlich auch noch eines drauf setzen. Dementsprechend lassen wir uns da nicht lumpen, das ist eine Energie, der kannst du dich nicht entziehen. Da gibst du einfach alles, immer.

Habt ihr schon überlegt zum Jubiläum ein 25 Stunden Konzert zu geben?

Thomas D: Tatsächlich haben wir das überlegt! Smudo hat das sehr stark vertreten … wir haben uns schon gedacht ob wir 25 25-Minuten-Konzerte geben, immer vor 25 Leuten in einem Raum mit 25 Quadratmetern … Gott sei Dank haben wir das abgewählt! Wir haben uns dann noch überlegt ein langes Konzert zu geben und dass nach 25 Minuten einfach eine Stoppuhr abläuft und alle Leute raus müssen und die nächsten 25 rein.

Wie macht ihr das dann beim 50-jährigen Jubiläum?

Thomas D: Da haben wir dann ja Rollstühle und Lungenautomaten auf der Bühne.

Ihr werdet aber nie müde weiter zu machen?

Thomas D: Fertig sind wir noch lange nicht! Wir haben lange gedacht, wir wären fertig, bis wir dann fertig damit waren, zu denken, wir wären fertig. Wir haben jetzt eingesehen, dass es das nicht gibt, zumindest nicht in absehbarer Zeit.

Ihr habt ja zu einer Zeit angefangen Musik zu machen, als der technologische Fortschritt im musikalischen Bereich noch nicht so weit war (Stichwort Apps, Laptop …).

And. Y: Eigentlich ist es ein Trugschluss. Es sind manche Sachen möglich, die es früher nicht waren. Auch unsere Arbeitsweise profitiert sehr von den neuen Technologien, dass wir z.B. Tracks oder auch ganze Mehrspurproduktionen einfach hin und her schicken können zwischen Berlin und Stuttgart. Das ist unglaublich super, das ermöglicht uns unsere dezentrale Produktionsweise, die wir mittlerweile haben. Aber von den grundsätzlichen Dingen ist es nicht einfacher geworden einen Song zu machen, nur weil der Sequenzer 250 Spuren aufnehmen kann im Vergleich zu einem 16-Spur-Tonbandgerät. Es geht nicht um die Quantität der Möglichkeiten. Manches ist einfacher, aber das Musikmachen selbst hängt nicht nur am Instrumentarium.

Thomas D: Eine App macht dir keinen Hit. Klar kannst du auf einer App vielleicht einfacher mal Beats machen, aber das heißt nicht, dass diese Beats besser sind. Es kommt ja dennoch immer auf den Künstler an, was der im Kopf hat und dabei rausholt. Also wir angefangen haben, hieß es von klassischen Musikern ja auch: „Die machen ja gar keine echte Musik. Das ist ja mit dem Computer gemacht.“ Als könnte man einfach sagen: „Computer, mach mir einen Hit!“ Dann rechnet der so ein bisschen und dann ist der Hit fertig. Ne, ne, ne! Der Hit ist in deinem Kopf und den musst du umsetzen, egal ob mit Gitarre, mit Rechner, mit App, mit irgendwas. Der entsteht nicht in der Maschine, sondern du bringst den aus dir raus, aus deinem Kopf, deinem Herz, aus der Seele.

And. Y: Genau, das ist die eigentliche Ebene des Musikmachens, der Rest ist echt egal. Wenn es nichts anderes gibt als einen Plastik-Eimer, dann trau ich mir auch zu, dass ich dazu in der Lage bin, auf diesem Eimer den bestmöglichen Beat, der irgendwie abgeht, zu trommeln. Und wir werden Spaß haben, selbst mit dem Plastikeimer. Das ist eine Frage des Willens und des Moments. Diese ganze Elektronikdiskussion, die haben wir ja wirklich ausführlich drüber gebraten bekommen und Kraftwerk hat einmal in einem ihrer wenigen Interviews was wirklich Tolles gesagt: „Die Gitarre wächst auch nicht auf dem Baum.“ Das sagt eigentlich alles.

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