Feministen der Zukunft – CocoRosie

Die kontroversiellen US-amerikanischen Geschwister Bianca und Sierra Cassidy präsentieren ihr neues Album Tales of a Grass Widow. In einem tiefgehenden Gespräch mit TICKET erzählen sie über ihr Engagement in Umweltschutz und Feminismus und ihre Kindheit auf der Straße.

Es gibt Themen auf eurem Album Tales of a Grass Widow, die sich viele andere Künstler nicht zutrauen würden, wie Kindesmisshandlung. Woher nehmt ihr das Selbstbewusstsein, solche Themen anzuschneiden?

Sierra Cassidy: Das hängt damit zusammen, wo wir herkommen. Es gibt da ein Gefühl, als hätten wir nichts zu verlieren. Ich muss diesem Gefühl nachgeben. Ich denke da an unsere Kindheit auf der Straße, als wir die meiste Zeit in einem Auto geschlafen haben und kein Bett hatten. Wir teilten uns ein Auto mit fünf Geschwistern. Es war immer irgendwie emotional. Mein Vater saß ständig am Steuer und wir konnten nicht alle sitzen – also lagen wir nur dort.

Also kommen diese Themen aus dieser Zeit?

Sierra: Ich weiß nicht, es hängt damit zusammen. Wir hatten nicht viel Platz. Es gab keine individuelle Aufmerksamkeit. Also musste ich etwas aus meiner Vorstellungskraft erschaffen, das mich als Individuum erzog. Ich habe das Gefühl, nichts verlieren zu haben. Ich weiß nicht, ob es etwas damit zu tun hat oder mit dem Zustand unserer Welt.

Bianca Cassidy: Man kann das damit verbinden, dass wir die Erde unweigerlich verlieren und zerstören werden, deshalb haben wir nichts zu verlieren und versuchen, einen radikalen Wechsel zu vollbringen.

Das erinnert mich an euren Song Tears for Animals vom neuen Album, bei dem ihr die Stimme von Mutter Erde auferweckt. Seid ihr auch außerhalb der Musik im Umweltschutz tätig?

Sierra: Wir sind in einer Gruppe: Future Feminists. Das ist zum Teil eine Umweltschutzgruppe. Wir erforschen eine Verbindung zwischen der Art, wie wir Kinder und Frauen behandeln und der Art, wie wir unsere Welt behandeln – dass wir ihre Ressourcen verwenden, ohne sie zu beachten. Das hat eine starke Umweltschutz-Seite.

Was sind die Attribute eines „Future Feminist“?

Bianca: Das behandelt Feminismus als einen transformativen Zustand. Außerdem führt es Femininität und Feminismus zusammen, indem man sagt, dass man die beiden nicht trennen kann.

Sierra: Wenn Bianca „transformativer Zustand“ sagt, folgert daraus eine Einladung. Hier steckt die Idee dahinter, dass jeder Feminist sein kann, Frauen und Männer. Es ist fortschreitend und sehr offen, sich entwickelnd und ein Ort, den wir einfach nur anstreben.

Ist es eurer Meinung nach nötig, Politik und Kunst zu verbinden?

Bianca: Ich habe mir immer gedacht, dass man die beiden nicht trennen kann. Die Kunst, Kunst zu machen, sogar wenn sie sehr persönlich ist – das in sich selbst beinhaltet Politik. Wenn du dich deiner Arbeit hingibst, wird sie zwangsläufig politisch.

Wenn man über euch liest, merkt man, dass euch viele Menschen hassen, auf der anderen Seite jedoch gibt es eine große, liebende und irgendwie fanatische Fangemeinde. Könnt ihr euch das erklären?

Bianca: Ich kann das nicht erklären. Ich kann nur sagen, dass Künstler, die ich mag, dieselbe Erfahrung gemacht haben. Die negativen Reaktionen sind in einer gewissen Weise ein gutes Zeichen. Sie zeigen, dass wir die Menschen herausfordern.

Interview: Gregor Krenker
 
Das Album erscheint am 24. Mai bei City Slang…. 
  

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