Filmmusik

Filmmusik

Während zuvorderst Regisseure und Schauspieler für ihre Leistungen honoriert werden, darf man nicht vergessen: Nicht zuletzt die Filmmusik trägt mit zum Gelingen eines Filmes bei.

schedl_03_hiv_128 (c) Ludwi SchedlMan erinnere sich an die mörderische Duschszene aus Alfred Hitchcocks „Psycho“, untermalt von im Takt quietschenden Geigen. Was wäre Darth Vader ohne seinem „Imperial March“? Vermutlich nur ein Senior mit Raucherlunge. Und auch eine andere Melodie kennt jeder: Sie beginnt mit Streichern, Schicht für Schicht peitschen sie sich empor, bis mächtige Hörner hineinjagen wie Fanfaren vorm Jüngsten Gericht - Richard Wagner gibt in „Apocalypse Now“ den Vietcong-Schreck. Oder auch: der italienische Komponist Ennio Morricone. Er trug mit seiner Musik wesentlich zum Welterfolg der Italo-Western – darunter Kultfilme wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ – bei. Regisseur Sergio Leone bekannte, dass Morricone für ihn mehr ein Drehbuchautor sei als ein Komponist, denn durch die Musik könne er etwas mitteilen, was er sonst hätte aufwändig zeigen müssen. Wir haben uns mit Sandra Tomek, künstlerischer Leiterin der alljährlichen Filmmusik-Gala „Hollywood in Vienna“, über dieses spannende Thema unterhalten.

Gewissermaßen aus dem Nichts haben Sie ab 2007 eine orchestrale Konzertreihe aus dem Boden gestampft, die von Anfang an auf internationalem Niveau rangierte und sich hinter renommierten Award-Verleihungen zu keinem Zeitpunkt verstecken musste. Was hat sich seitdem im Filmmusikstandort Wien getan?

So viel, wie ich anfangs niemals erträumt hätte. Es scheint im Moment, als würden viele Samen, die wir im Laufe der Jahre mit unseren Konzerten und Symposien gesät haben, sprießen. Immer wieder haben wir die Notwendigkeit von flexiblen Orchestern für Filmmusik-Aufnahmen beziehungsweise von Tonstudios für Orchester-Aufnahmen diskutiert und gefordert. Nun gibt es mehrere Orchester dieser Art und mit der Synchron Stage Vienna eines der führenden Tonstudios für Filmmusikaufnahmen – weltweit. Und „Hollywood in Vienna“ bzw. die Max Steiner Award-Preisträger sorgen dafür, dass die „Filmmusikstadt Wien“ in der Branche sehr präsent bleibt.

Kann man die Wertigkeit dessen beziffern? Sprich: Was bringt das uns, dem „Kollektiv“?

Vor 10 Jahren sagte mir noch jeder, dass Filmmusik in Wien kein Thema ist. Jetzt nehmen wir hier Hollywood-Soundtracks auf. Es kommen Aufträge nach Wien, es werden Arbeitsplätze geschaffen und die Musikstadt Wien ist um eine Komponente reicher. Das wird international auch so gesehen, wo unser „Hollywood in Vienna“-Festival und die Synchron Stage Vienna in der Branche immer wieder Thema sind. Insofern haben die Wiener Filmmusikaktivitäten durchaus einen positiven internationalen Marketingeffekt. Es kommen BesucherInnen, Workshop-TeilnehmerInnen sowie KomponistInnen, OrchestratorInnen, FilmregisserInnen- und produzentInnen nach Wien – also steigen wieder die Übernachtungszahlen, etc. Letztlich profitieren wir also alle davon.

Österreich hebt nur zu gern seinen musikalischen Ruf hervor. Wie zeitgemäß ist die internationale Wahrnehmung tatsächlich, oder zehren wir an Annodazumal-Granden wie Mozart, Strauss und Zawinul?

Wien wird noch immer international als die Hauptstadt der Musik angesehen. Es ist kein Zufall, dass unsere Max Steiner Award-Preisträger der Einladung nach Wien folgen, obwohl sie sonst nur selten Einladungen aus dem Ausland annehmen. Wien ist für KomponistInnen immer noch ein magischer Ort. Aber wir sollten uns nicht ewig auf diesen Lorbeeren ausruhen und auch die Gegenwart erkennen. Es gibt auch heute noch viele großartige junge KomponistInnen in Österreich, die keine Möglichkeit erhalten, ihr Talent zu beweisen. Als ich 2009 den Wiener Filmmusikpreis für JungkomponistInnnen erdachte, glaubten manche, dass kaum jemand mitmachen würde, da es die Talente heute nicht gibt. Wir konnten beweisen, dass dies ein Irrtum ist. Es gibt hier auch heute große Talente, auf die man ob der Bewunderung der Geschichte nicht vergessen sollte.

Was lässt gerade Max Steiner zum „Vater der Filmmusik“ gereichen?

Er hat am Beginn der Tonfilm-Ära die wesentlichen Techniken zur Vertonung einen Films erfunden. Man muss sich vorstellen, wie es damals war: Es begann der Tonfilm und man musste erst einmal erdenken, wie man musikalisch damit umgeht. Max Steiner fand heraus, dass man keine Western-Musik braucht, um einen Western zu vertonen. Dass es besser funktionierte, einen neuen Soundtrack zu schreiben, statt einfach bestehende Musik herzunehmen. Und dass es sinnvoll war, für Charaktere eigene Themen zu schreiben (Leitmotiv-Technik). Das ist für uns heute alles selbstverständlich, aber damals …! Auch etablierte Steiner-Techniken, um die Musik synchron zum Film aufzunehmen. Er hat also die Filmmusik-Ära wesentlich geprägt beziehungsweise eingeleitet.

Die Filmmusik geht im Grunde ja auf die Stummfilmzeit zurück, als außerfilmische Geräusche die einzigen Töne waren. Aus welchem Grund begann man eigentlich damit, Filme mit Musik zu hinterlegen?

Beim Stummfilm gab es Klavier-Begleitung – oder Kino-Orchester. Dadurch hat die Film-Vorführung besser funktioniert. Insofern lag es nahe, dass nach Einführung des Tonfilms die Musik auch wieder eine Rolle erhielt, die der Erzählung der Geschichte diente.

Aus welchem Grunde wird eigentlich nach wie vor primär klassische Musik und klassische Instrumentierung für die Filmmusik eingesetzt?

Generell zeigt sich eigentlich eher ein Trend hin zu Filmen mit Soundkulissen. Die Melodie tritt in den Hintergrund – auch die klassische Instrumentierung – zugunsten elektronischer Scores. In den romantischen Epen, Abenteuerfilmen, etc. kommt aber die klassische, orchestrale Filmmusik weiterhin zum Einsatz. Das ist der „Hollywood Sound“, wie wir ihn seit den 30er Jahren kennen und lieben und der einfach ein Erfolgsgarant ist.

Michael Haneke setzt Filmmusik höchst spärlich ein, widerspricht sie seinem „realistischen“ Konzept vom Filmemachen – weil selbige „in der Realität“ auch nicht ständig passiert.

Man sieht bei Haneke und anderen, dass ein Film auch ohne Musik funktionieren kann. Es kommt dabei eben ganz auf den Film an. Aber wenn der junge Forrest Gump läuft und seine Metallstützen plötzlich nicht mehr benötigt, oder wenn E.T. mit dem Fahrrad gen Himmel fliegt, dann geht es ohne Musik gar nicht. Die Musik kann hier Emotionen vermitteln, die das Bild alleine nicht wecken kann.

Wie kommuniziert Musik mit der Handlung?

Es ist eine sinnvolle Ergänzung, zwei Teile, die ein rundes Ganzes ergeben. Sie kommuniziert hier unter anderem mittels Melodie, Harmonie, Dynamik und Rhythmik.

Ein Film lebt von Haupt- und Nebendarstellern, sowie von Komparsen. Gibt es im Klangspektrum auch Hierarchien?

Das kommt ganz auf die jeweilige Komposition an. Manchmal gibt es ein oder mehrere Instrumente, die im Vordergrund stehen und andere, die „begleiten“. Manchmal klingt es, als wären alle Instrumente „ebenbürtig“.

Werden, je nach Filmgenre, unterschiedliche Anforderungen an Filmmusiken gestellt? Oder anders gefragt: Ist Filmmusik bei einer romantischen Komödie unabdingbarer als in einem CGI-Actionspektakel?

Ja, sicherlich gibt es hier unterschiedliche Anforderungen – aber beide, Actionspektakel und romantische Komödie, kommen kaum ohne Musik aus. Beide Genres haben viel mit Emotionen zu tun. Die Action soll uns mitreißen und nervenaufreibend sein – bei der Romanze zum Beispiel wollen wir mit der Geschichte schwelgen, dazu braucht es in der Regel Musik.

Geht ein Komponist im Grunde an einen neuen Pixar-Streifen arbeitstechnisch gleich ran, wie an Star Wars?

Im Grunde schon – der Einsatz von Musik und Ton zeigt im heutigen Animationsfilm kaum noch größere Unterscheidungsmerkmale zur Musik- und Tonverwendung im Realfilm.

Woher kam im frühen Hollywood die Konzentrierung auf emigrierte deutsche, österreichische und russische Komponisten wie eben Steiner, Timkin oder Kaun? Woran mangelte es den Amerikanern?

Es war einfach naheliegend. Mit E.W. Korngold kam zum Beispiel aufgrund seiner erzwungenen Emigration der (zu seiner Zeit) führende Opernkomponist Europas nach L.A. und suchte Arbeit. Max Steiner konnte seine vielfältigen Erfahrungen der Wiener Operettenwelt zunächst am Broadway und später in Hollywood einbringen. Das waren Meister ihres Faches und die Hollywood Studios ergriffen die Gelegenheit, sie für ihre ersten Tonfilme zu engagieren – auch um einen Vorteil gegenüber konkurrierenden Filmstudios zu haben.

Im Oktober soll er in die Kinos kommen: „Inferno“, die neue Dan-Brown-Verfilmung mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Die Filmmusik dazu wurde – wie auch schon zu den Vorgängern „The Da Vinci Code“ und „Angels and Demons“ – von Hans Zimmer geschrieben. Die Aufnahme fand im März statt – in Wien, gemeinsam mit dem Wiener Synchron Stage Orchestra. Zuletzt steuerten etwa auch die Wiener Philharmoniker Teile zum Soundtrack von „Mission: Impossible – Rogue Nation“ bei. Wie viel Österreich steckt heute (neben Christoph Waltz) in Hollywood?

Musikalisch gesehen steckt v.a. der große Einfluss der Vergangenheit in Hollywood. Es war der Wiener Max Steiner, der die Tools zur Vertonung eines Films erfand – und es war der Wiener E.W. Korngold, der den großorchestralen Klang in der Tradition von Richard Strauss und Wagner nach Hollywood brachte und somit zum „Hollywood Sound“ machte. Aber auch heute sind österreichische Komponisten in Hollywood vertreten, z.B. Harald Kloser, der nicht nur als Filmkomponist, sondern in letzter Zeit auch als Filmproduzent agiert (2012, „Independence Day“).

Das diesjährige Thema Ihrer international gerühmten Gala lautet „Sound of Space“ – wie haben Sie in den Sechzigern die Eroberung des Weltalls mitbekommen?

Um ehrlich zu sein: kaum. Außer der Star Trek TV Serie habe ich mich generell nur begrenzt für Science Fiction Filme interessiert. Dafür hole ich das jetzt nach!

„Star Wars“ oder „Stark Trek“ – wer gewinnt bei Ihnen das Stechen?

„Star Trek“ insofern, da es auch einige philosophische Aspekte behandelt. Aber musikalisch gewinnt natürlich John Williams’ „Star Wars“!

Filmmusik Alexandre Desplat

Alexandre Desplat

Was darf man sich von der diesjährigen „Hollywood in Vienna“-Gala erwarten?

Unser diesjähriger Stargast ist Oscar-Preisträger Alexandre Desplat („Harry Potter“, „Twilight“, „The Grand Budapest Hotel“). Er gilt im Moment als Hollywoods gefragtester symphonischer Komponist und wurde mit der Vertonung des neuen „Star Wars“-Spin Offs „Rogue One“ betraut. „Star Wars“ war insofern auch die Inspiration für das diesjährige Thema: „The Sound of Space“. Abgesehen von der Musik von Desplat werden wir auch andere Weltpremieren erleben, zum Beispiel die erste konzertante Aufführung des Themas von „Gravity“ – mit der Original-Sängerin des Films.

Wer trifft die Auswahl der mit dem Max-Steiner-Award zu honorierenden Gäste?

Wir haben eine internationale Jury, die den Preisträger jeweils nach Anzahl und Qualität seiner Werke auswählt. Wir treten dann mit unserer Einladung an ihn heran – und bis dato hat erfreulicherweise jeder zugesagt.

Wie steht es um John Williams, Ihren persönlichen Favoriten?

Ich habe ihn zu allererst gefragt, er reist aber – auch aufgrund seines Alters – sehr ungern außerhalb der USA. Aber: er wollte auch nicht absagen und hat sich die Entscheidung noch aufgehoben. Wir werden sehen …

Seit wenigen Jahren ist es auch en vogue, Filme „live mit orchestraler Begleitung auf großer Leinwand“ aufzuführen, darunter „Herr der Ringe“ und „Harry Potter“. Was halten Sie von solchen Veranstaltungen?

Das hat ein Publikum und insofern seine Berechtigung – ich  ertappe mich aber dabei, eigentlich nur auf die Leinwand zu schauen, als wäre ich im Kino.

Sie arbeiten im Gegensatz dazu mit Film-Ausschnitten zu einem übergreifenden Thema, dieses Jahr eben das Weltall.

Am Beginn steht die Auswahl des Komponisten, den wir ehren. Nachdem dieser festgelegt wurde, überlege ich, für welches Thema er v.a. steht. Bei Alan Silvestri war es die Magie („Magic Moments“), bei James Newton Howard das Übersinnliche („Tales of Mystery“), etc. Der erste Teil des Konzertes wird dann nach dem gewählten Thema gestaltet. So ergibt sich ein rundes Ganzes.

Filmmusik James Newton Howard

James Newton Howard

Letztgenanntem wurde letztes Jahr der Max Steiner-Award verliehen, nun gastiert er demnächst nicht nur mit „dem Besten aus 30 Jahren Hollywood“ erneut in Wien, sondern arbeitet gerade auch am Soundtrack zur „Harry Potter“-Vorgeschichte „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“, die ebenfalls im November in die Kinos kommen soll. Was ist in der Welt des Zauberschülers die Vorgabe und Herausforderung an die Filmmusik?

Ja, das ist lustig. Nach unseren Konzerten sind die Komponisten oftmals so inspiriert, dass sie gerne weiter auf der Konzertbühne stehen beziehungsweise für den Konzertsaal schreiben. Das ehrt uns. Bei den „Phantastischen Tierwesen“ steht natürlich die Freude an der Magie im Vordergrund. Howard hat bis dato zwar noch keinen „Harry Potter“-Film vertont, aber das Thema Magie und Übersinnliches liegt ihm – insofern wird ihm der Score sicher gut gelingen!

Wie wichtig ist bei Filmreihen eine durchgehende Handschrift?

Es gibt Filmreihen wie z.B. „Harry Potter“, wo sich die musikalische Handschrift durchaus ändert. Denn Potter und Co. sind ja nicht ewig Kinder sondern werden erwachsen, und mit ihnen auch das Publikum. Insofern klangen die letzten „Harry Potter“ Soundtracks von Alexandre Desplat auch viel erwachsener und „cooler“, als zuvor. Der „Tonwechsel“ ist nicht so tragend, wie wenn sich ein Hauptdarsteller verabschiedet. Er gibt hier vielmehr der Geschichte eine neue Note beziehungsweise unterstreicht diese. Das kann manchmal besser, manchmal weniger gut funktionieren.

Filmmusik Ennio Morricone

Ennio Morricone

Ennio Morricone ist vor allem aufgrund seiner Beiträge zu Italo-Western in aller Munde – dabei sind nur 30 seiner über 500 Filmmusiken in diesem Genre zu verorten. Wie erklären Sie sich sein genrespezifisches, exemplarisches Geschick?

Ich liebe auch seine Nicht-Italo-Western-Scores wie „The Mission“ – aber der Erfolg einer Filmmusik ist natürlich eng an den Erfolg des Filmes geknüpft. Jeder kennt „Spiel mir das Lied vom Tod“ – es ist ein Kultfilm. Wenn dann das filmmusikalische Thema auch noch prägnant ist, dann wirst du als Komponist immer mit so einem Film assoziiert. Überhaupt war die Zusammenarbeit von Sergio Leone und Morriccone überaus befruchtend. Da fanden sich zwei Künstler, die sich optimal ergänzten – und beide trugen wesentlich zum großen Erfolg der Italo-Western bei.

Morricones Komposition „The Ecstasy of Gold“ eröffnet seit 30 Jahren jedes Konzert der Band Metallica und evoziert hier – aus dem eigentlich intendierten Kontext gerissen – eine ganz besondere, aufgepeitschte Gefühlslage. Was ist das große, immanente Geschick dieses Stückes?

Es ist sehr emotional, sehr kraftvoll und setzt auch die Stimme als Instrument ein. Aber warum sie es jedes mal spielen hat sicher auch mit persönlichen Gründen zu tun. Die Bandmitglieder lieben offenbar den Film und den Song – und er erzielt die Wirkung, die sie anstreben. Also: Why not!

Quentin Tarantino verwendete mehrere Morricone-Titel für eine Vielzahl seiner Filme, „The Hateful Eight“ wurde überhaupt vom Italiener komponiert. Gehen die Handschriften von Regisseuren und Komponisten – wie eben auch bei Morricone und Leone – öfters beinahe naturgegeben Hand in Hand?

Ja! Tim Burton traf mit Danny Elfman auch den optimalen musikalischen Umsetzer seiner Filmwelt. Steven Spielberg hatte John Williams, Bob Zemeckis Alan Silvestri, M. Night Shyamalan James Newton Howard. Wenn zwei große Talente eine gemeinsame Sprache finden ist das ein Glücksfall und führt immer wieder zum Erfolg – und zu langjährigen Kooperationen.

Er ist Regisseur und Komponist gleichermaßen: John Carpenter. Sein Klavier-Thema zu „Halloween“ gilt laut mancher Kritiker als „relativ anspruchslos“ – wird aber dennoch als einer der größten Vorzüge des Films gewertet. Ist manchmal weniger mehr?

Das ist ja oft so – manchmal hat eine simple Melodie mit ein paar Tönen Millionen Hits auf YouTube. Es funktioniert einfach. Es ist nicht unbedingt so, dass die anspruchsvollen Titel das Rennen beim Publikum machen – ist ja bei Pop Songs, Oper, etc. ähnlich.

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John Carpenter

Welche Titelmelodien sind für Sie eigentlich spontan diejenigen, deren imposanten, unikalen Charakter, deren Geschick und Einzigartigkeit man nicht genug rühmen kann – und warum?

Da gibt es etliche, aber unübertroffen sind für mich Titel von John Williams wie „Close Encounters of the Third Kind“. Bei letzterem verwendet John Williams ein 5-Noten Motiv, um mit den Außerirdischen zu kommunizieren. Deren unheimliche Präsenz wird anfangs atonal angedeutet – und schließlich gibt es ein furioses tonales Finale, einfach atemberaubend! Wir werden es dieses Jahr auch bei Hollywood in Vienna spielen und ich freue mich schon darauf!

Hat Ihnen eigentlich schon einmal die Filmmusik einen an sich guten Film als Gesamtwerk zerstört – und andersrum: Hat die Filmmusik auch schon einmal ein mediokres Filmprodukt gerettet?

Ich glaube nicht, dass die Musik einen Film zerstören oder retten kann. Sie kann einen Film vervollständigen, aber wenn der Film schlecht ist, dann hilft auch die beste Musik nichts – und wenn der Film gut ist, dann kann auch eine mittelmäßigere Musik nicht viel anrichten.

Sehen Sie eigentlich Parallelen zwischen Ihrem vormaligen Beruf als Internistin und Ihrer augenscheinlichen Berufung, als Bewahrerin und Förderin von Filmmusik?

Indirekt. Es ist schön, Menschen freudig zu sehen. Ob sie sich nun freuen, dass sie wieder gesund sind – oder dass sie ihrem Lieblingskomponisten begegnen und sie eine Musik bewegt, ist da nebensächlich. Und Musik für ein Konzert zu recherchieren, musikalische Skizzen aufzutreiben und daraus Konzertsuiten erstellen zu lassen – das erinnert mich dann doch ein wenig an meine medizinischen Forschungsarbeiten (lacht).

Forschung ist oft auch eine Sisyphusarbeit: Wie entsteht eigentlich, im Laufe eines Jahres, Ihre Gala – wie steht es um Proben mit dem Komponisten, mit den Stargästen?

Die Antwort auf diese Frage wäre buchfüllend, ich versuche es kurz zu skizzieren. Die Proben an sich stehen ganz am Ende und sind meist unproblematisch. Die Herausforderung ist v.a. das Programm zu wählen, die Musiknoten dafür finden beziehungsweise zu erstellen und danach die gesamte Show zu visualisieren. Dafür müssen wir oftmals Tools wie einen Click Track oder Dirigenten Videos mit visuellen Clicks erstellen. Für Zuspielungen senden uns die Komponisten manchmal Protools Files – oder wir erstellen Sounds komplett neu, um sie zum Live-Orchester synchron abzuspielen. Auch die Rechteverhandlungen mit den Filmstudios sind ein wesentlicher Part. Bei den Proben geben die Komponisten dann manchmal Input zur Interpretation ihrer Musik – meist lassen sie sich aber auch einfach von der Gala und dem Programm überraschen.

Es klingt wie ein Traum, wenn man sein Hobby zum Beruf machen kann – so wie es Ihnen geglückt ist. Aber das birgt manchmal auch die Gefahr, dass reine Genussmomente zu kurz kommen – wie trennen Sie hier Arbeit und Vergnügen?

Meine Arbeit bereitet mir Vergnügen. Wenn ich ein Programm zusammenstelle habe ich viele Genussmomente – beziehungsweise sie ändern sich auch. Ich genieße nun, wie sich eine Konzert-Produktion langsam zusammenfügt, wie ein Stück live gespielt klingt, für das wir ein neues Arrangement erstellt haben, im Kino die Namen der Filmkomponisten zu sehen und diese mit so vielen persönlichen Momenten zu verbinden …

Auffallend ist: Wir sprachen, abgesehen von Ihnen, ausschließlich von Männern. Wie steht es um die Quote, spielt das Geschlecht eine Rolle?

Ich konnte bis dato bei Kompositionen von Frauen nichts erkennen, was mich vermuten ließe, dass es nach „typisch Frau“ klingt. Genauso wenig sehe ich das bei Männern. Aber: fast alle prominenten Filmkomponisten sind Männer. Ich habe letztens mit dem Leiter der Kompositionsabteilung unserer Musikuniversität über das Thema gesprochen. Er meinte, dass am Beginn des Studiums die Frauen/Männer- Quote noch 50:50 stehe, aber mit dem Studium stetig zugunsten der Männer abnimmt, was sich im Berufsalltag fortsetzt. Vielleicht liegt es den Männern mehr, die Ellbogen einzusetzen und sich in diesem harten Business durchzusetzen, wo man ständig auf sich aufmerksam machen muss, um zu bestehen.

Ganz zum Abschluss eine naheliegende Frage zum diesjährigen, übergreifenden Thema von „Hollywood in Vienna“, „Sound of Space“: Denken Sie, gibt es „da draußen“ etwas?

Ich finde den Gedanken schön, dass das „Universum“ ein gewisse Weisheit inne hat und die Dinge lenkt.

 

Dr. Sandra Tomek (c) HoiV_Ludwig Schedl

Dr. Sandra Tomek, künstlerische Leiterin der „Hollywood in Vienna“-Gala und Gesprächspartnerin dieses Interviews

In den Genuss gleich dreier Meister des Faches kommt Wien: Am 3. November gastiert John Carpenter in der Wiener Stadthalle (Halle F), am 25. James Newton Howard (Halle D), und am 8. Februar Ennio Morricone (Halle D).
Am 22. April wird, ebenfalls in der Wiener Stadthalle (Halle D), „Der Herr der Ringe“ gezeigt, bereits am 26. Februar „Harry Potter und der Stein der Weisen“. Beide Filme werden live vom Radiosymphonieorchester Pilsen begleitet.
„The Sound of Space“ ist heuer Motto der unvergesslichen „Hollywood in Vienna“-Gala, die zwischen 13. und 14. Oktober im Wiener Konzerthaus stattfindet. Dieses Jahr wird Alexandre Desplat („Harry Potter“, „Twilight“, „Star Wars – Rouge One“) mit dem Max-Steiner-Award ausgezeichnet.

 

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