Filter – „Punk-Ethik“ zwischen Led Zeppelin und Skrillex

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Es ist das Jahr 1995: Die Band Filter rund um Ex-Nine Inch Nails Gittarist Richard Patrick sorgen für Furore. Ist die erste Single Hey Man, Nice Shot etwa eine Anspielung auf Kurt Cobains Selbstmord? Nun, fast 20 Jahre, sechs Studioalben und etliche Bandmitglieder später, trifft TICKET Gründer Richard und Gitarrist Jonny Radtke am Two Days A Week.

Zuerst einmal zu eurem neuen Album The Sun Comes Out Tonight. Ich finde, es sind mehr langsame Songs darauf als am letzten Album (The Trouble With Angels 2010 Anm.). Wieso?

Richard Patrick: Das finde ich nicht, weil da sind die Dinge mit mittlerem Tempo und da gibt es drei heftige, „In-Your-Face“- Songs. Wir wollten damit sichergehen, dass wir genügend Rock-Songs für Amerika haben. Es gibt wirklich nur drei andere Songs, die melancholisch sind: Surprise, First You Break It und It’s My Time, das nur Piano ist, und It’s just you. Der Grund ist, dass wir nicht das gleiche Ding wie Bands wie Disturbed machen wollen, die genau wissen, an wen sie sich richten, und zwar an Heavy-Metal-Fans. Unsere Musik ist wie die von The Clash. Die spielen Punk, zu einem gewissen Grad Hip-Hop, auch Dance und sogar Blues. Sie haben einen Haufen verschiedener Stile gemixt und das reflektiert, wo jeder von ihnen zu dieser Zeit stand. Genauso fühlen wir auch. Ich komme von Nine Inch Nails, wurde aber zum Beispiel auch durch dieselben Leute beeinflusst wie Kurt Cobain – Joe Strummer oder Henry Rollins und dann inspiriert mich wieder Bono oder Neil Diamond. Ich will nicht nur gefangen sein in einer Richtung, wir sind launisch. Ich glaube, es ist wichtiger echt zu sein, als einfach nur Geld machen zu wollen.

The Sun Comes Out Tonight ist bei Wind Up (Universal) erschienen.

The Sun Comes Out Tonight ist bei Wind Up (Universal) erschienen.

Euer Musikstil ist also sehr vielfältig. Gibt es ein Genre, wo ihr sagen würdet, das passt überhaupt nicht zu Filter?

Richard: Ich mache nicht viel Blues oder Jazz, etwas zu Traditionelles oder Country. Bei mir reicht das Spektrum von Led Zeppelin bis Skrillex. Obwohl wir keine „bass drops“ wie Skrillex haben, habe ich dieselbe Einstellung: Warum kann ein Computer nicht die Basis einer Band sein? Unsere letzte Aufnahme war absichtlich mit einer Drum Machine. Es gab Menschen, dir mir gelernt haben, dass das nicht geht. Aber diese Leute, wie zum Beispiel David Gilmore, haben selbst immer Regeln gebrochen. Ich sehe mich selbst als jemanden, der diese Einstellung hat, diese Punk-Ethik, die sagt „Fuck it, du kannst mir nicht sagen, was zu tun ist.“

Richard  Patrick Live am Two Days A Week

Richard Patrick Live am Two Days A Week

Wie war es für dich heute Nachmittag zu spielen? Ich habe die Show gesehen und sie war richtig großartig, vielleicht ein bisschen zu kurz für meinen Geschmack …

Richard: Naja, das ist, was der Veranstalter wollte. Ich möchte gerne aber gerne zurückkommen, zum Beispiel mit Nine Inch Nails, Deftones oder Linkin Park, oder wer auch immer, und richtig aufdrehen.

Wenn Du ein Festival organisieren könntest, wer würde da spielen?

Richard: Darüber habe ich noch nie nachgedacht, Jonny was würdest du sagen?

Jonny Radtke: Ich finde, dass alle österreichischen, deutschen, britischen, aber auch US-Festivals einen guten Mix aus allem haben. Bands aus den Top 40 …

Das lustige an Österreich ist, dass sogar die Bands, die auf den großen Festivals spielen, nicht in den Top-40 sind. Die Besucher besuchen zwar Rock-Konzerte, aber sie kaufen keine Musik. Das ist das Problem …

Richard: Aber sie kaufen eine Menge T-Shirts …

Jonny: Die USA ist am schlimmsten. Konzerte gehen noch immer gut und solange die Leute zu Shows gehen, haben sie auch einen legalen Gebrauch von Musik. Aber in Großbritannien, Deutschland tauchen die Leute bei Autogrammen generell mit einem Tonträger auf.

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Gittarist Jonny Radtke Live am Two Days A Week

Richard: So sind wir aufgewachsen. Ich kaufe auch ständig auf iTunes, aber noch vor dem Teenager-Alter war der Weg zum Plattengeschäft ein Teil des Ganzen: dort herumzuhängen und das handfeste Produkt zu haben und dann zu lesen, wer involviert war: Produzent, der Tonmischer, Gastspieler und die Danksagungen …

Glaubt ihr, dass analoge Tonträger wie Vinyl wieder zurückkommen?

Richard: Vinyl kommt wieder. Wo wir herkommen, ist es hipp, Vinyl zu haben. Deshalb gibt es viele Bands, deren Labels Vinyl-Sachen drucken und für die Leute zur Verfügung stellen sowie die Reproduktionen dieser alten Plattenspieler. Das ist cool.

Ja ist es, obwohl der Sound ein bisschen kratzig ist …

Richard: Das ist ok für mich. Wenn ihr Musik kauft, sie genießt und solange ihr davon bekommt, was ich davon bekomme … Die Musik bringt mir sehr viel: Sie ist Erleichterung, ich kann sagen, was immer ich will, es ist der beste Job auf der Welt.

Apropos bester Job auf der Welt. Gibt es etwas, was ihr tun würdet, wenn ihr nicht Musik machen würdet?

Richard: Schaupielern.

Jonny: Ich wäre wahrscheinlich Lehrer. Ich bin zur Uni gegangen, um Englisch-Lehrer zu werden. Aber ich habe schon mein ganzes Leben lang Musik gemacht. Wenn ich nur ein verdammter Motorcross-Fahrer sein könnte … Als Kind wollte ich auch immer ein „Blue Angel“-Pilot sein. Das sind die besten Piloten weltweit. Die können bis zu Mach-5 fliegen …

Richard: Mach-5?

Johnny: Mach-3!

Richard: Die können nicht über Mach gehen, da bricht man normalerweise Fenster.

Jonny: Ja, die brechen die Schallgrenze die ganze Zeit.

Richard: Nicht bei Flugshows …

Jonny: Eigentlich schon, am Ende der Show … Das ist Teil der Show. Egal … Ich liebe die Blue Angels.
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