Fundamentabsenkung im Bereich Wien-Landstraße

Eine Fundamentabsenkung ist üblicherweise ein Fall für zum Beispiel Günther Nussbaum, der auf ATV im Rahmen der Dokusoap „Pfusch am Bau“ beim kleinen Häuslbauer nach dem Unrechten sieht. Am letzten Augustwochenende war sie auch ein Fall für das spärlich anwesende Publikum im Wiener Viper Room.

 

„Bist du deppert“, hört man von Günther Nussbaum des Öfteren, wenn er vor einem Schimmelparadies steht, sich an Installationskabeln elektrisiert oder irgendwas, was da sicherlich so nicht hingehört, aus den Eingeweiden eines Hauses befördert. „Bist du deppert“, war man angesichts des Desert Sun Festivals, das mittlerweile zum dritten Male im Wiener Viper Room abgehalten wurde, auch des Öfteren versucht, durch die Lippen zu pressen.

 

Deppert #1

Ja, Wien laboriert gerade nicht nur an den Vorwehen der Oktoberrevolution eines ganz besonderen Hurensohnes samt seiner SA-Bagage, sondern auch an einem Übermaß an Retro- und Vintage-Geschichten. Laborieren im positiv-negativen Sinne des Überangebots, denn Schrott findet sich von der Arena über den Viper Room bis hin zu diversen Gürtel-Locations kaum, und genau das ist die Krux. Kaum ein Normalsterblicher vermag es, täglich ein oder (für die ganz Harten mit Location-Hopping) zwei Konzerte zu stemmen, das ist sowohl finanziell als auch körperlich anstrengend. So muss leider auch qualitativ Hochwertiges durch den Rost fallen. Dass man an allen drei Festivaltagen im Viper Room jedoch zu keinem Zeitpunkt auch nur eine annähernd dreistellige Besucherzahl vermelden durfte, Opener nicht selten vor eigentlich leerem Haus spielten, ist eigentlich schon fast ein bisserl peinlich und zeigt erneut auf, dass der bundeshauptstädtische Konzertbesucher schon tendenziell a bisserl a Markensau ist. Hat man als Band einen Namen – EyeHateGod oder Weedeater – darf man auch gern einmal mit einem vollen und ekstatischen Haus rechnen, als qualitativ gleichwertiger No-Name musst du dich dann schon glücklich schätzen, wenn die Reinigungskraft nicht während des Auftrittes den Staubsauger auspackt, weil‘s „eh schon wurscht ist“. Leute, früher hat man sich in den Mailorderkatalogen fleißig die Beschreibungstexte „sounds like …“ durchgelesen, und heute sollte es dank YouTube und Bandcamp ein Leichtes sein, sich durch ein Line-up einmal durchzuhören. Denn auch, wenn die „wirklich großen Namen“ am Desert Sun fehlten, so gab es doch zumindest zwei überaus positive Überraschungen und zudem für den Preis ein ordentliches Leistungsverhältnis. Und das war schon das erste „Bist du deppert!“.

 

Deppert #2

„Bist du deppert!“ Nummer zwo ist dafür umso erfreulicher und Grund für die Wahl der Headline. Fiel auch der eigentlich angedachte Headliner des ersten Tages, die tschechischen Sludge-Mammuts Six Is The God’s Number, kurzfristig aus und konnten demnach nicht demonstrieren, dass das Sumpfmonster nicht ein Phil H. Anselmo allein sein muss, der ureigene NOLA-Sound nicht zwangsweigerlich aus New Orleans, sondern auch aus Brno kommen kann, so sorgten zumindest die Headliner an den darauffolgenden Tagen für massive Umbauarbeiten im Kellergewölbe des Viper Rooms, der nun über mindestens 25 Stufen mehr als zuvor zu beschreiten ist – und somit erstmals in seiner Geschichte unter der U3-Line liegt.

Legalize CrimeWenn ein bisserl augenzwinkernde politische Inkorrektheit gestattet ist, so dürfte – angelehnt an den altbekannten Auto-Schmäh – Mike Williams gut und gerne in den sozialen Netzwerken kundtun: Demnächst spiele ich mit EyeHateGod in Polen, denn die Band ist „eh schon dort“: Legalize Crime aus Wroclaw schlugen mit ihrem „Blues of the fallen world“ nämlich in eine ähnliche Kerbe. Sänger Chuby, der wie auch Bassist Kobi ebenfalls bei den etwas namhafteren O.D.R.A zugange ist, präsentierte sich als ähnlich angepisste Assel wie der gute Mike und rotzte seine Hass- und Krachgeschichten geifernd in die Nacht, während das musikalische Konstrukt sich auch hier als rotzfrecher Bastard der beiden großen „Blacks“, Black Flag und Black Sabbath, präsentierte. Ziemlich zäher, roher Blues, kompromisslos durch die Boxen geschleudert, sorgte bereits für erste klaffende Risse in den Wänden und im Fundament, bröckelnder Verputz machte husten. Noch dachte sich wohl Viper-Room-Inhaber Martin Borovnik, dass die Schäden „ein bisserl Gaffer-Tape“ eh richten könnten, man kennt die wienerische Denke ja. Noch! Denn bis dahin waren ja auch noch nicht Gorilla Monsoon aus dem nicht ganz so fernen Ostdeutschland, genauer: Dresden, eingekehrt.

Tiertransporten stehe ich üblicherweise kritisch gegenüber, dass jene vier tobenden Affen jedoch über die Landesgrenzen kutschiert wurden, ist wahrlich eine größere Sensation, als wenn in Schönbrunn irgendeine Elefantendame ein dickes Ding wirft. Wobei: Die Vorstellung, dass die vier Primaten artig in irgendwelchen Käfigen die 500 Kilometer zurücklegten und ihrer Bestimmung harrten, ist dann doch irgendwie unglaubwürdig – viel wahrscheinlicher die Tatsache, dass man in bester Stampede-Manier über Prag und Brno eine ähnliche Spur der Verwüstung hinlegte, wie bei Robin Williams in „Jumanji“.
Gorilla MonsoonMan stelle sich vor, Clutch wären mit dem typischen NYHC-Proll, gleichermaßen aber auch mit der nebulösen Wehmut von Down oder der Breitbeinigkeit von Kyuss gesegnet, während hie und da die einzigartige Type-O-Düsternis aufblitzt – und trugen dabei derart große Eier im Schritt, dass man sich zurecht (!) nach einem Wrestler benennen durfte, nein: musste. Kurz: Erst mal zuschlagen, dann schauen wir weiter. Gerade der Titel der aktuellen Langrille „Firegod – Feeding the Beast“ ist programmatisch, Songtitel wie „March of the Hellrock Inc.“, „Hammerdown“, „Law of the Riff“ und „Shotgun Justice“ nicht minder. Zuletzt wurde derart schwerer Blues-Rock – melodisch und ziemlich fies zugleich – in solcher Weise gekonnt in heimischen Gefilden, bei den Herren (und der Dame) von Lowbau, gezaubert: Mundharmonika-Parts und unwiderstehliche Refrains, die dennoch einen fuck von cheesy sind, inklusive. Ist der grollende Sound auf Platte schon zwingend und durchdringend, so legt man auf der Bühne nochmal ordentlich nach: Mit amtlich Humor gesegnet, hackedicht, potent wie dereinst das Mader/Flynn-Duo Mitte der Neunziger und tight wie das „P.O.R.N.“-Ritzchen machte das Quartett die Brüche vom Vortag bersten, da ruckelte und zuckelte es six feet under (übrigens: 6.12., ebenda), als paarten sich Ingo und Beate von „Schwiegertochter gesucht“ – nur war es optisch massiv ansprechender. Zweifelsohne sind Gorilla Monsoon der Long Dong Silver der Musikwelt. Beachlich, also: „Bist du deppert!“ – und das gleich zweimal.

 

Deppert #3

Dass nicht alles Gute von oben kommt, weiß man spätestens also jetzt, nach der Bröckelei. Dass das Gute nicht nur aus dem Ausland, sondern auch aus dem Inland kommen kann, weiß man vermutlich auch nicht erst seit der hanebüchenen Diskussion, ob man von großen Söhnen und Töchtern gleichermaßen trällern soll. Beispiele aus dem Inland – wie zuvor bereits erwähnt die guten Lowbau, aber auch Pastor, milk+, Tarlung, Mother’s Cake, Parasol Caravan und Iron Heel, um nur einige wenige zu nennen – gibt es derer genügend, und zwei heimische Stoner-Psychs waren im Rahmen des Desert Sun gleich über die Maßen einnehmend: The Heavy Minds aus Linz und High Brian aus Graz.

The Heavy MindsErstgenannte wurden 2013 in der Stahlstadt gegründet und begeisterten erst kürzlich zu fortgeschrittener Stunde nach den Wienern Torso (die an diesem Abend leider etwas schwächelten, das schon etwas ältere, nun aber neu aufgelegte Debüt „Inside“ ist aber großes Kino!) im Rahmen des Arena Sommerkinos, als man die Debüt-LP „Treasure Cost“ endlich unters Volk brachte.
Der Sound der drei Herren ist immens eigenständig, ziemlich heavy, verdammt fuzzy und überaus verträumt-abgespact – nächster Bezugspunkt wäre wohl Radio Moscow, wobei die drei Jünglinge nicht selten derart gekonnt brachial grollende Riffs mit bluesigem Jam vermengen, dass es selbst Parker Griggs aus den Latschen hauen müsste. Da heißt es, sich erstmal verdutzt an einer Portion Psychoaktives Schwammergulasch laben, bevor man sich hypnotisiert dem fuzzy Wah-Wah im Überfluss erneut widmen möchte. „Treasure Cost“ ist vielleicht das beste Genre-Debüt der letzten Jahre, und wenngleich die Bühnenshow reduziert ausfällt, so ist sie umso sanft wiegend und einlullend und führt unweigerlich zu einem ähnlichen Brainer-Effekt, wie der drogeske Trip, der auf zahlreichen überbunten, freakigen GIFs im Internet suggeriert wird. Also erneut, mit gewaltig fürbass: „Bist du deppert!“

11217956_10153645726941385_9022953116497839204_nEbenfalls 2013 schlossen sich High Brian irgendwo in der Nähe des Grazer Uhrturms zusammen und „verbreiten von dort aus regelmäßig ihren einzigartig rockig-spacigen Sound“, der spielerisch als Klangteppich aus „Fuzz und Delay … lay … lay … lay“ beschrieben wird.
Die vier Herren sind noch einen Tick abgedrehter, abgedrifteter als The Heavy Minds unterwegs und legen ein verträumtes Klangspektrum vor, das eine ähnliche Anmut verströmt, als schwimme man völlig zugedröhnt (anders geht’s auch schwerlich nur) nackend durch eine Lavalampe. Da ist der Fluxkompensator auf 11 gestellt und der Weg eindeutig das Ziel: High Brian wirken wie musikalisches ADHS, da wird von einem Ton mal in aller Aufgeregtheit weggesprungen, komplett querbeet, über allerlei bunte Gänseblümchen, Sumpfdotterblumen und wie die anderen Wiesenblumen auch heißen mögen – und man klingt dabei keineswegs falsch oder schräg oder anstrengend, sondern mitreißend. Immer geradeaus ist auch gewaltig langweilig. Hätten sich William Hanna und Joseph Barbera öfters einmal Spacecookies reingezogen, High Brian hätten die Filmmusik für diese Serie liefern müssen. „Scoob, what’s your conclusion?“ – „Bunny.“ Hashtag (diesmal wirklich): Narf.
Die Debütscheibe ist übrigens gerade in Mache und wird hoffentlich auf Splattervinyl erscheinen, das gibt beim Hören so ein lustiges Flirren vor den Augen. In dem Sinne: „Bist du deppert … ert … ert!“

 

Das nächste Desert Sun findet Anfang 2016 im Viper Room statt, im März gibt es ebda zudem kostenlos (!) ein ziemlich amtliches „Sludge Meeting“ mit den Herren Sunnata, Ooze, Grizzly, Torn From Earth und Tarlung.

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