G.Checkt: Motörhead – Aftershock

“Like the juggernaut you prayed would keep on crushing you”, verspricht der Pressetext – und so soll es sein. Obwohl schon am vierten Jahrzehnt ihrer Karriere kratzend, legen Motörhead mit ihrem 21. Album Aftershock gewohnte Kost vor, die ähnlich dem Happy-Toyz-Truck in Stephen Kings Maximum Overdrive Headbutts mit dem Kühlergrill verteilt – und dabei ein schelmisches Grinsen im Gesicht hat.

Zu etwa 65 Prozent besteht der menschliche Körper aus Wasser. Nicht Lemmys: So wie der Terminator ein von menschlichem Gewebe umhüllter Cyborg ist, ist der als “Warzengott” abgefeierte Brite und Motörhead-Papa, -Bassist und -Sänger eine Flasche Jack Daniels in Haut und Haaren. Dass er dennoch mit knapp Siebzig trotz Herzschrittmacher und Kreislaufbeschwerden fitter ist, als so manche Alk-Drossel in der Lebensmitte, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass selbst der liebe Herrgott auf Wolke 7 das weiße Wallehaar zu Orgasmatron, Ace Of Spades und Stone Dead Forever beutelt und sich stets auf neuen Bölkstoff des Röck-Döt-Himmelschors freut. Neuer Bölkstoff? Zugegeben, weltweit gibt es wohl nur zwei Bands, die sich – überspitzt formuliert – erlauben können, um Jahrzehnte hinweg einen Song immer wieder neu zu veröffentlichen. Wieder und immer wieder der Bomber, der über den Highway To Hell jagt. Dass es dabei sowohl Motörhead wie auch AC/DC gelingt, dennoch mehr Abwechslung in den Katalog zu bringen, als so manchem “innovativen Jungspund” oder freilich auch tattrigen Alterskollegen, liegt zweifelsohne daran, dass die Herren die Mathematik durchblickt haben: Hast du mal eine saugeile Funktion vorliegen, leg mit f’ und f” nach und du wirst Generationen an Jugendlichen in den Wahnsinn treiben.

Im Funktionsschema “Motörhead” heißt der Wahnsinn freilich: massig erdiger Blues, zu gleichen Anteilen knackiger Rock ‘n’ Roll, aufgegossen mit ein bisschen Punk-Attitüde und abgeschmeckt mit einem Schuss Whisky, ähnlich, wie Jamie Oliver sämtlichen Speisen mit einem Tsunami aus Olivenöl den letzten Kick verleiht. Die Trias Kilmister, Campbell und Dee, die beinah seit der Hälfte der Bandkarriere in dieser Form existiert, ist eine eingeschworene Einheit, die nicht nur weiß, wie der Hase läuft, sondern auch, dass er eingemantelt in Speck ein vorzügliches Mahl darstellt. “It’s amazing how a few minutes with a gun can change your life.”, heißt es im Film Eat The Rich, in dem Lemmy bekanntlich mitspielt – und auf Aftershock ist die doppelläufige Schrot fein justiert, Kimme und Korn im Lot und mit massig Maschierpulver geladen. Dass dabei auch noch ein überaus angepisster Snaggletooth am Abzug sitzt, tut sein übriges, dass das neue Album sowohl in den (wieder etwas reduziert vorhandenen) ungestümen Momenten, wie auch in den bluesigen und balladesken Phasen schlichtweg kracht und von Testosteron dermaßen trieft, dass man sich nach dem ersten Hördurchgang den Bartwuchs stutzen sollte.

Zugegeben: “Überhits” lässt Aftershock missen, gliedert sich dafür aber gekonnt im oberen Mittelfeld der Discografie ein, präsentiert Motörhead diesmal etwas bluesiger als zuletzt – wer dabei aber Stücke wie Lost Woman Blues vorlegt, weiß definitiv, mit wie vielen S der “Mississippi” geschrieben wird. Insbesondere ist auch der von Heartbreaker und Coup De Grace vollführte Willkommensgruß bereits ganz im Stile der Herzlichkeit “49% Motherfucker, 51% Son Of A Bitch”, für die Lemmy bekannt ist, während Going To Mexico auch gut auf Ace Of Spades, Dust And Glass auf 1916 und End Of Time auf Overkill gepasst hätten. Der Vorgänger The Wörld Is Yours war schlichtweg ein “No Bullshit”-Album, mit Aftershock ist den Mannen eine Reminiszenz ans Mittelwerk gelungen, eine Huldigung der eigenen Tradition. Und wenn Lemmy spricht, dann heißt es: Schnauze halten, Birne kreisen lassen, Pommesgabel zücken und “paralyzed” zuhören. Aftershock ist genau so wenig Innovation wie Altersmüdigkeit, sondern schlichtweg ein Album, das mehr Eier hat, als eine Hühnerfarm.

 

Motörhead Aftershock
Aftershock erscheint am 18. Oktober bei Warner Music.

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