G.Checkt: Rückwärtsessen mit Messer und Gabel

Totgeglaubte leben länger

Dem Heavy Metal schwingt nach wie vor das Negativurteil “lange Haare, kurzer Verstand” nach, gerade in den extremeren Spielarten ist gern die Rede von “Hammermusik für Behämmerte”. Gerade Death Metal sei “prollig, unkultiviert und fürchterlich”, ein “Tanz von Fäulnis und Vernichtung von Schwachsinnigen”, wie der amerikanische Musikjournalist Robert Duncan urteilt. Tatsächlich rangiert jenes Genre am obersten Ende der Härteskala – sowohl optisches Auftreten, Geschwindigkeit, Wirrwarr der Notenabfolgen und vor allem eine Stimme, die danach klingt, als würde nach durchzechter Nacht der Mitternachtssnack sich wieder verabschieden wollen, ist für Otto und Ilse Normal schlichtweg unhörbar.

Doch objektiv betrachtet muss man jenem Genre, das sich in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern vor allem im sonnigen Florida und im düsteren Schweden blitzschnell vom Kleinkind zum jugendlichen Rabauken mit großem Freundeskreis etablierte, attestieren, dass es rasch spielerisch und alsbald auch konzeptuell eine Doktors- und gar Professorenwürde einheimste. Am Zenit, kurz vor der Jahrtausendwende, war dann plötzlich aus – die Labels zeigten wie die Hörer nur mehr geringeres Interesse an der Spielart, vielleicht auch, weil aus dem Übermaß und dem Sich-Gegenseitig-Übertrumpfen die Kunstform zum reinen Wettstreit wurde. Dann starben die Künstler wie die Fliegen, widmeten sich anderen, neu entstehenden Genres oder gar Brotberufen. Doch, nicht erst seit The Walking Dead weiß man: Totgeglaubte leben länger. Gerade der diesjährige Herbst präsentiert ein Aufbäumen alter Helden, dass man beinahe schon von einem Revival – hier wohl eher treffender: Re-Animation – sprechen kann.

Carcass

Eingeläutet wurde jenes Revival von Carcass, die sich nach über einem Jahrzehnt der Abstinenz bereits 2007 wieder Lebenssaft in die toten Venen schossen und nun endlich dieses Jahr im September via Nuclear Blast den Nachfolger zu Swansong vorlegten. Auf Surgical Steel betitelt und in einer limitierten Auflage auch in einem stylischen Verbandskasten kommend, macht der erst sechste Longplayer das mediokre Swansong vergessen, schließt mühelos an die Qualitäten von Heartwork an, greift gleichermaßen aber auch auf das Genre-Referenzwerk Necroticism: Descanting The Insalubrious zurück. Lässt der Opener 1985 noch mit filigranen Tönen Raum, um Gnade von den schlächterischen Doktoren zu erwarten, folgt mit Thrasher´s Abattoir gleich Ernüchterung und man darf mit dem großen Dante (Göttliche Komödie) zitieren: “Ihr, die ihr eintretet, lasst fahren all eure Hoffnung.” Jeff Walker giert nach einem “Bloodlustmord”, gurgelt mit Maden, hackt, sägt und zerreißt zuckendes Fleisch, allerdings, wie von Heartwork gewohnt: penibel und säuberlich. Das ist kein schnödes Massaker, sondern konzentrierte Operation, allerdings nicht mit dem Ziel des Überlebens, sondern des Verderbens. Surgical Steel klingt, als hätten die einstigen Thrash-Heroen Megadeth die Axt gewetzt und mit Dexter Morgan enge Freundschaft geschlossen – sauber wie der Edelstahl im Operationssaal.

Wer mit den 12 neuen Stücken (davon ein Bonustrack auf der limitierten Digi-Variante, Intensive Battery Brooding) noch immer nicht genug hat, der bekommt hier mit Zochrot, einem Überbleibsel aus den Aufnahmesessions, noch einen Extranachschlag – und darf am 25. November gern in den Wiener Gasometer pilgern, wenn Jeff Walker und seine Mannen Amon Amarth supporten.

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Broken Hope

Soeben veröffentlichten Broken Hope aus Chicago, die stets einen Schritt den Genregrößen Cannibal Corpse hinterher hinkten, ihr ebenfalls sechstes Album, Omen Of Disease. Bereits die im Vorfeld präsentierten Stücke Ghastly und The Flesh Mechanic kündigten ein Endprodukt an, das nicht nur mühelos mit dem Letztling Grotesque Blessings mithalten können wird, sondern sich zweifelsohne auch in die komplette Discographie und damit Schlachtplatten wie Swamped In Gore und Loathing gekonnt eingliedert. Als einziges Manko stand die stimmliche Präsenz im Raum, beging doch Ur-Vokalist Joe Ptacek 2010 Selbstmord und konnte demnach bei aller Mühe nicht Teil von Omen Of Disease sein. Jedoch: Neuzugang Damian Leski (Gorgasm) bringt nicht nur einen netten Vornamen, sondern auch eine Präsenz in die Band ein, die beinahe als fließender Übergang gewertet werden kann. Ähnlich wie beim Wechsel von Chris Barnes zu George Fisher bei Cannibal Corpse sind durchaus eigene, neue Identitäten auszumachen, die sich aber absolut am gewohnten Level befinden.

Bereits das Intro Septic Premonitions lässt eintauchen in eine Welt, in der der Terminator durch ein Games-Of-Thrones-Setting wandert, düster und unbarmherzig. Wie spätestens ab Loathing gewohnt präsentiert Gitarrist Jeremy Wagner technisch anspruchsvolle, eine Unheil verkündende Atmosphäre, die sich bevorzugt im wuchtigen Midtempo-Bereich ansiedelt und nur selten Exzesse nach oben erlaubt. Omen Of Disease ist ein schwerfälliger Panzer, der gemächlich über Knochen donnert und Gebeine bersten lässt – barbarisch, praktisch, gut. Dass der Fünfer sich hiermit nicht neu erfindet – und dies auch nicht muss – dürfte für Anhänger klar sein, wie auch, dass das sechste Album beliebe keine langweilige Kopie des bisherigen Schaffens darstellt. Jedes Stück ist ein gekonnt in die Szene gesetztes Schafott, fein säuberlich poliert und geschliffen, Hänger gibt es maximal bei den Basssaiten, die in einem ähnlich unterirdischen Level wummern wie die Stimmbänder von Damian. Herausstechen tut dann vielleicht doch Predacious Poltergeist, der für Broken-Hope-Verhältnisse ungewöhnlich rockt und somit ähnlich frische Nuancen in das Gesamtprodukt zaubert, wie beispielsweise der Earth Burner. Welcome back from the dead!

Aktuell darf man hier in das komplette Album übrigens reinhören. Uargh.

Gorguts

Schließlich und endlich hat auch Kanada neuen Bölkstoff zu vermelden: Einziges verbliebenes Ur-Mitglied Luc Lemay ließ das Gorguts-Nachfolgeprojekt Negativa links liegen und versammelte eine neue, technisch versierte Mannschaft um sich, die seinen technischen Anspruch auch umzusetzen verstand. Spätestens mit Obscura haben sich die Kanadier bekanntlich einen Status erarbeitet, der von Raffinesse und überbordender Komplexität nur so strotzte. Ob man dabei stets songdienlich agierte, daran scheiden sich bekanntlich die Geister und auch Colored Sands ist schließlich nicht als leicht bekömmliche Kost für Zwischendurch geraten.

Gerade Neo-Schlagzeuger John Longstreth (u.a. Angelcorpse, The Red Chord) ist neben Lemay in der Szene bestens bekannt für sein vertraktes Spiel, das auf dem fünften Werk von Gorguts Vollendung findet. Eingängige Hymnen und schunkelbare Rhythmen sind hier fehl am Platz, vielmehr fordern auch die neuen Stücke heraus. Wobei: “Stücke” oder gar schnöde “Songs” ist eine Bezeichnung, die hier nicht passt – es sind vielmehr überlange Kompositionen, die in Sphären abtauchen, für die vielleicht noch Wormed annähernd verantwortlich zeichnen könnten. Mit monolithischer Schwere und vertonter Komplexität ist dies eher eine quantenphysikalische Abhandlung geworden, bei der selbst Dr. Sheldon Cooper graue Haare bekommen würde und gar Künstler wie Origin und Meshuggah ins Grübeln geraten. Colored Sands ist ein Hassbatzen, der drückt und zu keinem Zeitpunkt einen eingeschlagenen Weg weiterführt, es ist ein schräger Wahnsinn, der in die Irrenanstalt und weggeschlossen gehört. Gorguts sind das, was Opeth und Porcupine Tree für eine breitere Zielgruppe sind, dynamisch und intellektuell, immer einen Schritt voraus.

In dem Sinne: Welcome back from the dead, allesamt.

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