G.Checkt: Till Lindemann – In stillen Nächten

Bekanntlich ist Till Lindemann Sänger von Rammstein und zeichnet nicht nur für die grollende Intonation und brennende-Titanen-Präsenz, sondern auch für die Texte selbst verantwortlich. Texte, die – da auf Deutsch vorgetragen – außerhalb des deutschen Sprachraumes nicht verstanden, dennoch aber nicht mit minderer Inbrunst von Abertausenden lautstark rezitiert werden: „Ein Mensch brennt.“

Nicht gänzlich unbekannt dürfte auch sein, dass der ehemalige DDR-Leistungssportler auch musikfrei textet, veröffentlichte er doch bereits 2002 beim Eichborn Verlag eine Auswahl seiner lyrischen Ergüsse unter dem treffenden Titel Messer – begleitet von Fotografien, die ihn in mehr oder weniger platonischer Kopulation mit Schaufensterpuppen zeigten.

Nun liegt mit In stillen Nächten sein zweites Buch vor, das neben grandiosen Schwarzweiß-Zeichnungen des Künstlers Matthias Matthies, die an versaute, antik-griechische Keramikmalerei erinnern, eine Anhäufung Lindemanns‘ Lieblingswörter Herz, Schmerz, Blut, Seele, Messer, Liebe, Kind und Tränen enthält – dazwischen eingewoben: Grimm’sche Verniedlichungen mit der Endung „-lein“. Seine Obsession an der Lust des Schmerzes ist auch hier allgegenwärtig, wenngleich auch stets lyrisch verniedlicht – wie er selbst auch bildhaft in Rosen beschreibt: „Hinter all der Blütenpracht / versteckt / ein fieser Stachel lacht.“

Lindemanns Qualität liegt darin, beinahe mühelos den klinischen Wahnsinn von Gottfried Benn mit der romantischen Süße eines Brentanos oder Eichendorffs beispielsweise zu verknüpfen, schockiert gleichermaßen mit ekligen, perversen Dingen, lässt aber andererseits selbst den gesittetsten Leser daran Gefallen finden. Es sind nämlich, aller Absonderlichkeiten wie Nekrophilie zum Trotz, doch irgendwie Liebesgedichte, auch wenn stets unter dem pochenden, wehmütigen Herzen der Ekel wabert.

In stillen Nächten rührt, wühlt auf, berührt und zeigt erneut die Sprachgewalt der deutschen Sprache – und Gewalt, darin ist der deutsche Hüne wahrlich Meister.

In stillen Nächten

In stillen Nächten. Gedichte ist bei Kiepenhauer & Witsch erschienen.

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