G.Checkt: Wohnzimmer-Klänge von Rotifer & We Walk Walls

Zorn und Tod in der Popmusik

Wohnzimmer veröffentlicht am 11. Oktober gleich zwei neue Schmankerl der heimischen Musiklandschaft – fernab vom althergebrachten Austropopschlager: Mit We Walk Walls ein junges Quartett, das sich dem Indie-Dream-Pop verschrieben hat, Rotifer kehrt mit einer massiv gepissten Variante des Neo-Wienerlieds wieder. Wir haben vorab reingehört.

we walk walls

We Walk Walls heißt das junge Wiener Quartett, das bereits im Juni bei der FM5 Facelift-Party im B72 der Zielgruppe ans Herz gelegt und um die Gehörgänge geschmeichelt wurde. Die Zielgruppe? Wohl jene jungen Damen und Herren, die heute in In-Lokalen im Londoner Soho über irgendwelchen abstrusen Neo-Getränken geistige Gesprächskollissionen wälzen und „neue Musik“ schon für gestrig halten. Die, die in hautengen dunklen Jeans und abgenudelten Stiefeletten und ausgewaschenen Joy-Division-Shirts nächtlich auf der Suche nach Inspiration für die eigene künstlerische Umtriebigkeit sind. Die, die irgendwo zwischen Party und Suizid herumlungern und sich nur zu gerne im drogenberauschten Eskapismus, im nasskalten, hektischen Dschungel der Großstadt, getrieben durch Misere und intelligenter Anti-Attitüde, verlieren.

Diese wunderbare, seltsam deprimierende und dennoch irgendwie fröhliche Stimmung ist durchaus eigen, man kennt dies vielleicht von Velvet Underground und Depeche Mode, in weitaus düsteren Ansätzen auch von The Sisters Of Mercy. Ein Paradoxon, diese erhellende Düsternis? Keineswegs, wenn einfach die Harmonie verzerrt wird. Minimalismus, klare Strukturen und ein Schrei nach Sehnsucht – wie ihn sonst vielleicht allein Sigur Rós erlangen – ist hier alles was es braucht, nacktes Fleisch auf einer halluzinogenen Himmelfahrt ins Inferno. Dass dabei der Erstling Ceremonies gleich sich selbst zelebriert, und zwar Verfall, schwermütige Tristesse, aber auch feierliche, gewissermaßen kindliche Exploration, ist durchaus schlüssig. Besonderes Augenmerk darf man hierbei auf den bi-vokalen Taumel der Stimmen von Patricia Ziegler und Silvio Haselhof legen, wobei letzterer keine Verbindungen zum Freedom-Namenskollegen mit Doppel-S&F nachweisen kann.

Treffend hier auch der Bandname, der gleichzeitig für Bewegung („walk“) als auch Stillstand („walls“) steht, eine Gegensätzlichkeit, die wie in Edgar Allan Poe’s The Pit And The Pendlum für süßen Schmerz sorgt, fernab von irgendwelchen Gothic-Schnitzereien, sondern impulsiv und fragil wie „eine Idee Zimt“. All dies ist umso wunderbarer, wenn man bedenkt, dass die zwei Herren Stefan und Maze zwar schon über Jahre hinweg gemeinsam musizieren, Silvio aber erst 2010 dazu stieß – bevor schließlich mit Patricia als letzte Zutat Anfang 2012 We Walk Walls aus der Krippe gehoben wurde. We Walk Walls sind komplex, elektronisch und unterm Strich herrlich 80ies.

 

rotifer

Wien ist die selbst ernannte Stadt der Lieder. Auch fernab der Hochkultur, des Walzers, der Operette darf man der Hauptstadt eine eigene Charakteristik attestieren, ähnlich wie den deutschen Nachbarn mit ihrer Hamburger Schule. Basierend auf der „inneren Emigration“ des Biedermaier entwickelte sich dieses eigentümliche sozio-kulturelles Phänomen, das oft durch eine morbide, trunkene und derbe Art und Weise brilliert und so ein „Psychogramm“ der Wiener zaubert. Wien ist also nicht erst seit Ludwig Hirsch als die Stadt der dunkelgrauen Lieder bekannt, nicht ausschließlich im „altertümlichen“ Wienerlied morbide. Frohlockt ein letztes Mal, bittersüß, denn nun kriecht Robert Rotifer aus der Pestgrube heraus und kann nicht so viel fressen, wie er kotzen möchte. Und da soll noch einer sagen, die Popmusik bestehe nur mehr ausschließlich darin, etwas Philosophisches darin zu finden, als Nackedei jeder Baumarkt-Werbung den Garaus zu machen.

The Cavalry Never Showed Up ist nun also der vertonte Grummelgranz des ehemaligen Popfest-Kurators, FM4-Moderators und Musikjournalisten Rotifer, der Nachfolger zum vielgelobten The Hosting Couple von 2011. Auch wenn er sich dem Titel nach allein auf weiter Flur wähnt, so darf man dem Endzeit-Kollektiv (Mike Stone von den legend-wait for it-ary Television Personalities am Bass und Ian Button an den Drums) durchaus attestieren, gemeinsam mit Kalkül am Strang zu ziehen. Dass am einen Ende ein Beil hängt, sei nur nebenbei erwähnt – denn auch wenn das Themenspektrum ein breites ist, von einem existenziellen Abwärtstaumel über Todesahnung, Selbstbetrug und Selbstironie, Individualität und Atomisierung, so ist der Pop zwar durchaus hierauf hymnisch, eingängig, ja leichtflüssig geraten, dabei gleichermaßen auch tragisch, verzehrend. Endzeitballaden eben, die vor allem der Gitarre übermäßig Tänzeleien im infernalischen Höllenzyklus zugestehen.

Live werden Ceremonies und The Cavalry Never Showed Up (VÖ: 11. Oktober) am 24. Oktober im Wiener Chelsea präsentiert.

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