Generation Boyband

Auf hiesigen Konzertbühnen tummeln sich heuer drei Generationen an Boybands. Die Neunziger, die Nuller und die Zehner-Jahre decken Take That, Blue und One Direction ab. Was macht dieses Faszinosum aus?

Das Phänomen von Boybands zu ergründen, ist ein alter Hut: Es gibt immer die unterschiedlichsten Typen in Boybands, oftmals geht ein Castingprozess der Bandgründung voraus und irgendwann, wenn sie schon längst medial und musikalisch uninteressant erscheinen, ploppt auf einmal das eine oder andere Solo-Album auf, beziehungsweise steht die ganze oder ein Bruchteil der Band unter ehemals weise ausgewähltem Originalnamen wieder auf mehr oder weniger großen Bühnen. Dagegen ist ja nichts zu sagen! Während sich bei aktuellen Bands pubertierende Teenies die Seele aus dem Leib kreischen, tun dies bei aufgewärmten Formationen aus anno dazu Mals, die Mitdreißigerinnen mit einer vehementen, retroesquen Nostalgiebegründung fast ebenso laut. Es könnte übrigens passieren, dass Menschen, die Boybands im Prinzip abgeneigt sind, auf einmal dabei erwischt werden, in einer x-beliebigen Disco die Tanzschritte zu „Everybody (Backstreet’s Back)“ nahezu perfekt zu beherrschen. Also müssen sie ja doch etwas an sich haben! Um sich nicht weiter im Thesen-Dschungel zu verstricken, haben wir mit Dr. Martin Huppert einen Experten zum Thema Faszination- und auch Generation-Boyband befragt und konnten ihm so einige interessante Antworten entlocken:

Jede Generation hat ihre eigene Boyband. Was ist die Faszination daran?

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Dr. Martin Huppert Ist Psychologe und Autor des Buches „Die Star-Fan-Beziehung in der Popmusik: Forever Young?”und wurde somit als Experte herangezogen, die Faszination Boyband näher zu beleuchten.

Die Boybands sind zwar stets neu, die Gruppenaufstellung ist jedoch immer gleich. Der Altersstruktur ergänzend gibt es hier unterschiedliche Typen, die sich durchziehen. Es gibt den lustig-spaßigen, den
Introvertierten, den Sunny-Boy, den Verträumten und den Rebellischen. Das sind Typen, die eine weite Bandbreite in der Band abdecken, die wiederum die Bedürfnissen, Einstellungen der entsprechenden Jugendkultur widerspiegeln. Die Mitglieder sehen von Band zu Band zwar nicht immer gleich aus, werden auch in die Mode eingekleidet, aber schon in einen bestimmten Prototyp hineingedrängt.

Was sind Unterschiede zwischen der jetzigen Generation und der Generation von New Kids On The Block?

Das kann eben Mode sein, Einstellungen oder der Definition von „rebellisch“. Was man machen muss, um sich von seinen Eltern abzugrenzen, das hat sich in den 80ern, 90ern bis heute verschoben. Wenn wir von Musik ausgehen, war es bei den Beatles in den 60ern eher die Punk-Musik, die etwas wilder war. In den 90ern haben die Boygroups eher Pop-Musik gemacht, dann elektronische Musik. Es muss in den aktuellen Zeitgeist passen. Von den Boygroups selbst geht ja selten eine Strömung aus, sie sind selten Vorreiter. Sie leben eher das aus, was gerade aktuell ist und setzen es so zusammen, dass es zielgruppengerecht ist. Ich denke zurzeit haben wir fast schon wieder etwas wie ein 90er Revival.

Welche Rolle spielt dabei die Optik? Welche Rolle die Musik?

Die Musik hat einen unterstützenden Faktor. Sie muss modern und zeitgemäß klingen und die Texte das Teenagerleben behandeln: zum Beispiel das Frisch-Verliebt-Sein ein, das Frisch-Entliebt-Sein. Boybands haben selten gesellschaftskritische Texte oder solche, die sich mit tieferen Problemen befassen. Die Optik, das Image und die Persönlichkeit sind sehr wichtig, um das Schwärmen bei den Jugendlichen zu erzeugen. Diese sprechen verschiedene Geschmäcker an. Das hat auch den Vorteil, dass sich 3-4 Freundinnen einig werden, wer wen aus der Band bekommt. Dann gibt es keine Konkurrenz. Das ist ein Produkt, das für ein Massenphänomen noch besser geeignet ist.

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Entkommt man dem Schwärmen dann gar nicht als Teenager?

Man macht beim Schwärmen seine ersten Erfahrungen mit der eigenen Gefühlswelt aus einer gewissen Distanz. Derjenige ist ja nicht erreichbar, das sind oft die ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht überhaupt. Dieses Schwärmen kann auch nicht enttäuscht werden, wenn der „Schwarm“ zum Beispiel etwas Blödes zu dem Mädchen sagt. Diese Möglichkeit gibt’s ja meistens gar nicht, weil man an die Boybands nicht herankommt. Das ist für viele der Einstieg zum tatsächlichem Verliebt-Sein in der Realität mit einem realen Menschen.

Sind bestimmte Teenager besonders anfällig dafür?

Das sind meist Mädchen. Das hat banale Gründe, weil Mädchen in der Regel 2 Jahre schneller sind als Jungs. Die gleichaltrigen Jungs fallen als Projektionsfläche mal weg, man schaut nach älteren oder entfernteren Möglichkeiten. Jungs schwärmen hingegen viel länger für Dinge.

Es kommt eben darauf an, wie lange man in so einer Phase bleibt. Wenn das jemand ist, der keine Erfahrungen in der realen Welt hat, wird er oder sie länger schwärmen. Die Beziehung zum Idol und zum Star hat dann eine andere, geringere Bedeutung, wenn man diese Erfahrungen schon macht. Prinzipiell halte ich das für ein typisch menschliches Phänomen für Dinge und Personen zu schwärmen. Passieren kann das jedem.

Wie kann man sich das Gefühl vorstellen, wenn man als Jugendlicher in der ersten Reihe steht?

Ich denke, dass heute ein schon ein gelerntes Verhaltensmuster, das man im Fernsehen gesehen hat, kopiert und versucht, es noch zu übertreffen. Wer kreischt laut, wird mehr wahrgenommen. Das erste Mal, als das in den Medien aufkam, war die sogenannte „Beatlemania“. Damals haben wir noch in einer Gesellschaft gelebt, die viel konservativer war. In der ersten Reihe zu stehen und einmal die Sau rauslassen zu können war ein sehr befreiendes Erlebnis. Heute ist das ja an vielen Orten möglich. Das kann sich dennoch gut anfühlen. Wenn im Stadion 70 000 Menschen grölen, gibt das auch eine Form von Gänsehaut und Zusammengehörigkeitsgefühl.

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Spätestens wenn es um Ohnmacht geht, ist das doch sehr besorgniserregend. Wie kann man als Eltern mit dieser Hysterie umgehen?

Als das, was es ist: eine psychologische Funktion auf dem Weg zum Erwachsenwerden, eine entwicklungspsychologische Stufe, die man durchläuft. Wenn das ein halbes Jahr bis Jahr dauert, ist das ganz normal. Je mehr man versucht, es auszureden und zu negativieren, desto interessanter wird der Star. Ich würde mit entsprechendem Interesse an die Sache herangehen, um ein Gefühl für diese ganze Emotionalität und Beziehungsgeschichte zu entwickeln.

Bei Boybands gibt es meistens ein Mitglied, das Solokarriere macht. Sind das diejenigen mit dem meisten Talent oder diejenigen mit dem größten Hang zum Narzissmus?

Weder noch. Vielleicht der, der den besten Manager hat. Wenn man von Take That ausgeht, wäre es zum Beispiel nicht Robbie Williams. Rein vom Talent wäre das Gary Barlow als Songwriter. Er hatte jedoch vielleicht nicht diese Ausstrahlung, die einen Menschen zum Star macht.

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Talent aus musikalischen Gesichtspunkten ist wahrscheinlich völlig unerheblich, außer bis zu einer gewissen Fähigkeit singen zu können. Wichtiger ist aber das Talent zur Selbstdarstellung. Eine gewisse Form von Narzissmus muss natürlich da sein. Ich denke jedoch, dass letztendlich der solo vorankommt, der das wahre Gesicht der Band war. Zum Beispiel Justin Timberlake bei NSYNC hatte die Band mehr oder weniger verkörpert. Bei anderen, die nachher eine Solokarriere probieren, wird hingegen meistens nicht viel daraus. Das ist schwierig bei einer Gruppe, die im Team richtig gut funktioniert. Und als Take That ohne Robbie Williams getourt sind, fehlte da etwas. Beim Start einer Solokarriere muss das Boyband-Mitglied als eigenständiger Künstler wahrgenommen werden, nicht als Ex-Boygroup-Star. Wenn man dieses Stigma hat, kommt man davon auch schwer weg.

 

termine

Tokio Hotel 26. März, Arena Wien

One Direction 10. Juni, Ernst-Happel-Stadion Wien

Take That  9. Oktober, Stadthalle Wien

 

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